Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Chelsea kann kommen »

Ein akribisch geplanter Plan ist am Samstag wie geplant aufgegangen. Don Juppie, der alte Taktikfuchs hat seine ganze Waagschale in die Erfahrung geworden, weil er fühlte, ahnte, ja sogar wusste: Der FC Chelsea, Gegner des FC Bayern München, wird am Samstag Abend bei den Abramovichs auf dem Sofa sitzen und sich das Pokalfinale ansehen. Und so ist es auch. Pünktlich zum Anpfiff sitzen alle Spieler, der Trainer und das gesamte Funktionsteam, einschließlich der dreifachen Weltmeister im Synchron-Massieren, den Sumo-Zwillingen Haik U. und Maik U., auf dem 17 Meter langen Sofa der Abramovichs, um ihren Gegner zu studieren. Dann geht alles blitzschnell.

3. Minute: Tölpelhafter Querpass von Luiz Gustavo, 1-0 Kagawa. Fröhliches Gelächter im weiten Rund. Doch Essien greift sich an die Kehle, verdreht die Augen. Ein Schluckauf hat ihn überrumpelt, ein gefährlicher, zermürbender Dauerschluckauf, der bis zu diesem Moment noch anhält, und nach Meinung der Londoner Schluckaufspezialisten einen Einsatz des Defensivgenies am Samstag auf der berühmtesten Müllkippe Europas unmöglich macht.

Perfekt eingestellt auf den Gegner aus England lauern die Bayern unerbittlich auf weitere Schwächen: 45. Minute, ein simpler Steilpass überrascht Badstuber und Boateng beim Schnick-Schnack-Schnuck, schon steht es 3-1 durch Lewandowski. In London klatschen sich Lampard und Cech ab. Doch jäh greift Lampard sich an den Oberarm: Die alte Schultereckgelenksprengung ist wieder aufgebrochen. Dabei war er doch gerade beim Schultereckgelenksprengmeister zur Nachsorge. Wieder ein Leistungsträger, ein Hoffungsträger, ein Trikotträger, der beim wichtigsten Finale seit der Gründung Roms nicht dabei sein wird.

In der 81. Minute kann auch der Königstransfer zeigen, warum man ihn für 25 Millionen Euro verpflichtet hat. Neuer fängt einen Konter ab und leitet sofort die nächste Offensivaktion ein, bringt den Ball blitzschnell und zielgenau auf den Fuß von Piszczek. Der flankt, und Lewandowski vollendet zum 5-2. Drogba fällt vor Lachen vom weitläufigen Sitzmöbel. Während der Sturmtank sich noch denkt: Hier sieht’s ja aus wie bei Abramovichs unterm Sofa, eilen Haik U. und Maik U. herbei, doch zu spät. Mit einem doppelten Bänderriß im linken Sprunggelenk wird auch der Torgarant fehlen.

Dank einer taktischen Meisterleistung von Trainer Heynckes und einer Mannschaft, die diszipliniert und geduldig auf ihre Chancen gewartet hat, bei der ein Rädchen ins andere griff, und jeder sich auf seine Mitspieler verlassen konnte, hat sich der Doublegewinner der Münchner Herzspezialisten bereits vor dem Anpfiff einen unschätzbaren Vorsprung verschafft und Chelsea gezeigt, wo der Hummer hängt – der Hummer für das Mitternachtsbankett in den Katakomben von Fröttmaning. Der sympathische Festgeldkontoverein ist ab sofort klar im Vorteil, Albions Magnatenmarionetten können nur noch auf ein Wunder hoffen.

Zurück zu den angeschossenen Funkhäschen.

Elf Gründe, warum Hertha in der Bundesliga bleiben muss »

1.) Anders als in vormodernen Gesellschaften (Köln, Lüdenscheid) pflegt die autochthone Bevölkerung ihren örtlichen Kult nur sehr dezent (weinerliche Zeitungsüberschriften).

2.) Dank der hervorragend ausgebauten Infrastruktur ist das unter Denkmalschutz stehende Stadion gut zu erreichen.

3.) Die taktische Ausrichtung der Mannschaft und ihr Spielniveau lassen Auswärtssiege von Nürnberg, Schalke, ja sogar Fürth erwarten.

4.) Das Team hat ein superoriginelles Maskottchen: Einen Bär, der Herthino heißt und austrainerter wirkt als der 1. FC Köln unter Solbakken. (Man beachte die steinalten, quergestreiften Trikots aus der Zeit, als es noch was zum Jubeln gab.)

5.) Die Nachwuchsarbeit wird großgeschrieben. Die Gebrüder Boateng haben es bei Milan und Bayern bis in die Weltspitze geschafft, Dejagah  sogar bis nach Wolfsburg.

6.) Michael Preetz ist ein richtig netter Kerl, solange er sich nicht als Manager versucht.

7.) Randsportarten wie Wasserball (in Spandau) und Seifenkistenrennen (im Wedding) sind populärer als Hertha. Daher Man bekommt daher für alle Heim- bzw. Gastspiele problemlos Karten, außer für die Bayern. Aber wer will schon die Bayern sehen.

8.) Der Verein ist ein sicherer Hafen für Bayern-Spieler, die es nicht in die Weltspitze schaffen: Kraft, Lell, Ottl. Bald auch schon Breno, Rafinha, Petersen?

9.) Ralf Rangnick als ehemaliger Schalke-Trainer verspricht ähnlich erfolgreich zu wirken wie Huub Stevens als ehemaliger Schalke-Trainer. Die Merchandising-Abteilung rechnet damit, 200.000 Rangnick-Voodoo-Püppchen verkaufen zu können (Stevens: 850.000).

10.) Durch einen sofortigen Wiederaufstieg im übernächsten Jahr könnten falsche Erwartungen geweckt werden. Hertha kann nur gesunden, wenn es die nächsten zehn Jahre am Abgrund entlang wankt. Das schult den Gleichgewichtssinn und erleichtert den präzisen Querpass in der eigenen Hälfte.

Der elfte Grund ist wegen einer Würgeattacke im eigenen Strafraum vom Platz gestellt worden. Aber hier hat Rehhagel bereits die Köpfe frei bekommen und für den Umschwung gesorgt. Am Samstag traf es Babel von Hoffenheim.

Die klugen Fische fressen die dummen »

Sandhausen in Liga Zwei, Augsburg, Freiburg und Fürth ganz oben, Paderborn kommt vielleicht noch dazu. Man braucht keine großen Namen, keinen großen Etat und schon gar kein großes Ego, um oben mit dabei zu sein. Man braucht einen klaren Plan, Geduld und ein gutes Funktionsteam. Wer jetzt darüber jammert, dass die Liga durch die No-Names weniger attraktiv wird, der soll erklären, was an dem “Klassiker” Hertha gegen Kaiserslautern vor einer Woche attraktiv war. Es war ein Grottenkick wie so viele andere auch, die die letzten Drei aus dem Oberhaus in dieser Saison gezeigt haben.Wobei man da noch differenzieren muss zwischen dem FCK, der mit Kuntz und Kurz in den Jahren davor tolle Arbeit geleistet hat und dann am Verletzungspech und den nur mittelprächtigen Transfers scheiterte, während in Köln und Berlin diverse Hofintrigen und Selbstüberschätzung an den Rand des Abgrunds führten.

Fürth hat im Pokal vor Millionenpublikum bewiesen, dass es gegen die Mannschaft mit dem attraktivsten Fußball in Deutschland spielerisch mithalten kann. Freiburg wird im kommenden Jahr das neue Gladbach und Augsburg bleibt das schwäbische Cottbus, ein Alptraum für jede Mannschaft, die nur spielerisch an die Sache rangeht. Wenn man sich so blöd anstellt wie die Verantwortlichen an Rhein und Spree, dann ist das Legendenfegefeuer Zweite Liga halt um ein paar Attraktionen reicher.

Sollte Paderborn tatsächlich aufsteigen, hätten lediglich die Aufsteiger aus der Dritten Liga, Aue, der FSV Frankfurt, Union und Ingolstadt keine Erstligaerfahrung. Das wird den Einschaltquoten am Montag Abend gut tun, aber von München, Düsseldorf und Duisburg kann man dann nur staunend und neidisch nach oben blicken und wieder mal den Vorschlag aufwärmen, dass Traditionsvereine bei der Geldvergabe bevorzugt werden müssten. Geld, das dringend benötigt wird, um geschassten Trainern oder Managern ihre horrenden Abfindungen zu bezahlen.

Tri-, Tra-, Trollialarm »

Es ist Zeit zu gratulieren.

Bravo Fürth. Herzlich willkommen, Spielverunreinigung, wie du von den Vettern aus Nürnberg so unfreundlich geheißen. Eine große Saison geht zu Ende. Die lustigste, schönste und spannendste Bundesligasaison aller Zeiten steht bevor. Ich vermute, Fürth wird die Mannschaft, die in der ersten Viertelstunde die meisten Tore schießt. Kichernd werden die Gegner den Namen Trolli-Arena zur Kenntnis nehmen, kichernd werden sie aus dem Bus steigen, kichernd werden sie ein paar Playmobil-Witzchen reißen. Kichernd werden sie sich warmmachen und kichernd werden sie am Mittelkreis stehen. Wenn sie dann in der 10. Spielminute zu Ende gekichert haben, steht es bereits 2-0 für das Kleeblatt, denn die pfeilschnellen Trollis *kicherkicher* überbrücken mit ein paar rasiermesserscharfen Trolli-Pässen *kicherkicher* das gesamte Spielfeld, lassen die tapsigen Abwehrspieler des Gegners wie Schokoladennikoläuse stehen und versüßen ihren Fans den Spieltag mit vielen Trolli-Toren *kicherkicher*.

Falls Büskens Heimweh nach Gelsenkirchen hat: Eine heruntergekommene Fußgängerzone, Stehbierbüdchen und Arbeitslose hat Fürth auch zu bieten. Und wenn er seine Familie nachholt, können die Kinder *allmächd, allmächd* zweisprachig aufwachsen. Auf geht’s, du Perle Frankens.

Allerdings gibt es keinen Grund zum Überschnappen: Mögen euch die Herzen auch zufliegen, die Punkte bleiben in Nürnberg.

Auch den formidablen Lüdenscheidern ein Glückwunsch, die die Schale erneut souverän und mitreißend gewuppt haben. Nachdem sich ihr Kernprodukt “juvenile Unbekümmertheit” kaum noch verbessern läßt, haben sie jetzt bis September Zeit, ihr Portfolio um “taktische Abgebrühtheit”  und “Chancenverwertung” zu erweitern. Dann klappt es bestimmt auch mal mit dem Achtelfinale in der Champions League.

Den Pokal werden sie auch gewinnen, meine Hochrechnung besagt nämlich: Auswärtsbilanz der Bayern mal Auswärtssieg von Real im Classico geteilt durch Tagesform Schweinsteiger plus Wurzel aus Boateng. Folglich scheiden die Roten in Madrid aus. Damit sind sie dann für Berlin volkommen und restlos demotiviert und die Gelb-Schwarzen werden im Mai auch mit 1,8 Promille Restalkohol im größten Zweitligastadion der Republik brillieren.

Leihfix statt Verleihnix am Valznerweiher »

Am Tag des Derbys Club – Bayern verstieg sich Christof Kneer (SZ) zu der Aussage: “Dieser Tage sind die Bayern mit diversen Ausleihgeschäften gar eine Art Entwicklungshelfer für den fränkischen Rivalen.” Es stimmt zwar, dass Breno und Ottl in der schwierigen Saison 2009/10 einen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet haben und Ekici in der Vorsaison auch ganz gut war. Allerdings ist Bayern nur einer von vielen Vereinen, mit denen Nürnberg klug und planvoll Geschäfte macht. Hegeler, Risse und Reinartz kamen auf Leihbasis aus Leverkusen, Schieber und Didavi aus Stuttgart, Choupo-Moting vom HSV. Sie waren allesamt wichtige Ergänzungen, manchmal sogar Leistungsträger. Mit dem Risiko, jedes Jahr wesentliche Spieler zu verlieren, weiß der Club umzugehen. Es ist zwar ärgerlich, wenn Choupo-Moting und Risse als unabkömmlich zum Hausverein zurückbeordert werden, um dann alsbald an Mainz, einen Mitkonkurrenten um Platz 8 bis 15 weitergereicht zu werden, aber der Club leiht ja nicht nur Spieler aus.

Durch die Verkäufe von Diekmeier (HSV), Wollscheid (Leverkusen), Kluge (Schalke) und Gündogan (Dortmund) sowie schon vorher Kießling (Leverkusen), Vittek (OSC Lille) und Saenko (Spartak Moskau) hat sich der Club – ohne Entwicklungshilfe – nahezu schuldenfrei gemacht. Mit Eßwein, Chandler, Pekhart, Cohen, Nilsson, Simons, Frantz, Maroh sowie natürlich Schäfer und Pinola hat er einen soliden Stamm fest unter Vertrag, Feulner und Balitsch waren echte Schnäppchen. Längst hat es sich herumgesprochen, dass man in Nürnberg als junger Spieler überdurchschnittlich gute Entwicklungschancen hat. Mendler, Mak und Wießmeier sind Spieler, die vor dem nächsten Schritt stehen, Bunjaku ist ein Knipser auf Abruf.

Zuletzt waren es eher die Bayern-Verantwortlichen als die Clubfans, die nach einem Derby Grund hatten, vor Wut zu schäumen. Nach dem 1-1 2011 wurde van Gaal entlassen, das 3-0 im Jahr 2007 mit einem Tor des Ex-Löwen Markus Schroth war ein beeindruckendes Willkommensgeschenk für den gerade reaktivierten Trainer Hitzfeld.

Feulner spielte übrigens bis 2004 auch für die Bayern, ehe er über Köln, Mainz und Dortmund zum Club kam. Wer Kneer auf Teufel komm raus zustimmen will, wird in diesem Werdegang einen Beweis für seine These sehen.

Umzingelt von den gleichgeschalteten Medien »

Der Jünter hat ja so recht. Gestern Abend rund um den Boxhagener Platz gab es keine einzige Kneipe, die sich dem Formierungsdruck hätte entziehen können und bei der Sky-Konferenz geblieben wäre. Es gab nur noch das Spitzenspiel mit Franz “Die Mumie” Beckenbauer als Co-Kommentator. Also stürzten sich meine Kollegin, die Schalke-Fan ist, und ich in das gelb-schwarz-rote Getümmel. Es war tatsächlich ein gutes Spiel und es ist fraglich, ob gegen die sich stets listig-gezielt verstärkenden Borussen (Perisic, Leitner, Reus, Gündogan) in absehbarer Zeit an der Säbener Straße ein Kraut gewachsen sein wird. Man kann den Schalkern den Torwart abwerben und den Leverkusenern den Trainer, aber irgendwann stößt jedes Festgeldkonto an seine Grenzen.

Ein surreale Note erhielt der Abend immer dann, wenn ich beim kicker die anderen Zwischenstände checkte. Ich meine damit nicht, dass der HSV 4-0 in Hoffenheim auf die Glocke kriegt, das ist lediglich ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu neuer europäischer Größe. Sagen Arnesen und Fink. Also keine Panik bitte, nicht immer alles schlecht reden. Ein Hamburger Stadtderby in der Relegation liegt in greifbarer Nähe.

Traumverloren waren vor allem die Zwischenstände aus Nürnberg, die ich behutsam an meine Begleiterin durchgab. Nicht nur gelang gegen die Freunde aus dem Pott den höchsten Saisonsieg. In ihren Kommentaren nach dem Spiel sprachen Dieter “Die neue Sachlichkeit” Hecking und Huub “Sorgenfalte” Stevens unisono davon, Nürnberg hätte sich in einen Rausch gespielt. Mit Rausch (Friedel) verbindet sich einer der bittersten Abstiege der ruhmreichen Geschichte, insofern freut diese Einschätzung doppelt, auch wenn ich an diesem Abend nicht einmal vor dem Bildschirm dabei sein konnte.

Es ist die besondere Qualität der Nürnberger unter Hecking und Bader und dem angenehm zurückhaltenden Präsidium, auch bei längeren Durststrecken nicht in Panik oder Larmoyanz zu verfallen. Ein Verein, der in seinen wilden Jahren Schalke und Köln locker den Rang an innerer Chaotik ablief, ist realitätstüchtig geworden, und spielt trotzdem keinen Verwaltungsfußball. Die Mannschaft ist immer in der Lage, auch mal gegen einen besser aufgestellten Verein ein richtig gutes Spiel rauszuhauen. Das 3-0 in Leverkusen, das 1-0 gegen Gladbach und jetzt das 4-1 gegen Königsblau. Nachdem am Montag im kicker ein längerer Bericht über Julian Schieber zu finden war, der zögert in Stuttgart seinen Vertrag zu unterschreiben, könnte ein wichtiger Neuzugang demnächst vielleicht schon vermeldet werden. Schieber wäre genau der spielintelligente Brecher, den Hecking für seine Dreieroffensive bräuchte. Wollscheids Abgang ist mit Nilsson, Maroh und Klose bereits präventiv abgefedert worden. Zumindest die durchwachsene Heimbilanz mit bisher nur sechs Siegen sollte in der nächsten Saison ausgebaut werden. Man muss ja nicht gleich wieder Pokalsieger werden.

Es gibt sie noch, die schönen Dinge »

Zum Beispiel 1-4-Heimniederlagen von Hertha BSC. Damit dürfte Nürnberg wenigstens den Relegationsplatz sicher haben. Und dann gibt es vielleicht ein Wiedersehen mit Fürth. Nach der zweiten unnötigen 0-1-Niederlage in Serie – gegen Stuttgart wären drei Punkte drin gewesen, gegen Bayern einer – und den Siegesserien von Freiburg und Augsburg ist noch einmal richtig eng geworden. Die gute Nachricht: Mit Ausnahme des Fanfreundschaftsklassikers gegen Königsblau und dem Saisonfinale gegen die oft zu Gastgeschenken aufgelegten Leverkusener gibt es im Restprogramm nur noch Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte. Gleich gegen Freiburg kann man sich ins Getümmel des Abstiegskampfes stürzen. Zum Glück spielen sie im Breisgau, auswärts besteht immer die Möglichkeit eines Punktgewinns.

Dutt-Basher, wir hören nichts »

Daniel Theweleit widmet sich in epischer Breite der Körpersprache von Uli Hoeneß, Peter Ahrens hat schon länger keine Breitseiten gegen Leverkusen mehr losgelassen. Kein Wunder, die Mannschaft von Trainer Robin Dutt steht in der Rückrundentabelle auf Platz Drei. Wenigstens der kicker benennt den Hauptverantwortlichen für den ersten Sieg gegen Bayern seit 2004 und lobt Trainer Robin Dutt für seine taktischen Feinjustierungen. Spielintelligent war Bayer schon in manch einer Saison zuvor, Trainer Robin Dutt hat es geschafft, dem Team die Leidenschaft für den entscheidenden letzten Schritt einzuimpfen, und er schöpft aus dem Fundus seiner polyvalenten Hochbegabten. Das Bohei um den Trainer, der nicht everybody’s Mediendarling sein will und der tragische Fall von Michael Ballack hat die Spieler zu einer verschworenen Mannschaft gemacht, die es mit scheinbar übermächtigen Gegnern aufnehmen kann. Drei Beispiele dafür.

Beim 1-0 holte Derdiyok einen schier aussichtlosen Ball zurück ins Spiel und Kießling stand da, wo ein Torjäger stehen muss. Dass Kießling das spielentscheidende Tor macht, war nach seinem grimmig-sachlichen Interview im kicker am Donnerstag und den Leistungen der letzten Wochen keine Überraschung für mich. Er hat wieder die Fitness, die er genau wie Rooney oder Asamoah für sein körperbetontes, laufintensives Spiel braucht. Und sein Torriecher war nie weg, er war nur verschnupft.

Leno entschärfte wieder einmal zwei unhaltbare Bälle und ist mit 2,70 nicht nur notenbester Torwart der Liga, sondern auch ein spielender Rückhalt seiner Mannschaft. Bayerns Krise ist auch eine Neuer-Krise. Der dümpelt mit 3,02 auf Platz 14 bei den Torhütern und hat den Bayern neun Punkte gegen direkte Konkurrenten um die Champions-League-Qualifikation gekostet. Ich habe mich gewundert, dass er in der kicker-Rangliste im Dezember 2011 unangefochten auf Platz Eins war, aber wahrscheinlich will man eine Neuer-Debatte vermeiden, um die EM-Chancen nicht zu gefährden. Neuer profitiert in seinem Leistungsloch davon, dass es anders als zu Zeiten von Kahn/Lehmann und Illgner/Köpke im Moment keinen echten Konkurrenten gibt, stattdessen so viele gute junge Torhüter wie noch nie mit zu wenig Spielerfahrung. Robert Enke ist tot, René Adler ist seit 2010 dauerverletzt.  Neuer ist zweifellos hochbegabt, aber er wirkt, selbst wenn er keine spielentscheidenden Fehler macht, an seinem jetzigen Arbeitsplatz immer wie Kevin allein zu Haus und ist offensichtlich im falschen Verein. Sogar der anonyme Bayern-Apologet von Lizas Welt erinnert sich im Moment lieber an Jean-Marie Pfaff. Lang ist’s her.

Im Spiel der beiden Rekordvizemeister warf sich ferner der ansonsten äußerst mäßig spielende Friedrich in die 1000prozentige Tormöglichkeit von Chancentod Gomez wie einst Kohler bei Lüdenscheid gegen Manchester United in der Champions League und bewahrte seine Mannschaft so vor einem Rückstand kurz vor der Pause. Apropos Champions League. Die Sache am Mittwoch wird kein Selbstläufer für Barcelona. Leverkusen hat schon manch einen Rückstand gedreht in dieser Saison. Dass alle Welt die Mannschaft abgeschrieben hat, kennt Trainer Robin Dutt zur Genüge und wird dieses Phänomen zu nutzen wissen.

Frühlingserwachen im Breisgau »

Ich bin kein Sportclub-Fan. Dem SC Freiburg verdankt der Club zwei seiner bittersten Abstiege, und das Anhimmeln des Brilli-Trainers Finke (heute autoritärer Sack in Köln) und des ganz anderen Vereins (St. Pauli mit Abitur) war mir in den Neunzigern zu pflichtbewusst und berechenbar. Trotzdem wäre es schön, wenn Freiburg die Kurve noch kriegen würde in dieser Saison. In der Nachwuchsarbeit sind sie an der Dreisam mittlerweile führend in der Liga. Wenn man Trainer Streich über Fußball und seine jungen Spieler sprechen hört, klingt diese Begeisterung gepaart mich fachlicher Kompetenz ein bißchen wie Weisweiler. Dass es gegen die Bayern zu einem Punkt gereicht hat, ist in jeder Hinsicht erfreulich, demnächst wird es auch wieder Siege für den Sportclub geben. Das Derby in Stuttgart böte einen würdigen Rahmen. Anders als bei Gladbach in der letzten Saison sind es nur acht Tore bis zur Relegation und zwei Punkte zur Rettung.

In der unteren Tabellenhälfte hat am Wochenende als einzige Mannschaft der Nürnberg gewonnen. Es ist schön zu sehen, wie sie trotz aller Unzulänglichkeiten die Gegner schlagen, die sie schlagen müssen und langsam als Mannschaft wachsen. Jetzt wird es Zeit, eine Schippe drauf zu legen und auch mal gegen ein Team aus dem oberen Drittel zu punkten und den einen oder anderen Überraschungscoup zu landen. Die nächsten Gegner heißen Bremen, Gladbach und Mainz. Pinola wird sehnlichst erwartet.

Pekhart hat mit einem phantastischen Kopfball das Siegtor gegen  Köln erzielt, ein Tor so ähnlich wie Kloses 1-1 gegen Argentinien 2006. Ich kenn niemand in der Liga außer vielleicht Huntelaar, der so klug köpfen kann wie Pekhart. An dem wird der Club noch viel Freude haben.

Dieser Kopfball an einem torreichen Wochenende wirft die Frage auf, was ein schönes Tor ausmacht. Dass Reus’ Schlenzer gegen Neuer zum Tor des Monats gewählt wurde, hat viel mit Sympathie und weniger mit Ästhetik zu tun. Ich finde Tore schön, die dem Charakter als Mannschaftssport gerecht werden, die den Raum mit ins Spiel bringen. Also eher Mintals 1-1 im Pokalendspiel gegen Stuttgart als Kristiansens 3-2. Rein ästhetisch jetzt, nicht sportlich und nicht emotional. Auf welt.de gibt es eine Kompilation der vermeintlich 100 schönsten Tore des Jahres 2011 mit der üblichen Weitschußdominanz in solchen Kompilationen. Kopfbälle haben Seltenheitswert. Gerd Müller hat mit einem Flugkopfball gegen Banik Ostrau mal das Tor des Jahres gemacht, aber das ist schon eine Weile her. Und Uwe Spies, Breisgau-Brasilianer im Ruhestand, hat überhaupt nie geköpft.

Doof wie Hertha »

Im Moment übertrifft Hertha sich selbst. Erst die Entlassung von Babbel. Der beste Trainer seit Röber musste gehen. Und warum? Weil er keinen Bock auf das übliche Gelaber – wir haben die besten Fans, Berlin ist die tollste Stadt – hatte. Weil der gebürtige Münchner, der mit dem FC Bayern ungefähr achtmal Deutscher Meister wurde, zu seiner Heimatstadt steht, wurde er in Berlin alsbald als Schnösel und Vaterlandsverräter hingestellt, und irgendwann sah der Verein dann Handlungsbedarf.

Als nächstes die Verpflichtung von Skibbe. Es gab keinen Hertha-Fan, mit dem ich in der Winterpause gesprochen habe, der nicht felsenfest der Meinung war, dass Skibbe den Abstieg bedeutet. Und fünf Niederlagen in Folge danach sind die schlimmsten Erwartungen wahr geworden.

Vergangenen Mittwoch dann die dämliche Pokalpleite. Soll er doch wegbleiben, der Hubnik. Soll sich ihm der Kraft doch in den Weg stellen. Diese Rote Karte war vollkommen berechtigt und wird hoffentlich Schule machen. Lieb gemeinte Kopfstöße gibt es nicht. Und von wegen Schauspieler de Camargo. Das theatralische Sich-Fallen-Lassen ist immer noch besser als ein Revanchefoul. Irgendwo muss er ja auch hin mit seiner Aggression.

Gestern die Rolle rückwärts. Skibbi, das Buschkänguru ist mit leerem Beutel weitergehopst. Und der Erste Sekretär, Genosse Preetz, erklärt: Genossen, ich habe Fehler gemacht. Tretschok könnte sich als richtig guter Griff erweisen, um in der Zweiten Liga von neuem aufzubauen. Endlich mal eine Personalentscheidung mit Weitsicht.

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