Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Und zum Nachtisch Rolling Sushi »

Das Leben ist ein Rolling Sushi, zumindest wenn man wie der 1. FC Nürnberg den Relegationsplatz in Liga Zwei sicher hat, und Woche für Woche die appetitlichen Gegenkandidaten aus Liga Eins an sich vorbeiziehen sieht. Schwere Brocken allesamt, der Club muss Zähne zeigen, um nicht selbst als fränkisches Schäuferle vom Gegner verspeist zu werden.

Gestern, während des Spiels Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart hatten der Meister von 2004 und der Meister 2007 beide vorübergehend Platz 16 inne. Am Ende des Tages steht Frankfurt dort, weil das schlechtere Torverhältnis den VfB auf den direkten Abstiegsplatz, der Sieg Werder ans rettende Ufer gebracht hat. In den letzten Wochen schauten auch Augsburg und Hoffenheim mal auf dem Relegationsplatz vorbei. Theoretisch dort landen können auch noch Darmstadt, der HSV und Wolfsburg. Bei solch einer Auswahl fällt die Entscheidung schwer, wen man sich da wünschen sollte.

Der Club hat sich den Relegationsplatz gegenüber der Konkurrenz souverän gesichert und dabei teilweise begeisternden Fußball gespielt. Jetzt gehen die Helden auf dem Zahnfleisch. Burgstaller, der nach seinem 3-1 gegen Leipzig nicht mehr laufen konnte, ist das Sinnbild dafür, dass  die Mannschaft am Ende ihrer Kräfte ist. Nach dem 6-2 gegen Union werden sie noch zwei Energieleistungen brauchen, um aufzusteigen. Trainer Weiler hat es geschafft, ein Team zu bauen, das trotz zahlreicher Schwierigkeiten eine großartige Serie hingelegt hat und in den besseren Momenten schon einiges an Spielkultur erahnen läßt. Die schweren Verletzungen von Erras und Schäfer hat die Mannschaft lange Zeit gut weggesteckt. Mit den beiden in der Stammelf wäre der Club am zweiten Platz vermutlich ein ganzes Stück näher dran, wenn nicht sogar mit dem besseren Torverhältnis an Leipzig vorbeigezogen.

Den Kader hat ganz überwiegend übrigens noch Martin Bader zusammengestellt, auch für das neue Nachwuchsleistungszentrum, aus dem Erras kommt, zeichnet er maßgeblich verantwortlich. Die einzige richtungsweisende Transferentscheidung von Andreas Bornemann war der lukrative Verkauf von Schöpf an Schalke. Im Sommer wird man sehen, wen der neue Manager ausfindig machen kann und wie es ihm gelingt, die Begehrlichkeiten der Konkurrenz auch gegenüber Weiler abzuwehren. Die Vertragsverlängerung mit Erras war ein wichtiger Beitrag dazu.

Gegen wen also soll der Club antreten am 19. und 23. Mai? Bei einem Rolling Sushi drängen sich Fischköpfe förmlich auf, aber gegen Werder, das muss nicht sein. Werder ist sympathisch, außerdem eine KO-Spiel-erfahrene, abgewichste Truppe, die 34 Spieltage lang vor sich hin dümpelt und dann im Pokal plötzlich groß aufspielt. Gegen Stuttgart hat der Club seinen größten Erfolg der letzten Zeit errungen, das könnte ein gutes Omen sein, ebenso wie die miserable Abwehr der Schwaben. Weitere Kandidaten für ein Südderby sind der FC Augsburg und Eintracht Frankfurt. Gegen Augsburg hat der Club schon mal eine Relegation gewonnen, Frankfurt zeigt im Moment Nervenstärke und wäre der Verein, der bei den Clubfans die höchsten Abneigungswerte besitzt. Im Vergleich zu einer Relegation Nürnberg gegen Frankfurt wirkt Game of Thrones wie eine Talkshow mit Anne Will. Darmstadt hat ein paar Big Points liegenlassen und ist sehr abhängig von Wagner und Standards, die Leistungskurve zeigt eher nach unten. Mein Herz gönnt den Lilien den Klassenerhalt, als Gegner wären sie auf dem Papier sicher angenehmer als die anderen. Der HSV hat wohl mit dem verdienten Sieg gegen Bremen den einen Schritt nach vorne gemacht in seiner Entwicklung, der ihm die Relegation dieses Mal erspart. Wolfsburg allerdings ist trotz 5 Punkten und 13 Toren Vorsprung im Moment alles zuzutrauen, auch der Absturz auf Platz 16. Für Hoffenheim spricht, dass sie eine Relegation schon überstanden haben, der Club hat das allerdings schon zweimal geschafft.  Wenn Weiler es jetzt schafft, so zu regenerieren, dass es keinen Spannungsabfall gibt, kann der Club jeden schlagen. Und die letzte halbe Stunde spielt er ja zuhause.

Warum ich so lange nicht geschrieben habe, hat der treue Leser Johannes gefragt. Nun, ich dachte natürlich, ich träume, als Nürnberg 18 Spiele unbesiegt war, und wollte nicht geweckt werden. Außerdem arbeite ich an meinem neuen Kriminalroman, der hoffentlich so spannend wird wie diese Saison mit dem Club.

First and Ten – Superbowl 50 »

Bei ran konnte man in den letzten Wochen online und im Fernsehen die Playoffs der National Football League (NFL) sehen. Am 7. Februar steigt das Endspiel, der Superbowl 50.  Austragungsort ist das neue Stadion der San Francisco 49ers, die seit 2014 zuhause nicht mehr in Grumpy Old Candlestick Park spielen, sondern ein Stück weiter südlich in Santa Clara, mitten im Silicon Valley. Trotzdem heißt das Stadion nicht Yahoo oder Oracle, sondern Levi’s Stadium. Levi Strauss, der Erfinder der Goldgräberhose, kam ursprünglich aus dem fränkischen Buttenheim, zwischen Bamberg und Forchheim gelegen, nur so nebenbei. Die 49ers spielten eine miserable Saison, haben mit Chip Kelly aber einen sehr interessanten neuen Coach verpflichtet, vielleicht ein wenig mit Hans Meyer vergleichbar, sofern es einen Erdling gibt, der mit Hans Meyer vergleichbar ist. Im Endspiel stehen die Denver Broncos mit ihrem alten Schlachtroß Peyton Manning als Quarterback. Sie treffen auf die Carolina Panthers aus Charlotte, North Carolina mit dem ihrem Überflieger-Quarterback Cam Newton. Der legt so rotzfreche Laufspiele hin, dass er mich ein wenig an “Joltin’ Joe” Montana erinnert, der manchen als bester QB aller Zeiten gilt und ab 1981/82 mit dem Gewinn des Superbowl XVI die goldene Ära der 49ers einläutete.

Sie wissen nicht, was ein Laufspiel oder ein Quarterback ist? In diesem Fall ist die Berichterstattung auf Sat 1 rückhaltlos zu empfehlen. Die Sendungen zur NFL sind ein echter Geheimtipp. Eine gelungene Mischung aus hochkarätiger Fachsimpelei, hemmungsloser Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Sport und hintergründigem Antifernsehen, das alles macht, außer sich selbst zu ernst zu nehmen.

Die Moderatoren zum Beispiel spielen ihr ganz persönliches Bullshit-Bingo. Eigentlich haken beim Bullshit-Bingo Fernsehzuschauer auf einem Zettel die Dauerphrasen von (Sport)moderatoren ab, sobald diese sie von sich geben. Bei ran NFL machen sich die Moderatoren selbst über ihre Phrasen lustig. Momentum zum Beispiel, eines der Schlüsselwörter in der Berichterstattung des US-Fernsehens, von dem ran die Bilder übernimmt. Es läßt sich kurz und knapp mit Eigendynamik des Spielverlaufs übersetzen.

Das Moderatorenteam bei ran besteht aus dem früheren Basketballer Frank Buschmann, Roman Motzkus, ehemals Wide Receiver bei den Berlin Adler, dem vormaligen Quarterback der Cologne Crocodiles Jan Stecker sowie Patrick Esume, der als Assistant Coach unter anderem bei den Oakland Raiders  in der NFL gearbeitet hat. Und dann gibt es noch einen gewissen Icke, der eigentlich Christoph Dommisch heißt, und vom Katzentisch aus vor einer großen Social Media Leinwand die Sendung mit dem üblichen Social Media Trash anreichert. Zum Beispiel zeigt er ein gepostetes Foto von Footballfans in Schottenröcken mit dem Hashtag #schottentragennichtsdrunter. Oder ein gepostetes Foto von Footballfans, die kleine Hüte aus gelbem (Plastik)Käse tragen, weil sie Fans der Green Bay Packers sind. Oder die tausend Smileys von Gisele Bündchen, wenn ihr Ehemann Tom Brady, Quarterback der New England Patriots, einen Touchdown-Pass geworfen hat. Oder einen Kalender, bei dem die Köpfe der fünf Moderatoren so elegant auf die Körper von NFL-Cheerleaders montiert sind, dass man sich an Windowlicker von Aphex Twin erinnert fühlt. Was man halt so zeigt, wenn es früh um halb fünf ist. Und was man natürlich auch unbedingt sehen will, wenn Quarterback Carson Palmer von den Arizona Cardinals gerade seine vierte Interception geworfen hat.

Der Umgangston ist fachlich kompetent, aber locker. Den einen Abend war “hamsti bamsti” zu hören, eine schöne Reminiszenz an den frühen Robin Williams, als er noch Mork vom Ork war. Der Football heißt “das Brot”, man flachst sich an, springt brüllend vor Begeisterung vom Moderatorentisch auf, und ab und zu sagt einer “ohne Scheiß”. Das ganze hat den Charakter eines niveauvollen Kneipengesprächs unter Gentlemen. Keiner macht die Lieblingsmannschaft des anderen nieder, keiner will es den Zuschauern zeigen, niemand will Recht haben. Das ganze wird angereichert mit zahllosen Anglizismen. Der Quarterback wird von den Defensivspielern der gegnerischen Mannschaft gesacked, und eingesackt trifft es ganz gut, was ihm da passiert. Pässe werden overthrown, plays gecalled, geblocked wird one on one oder eins auf eins, und manch Quarterback zeigt gegen Ende des Spiels ein gutes clock management.

Für den Laien – sofern er ein Fünkchen Interesse für den Sport aufbringt – sind bei der ersten Begegnung mit (American) Football die millimitergenauen Pässe über manchmal dreißig, vierzig Meter das zunächst Faszinierende. Und Millimeter heißt hier wirklich Millimeter. Football ist um einiges präziser angelegt als Fußball. Für mich, der im Schlagballweitwurf immer eine Vier Minus hatte, grenzt es an Hexerei, wie man das Brot ohne Wobble/Flattern so weit so exakt werfen kann. Vor allem, wenn gerade vier 150-Kilo-Hünen auf den Werfer zustürmen.  Sagen wir es so: Eine erfolgreiche Footballmannschaft, egal ob Offensive oder Defensive, spielt mit der Präzision eines Symphonieorchesters, nicht nur, was Notenwerte und Tonart angeht, sondern bis in die Phrasierung hinein. Ein sehr gutes Fußballspiel ist im Vergleich dazu eine richtig geile Jam Session. Man hat sich vorher auf die Form geeinigt (Blues in F oder Summertime bzw. Viererkette, Ecke auf den kurzen Pfosten), die Details ergeben sich aus der Situation. Es gibt im Fußball mehr Freiräume, mehr Platz zum Improvisieren.  Anders als im American Football gibt es mehr Möglichkeiten, einen Fehler zu korrigieren und Eigeninitative zu entwickeln.

Die eigentliche Seele des Spiels aber sind die Laufspiele. Ein Spieler rennt mit dem Ball unter dem Arm und wird frei gesperrt oder durch gegnerische Blocks gestoppt. Diese Suche nach dem freien Raum in Sekundenbruchteilen, die einstudierte Choreographie des Laufspiels und ihre Zerstörung, das gibt dem Spiel die taktische Tiefe. Die Viererkette der Italiener bei der EM 2000 – Cannavaro, Nesta, Pessotto, Maldini – hatte eine Schönheit in ihrer Präzision, die gutem Laufen und Blocken im Football nahekommt. Aber auch nur nahekommt.

Viel besser erklären als ich kann das Patrick Esume, dessen Erläuterungen zu den einzelnen Spielzügen, taktischen Optionen, Fehlern und Geistesblitzen das Interessanteste und Beste an Sportberichterstattung ist, seit Franziska van Almsick die Schwimmwettkämpfe bei den Olympischen Spielen in London 2012 kommentierte. Esume und die Gang von ran sowie van Almsick teilen eine Gemeinsamkeit: Respekt vor dem Athleten. Nicht Respekt vor dem erfolgreichen Athleten, sondern auch vor der Tatsache, dass jeder Wettkampf Verlierer braucht, um Sieger hervorbringen zu können. Das Auftreten der deutschen Schwimmer in London war wenig erfolgreich. Aber auch wenn ihr Co-Moderator den sportlichen Wert dieser Schwimmwettkämpfe auf die Frage reduzieren wollte, warum denn die deutschen Schwimmer aus seiner Sicht so jämmerlich versagt hatten, van Almsick wich keine Sekunde von ihrer Linie ab, den Sport zu erläutern. Sie sprach über Trainingsabläufe, mentale Vorbereitung, Taktik im Rennen, über alles, aber niemals bemängelte sie fehlende Siege oder machte ihren Kolleginnen und Kollegen Vorwürfe.

Beim zweiten Halbfinalspiel der NFL (eigentlich war es die NFC Championchip, aber das würde hier zu weit führen) trafen mit den Arizona Cardinals und den Carolina Panthers die punktbesten Mannschaften der Regular Saison aufeinander. Die Panthers gewannen 50-15, Carson Palmer, der Quarterback der Cardinals, warf das Brot vier Mal zum Gegner, der beste Passfänger des Teams Larry Fitzgerald, ließ zweimal unbedrängt den Ball fallen, was ungefähr so gravierend ist wie Kahns Patzer im WM-Endspiel 2002.

Von Häme im ran-Studio keine Spur. Bis zum Schluß grübelten die Moderatoren, was den Cardinals vielleicht noch einfallen könnte, woran es liegen konnte, welche Fehler gemacht wurden, warum die Panthers so stark waren. Sie machten ihren Job, erklärten und analysierten, was da gerade passierte, immer wieder aufgelockert durch Ickes situationistische Einlagen. Es war bei allen Spielen sehr viel Respekt vorhanden für eine Mannschaft, die gerade nach allen Regeln der Kunst in ihre Einzelteile zerlegt wurde, für jeden Spieler, der durch einen individuellen Fehler zur Niederlage seiner Mannschaft beitrug.

Es ist kein Zufall, dass es Ex-Profis sind, die in diesen Situationen einen anderen Zungenschlag pflegen als die meisten Journalisten.  Und es ist auch kein Zufall, dass es Randsportarten sind, die einen anderen Umgang ermöglichen als das dauernde Warten auf den Erfolg, die Spitzenleistung, das Jahrhundertmatch. Auch wenn alle froh sind, wenn der Medaillensegen wächst, ja, auch Schwimmen ist eine Randsportart.

Am anderen Ende der Fairness-Skala findet sich der jetzt ob seines bevorstehenden Abschieds hochgelobte Marcel Reif. Mag sein, dass er mit der deutschen Sprache präziser umgeht als die meisten seiner Kollegen, zugleich ist er aber auch der Großmeister der Herablassung. Würde man Bullshit-Bingo spielen, während Marcel Reif ein Spiel moderiert, könnte man früher oder später das Wort “Klassenunterschied” von seinem Zettel streichen. Keiner ist so schnell bei der Hand, wenn es darum geht, einer von zwei Mannschaften die sportliche Berechtigung grundsätzlich abzusprechen. Auch die von ihm gern gebrauchte Formulierung “X kann sich nur selbst schlagen” bedeutet die vollkommene Entwertung eines der beiden Kontrahenten. Wenn sich X nur selbst schlagen kann, dann ist Y eigentlich überflüssig, dann muss man weder wissen, wie das Spiel ausgeht, noch Y Respekt dafür zollen, dass sie es an einem Tag, in einem Spiel geschafft haben, besser oder glücklicher zu sein als X. Dann ist Y ein Hochstapler, wenn es gewinnt. Denn Y hat gar nicht gewonnen, X hat sich selbst geschlagen.

Reif ist die Galionsfigur einer Sportberichterstattung, die sich (im Fernsehen) fast immer als todernstes Weihfestspiel, oftmals mit nationalem Auftrag sieht. Es gibt keinen Schnack, keine Lässigkeit, keine Albern- und Blödheiten, naürlich auch nicht bei ran und Sat 1 in seiner Fußballberichterstattung. Man will Sieger zeigen, nicht den Sport vermitteln. Die meisten Kommentatoren sind Einpeitscher, die bei jedem Spiel mit deutscher Beteiligung von der ersten Sekunde an Argumente zusammentragen, warum nur die Deutschen – egal ob Nationalelf oder Verein – dieses Spiel gewinnen werden. Wenn Per Mertesacker nach dem Achtelfinale 2014 gegen Algerien die Faxen dicke hat, wird er zum Problemfall abgestempelt. Gewinnen ist etwas Schönes, gewiss. Der Pokalsieg von Nürnberg wärmt auch nach neun Jahren noch die Seele in düsteren Zweitligazeiten. Das 7-1 gegen Brasilien waren neunzig Minuten Genialität und Schönheit. Aber der Respekt vor dem Verlierer ist so wichtig wie die Freude über den Sieg. Man kann von “seinem” Sport nur dann so rückhaltlos begeistert sein wie die Leute bei ran NFL, wenn man die Notwendigkeit der Niederlage akzeptiert hat. Man kann das Leben nur wirklich lieben, wenn man seine Sterblichkeit akzeptiert hat.

Kickoff für den Superbowl 50 ist in der Nacht von Sonntag auf Montag um 23.15 Uhr. See you in the end zone.

F wie Watzke »

Die interessantesten Begegnungen hat man ja meistens im Zug. Neulich saß ich an einem Vierertisch einem Mann gegenüber, der vor sich die Kataloge verschiedener thailändischer Bordelle ausgebreitet hatte. Er schrieb Zahlen auf ein Stück Papier, strich sie wieder durch, addierte und multiplizierte und murmelte dabei fröhlich vor sich hin. Manchmal schlug er einen Katalog auf, markierte eines der zahlreichen Bilder mit einem Filzstift, wobei er anerkennend durch die Zähne pfiff.  Als ich ihn fragte, was er da mache, erklärte er mir, er sei der Vorsitzende und Urlaubswart des Kaninchenzüchtervereins in Kleinwölferode und dafür zuständig, die gemeinsame Reise nach Thailand zu planen. Dort wollten er und seine Jungs erstens “die Sau rauslassen”, zweitens “die Kuh fliegen lassen” und drittens “nicht jeden Cent dabei umdrehen.”

Auf meinen Einwand, dass Prostitutionstourismus ja nicht unbedingt vorbildlich sei, und gerade der Kaninchenzüchterverein Kleinwölferode für die vielen Millionen Jugendlichen im Land, die ihr Herz an die possierlichen Kleinnager gehängt hätten, ein Fixstern am Ethikhimmel sei, bezeichnete er mich als Gutmensch und erklärte  brüsk: “Wir zahlen das und hauen wieder ab. Das ist eine reine Geschäftsbeziehung.” Ich schwieg, denn von dieser Seite hatte ich das noch gar nicht betrachtet.

Dabei ist die Erkenntnis ebenso schlicht wie klar. Der Verein bezahlt nicht nur für die am Reiseziel in Anspruch genommenen Dienstleistungen, sondern indem er zahlt, kann er auch die Rechtfertigung für sich beanspruchen, dass Geschäftsbeziehungen moralisch nicht kritisiert werden könnten, weil sie ja gerade Geschäftsbeziehungen seien.

Was mich zu einem Aspekt bringt, der mit Fußball noch weniger zu tun hat als Kaninchenzucht in Kleinwölferode. Die Frage, welche Faktoren zum rasend schnellen Erfolg des NS-Regimes geführt hat, beantwortet der Soziologe Rainer C. Baum mit dem Hinweis auf den Verlust der professionellen Standards in den deutschen Eliten: Richter wurden zu Henkern in Robe, Polizisten von Freunden und Helfern zu Exekutoren von Massenerschießungen, Ärzte heilten nicht mehr, sondern ermordeten wehrlose Patient_innen. Auch Militär, Verwaltung, Professoren und Journalisten spielten ihren Part.

Was mich etwas besorgt, ist, dass die Manager der großen Unternehmen ihre berufsspezifische Ethik gar nicht erst Preis geben mussten, um zu Komplizen und ausführenden Organen der NS-Verbrechen zu werden. Der Arzt musste seinen hippokratischen Eid brechen und durch den Eid auf Hitler ersetzen. Er ersetzte seine Berufsethik durch eine völkische Ethik. Ein Manager allerdings machte das, was er vor und nach der NS-Zeit auch machte: Er betrieb Gewinnmaximierung. Dazu kaufte er die Ware Arbeitskraft dort ein, wo sie am billigsten war. Er hätte einen schlechten Job gemacht, wenn er nicht auf die von der SS angebotenen Zwangsarbeiter_innen zurückgegriffen hätte. Das Verhältnis zur SS war das zwischen Kunde und Dienstleister.

Es geht hier nicht darum, das NS-Regime ökonomisch zu erklären. Es ist viel komplizierter. Es geht auch nicht darum, jede fragwürdige Fernreise unter Faschismusverdacht zu stellen. Die moralische Indifferenz der Verantwortlichen damals und heute hat völlig unterschiedliche Dimensionen. Es geht aber wohl um die schrecklich schlichte und schrecklich falsche Vorstellung, ökonomische Entscheidungen seien moralisch nicht angreifbar, weil sie allein einer ökonomischen Zweckrationalität folgten. Von einem Vorsitzenden eines kleinen Kaninchenzüchtervereins kann man dazu sicherlich keine differenzierte Antwort erwarten. Hoffentlich sind wenigstens die Fair-Play-Trikots frisch gewaschen, wenn er und seine Jungs in Thailand in den Puff gehen.

Leider aus dem Transferfenster gefallen »

Es hat mich schon beschäftigt in den letzten Wochen: Wird der Club noch jemand abgeben (müssen), oder bleiben die Spieler aus der Vorbereitungsphase, die irgendwann eine Mannschaft ergeben sollen, zusammen? Des schlechten Spiels in Bochum nicht genug, folgte die schlechte Nachricht am Montag: Niklas Stark verläßt Nürnberg und geht zu Hertha. Schlecht ist die Nachricht natürlich nur aus sportlicher Sicht. Dem defensiven Mittelfeldmann wurde in den letzten zwei Jahren nicht die Zeit gegeben, sich zu entwickeln, wie auch sonst keinerlei Geduld vorhanden war. Stark war keine heimatgetränkte Sympathiebombe, keine rotschwarze Ausgabe von Kevin Großkreutz. Er hat niemals mit Tränen in den Augen auf seinem YouTube-Kanal grünweiße Meerschweinchen ertränkt, nur weil er glaubte, es seinen Fans schuldig zu sein. Aber ein Jugend-Europameister, der im zarten Alter von neun Jahren den Weg zum FCN fand, der hätte gerne noch ein bißchen bleiben dürfen.

Finanziell sind die angeblich drei Millionen sicherlich äußerst willkommen, halten sich doch hartnäckige Gerüchte, dass der Club ein bißchen klamm ist. Klammer jedenfalls, als seine öffentlichen Verlautbarungen es behaupten. Apropos Klammer. Quasi zeitgleich wurde der dritte Österreicher verpflichtet. Er heißt Georg Margreitter und kommt von den Wolverhampton Wanderers, die derzeit in der englischen Zweiten Liga spielen. Margreitter könnte in Nürnberg schnell heimisch werden. Auch die Wolves, die 1888 eines von 12 Gründungsmitgliedern der Football League waren, haben eine ruhmreiche Tradition und eine erkleckliche Anzahl von Auf- und Abstiegen vorzuweisen.  Wenn der Schorsch sich so reinhängt wie Guido Burgstaller, können die Fans für ihn singen “Wou iss denn des Gärchla?

Margreitter, man glaubt es kaum, ist ein Abwehrspieler.  Das ist eine echte Überraschung, denn nach vier Spieltagen wird die klare taktische Handschrift von Systemtrainer René Weiler immer deutlicher erkennbar. Weiler will der erste Trainer im deutschen Profifußball werden, der bei den erzielten und den Gegentoren im dreistelligen Bereich landet. Irgendwo muss man anfangen, hat er sich gesagt, also hat der Club nach vier Spieltagen bereits 12 Tore kassiert. Dieser Schnitt bedeutet am Saisonende 102 Gegentore. Jetzt müssen irgendwie nur noch 120  Tore geschossen werden, um den avisierten Platz unter den ersten Sechs zu erreichen. Das ganze nennt man dann am besten eine extrem offensive Grundausrichtung. Der nach zwölf Spieltagen leider völlig überstürzt entlassene Valérien Ismaël hatte nach den ersten vier Spielen der Vorsaison übrigens sechs Gegentore kassiert.  Damit war er für den sofortigen Wiederaufstieg  natürlich untragbar geworden. Wohl dem, der hohe Ansprüche hat.

Meine Saisonprognose – Gladbach Meister, Bayern in der Relegation »

Die Bundesliga geht wieder los, und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen. Das ist von Goethe, und auch wenn der FC Empor Weimar 06 nur in der Kreisoberliga Mittelthüringen zugange ist, hat der Dichterfürst vom Frauenplan natürlich auch eine Weisheit für eine erfolgreiche Saisonvorbereitung parat: “Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.” In diesem Fall von Ausdauer und Technik über Taktik und Spielintelligenz zum modernen Offensivfußball. Sepp Herberger, der große Aphoristiker aus Mannheim hätte es nicht knapper sagen können. Nicht alle haben auf das Wort des Dichters andächtig gelauscht.  Hier meine Prognose für die neue Saison.

1. Borussia Mönchengladbach, weil Fohlenflüsterer Lucien Favre die richtigen Worte findet, und Traoré und Hazard alle an die Wand spielen.

2. Schalke 04, weil sie mit André Breitenreider endlich den Taktikfuchs mit proletarischer Street Credibility haben, den sie brauchen.

3.  Borussia Dortmund, weil Thomas Tuchel ein verflucht guter Trainer ist, und Mikidingsbums die Saison seines Lebens spielt.

4. FSV Mainz 05, weil der Verein exzellent geführt ist, und viele Nobodys manchmal ein Spitzenteam ergeben.

5. VfL Wolfsburg, weil die Mehrbelastung auf dem langen Weg nach Mailand den Sprit knapp werden läßt.

6. Bayer Leverkusen, weil es nach dem guten ersten Jahr unter Roger Schmidt langsamer vorangeht auf dem Weg nach oben.

7. Hertha BSC Berlin, weil Dardai der richtige Mann ist, und Kalou mindestens 20 Tore schießt.

8. VfB Stuttgart, weil Zorniger die neuen jungen Wilden formt, und es diesmal kaum Verletzungssorgen gibt.

9. 1899 Hoffenheim, weil es nach guter Hinrunde in der Rückrunde keinen Totalabsturz gibt.

10. 1. FC Köln, weil sie sich so unauffällig konsolidieren, dass ich sie in der ersten Version glatt vergessen hatte.

11. Eintracht Frankfurt, weil Veh keine gute Fee ist, die einem einfach drei Wünsche erfüllt, auch nicht Platz, 4, Platz 5 oder Platz 6.

12. Werder Bremen, weil die Mannschaft Zeit braucht, um sich zu finden.

13. FC Augusburg, weil in der kommenden Saison andere Vereine das Momentum haben und die Europa League geistig erst verarbeitet werden muss.

14. Hannover 96, weil der Augenblick, einen neuen Sportdirektor einzuarbeiten, ungünstiger nicht gewählt sein könnte.

15. SV Darmstadt 98, weil der Wahnsinn einen Namen hat.

16. Bayern München, weil der Wurm drin ist, und ich in letzter Zeit immer an die Buddenbrooks denken muss, wenn ich Matthias Sammer sehe. In der Relegation geht es dann gegen Nürnberg.

17. HSV, weil ihn diesmal kein Kühne, Schiri, höheres Wesen noch Tribun retten können.

18 FC Ingolstadt, weil er wie Fürth bei seinem Kurzauftritt mit der Bundesliga fremdelt.

Jena leuchtet »

Es war ein prall gefülltes Pokalwochenende mit einigen sehr erfreulichen Ergebnissen. Drei Bundesligisten, die keiner wirklich braucht, der HSV, Ingolstadt und Hoffenheim, sind draußen. Mit Aue, Viktoria Köln und Reutlingen setzten sich außerdem ein Dritt-, ein Regional- und ein Oberligaverein gegen die Zweitligisten Fürth, Union und KSC durch. Die letzten beiden sind nach den hochgesteckten Zielen in einer handfesten Krise, mal sehen, wer von ihnen sich aus dem Kreis der  sechzehn Aufstiegsaspiranten demnächst verabschiedet. Viktoria ist zwar eine Neugründung aus dem Jahr 2010, kann seine Wurzeln aber über mehr als ein Jahrhundert zurückverfolgen. Einer der Vorläufervereine hieß offiziell “VfR Köln 04 rrh.”. Das rrh. stand für rechtsrheinisch, so viel Zeit musste sein. Ich frage mich, wie die Fans damals angefeuert haben, wenn der VfR linksrheinisch angetreten ist: “Hurra, Hurra, der rrh. ist da!” vielleicht. Ein Verein, der “rrh.” heißt, geht jedenfalls niemals ohne Punkt vom Platz.

Auch die faustdicken Überraschungen blieben nicht aus. Wer das Weiterkommen von Hertha und Nürnberg in die Kombiwette genommen hätte, könnte sich jetzt wahrscheinlich die kleine Zehe von Kevin de Bruyne leisten, wenn auch nur mit Ausstiegsklausel. Das Elfmeterschießen in Aalen zeigte, dass es mit Nürnberg nicht langweilig wird. Der Club hat nach wie vor das Zeug zum Depp, aber in Aalen hat er seinen Meister gefunden.

Mein persönlicher Glücksmoment war das 3-2 von Jena gegen den HSV. Wenn der Verein an der Pfeffersackchaussee ein Dino ist, der seine Corporate Identity ernst nimmt, dann sollte er endlich aussterben. Das peinliche Gewürge aus der Relegation setzt sich fort. Es bedurfte auf dem Ernst-Abbe-Sportfeld zweier Freundlichkeiten des Schiedsrichters, der einen Ball im Aus nicht sah und eine Dino-Sympathie-Nachspielminute obendrauf legte, um den HSV in die Verlängerung zu wuchten. Dort siegte dann zum Glück das Gute, Jena kämpfte nicht nur mit heißem Herzen, es war den einfallslosen Hamburgern auch läuferisch und spielerisch überlegen.

Der FC Carl Zeiss Jena spielt leider nicht in der 3. Liga, sondern nur in der Regionalliga Nordost*. eine Klasse höher tummeln sich acht Vereine aus der letzten Saison der Oberliga der DDR, unter anderem auch die ehemaligen Bundesligisten Dynamo Dresden, Energie Cottbus und Hansa Rostock, der letzte Meister der DDR. Die Süddeutsche und die Berliner Zeitung haben ausführlich darüber berichtet.  Jena war im Pokal schon öfters der Favoritenschreck und hat mit Volkan Uluc seit Ende 2014 einen sehr interessanten Trainer, den ich einmal live erlebt habe, als er noch bei BFC Dynamo Berlin war. Außerdem ist Jena der einzige Verein im deutschen Profifußball, der auf seinen Heimtrikots für eine Heavy Metal Band aus Saalfeld und auf den Auswärtstrikots für eine militante Meeresschutzorganisation aus dem US-Bundesstaat Washington wirbt. Das eine würde man eher im Erzgebirge, das andere eher in Rostock vermuten. Wer so saucool ist und reihenweise Erstligisten nach Hause kegelt, der sollte es doch schaffen, demnächst aufzusteigen. Vielleicht gelingt ja auch der Durchmarsch. Darmstadt hat es vorgemacht.

*Korrigiert nach Hinweis von Oliver Fritsch. Danke!

Sommerfußball vom Feinsten »

Am Freitag war ich im Stadion und sah hocherfreut das 3-2 von Nürnberg gegen Heidenheim. Immerhin so etwas wie ein Angstgegner, gegen den der Club in der letzten Saison sang- und klang- und einfallslos zweimal verloren hatte. Diesmal gab es ein Happy-End. Der Club hat schon viele Spiele gemacht, die viel besser waren, aber selten habe ich die Mannschaft von der ersten Minute an derart wütend-aggressiv erlebt. Allen voran Jan Polak, der als Pokalsieg-Erinnerungsspeicher den wehmütig besungenen Pinola nicht ersetzen konnte,  der aber weiß, was es heißt in Nürnberg und für Nürnberg zu spielen. Der Kampfeswille war weder brutal noch planlos. Mit kühlem Kopf und der Faust in der Tasche hatte man sich vorgenommen, die Schmach von Freiburg, wo die Sonne fast so oft scheint wie in Cordoba, ebenso vergessen zu machen wie die Grundsatzdebatten in und um den Verein. Wie schlecht die Stimmung im Moment ist, zeigt die verhaltene Reaktion im kicker (“Ein Quantum Trost“). Auch die Nürnberger Nachrichten waren vor allem froh, dass die nächste Katastrophe vermieden werden konnte.

Dabei gab es einige erfreuliche Aspekte. Nürnberg war technisch besser als der Gegner, das waren sie in der letzten Saison nicht einmal. Es gab – von Torwart Kirschbaum angefangen bis hin zum fleißigen, aber vollkommen torungefährlichen Gislason, den ich zunächst mit Mlapa verwechselte – das klare Bestreben, jede Spielsituation, auch die defensiven, spielerisch zu lösen. Was des öfteren durch eine anmutige Raumaufteilung und kluge Laufwege gelang. Der von mir schon unter der Woche gelobte Brecko fügte sich nahtlos in den Defensivverbund ein. Am Freitag war die Abwehr wieder eine Abwehr, obwohl der designierte Chef Sepsi noch gar nicht dabei war. Bis auf die beiden verlorenen vor den Gegentoren gewann der Club alle wichtigen Zweikämpfe (Burgstaller vor dem 1-0, Blum vor dem 2-1, Füllkrug vor dem 3-2) und bewies eine unerschütterliche Moral. Das Spiel war auch nicht zerfahren oder durch viele Fouls belastet, wie zu lesen war, Schiedsrichter Dankert pfiff einfach konsequent kleinlich.

Bereichert wurde der Spielbesuch durch meine weibliche Begleitung, die bis dahin lediglich einmal ein 0-0 von Hertha im Berliner Olympiastadion erlebt hatte. Mit anderen Worten, Nürnberg gegen Heidenheim war ihr erstes Fußballspiel. Gefallen haben ihr die “kraftvoll” und unermüdlich singenden Fans in der Nordkurve (wir sitzen meistens im Block 14 mit bester Sicht und Akustik), gefallen hat ihr auch “die Wiese”, die man sieht, wenn man das Stadion betritt. Weniger  gut gefielen ihr die Pfiffe bei jeder Ecke für Heidenheim. Außerdem hätte sie es gut gefunden, wenn man auch die Heidenheimer Ecken per Bierwerbung ausdrücklich angekündigt hätte. Wegen der mangelnden Fairness war sie dann irgendwann für Heidenheim: “Man kann seine Gäste doch nicht so behandeln.” Als die Gäste zweimal den Ausgleich machten, kicherte im Block 14 genau eine Person zweimal in sich hinein. Nach dem 2-2 ließ sie sich dann zu der Prognose hinreißen: Ein Tor fällt noch, und  die Gerechtigkeit wird siegen. Es war an Polak, die schlummernde Fachkenntnis dieses Fußballtalents mit einem sagenhaft schönen Tor zu bestätigen.

Jetzt bin ich gespannt, was der Club in seiner Königsdizplin des Grauens zu leisten vermag. Am Montag ist Pokal.

 

 

 

Das Aufstiegsgespenst verjagt »

Die Leistung war bodenlos, trotzdem ist der Club gleich am ersten Spieltag auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Trainerfuchs Weiler hat mit dem 3-6 in Freiburg die Rahmenbedingungen geschaffen, die es ihm ermöglichen, in Ruhe den Aufstieg im Jahr 2017 2018 2019 anzupeilen. Alle überzogenen Erwartungen wurden eliminiert. Wobei, ich will hier nicht vorschnell die Hoffnungen schüren. So ein Aufstieg, der braucht Zeit. Und das in diesen Fragen erfahrene Management Bader/Wolf gibt Weiler bestimmt die Zeit, die er benötigt. Das war nicht immer so. Vorgänger Ismael war nach fünf, nicht sechs Gegentoren in Fürth am zweiten Spieltag bereits unten durch, als Fehlgriff abgestempelt. Weiler darf bestimmt noch gegen Heidenheim für Spielkultur sorgen, gegen die er zuhause verlor in der Vorsaison, und dann ist ja bald auch Pokal: der Wettbewerb, in dem der Club ein regelmäßig eine Topleistung abruft. Und dann? Dann gibt es vielleicht einen Rechtsverteidiger, der sich nicht so übertölpeln läßt wie Möhwald beim spielentscheidenen 5-3, und einen Offensivspieler, der im eigenen Strafraum nicht zulangt wie ein Möbelpacker auf Tilidin.

Weiler hat vor dem Saisonauftakt laut kicker behauptet, er sei verantwortlich für “eine geschlossene Mannschaft, die sich nie unterkriegen lässt.” Davon war in Freiburg keine Minute etwas zu sehen. Außer dem glücklich krumm gesäbelten 2-4 nach einer Ecke und dem äußerst gästefreundlichen Elfmeter zum 3-4 war der Club einfallslos und planlos, bolzte die Bälle lang in die Mitte und ließ die letzte halbe Stunde nach dem 3-5 kampflos über sich ergehen. Aber immerhin. Vor dem Spiel sagte Weiler: “Man weiß noch nicht genau, wo man steht.” Jetzt sind die Zweifel ausgeräumt. Der Club ist Letzter.  

Zweite Liga rockt »

Nur noch vier Tage, dann beginnt sie: die beste Zweite Liga aller Zeiten seit der besten Liga aller Zeiten vom Sommer 2014. Mit Bielefeld und Duisburg kehren zwei legendäre Ex-Bundesligisten in den Kreis der glorreichen 18 zurück. Mit den Münchner Löwen hat ein Verein mit hohem Unterhaltungswert die Klasse gehalten. Wenn die Roten früher der FC Hollywood war, dann sind die Löwen der TSV Komödienstadl, die Daily Soap in flauschiblau. Das Personal wechselt schneller als bei Game of Thrones und die Ansprüche sind höher als der Olympiaturm.

Ein Lichtblick sind auch die Roten Bullen aus Leipzig. Dieses wüste und wahllose Bashing leuchtet mir nicht ein. Rangnick ist einer der klügsten und innovativsten Köpfe im Fußball, die beiden Leipziger Traditionsvereine hatten 20 Jahre Zeit, um ihre eigene Fußballkultur aufzubauen. Stattdessen gab es eine liebevoll gepflegte Feindschaft ohne nennenswerte sportliche Außenwirkung. Es ist traurig, dass die Ostvereine mit Ausnahme von Union so weit unten stehen. Egal, ob Cottbus, Rostock oder Dresden, alle haben sich ihre Situation durch hausgemachte Fehler selbst eingebrockt, es waren nicht die bösen Großsponsoren, die den Niedergang herbei geführt haben. Leipzig hat eingekauft wie irre, zugegebenermaßen, aber entscheidender ist, dass Rangnick sportlich das Sagen hat. Außerdem schießt Geld tatsächlich keine (entscheidenden) Tore, wie das Mittelmaß der Premier League zeigt. In den nächsten Jahren kann Leipzig für den Fußball im Osten eine Leuchtturmfunktion übernehmen. Das heißt nicht, dass jeder Verein einen exotischen Milliardär in der Hinterhand haben muss, sondern, dass langer Atem und Strategie auch bei Traditionsvereinen funktionieren können. Bielefeld und Duisburg, Braunschweig und Darmstadt sind Beispiele aus den letzten Jahren.

Das Feld ist ausgeglichen wie nie, man muss suchen, um eine Mannschaft zu finden, die nicht zumindest inoffiziellen Aufstiegsambitionen hat. Außer den beiden Aufsteigern fallen mir nur Sandhausen und der FSV Frankfurt ein. Zusammen mit Leipzig und Union sind das die beiden Vereine, die noch nie in der Bundesliga waren.

Zu den unter den Hand gehandelten Aufstiegsanwärtern gehört natürlich auch wie immer der 1. FC Nürnberg. René Weiler, der aktuelle Trainer mit Langzeitperspektive beim Club, hat als Saisonziel einen Platz unter den ersten Sechs ausgegeben. Dafür hätte der Club in der Vorsaison 50 Punkte gebraucht, also einen Schnitt von 1,4705 Punkten. Erreicht hat Weiler in den 21 Spielen der Vorsaison 1,4761 Punkte. Weiler will den Club also um 55 Tausendstel schlechter machen, um besser zu werden. Das klingt nach langfristiger, nach sehr langfristiger Aufstiegsstrategie. Aber besser den Ball flach halten anstatt wieder Dresche kriegen für unerreichbar hohe Ziele. Für Platz zwei (59 Punkte) brauchte man in der Vorsaison 1,74 Punkte pro Spiel.

Valérien Ismaël, Weilers Vorgänger ohne jeglichen Rückhalt, war in den ersten 13 Spielen auf 14 Punkte gekommen. Der Punkteschnitt von 1,08 hätte am Ende 36,7 Punkte ergeben. Mit 37 hätte der Club die Klasse glatt gehalten. Egal, Nürnberg hat in der Vorbereitung den Viertligisten Schweinfurt 05 mit 1-0 förmlich gegen die Wand gespielt, und gegen Celta Vigo ein 2-2- erkämpft. Da kommt der Auftakt in Freiburg gerade recht. Weiler und Ismaël sprechen beide Französisch. In diesem Sinne: Laissez les bons temps rouler!

 

Game of Trainerstühlchen – Die fünfte Staffel »

Was bisher geschah.

Im Reich des Südens: Nachdem Dynastiebegründer Ulus der Untersetzte beim Orakel von Abgabenordnung Buße für vergangene Sünden tun muss, ist sein Thron reichlich verwaist. Seine Diadochen haben nichts zu lochen außer Steuerbelege, als der Schamane des Königshauses, Müwo der Pumperlgsunde, aus heiterem Himmel freiwillig in die Verbannung geht. Er will sich nicht den Zorn des Übungsleiters Peperoni des Affenscharfen zuzuziehen, der glaubt, Müwo der Pumperlgsunde habe die Sprunggelenke vom besten Pferd im Stall behext. Doch auch Peperoni der Affenscharfe sollte sich nicht zu sicher fühlen, denn Haushofmeister Kim Il Mac R, bekannt und beliebt durch die Moderation unzähliger Bankette, sägt schon an seinem Klappstuhl.

Im Reich des Westens:  Der äußerst erfolgreiche Übungsleiter Kloppo Trump  geht nach sieben Jahren freiwillig in die Verbannung, um dort kalten Hackfleisch- und Nierenpudding zu essen. König Aki der Altbierverächter, läßt die Krokodile im Wassergraben seiner Burg Iduna mit einer Extraportion Currywürsten füttern, weil ihm die Tränen ausgegangen sind. Kleinkreutz, der Hofnarr, fällt durch den Schmerz über Kloppos Abgang in geistige Umnachtung und trainiert fortan Außenristpässe. Doch seht, ein fahrender Ritter, in feinstes Tuchel gehüllt, kann vielleicht Abhilfe bringen.

Im Reich des Nordens: Die letzten 13 Übungsleiter wurden alle in die Verbannung geschickt, jetzt hat Uva Seela, die greise Seherin auf Schloß Volkspark, Nummer 14 eine glückliche Zukunft prophezeit. Völlig überraschend wird der juvenil wirkende Barde Bruno La Balladia unter verhaltenem Jubel auf den Schleudersitz gehievt. Sein Vertrag gilt auch für die Unterwelt, weil er weder Hölle, Tod noch Pauli, den kleinen Maulwurf fürchtet. Um seine Mannen nervlich zu entspannen, läßt sie La Balladia als erstes “Auf der Reeperbahn nachts um halb eins” anstimmen. Leider stellt sich die Viererkette im Tenor als eine empfindliche Schwachstelle heraus, was die Götter unfroh stimmt.

Es zeichnen sich unvorstellbare Verwicklungen ab.

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