Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Leere Ränge – volle Punktzahl »

Finanziell ist der Zuschauerausschluß für Nürnberg vermutlich eine Bestrafung, sportlich erweist sich die gähnend leere Nordkurve als wirksame Motivationshilfe. Sieg gegen die Roten Teufel, Sieg gegen die Rote Brause. Die komplett neu zusammengefügte Mannschaft scheiterte gegen Düsseldorf und den FSV Frankfurt nicht an ihren mangelnden Fähigkeiten, sondern am Erwartungsdruck.

Sofortiger Aufstieg lautet das Saisonziel. Sofortig, das heißt, spätestens in der Relegation, die im fernen Mai 2015 stattfinden wird. Für den Fan heißt sofortig: jetzt, auf der Stelle, am besten am ersten Spieltag gegen Aue. Gegen die gab es am ersten Spieltag zwar einen Sieg, aber das Nervenflattern war zu spüren. Dann kam das 1-5 gegen Fürth, gegen die beste Mannschaft der Vorsaison, die nicht aufgestiegen war, und seitdem saßen die Fans auf ihren Schalensitzen oder standen in der Kurve und nahmen übel. In erster Linie nahmen sie immer noch den Abstieg übel. Ob er vermeidbar, peinlich, überflüssig war, darüber kann man diskutieren. Wer bei so einem Schneckenrennen wie an den letzten acht Spieltagen keinen einzigen Punkt holt, der wird seinem Ruf als Depp durchaus gerecht.

Andererseits: Wenn man sieht, wie Bayern und Dortmund rumjammern, wenn zwei oder drei Stammspieler fehlen, war es vielleicht am Ende vor allem das Verletzungspech. Bis zu acht Stammspieler musste der Club ersetzen, nicht mal Wiesinger kann man das anlasten. Gut, die Spieler (Mannschaft war das nicht mehr) wirkten am Ende innerlich unbeteiligt, aber Braunschweig, das von allem zu wenig hatte, außer von den Emotionen, stieg auch ab.

Gestern gegen Leipzig war eine ganz andere Nähe zwischen Spielern und Trainer zu sehen. Nicht nur, dass Valérien Ismaël jeden seiner ausgewechselten Spieler umarmte, auch auf dem Platz gab es viele ermunternde Gesten, im Lauf- und Grätschduell gegen Rangnicks Millionentruppe. Nebenbei: Ich halte RB nicht für den Untergang des Fußballs. Die Traditionsvereine, die die Neuankömmlinge als zu klein oder zu künstlich beschimpfen, scheitern nicht an den solventen oder klug agierenden Konkurrenten. Solange 1860, St. Pauli, Kaierslautern sich selbst im Weg stehen, ist Platz für Augsburg, Hoffenheim, Paderborn.

Zurück zum Club. Nicht nur bei der Torwartfrage hat Ismaël in den letzten Wochenein gutes Händchen bewiesen. Platzhirsch Schäfer war die erste Option. Als es nicht lief, kam der Tausch. Rakovsky hat gewisse Eigenwilligkeiten (Fangtechnik, Fausten), aber er spielt gut, und wird noch sehr viel besser werden. 2007/08 gab es eine ähnliche Konstellation. Nach dem Weggang von Schäfer hätte eigentlich Pokalheld Klewer die erste Chance erhalten müssen. Meyer entschied sich für den neuen Mann Blazek. Der patzte im ersten Spiel gegen Schalke (0-2), und die Mannschaft fand nie mehr die richtige Balance und Hierarchie. Wenn Klewer die (erste) Nummer Eins gewesen wäre, wäre der Club vermutlich nicht abgestiegen. Schäfer ist kein Stinkstiefel und wird sich jetzt, ähnlich wie Pinola, als Elder Statesman hilfreich in die neue Hierarchie einfügen.

Mit einem Mal steht auch der vielgeschmähte Manager Bader ganz anders da. Zum einen hat er mit Wolf und Polak zwei alte Leistungsträger zurückgeholt. Zum anderen hat er für wenig Geld einige wirklich sehr gute Leute geholt. Vor vier Wochen wurden Schöpf, Ramirez, Füllkrug noch als Fehleinkäufe abgestempelt, in der Winterpause wird man sich fragen, ob der Club sie halten kann. Die Frage wird sich auch bezüglich des Trainers stellen. Aber ich habe das Gefühl, dass uns die Konstellation Bader, Wolf, Ismaël und Mintal über das Ende dieser Saison hinaus erhalten bleiben wird.

Brasilianische Nacht im Fürther Ronhof »

Sauber zerpflückt haben die Fürther den Club am letzten Montag. Gegen eine vogelwilde Mannschaft, in der alle, von Schäfer bis Pinola wirklich alle patzten, spielte sich die drittbeste Mannschaft der Vorsaison in einen kleinen Rausch. Baba, der alte Schlingel, schoß noch schnell mal den Club ab, bevor er nach Augsburg wechselte.

Am ersten Spieltag habe ich den Club gegen Aue im Stadion gesehen, das war für eine runderneuerte Mannschaft sehr ordentlich. Mlapa legte zwar das Tor des Tages auf, aber mit Pekhart war das Offensivspiel beim Club durchdachter, schwerer auszurechnen. Dass er zweimal so schlecht angespielt wird, dass es Abseits ist, dafür kann Pekhart nichts. Trotzdem wird er immer einen schweren Stand haben bei den Clubfans.

Am ersten Spieltag Nürnberg 1-0 gegen Aue, Fürth gegen Bochum 1-1, am zweiten Spieltag Bochum 5-1 gegen Aue, Fürth mit dem gleichen Ergebnis im Derby. Könnte das bedeuten, dass der Club am ersten Spieltag schon drei wichtige Punkte im Abstiegskampf geholt hat? Oder sind in dieser Liga, in der keine Mannschaft die ersten beiden Spiele gewinnen konnte, alle Teams beinahe gleichauf?

Wie gut, dass jetzt Pokal ist. Da kann der Club gegen Duisburg seine Blamagenserie beenden, von der der von Bratwurst und Schäufele gesättigte Fan schier ein Blamagengeschwür kriegen möchte. Nebenbei kann er testen, ob er gegen eine ambitionierte Drittligamannschaft bestehen kann.

 

 

Sag beim Abschied leise Ballack »

Besonders froh bin ich nicht über den Gaucho-Tanz, aber es ist keine Herrenmenschenallüre, keine öffentliche Erniedrigung, nur eine kleine Blödelei. Genauso wenig ist “Seven Nation Army” mit der Verszeile “I’m gonna fight ‘em all, A seven nation army couldn’t hold me back” die Ankündigung, nach dem Vierten Stern jetzt den Dritten Weltkrieg nach Hause zu holen. Es ist ein schmaler Grat beim Derblecken der gegnerischen Mannschaften. Die Zeile “Ihr seid Schalker, asoziale Schalker” wurde bisher noch nicht kritisiert als Reminiszenz nationalsozialistischer “Asozialen”bekämpfung. Oder sanktioniert als unsportliches Verhalten. Auch die DDR befleißigte sich dieses Begriffs zu Verfolgungszwecken, wenn auch nicht mit mörderischen Folgen. Diese Spitze ist gezielt gesetzt, Gelsenkirchen ist das Armenhaus Westdeutschlands, dass Bayernfans in der Bahnhofsmission schlafen, hört man eher selten.

Werder Bremen stinkt nach Fisch, nicht nach Schwarzwälder Schinken. Clubfans haben Aufnäher mit dem Spruch: “Kniet nieder ihr Bauern”. Auch das zeugt von großem Bewußtsein für die landsmannschaftlichen Besonderheiten und will trotzdem nicht die Besitz- und Gewaltverhältnisse aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wieder etablieren. Die Nachbarstädter werden in Nürnberg gerne auch als “Spielverunreinigung Fürth” bezeichnet. Ist das jetzt eine Himmlersche Sauberkeitsfantasie aus der ehemaligen “Stadt der Reichsparteitage”? Wohl eher nur ein fieses, kleines Wortspiel. Wobei zu klären wäre, wie alt der Spruch ist: 1928, 1938, 1978? “Urwaldlaute” und Bananen sind als rassistisch verschrien, ebenso kritisiert und bestraft wurde die Aldi-Tüten-Choreographie in der Bayern-Südkurve gegen Galatasaray, eine ethnisch diversifizierte Fantasie derjenigen Leute, die nicht in der Bahnhofsmission schlafen und gerne auf dem Viktualienmarkt einkaufen (würden). Im internationalen Kontext wird der Grat noch schmaler, vor allem, wenn Fans oder Spieler “als Nation” eine andere Nation ansprechen, schmähen, oder necken.

Dass der Gaucho-Tanz auf die Melodie von “Zehn kleine Negerlein” angestimmt wurde, war noch gar nicht Gegenstand der Debatte. Oder doch? Die kleine Einlage war “mostly harmless”, nach Jet-Lag und einer durchfeierten Nacht muss man das nicht überbewerten. Nach drei WM-Finals ist Argentinien – Deutschland das Lokalderby des Weltfußballs. Kleiner Gruß an den Dauerkonkurrenten. Verzichtbar, aber nicht so schlimm. Medienkritiker Thomas Müller, der Marshall MacLuhan vom rechten Flügel, hat die Sinnhaftigkeit des Jubelkorsos mit seiner Bemerkung: “So, ARD, jetzt dürft er wieder das Wetter machen” (natürlich auf bayrisch) schön auf den Punkt gebracht. Ich war noch nie auf der Fanmeile und will da auch nicht hin.

Hocherfreut, um nicht zu sagen, glücklich bin ich, dass diese Mannschaft den Titel gewuppt hat. Phasenweise sehr schöner und intelligenter Fußball, ein Entwicklungsprozess, der 2004 begann, ist in einem großartigen Finale zu einem guten Ende gebracht worden. Dass es 1990 ein Elfmeter war, der den Titel brachte, diesmal ein technisches Juwel nach Maßflanke macht deutlich, wie sehr sich der deutsche Fußball verändert hat im letzten Vierteljahrhundert. Brehme und Götze, Hrubesch und Hummels, nicht für möglich gehaltene Entwicklungsstufen, aber wahr. Großartige Spielertypen, eine gute Mischung. Die Generation Lahm ist sportlich erwachsen geworden und bietet alles, außer Rumpelfußball. Dazu der enigmatische Trainer Joachim Löw, die Schphinx von der Dreisam.

Durch den neuen Fußball haben sich auch die Sehgewohnheiten verändert. Die Fans sind taktisch viel feinsinniger geworden. Die Lahmdebatte zum Beispiel, oder die Frage nach der Offensivformation. Fußball kann auch hochklassig sein, wenn nur wenig Tore fallen. Das 7-1 ist die große Ausnahme in den K.O.-Spielen gewesen, fast alle anderen Tore wurden spät und knapp entschieden, waren aber trotzdem gut anzusehen. Und zum Schluß haben die Argentinier noch einmal alles an Defensivkunst rausgehauen, was sie zu bieten hatten, brandgefährliche Konter eingeschlossen. Wenn Higuain den Patzer von Kroos nutzt, wenn es nach dem Einsatz von Neuer Rot und Elfmeter gibt, wird es schwer, aber ohne Glück hat noch niemand ein Endspiel gewonnen. Und wieder hat Löw klug gewechselt. Schürrle für Kramer war richtig schick, und Götze war ebenfalls ein prima Joker, hat er ja ein Jahr lang bei Guardiola geübt.

Zum Abschluß noch eine Gedenkminute für Michael Ballack, ohne den dieser Erneuerungsprozess so schnell nicht passsiert wäre. Ballack und Kahn waren die einzigen beiden Weltklassespieler bei der WM 2002, aber Ballack war der Mann für die Zukunft, stilbildend in jeder Beziehung. Er hat begriffen, dass eine Mannschaft ein taktisches Konzept braucht, er konnte ein Spiel lesen, junge Spieler anleiten, war torgefährlich wie Müller, ein technisch sauberer Grätscher wie Schweinsteiger. Er hat die Lässigkeit in den deutschen Fußball gebracht, die Neuer, Boateng und einige andere  heute ausstrahlen. Außerdem war er einer der ersten Profis, die inhaltlich auf Reporterfragen geantwortet haben. Dass Lahm in freier Rede zwei Minuten nach Spielschluß taktische Spielanalysen liefert, dass Hummels den öffentlichen Raum hat, seine Überwältigung vom WM-Titel mit 40 Millionen Fans zu teilen, geht auf Ballack zurück. Ich glaube, den Gaucho-Tanz hätte er sich verkniffen. Danke, Capitano.

Wo warst du, als…? »

Den gestrigen historischen Fußballabend verbrachte ich in einer wunderbaren Bar in Friedrichshain. Als fairer Sportsmann trank ich zur Unterstützung des Schiedsrichters Corona-Bier und aß ein paar Tacos. Nach dem 1-0 schenkten die Barleute kostenlosen Tequila an ihre etwa 30 Gäste aus, pro Tor ein Tequila versprachen sie uns,und ich sagte vorwitzigerweise “Wenn ihr das macht, seid ihr am Ende pleite”. 20 Minuten später, also nach Khediras 5-0 entschieden sie sich sinnvollerweise für einen Pauschalrum für alle Tore und gaben in Halbzeit Zwei noch einen obendrein.

Nicht nur für unsere us-amerikanischen Freunde Bündnispartner Interessenkonkurrenten Touristen waren die Geschehnisse unerklärlich. Einer merkte vorwitzig an: Wir haben nur 1-0 verloren, und in der Tat geben die USA oder Costa Rica oder Bosnien-Herzegowina wertvolle Hinweise auf die Gründe für diesen Spielverlauf.

Sicherlich haben der Ausfall von Neymar und Thiago Silva Brasilien erheblich geschwächt. Stellen wir uns vor, Müller wäre im Viertelfinale aus dem Turnier gefoult worden und Lahm wäre gelbgesperrt gewesen. Anders als die Brasilianer wäre das deutsche Team trotzdem nicht so auseinandergefallen. Man hätte vielleicht verloren, aber sich nicht binnen sieben Minuten komplett aufgegeben. Was uns zu den USA, Costa Rica und BiH bringt, die alle als Team überragend funktioniert haben. Brasilien ließ sich auf den Personenkult um Neymar ein, befeuerte ihn sogar noch. Wenn dieses Spiel mit einem anderen vergleichbar ist, dann mit dem WM-Finale 1998. Dort gab es mit Frankreich auch einen erfreulichen und verdienten Sieger, und der vermeintliche Superstar Ronaldo war genauso platt und enttäuschend wie seine Mitspieler. Auch diesmal wurschtelten sich die Brasilianer mehr schlecht als recht durch das gesamte Turnier und konnten nie – anders als die Spanier in ihrer Epoche – eine schlüssige Spielidee präsentieren. Die Methode Gewonnen, egal wie, reicht für ein Halbfinale, hat auch bei Deutschland schon zu manchem Halbfinale gereicht, reicht aber nie für einen Titel.

Ein weiterer Grund für den Spielverlauf ist das 4-4 gegen Schweden, vielleicht der heilsamste Schock unter Löw überhaupt. In der 60. Minute dachte ich daran, dass das 4-4 in der 70. Minute seinen Anfang genommen hatte. und war gespannt. Dann machte Schürrle das 6-0 und zerstreute alle Bedenken. Wer das 1-0 gegen Brasilien macht, denkt sich: ein 1-0 wird nicht reichen. Besser noch eins nachlegen. Und das 2-0 entwickelte eine unglaubliche Sogwirkung. In den besonderen fünf Minuten erzielte Deutschland das gleiche Tor dreimal. Pass auf halblinks in die Schnittstelle, rechts quergelegt, alle Brasilianer irren eurythmisch durch den Strafraum, drin isser. Wenn Deutschland gewollt hätte, hätte dieses Spiel zweistelling ausgehen können. Glücklicherweise wollten sie nicht, glücklicherweise spielte Brasilien in Würde weiter und kam zu seinem Ehrentreffer, der vielleicht besser Würdetreffer heißen sollte.

Der Hauptgrund aber ist, dass es Löw und Flick und Köpke und Bierhoff gelungen ist, ein funktionierendes Team zu bauen. Es war zu beobachten, dass diesem Turnier der große Favorit fehlt. Ergänzend könnte man sagen, dem deutschen Team fehlt die Überfigur. Und zwar nicht, weil sie alle im Mittelmaß verschwinden, sondern weil jeder in der Lage ist, ein besonderes Spiel zu liefern. Gegen Portugal überragte Müller, gegen Ghana war Klose zur Stelle, gegen die USA holte sich  Schweinsteiger seinen Stammplatz zurück. Gegen Algerien war es Neuer, gegen Frankreich Hummels, gestern Kroos. Wer weiß, wer am Sonntag zur Stelle sein wird. Dieses Team bietet eine besondere Mischung aus Coolness und Leidenschaft, die viel Freude macht. Müller im Interview gestern zum Beispiel, ohne einen Anflug von Hochmut oder Selbstgefälligkeit. Einen Effenberg oder Matthäus nach einem 7-1, egal gegen wen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ergebnisfußball? Mit solchen Ergebnissen gerne.

Bleibt noch der Sonntag. Der berühmte letzte Schritt. Nachdem alle meine Favoriten vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben, tue ich Holland sicher keinen Gefallen, wenn ich sie zum Finalgegner ausrufe. Aber alles andere wäre eine große Überraschung. Was das Teambuilding angeht, gilt auch für Oranje. Die notorischen Streithansel des Weltfußballs sind taktisch souverän, haben fünf, sechs Leute, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen können. Ihr Trainer ist ein schlauer, alter Sack Fuchs.  Auch sie haben ihre Spieler für besondere Momente. Van Persie gegen Spanien, Depay gegen Australien, Huntelaar gegen Mexiko, Krul gegen Costa Rica. Und natürlich Robben.  Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der so darauf brennt Weltmeister zu werden wie diesen Arjen Robben. Seine Ansprache vor der Verlängerung gegen Costa Rica ist genauso historisch wie Kloses 16. Tor. Und van Gaal, der vermeintliche Sturkopf, ließ ihn gewähren.

1974 hat eine Mannschaft Brasilien 2-0 rauschhaft an die Wand gespielt. Den Titel geholt haben am Ende die Anderen.

 

 

 

 

Meine Geheimfavoriten (3) »

Meine Geheimfavoriten sind alle schon raus. Ghana und Bosnien-Herzegowina in der Vorrunde, die Schweiz und Chile im Achtelfinale. Bis auf Ghana alle unglücklich, alle knapp. Ghana hätte gegen Portugal gewinnen müssen, aber wer gar kein Vorundenspiel gewinnt, der fliegt dann halt auch mal raus. Bosnien-Herzegowina hat mir sehr gut gefallen, ich hoffe, die sind bei der EM 2016 dabei. Die Schweiz hat gerade eine Goldene Generation, aber Hitzfeld zu ersetzen, wird schwierig. Jemand hat getwittert, Hitzfeld sei kein wirklich großer Trainer gewesen, weil er taktisch nichts Neues kreiert habe. Hitzfeld hat mit zwei verschiedenen Mannschaftendie Champions League gewonnen, das haben nicht so viele neben ihm geschafft. Und seine große Stärke war es, die Spieler stark zu machen, die er hat. Es ist richtig, er war kein Systemtrainer, er war ein Spielertrainer, kein Taktiker, sondern ein Psychologe, und hat es geschafft, dass su unterschiedliche Spieler wie Riedle, Linke, Kuffour, Ricken über sich hinauswachsen konnten.

Chile war von den vier Geheimfavoriten der Stärkste. Nächstes Jahr sind sie Gastgeber der Copa America, da rechnen sie sich etwas aus mit dem Heimvorteil. Wenn der Schiedsrichter nicht die zwei Tore Mexikos gegen Kamerun aberkannt hätte, wäre Mexiko Gruppenerster geworden und Holland oder Brasilien wären jetzt schon raus, Chile oder Mexiko im Viertelfinale.

Alle acht Gruppensieger sind weiter gekommen sind, aber sollte man nicht vergessen, dass einer davon Costa Rica ist. Es wäre natürlich viel lustiger, wenn Holland gegen Costa Rica rausfliegt als gegen Mexiko. Einen klaren Favoriten gibt es nicht, das ist nicht erstaunlich, aber ist die WM deswegen sportlich weniger wert? 1998 quälte sich Frankreich durchs Achtelfinale und gewann durch ein Golden Goal von Laurent Blanc gegen Paraguay. Zidane sah in der Vorrunde eine Rote Karte. Trotzdem hat die Mannschaft mit dem international völlig unbekannten Trainer Aimé Jacquet einen neuen Stil begründet und viele große Spieler hervorgebracht. Karembeu, Djorkaeff, Lizarazu, Barthez, das war eine Weltauswahl in Bleu Blanc Rouge. Jacquet war äußerst bescheiden, was seine Leistung anging, und meinte einmal, eigentich bräuchte die Mannschaft keinen Trainer, die wüssten selbst, was sie zu tun haben. Jetzt ist der Boss auf dem Platz von damals, Didier Deschamps, der Trainer von heute auf der Bank. Und er macht seine Sache sehr gut. Aus überwiegend unbekannten Spielern formt er Schritt für Schritt ein Team. Vielleicht hilft es sogar, dass Ribéry nicht dabei ist. Auch die Spanier wuchsen erst dann zu einer großen Mannschaft, als Rául nicht mehr dabei war. Beide Spieler sind alles andere als Stinkstiefel, aber vielleicht waren sie zu groß, zu übermächtig, damit eine neue Mannschaft entstehen kann. Bei Bayern und Schalke waren sie zunächst die New Kids On The Block.

Trotz der bisher gezeigten ordentlichen Leistungen denke ich nicht, dass Frankreich weiterkommt. Der Auftritt gegen Nigeria war schon ziemlich halbherzig. Aber in zwei Jahren, im eigenen Land, das könnte wieder etwas werden. Ferner hoffe ich auf einen Sieg der Fliegenden Kolumbianer gegen Brasilien, befürchte, dass Costa Rica gegen Holland der Sprit ausgeht, und meine, dass Belgien auch die Argentinier jugendlich leichtsinnig überrennen wird. Was dann wie 2010 drei europäische Mannschaften ins Halbfinale brächte. Das kann eigentlich auch nicht sein. Fliegt Holland doch raus. Mir auch recht.

Die Mannschaft lebt, Charlie Brown »

Nachdem ich gestern in der Süddeutschen Zeitung ARD und ZDF Beweihräucherung der deutschen Mannschaft vorgeworfen habe, kann ich jetzt Boris Büchler schlecht wegen vermeintlich hyperkritischer Fragen an Per Mertesacker kritisieren. Büchler ist einer der Lichtblicke beim Umgang mit Interviewpartnern. Aber ich kann Mertesackers Reaktion bei diesem kleinen Scharmützel verstehen. Seine Gegenfrage: “Wollen Sie, dass wir toll spielen und dann wieder rausfliegen?” war großartig.

Mir fällt jetzt leider nicht ein, welcher Trainer gesagt hat, dass man auf dem Platz dauernd denken muss, dauernd überlegen muss, was man tut, damit man gewinnt, und wenn man aufhört zu denken, verliert man das Spiel. Klingt irgendwie nach dem Kopfarbeiter Guardiola, aber vielleicht war es auch jemand anderes. Löw? Ancelotti? Tuchel? Die deutsche Mannschaft jedenfalls hat genug von rauschhaften Siegen. Wer sich in einen Rausch spielt, denkt nicht nach. Alles läuft von allein, jeder Schuß ein Treffer. Alle jubeln, alles schick. Wenn dann das erste Spiel kommt,  nachdem der Rausch verflogen ist, weiß man nicht mehr weiter, dann fliegt man raus, geht an seiner Einfallslosigkeit zugrunde. Wie gegen Spanien 2010 und gegen Italien 2006. Deshalb auch die beinahe betretenen Reaktionen der Spieler nach dem Spiel gegen Portugal. Sind wir schon wieder so weit? Geht das schon wieder los?

Rausch ist keine Strategie. In den beiden schwierigen Spielen gegen Ghana und Algerien haben Löw und seine Spieler nach einer Antwort suchen müssen und jeweils die passende gefunden. Gegen Ghana setzten Schweinsteiger und Klose die entscheidenden Impulse, gegen Algerien war es der Superjoker Schürrle, der seit vielen Spielen immer da ist, wenn man ihn braucht. Es ist schön zu sehen, wie sich die drei “Engländer” Özil, Schürrle und Mertesacker weiterentwicklen, auch wenn ihre Vereine keine ganz große Saison hatten.

Nach dem Ausscheiden von Mustafi spielte die alte Doppelsechs Khedira/Schweinsteiger und Lahm war endlich wieder außen. Also die Grundausrichtung von 2012. Entscheidend daran ist der zwischenzeitliche Lernprozess. Wenn sie mit dieser Startelf angefangen hätten, die Platzhirsche Khedira und Schweinsteiger durchgeschleppt hätten, bloß weil sie immer schon so gespielt haben, dann wäre das zu wenig durchdacht gewesen. Gedankenlos. Jetzt, nach vier Spielen mit vier verschiedenen Aufstellungen, spricht tatsächlich alles dafür, Lahm nach außen zu ziehen, schon allein, weil Kramer ja auch noch da ist. Der gab als WM-Debütant eine sehr entschlossene Figur ab, patzte hinten nicht und tummelte sich ab und zu auch vorne.

Dieses hart umkämpfte, klug herausgespielte und glückliche 2-1 gegen wirklich grandiose (und im Abschluß zu schlampige) Algerier hat einen sportlich viel höheren Stellenwert als die beiden überlegen geführten Spiele gegen England und Argentinien 2010. England ist seit 1996 ein Schatten früherer Tage, Argentinien stand vor vier Jahren im ganzen Turnier neben sich. Das führt zu der Frage, wie die Fußballöffentlichkeit hierzulande die Gegner einschätzt (erster Impuls immer noch: Die hauen wir weg) und welche Art von Spiel sie glücklich machen würde. Wer erwartet denn heutzutage noch Kantersiege in einem Achtelfinale? Bei dieser WM gab es zwei Spiele mit zwei Toren Unterschied, zweimal Elfmeterschießen, eine Verlängerung und die Beinahe-Verlängerung bei Holland – Mexiko. Wäre ein Achtelfinale wie gegen Schweden 2006 besser gewesen? Zwei schnelle Tore und dann 80 Minuten lang Ergebnis verwalten gegen einen überforderten Gegner? Dann doch lieber in jedem Spiel gefordert werden.

Natürlich ist es nervenzerfetzend, wenn Neuer viermal im Eins gegen Eins klären muss, aber im Vergleich zu Balotellis 2-0 im Halbfinale 2012 kommt die Mannschaft mit überfallartigen Kontern mittlerweile viel besser zurecht. Außerdem ist eine hochstehende Viererkette mit dem beidhändigsten Libero der Welt natürlich viel aufregender gegen eine tolle Kontermannschaft, als sich am eigenen Strafraum bis zum Stehkragen einzubunkern. Nebenbei: Wenn die Deutschen sich nicht Chance auf Chance erspielt hätten, hätte M’Bohli keine Weltklasseleistung zeigen müssen.

Erfreuliche Kleinigkeiten: Özil glänzt nicht, aber er hat in der zweiten Halbzeit einen defensiven Zweikampf nach dem anderen gewonnen und das entscheidende Tor gemacht. Schweinsteiger kann über 90 Minuten eine WM-taugliche Leistung abrufen. Löw hat im Rahmen der Möglichkeiten seinen Kader klug zusammengestellt. Man kann natürlich die Frage stellen, warum ein so erfahrener und defensiv polyvalanter Spieler wie Gonzalo Castro nicht dabei ist, aber das gestörte Verhältnis des DFB zu Spielern von Bayer Leverkusen würde den Rahmen sprengen.

Gegen Frankreich müssen sie sich wieder etwas einfallen lassen. Ich hoffe Lahm spielt außen, es ist eine andere, bessere Mannschaft, wenn er außen spielt. Schön, das mal in einem Spiel als Kontrast gesehen zu haben. Als Sechser macht er wenig falsch, als Außenverteidiger ist er eine Klasse für sich. Sieben-Titel-Götze dürfte sich hoffentlich aus der ersten Elf gespielt haben. Ich hoffe, Hummels ist wieder dabei und Müller bleibt fit. Und dann – auf zur nächsten Denksportaufgabe.

Der Caddy von Arjen Robben möglicherweise »

War das jetzt Dusel, Kaltschnäuzigkeit, eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, oder waren es die deutschen Tugenden im Van-Gaal-Remix? Holland wirft die lange führenden Mexikaner in den allerletzten Minuten des Achtelfinales aus dem Turnier. Vielleicht der größte Turnaround, seit Sheringham und Solskjær 1999 in Barcelona trafen. Dusel war es sicherlich auch ein bißchen, vor allem bei Sneijders Sonntagsschuß. Sneijder versemmelt sonst weitaus größere Chancen, hier passte alles. Sogar dem formidablen Ochoa versperrte der Fußballgott für einen Moment die Sicht. Der berühmte Fußballkommentator Vergil beschreibt ein ähnliches Mißgeschick, das Palinurus, dem Steuermann des Aeneas widerfuhr. Erst sieht er nichts, dann folgt der sudden death.

Siehe der Gott mit dem Zweige, vom Tau der Lethe gefeuchtet
Und einschläfernden Kräften der Styx, umschüttelt ihm beide
Schläfen; und bald schwimmet des Sträubenden Aug’ in Betäubung.
Kaum erst hatte die Ruh unversehns ihm die Glieder gelöset,
Da machtvoll andrängend, mit berstendem Teil des Verdeckes,
Und mit dem Steuer zugleich warf jener in wallende Flut ihn

(Aeneis, 5. Gesang, Vers 854-859)

Eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters war der Elfmeter nicht. “Eine Robbe macht noch keinen Elfer” habe ich beim DFB-Pokalfinale vor ein paar Wochen getwittert (@robalef), als der schnelle Arjen es wieder mal versuchte. Aber in diesem Fall trat ihm Marquez tatsächlich plump auf den Fuss. Abgesehen davon, dass der Holländer niemals an der Grundlinie diesen Haken schlagen darf, da stimmten die Laufwege bei den Mexikanern nicht, sie sind in dieser Situation – daher kommt die Floskel – dumm gelaufen. Der Erfolg für Holland kam, als Van Gaal aufhörte, mit dem 4-3-3 zu fremdeln , und “der Hunter” war der Kälteste von allen im Glutofen von Fortaleza, als sein Moment gekommen war.

Im Baseball gibt es einen Relief Pitcher. Das ist ein Werfer, der nicht gut genug (konstant und nervenstark) für den starting line up (im Fußball für die Startelf) ist, aber vor allem durch seinen Fastball einen Vorsprung in den letzten der neun Innings (Spielrunden) sichern kann. Klingt irgendwie sehr nach Huntelaar in der Elftal. Oder ist er vielleicht doch eher ein Field Goal Kicker? Der Caddy von Arjen Robben? Das gute Pferd, das nicht höher springt, als es muss? Ein Schalker Jung ist er. Was irgendwie dafür spricht, dass Holland am Ende doch wieder Zweiter wird.

Bisher waren zwei der Hauptfavoriten mit einem Bein schon draußen, beide kamen zurück. Auch das ist eine Qualität. Wenn die Chilenen gewusst hätten, dass Julio Cesar eine Erfolgsquote von 30 Prozent beim Halten von Elfmetern hat, dann hätten sie vielleicht nach dem 1-1 noch eine Schippe drauf gelegt. Kolumbien zieht einsam seine Bahn, unbeachtet von den deutschen Berichterstattern, nicht zu halten von seinen Gegnern. Ob die den Brasilianern beikommen können? Die Spiele der Brasilianer erinnern mich an ihre Auftritte 2002, wo sie öfters, zum Beispiel im Halbfinale gegen die Türkei, schwer unter Druck waren, und trotzdem immer noch eine Antwort fanden. Im Zweifel ein Tor von Ronaldo.  Am Ende stand der Titel in einem tollen Endspiel mit einer überraschend guten deutschen Mannschaft, die sich bis auf das 8-0 gegen Saudi-Arabien (“Rudi, hau die Saudi”) minimalistisch durchgerumpelt hatte. Ist zwar nicht sonderlich brasilianisch, wenn ein Abwehrspieler (Luiz) den anderen (Jara) zu einem Eigentor zwingt, aber wer die Hexa will, muss manchmal die Quaratur des Kreises versuchen.

Meine Geheimfavoriten (2) »

Meine Geheimfavoriten haben alle noch ein Spiel vor sich und müssen bis zum Abschluss der Gruppenphase aus datenschutzrechtlichen Gründen noch geheim bleiben.

Einer ist leider schon ausgeschieden, weil ein Schiedsrichter kurz nach Mitternacht ein reguläres Tor aberkannt hat. Dafür hat jetzt eine Mannschaft eine Chance aufs Weiterkommen, die von einem Kontinent kommt, für dessen Teams ich allergrößte Sympathien habe.

Einer meiner Geheimfavoriten ist schon qualifiziert und spielt heute um den Gruppensieg. Sie haben einen Titelfavoriten aus dem Turnier gekegelt und das 1-0 in diesem Spiel war Poesie wie von Pablo Neruda (zwinker, zwinker). Einer der Spieler heißt wie ein Sänger aus dem Land, den man ermordet hat.

Der dritte Geheimfavorit hat von einem Ex-Weltmeister eine mittelschwere Klatsche übergeholfen bekommen und muss das letzte Spiel gewinnen, hat aber durchaus eine realistische Chance aufs Weiterkommen, wenn sein Trainer nicht vorher an einem Magengeschwür zugrunde geht. Die Abwehr war löchrig wie, na, wie…?

Der vierte Geheimfavorit wird vermutlich Opfer einer abgefeimten Absprache zwischen ehemals ziemlich besten Freunden. Selbst wenn sie ihr letztes Spiel hoch gewinnen, könnte es nichts nutzen. Die Mannschaft spielt in einer Gruppe, in der es bisher nur außergewöhnlich spektakuläre Spiele gab.

Anmerkungen:

Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung spottet weitgehend jeder Beschreibung. Tom Bartels bei Deutschland-Ghana an Borniertheit kaum auszuhalten. Plädiere für kommentarlose Spiele. Lieber Planstellen abbauen und Alphabetisierungskampagnen in anderen Ländern damit finanzieren.

Japan und Südkorea waren stark, als alle defensiv spielten. In dieser Offensiv-WM geben sie keine gute Figur ab.

Costa Rica rocks. Jetzt müssen die Urus bloß noch Italien rauswerfen.

Zwei Ex-KSC-Spieler sind die meinungsbildenden Experten dieses Landes. Warum ist der KSC nur zweitklassig?

“The Last of England” ist der Titel eines ziemlich tollen Films von Derek Jarman. Er passt aber auch für die letzten zwanzig Minuten von England – Uruguay.

Was für ein unglaublicher Luxus, Podolski, Klose, Weidenfeller und Schweinsteiger auf der Bank zu haben. Gut gewechselt, Bundestrainer.

Wenn Poldi gegen die USA ein Tor schießt, rennt er aus Versehen zu Klinsmann und umarmt ihn.

Freundliche Einladung zu meiner nächsten Lesung:

Am 28. Juni lese ich von 18 – 18.30 Uhr in der Bier- und Weinbar Otello in der Poststraße 28, 10178 Berlin aus meinem Kriminalroman “Immer schön gierig bleiben“. Veranstalter ist der Verein Nikolaiviertel e.V., der am kommenden Wochenende zum 1. Berliner Bücherfestival einlädt. Ich freue mich auf viele Zuhörerinnen und Zuhörer und glaube nicht, dass in der ersten Halbzeit des ersten Achtelfinales sonderlich viel passieren wird.

Mäßig bewegt, leicht verkrampft »

Nichts ist trauriger, als der Versuch, einen unverhofft glücklichen Moment planmäßig zu reinszenieren. Die WM 2006 war ein solcher Moment. Statt Deutschtümelei, prügelnden Nazis und Rumpelfußball gab es aus dem Nichts vier Wochen sonnendurchfluteter Sommermärchen-Seligkeit. Leider meinen nun sehr viele, das unverhoffte Glück lasse sich pünktlich zum 12. Juni 2014 noch einmal aufführen. Diese WM hängt emotional noch reichlich durch, obwohl das 4-0 gegen Portugal sicherlich die reifere sportliche Leistung war als das 4-2 gegen Costa Rica.

Woran es liegt? Da gibt es Funktionärsfehden, die auf offener Bühne ausgetragen werden. Und sogar der Kaiser soll gefehlt haben. Das schlägt aufs Gemüt in der Komfortzone DFB. In der Ukraine und/oder im Irak bricht möglicherweise noch vor dem Ende der Vorrunde der Dritte Weltkrieg aus, womöglich muss deswegen der Bundesligastart verschoben werden. Die Schweinis und Poldis kommen allmählich in die Jahre, die biologische Uhr tickt, und wenn sie nicht bald was gewinnen, ist es vorbei für sie. Lauter Spieler mit 150 Länderspielen, aber ohne Titel, das sieht irgendwie doof aus. Vielleicht hängt auch noch Ballacks Donnergrollen in den Köpfen, der da sagte, bei einem dritten Platz gäbe es nichts zu feiern. Wer will sich schon zum Deppen machen, in dem er eine grandiose Vorrunde ekstatisch bejubelt, um dann im Halbfinale von Spanien, Italien (Holland, Brasilien) taktisch und sportlich wieder einmal vorgeführt zu werden?

Trotz der leicht angespannten Rahmenbedingungen wird unverdrossen zum Public Viewing gepilgert, werden die Autos beflaggt und die Außenspiegel mit Strumpfsocken in den Landesfarben verunstaltet. Die Medien jubeln, die Kanzlerin jubelt und managt Maut, Ukraine, NSA,  Irak in der Halbzeitpause auf dem iPad. Da will keiner abseits stehen, obwohl viele mit den Gedanken woanders sind. Die Werber sind sowieso wie immer völlig von Sinnen. Alles ist jetzt Fußball. Die Firma Tena hat einen speziellen Inkontinenzschutz für Männer entwickelt und wirbt im kicker mit Feinripp in Großaufnahme und dem Slogan “Mehr Sicherheit im Mittelfeld”. Mir fällt dazu sofort ein absolut glaubwürdiger Werbeträger ein, aber genug davon: Pippilotta Viktualia aus Lüdenscheid hat seine zweite Chance verdient.

Rein sportlich gibt es eine Menge Positives: Es wird offensiv gespielt, bereits sechs Spiele wurden gedreht. Die vom Stress der europäischen Ligen erschöpften Spieler sind fast alle fit, der Trend geht dahinm nicht Die Gruppen sind sehr ausgeglichen, Costa Rica gelang eine echte Sensation, auch Bosnien, die Schweiz und die USA schlagen sich wacker. Frankreich und Italien werden nicht so grottig spielen wie 2010, Spanien ist nicht mehr unantastbar.

Auf der Negativseite ist das uninspirierte Spiel Brasiliens zu beklagen. Nichts dagegen, wenn der Favorit Nummer Eins in ein Turnier stolpert, das ging schon vielen späteren Weltmeistern so. Aber das Spiel gegen Mexiko erinnerte mit seiner atemberaubend hohen Fehlpassquote an ein leidenschaftlich geführtes Zweitligaspiel. Mehr als drei Pässe in Serie kamen nicht an. Nur Ochoa war Weltklasse und ist auf dem Weg, der Jan Tomaszewski des 21. Jahrhunderts zu werden.

Ein weiteres Ärgernis sind einige bizarre Schiedsrichterleistungen. Im Eröffnungsspiel wurde Kroatien vom japanischen Schiedsrichter Yuichi Nishimura mehrfach krass benachteiligt. Wer sich fragt, wieso ein Japaner ein WM-Eröffnungsspiel pfeift, der sollte wissen: Das Auswahlverfahren der FIFA für die Schiedsrichteransetzungen ist unübersichtlich. Kriterien sind jahrelange Pfründe, persönliche Abhängigkeiten, regionaler Proporz, voreilig gemachte Zusagen und der Weg des geringsten Widerstandes. Kurz gesagt werden die Schiedsrichter bei einer WM genauso ausgewählt wie die Bundesminister der CSU. Nicht immer landet der richtige Mann auf dem richtigen Posten, dafür murrt die Basis nicht.

Eine Enttäuschung waren die afrikanischen Mannschaften. Kamerun, Nigeria und Algerien zu defensiv-halbherzig, Ghana nicht entschlossen genug, nur die Elfenbeinküste hat gute Chancen auf das Achtelfinale.

Schland war gut, bot mit Holland und Costa Rica die beste Leistung bisher. Götze muss ich nicht in der Startelf haben, aber Schürrle und Podolski sind natürlich die besseren Joker. Boateng wächst weiter über sich hinhaus,  niemand vermisst Schweinsteiger. Ich halte Ghana und die USA für stärker als Portugal, die nächsten Spiele werden enger.

 

 

 

 

 

 

Meine vier Geheimfavoriten »

Meine Geheimfavoriten für die WM sind so geheim, dass sie erst einmal geheim bleiben müssen. So viel sei an dieser Stelle verraten. Es sind zwei europäische, eine afrikanische und eine südamerikanische Mannschaft, denen ich eine große Überraschung zutraue. Vielleicht nicht gleich Weltmeister werden, aber zumindest als Wild Card Außenseiter ins Halbfinale stürmen und die Fans erfreuen. So wie die Türkei und Südkorea bei der WM 2002, oder wie Rußland und die Türkei 2008 bei der EM. Oder wie Dänemark 1992 bei der EM. Halt, die haben ja gewonnen. Also aufgepaßt. Wer den Gruppenkopf zu hoch trägt, sitzt am 26 Juni schon im Entmüdungsbecken.

Zwei der Länder sind ziemlich klein, weshalb die Menschen dort keine Mühe haben, auf engstem Raum Bälle in hoher Geschwindigkeit anzunehmen und zu verarbeiten. Die Bälle dort werden zu Schnetzeln verarbeitet und auf Kinderspielplätzen verstreut, wenn der Rindenmulch mal alle ist. Bei einem Land könnte man vermuten, dass sie mit langen Bällen, mit sehr langen Bällen, mit extrem außergewöhnlich langen Bällen immer nur durch die Mitte spielen. Aber das wäre vorschnell geurteilt. Das vierte Land hat nicht nur mehr als zwanzig Orte, die auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes stehen, sondern auch einen Ort, der zu den am schlimmsten verseuchten der Welt gehört. Kleiner Tipp: Es ist nicht die Müllkippe von Fröttmaning. Zwei Länder haben schon mal ein großes Turnier ausgerichtet, zwei der Länder sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. So viel erst mal dazu. Zu leicht soll es ja nicht werden.

Viel interessanter sind ja die Geheimfavoriten für die Ersatzbank von Herrn Löw. Lahm, Khedira, Schweinsteiger, Kroos und Özil sind alle gesetzt. Hätte Löw Kießling mitgenommen, könnte er ihn jetzt draußenlassen, aber so wird es eng. Ich finde immer noch, Schweinsteiger soll sich die Wettkampfhärte beim Aufreißen von Chipstüten und nicht auf dem Platz holen. Dann kann er nebenbei auch noch seinen nächsten Kartoffelchips-Werbespot drehen.

Auf anderen Plätzen:

Kai Butterweck fasst auf indirekter freistoss die (pflichtgemäße) Entrüstung in vielen Medien über die Verschwendungsucht der Verantwortlichen bei dieser WM zusammen. Zitiert werden u.a. Wolfgang Kunath (FR) zum neuen Stadion in Sao Paulo, Peter B. Birrer (NZZ) zum Korruptionsverdacht gegen die FIFA  und Astrid Prange (Deutsche Welle) über die pompöse Selbstinszenierung des Weltverbandes.

Frittenmeister von soccer-warriors.de hat einen Protestspot gegen Sepp Blatter eingestellt, in dem einige der legendärsten Fouls der WM-Geschichte zu sehen sind.

Jens Weinreich notiert seine Ideen zum FIFA-Kongress in Sao Paulo und ist froh, dass er seinen Bullshit-Counter dabei hat.

nächste Beiträge »
%d Bloggern gefällt das: