Saisonziel erreicht »
Dieter Hecking hatte sich zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 2012 für seinen großen Karrieresprung Nach Vorne in Richtung Wolfsburg entschieden. Da gab es am 24.12. mit meiner fußballsachverständigen Tante unterm Strohstern vom Christkindlesmarkt dringenden Gesprächsbedarf. Trainer Wiesinger? Könnte passen. Plötzliches Abstiegsdrama? Nein, es gibt ja Fürth und immer zwei andere, die schlechter sind. Europaleague? Kommt für diese Mannschaft noch zu früh, besser gleich auf Platz 3 landen. Saisonziel? Schnell die 40 Punkte holen. Zusatzziel? Vor Wolfsburg stehen am Ende.
Mit dem schönen Schlußspurt gegen Bremen gelang nicht nur mal wieder ein Heimsieg gegen die Hanseaten, dank des Eigentors des Wolfsburgers Rodriguez in der letzten Minute hüpfte der Club noch auf Platz 10 und holte mit 44 Punkten einen Punkt mehr als Heckings Europacupaspiranten. 44 Punkte, das sind zwei mehr als in der Vorsaison, in der es auch Platz 10 gab.
Seit der kernigen Aussage von Aufsichtsratsmitglied Klaus Schramm, “…mit der jetzigen Mannschaft kommt man nicht weiter…” frage ich mich welches “weiter” dem Herrn Schramm denn so vorschwebt. Vor einem Jahr habe ich nach einer negativen Heimbilanz (6-4-7) mit 22 Punkten gesagt, dass müsste besser werden. Damals stand der Club in der Heimtabelle auf Platz 13. Jetzt steht er mit sieben Siegen, sechs Unentschieden und vier Niederlagen auf Platz 9. Bei diesen sechs Untentschieden gehören die beiden 1-1 gegen Bayern und Dortmund zu den sportlichen Glanzlichtern der abgelaufenen Spielrunde. Aber um gegen Augsburg, den HSV, Freiburg und Hannover 96 zu gewinnen braucht es keine neuen Spieler. Es braucht die Zielstrebigkeit, die gegen stärkere Gegner wie Mainz und Schalke zu drei Punkten führte und die Courage, die gegen Düsseldorf und Bremen die letzten beiden Spiele drehen half. Mit diesen acht Punkten mehr hätte man 52 Punkte und stünde vor Freiburg und Frankfurt auf Platz 5. Siebzehn Heimsiege wären übrigens auch schon 51 Punkte. Klar, das ist Kaffeesatzleserei, aber bevor der Vorstand den frisch entschuldeten Verein wieder in die Miesen stürzt, lieber eine Hochrechnung mehr.
Die Abwehr, sechstbeste in der Liga, ist ein echtes Sahnestück. Ähnlich wie Dortmund (Subotic, Hummels, Santana) ist der Club in einer komfortablen Lage und verfügt über drei gleichwertige Innenverteidiger (Klose, Nilsson, Simons). Die Offensive läßt mit 39 Toren ein wenig zu wünschen übrig. Das ist der fünftschlechteste Wert, zehn Tore haben Abwehrspieler erzielt. Aber Freiburg wäre mit 45 Toren fast in die Qualifikation zur Champions League gekommen. Plattenhardt, Pekhart und Mak, das könnte eine ähnlich geile Combo werden wie Saenko, Schroth und Vittek. Plattenhardt schlägt Flanken wie der junge Pander, “der fliegende Robert” Mak lernt allmählich seinen Kopf zu gebrauchen, und Pekhart ist ein Glücksgriff. Wiederhole: Glücksgriff.
Wenn, ja wenn die Götze-Millionen nicht eine Kettenreaktion in Gang setzen. Dann sind Kyiotake (meiste Assists mit ruhenden Bällen in der Liga), Nilsson (torgefährlichster Abwehrspieler der Liga) und Esswein (pfeilschnellster Linksaußen der…naja, fast jedenfalls) plötzlich weg, und der Club kann mit mehr Geld um sich werfen, als Herrn Schramm lieb ist. Im Zweifel werden wir auch in einem Jahr im gesicherten Mittelfeld stehen – und selbstverständlich wenigstens einen Platz vor Hecking, wohin ihn das Karrieresprungbrett auch katapultiert haben mag.
Die Hoeneß-Apologetik entdeckt die Volksgemeinschaft »
Wenn ein Angehöriger der Oberen Zehntausend unter dem Verdacht steht, ein Betrüger zu sein, entdecken seine Apologeten die deutsche Volksgemeinschaft für sich. Das war bei Guttenberg so, das war bei Wulff so, das ist bei Hoeneß wieder so. Richard Herzinger schreibt am 27. Apeil auf welt.de, Hoeneß habe ein Verbrechen gegen die „kollektive deutsche Volksseele“ begangen. Und weil der Storch die Kinder bringt, findet Herzinger dann „nicht nur Wut und Entrüstung, sondern auch selbstmitleidige Enttäuschung und nölende Beleidigtheit“, ferner die „tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung“. Diese werfe Hoeneß vor, seine Seele an den schnöden Mammon verraten zu haben. Die darin zum Ausdruck kommende Trennung zwischen „entfesselten angelsächsischen Raubtierkapitalisten“ und „’sozialverträglichen’, da vom Volksganzen an die Kette gelegten und zu dessen Gunsten ‚gemolkenen’ Unternehmertum“ sei eine bizarre Fiktion, die tiefe Wurzeln in der romantischen deutschen Volkstumsideologie habe.
Wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo die Volksgemeinschaft her. Die Beflissenheitspublizistik entsichert ihren Blut-und-Boden-Revolver, wenn es darum geht, rechtsfreie Räume für Menschen zu verteidigen, die sich gleicher wähnen als nur gleich vor dem Gesetz. Für Herzinger ist Steuerhinterziehung Privatsache: „Wer sich dabei erwischen lässt, hat Pech gehabt und muss, wie bei jeder Gesetzesübertretung, die rechtlichen Konsequenzen tragen.“ Deshalb sei zu dem „Fall Uli Hoeneß“ nichts mehr zu sagen.
Was aber, wenn der Privatmann Hoeneß sich vor den staatlichen Karren spannen lässt, um Gemeinschaftswerte zu propagieren? Im Sommer 2012 profilierte sich der erfolgreiche Wurstfabrikant als Juryvorsitzender für einen Fotowettbewerb auf der Website des bayerischen Innenministeriums, die für Engagement im Ehrenamt wirbt. Neben einem Foto von Hoeneß grußwortet es dort: „Liebe Ehrenamtliche, mit Ihrem Einsatz für unsere Gesellschaft sind Sie Vorbilder! Wir brauchen Menschen wie Sie, die ihre eigenen Interessen zurückstellen und sich für andere einsetzen.“ Hallöchen Volksgemeinschaft. Unsere Ehre heißt Amt, hätte Herzinger wohl bramarbasiert, wenn er diesen Mummenschanz vom ehrenwerten Unternehmer gekannt hätte.
Für Herzinger liefert Steuerhinterziehung, überhaupt der kontrollierte Rechtsbruch, auch einen demokratietheoretischen Mehrwert. Schummeleien gegenüber dem Staat wie die schwarz beschäftige polnische Altenpflegerin gehörten zu den Voraussetzungen für das Funktionieren eines freien Gemeinwesens. „In diesem Sinne ist jeder Steuerpflichtige, der ein geselliges Abendessen beim Finanzamt als Geschäftstermin ausgibt, ein wenig daran beteiligt, das für eine freie Gesellschaft unerlässliche Spannungsverhältnis zwischen staatlich definiertem Gemeinwohl und ungezähmtem Einzelinteresse zu erhalten.“
Auf, wackere Demokraten, lasst uns Altöl in den Wald kippen, um die Müllgebühr zu sparen. Lasst uns blau machen, wenn wir im öffentlichen Dienst beschäftigt sind. Lasst uns schwarz fahren und Hartz IV abzocken, aber bitte nicht mehr als Klaus Zumwinkel Steuern hinterzogen hat.
Weil die Sehnsucht nach anständigem Unternehmertum so tief in der deutschen Volksseele verankert ist, gibt es auch ein altes trutziges, deutsches Wort dafür. Es heißt Compliance und kommt von der Wall Street. Die liegt am Hudson River in einem altgermanischen Siedlungsgebiet. Ups, das war jetzt ein Recherchefehler. Compliance kommt aus der Muttersprache des angelsächsischen Raubtierkapitalismus und heißt Regeltreue: die Einhaltung von Gesetzen, Richtlinien und freiwilligen Kodizes. Herzilein, du musst nicht traurig sein. Compliance ist durch und durch transatlantisch, so westlich wertegemeinschaftlich wie freier Waffenbesitz und Angriffskriege. Es sind die USA, die seit Jahren Druck auf die Schweiz ausüben, um die Schwarzgeldökonomie dort still zu legen. Es sind us-amerikanische Politiker, die der Kongress stundenlang in die Mangel nimmt, bevor sie Minister werden. Die us-amerikanische Juristin Zoe Baird durfte vor zwanzig Jahren nicht Generalstaatsanwältin der USA werden, weil sie ein Kindermädchen und einen Chauffeur ohne Sozialabgaben beschäftigt hatte. Nicht aus Polen, sondern aus Peru. Sie musste 2900 Dollar Strafe zahlen. Zumwinkel zahlte eine Million Euro, an die Allgemeinheit übrigens, wie jeder, eine Geldstrafe zahlt. Der Freiheit eine Kasse.
Alles für diesen Moment? »
Beim Club hängt nach dem verlorenen Derby gegen “Die Heimsieglosen” der Haussegen schief. Recht so, wäre ja noch schöner, wenn man danach zur Tagesordnung übergehen würde. Jetzt blaffen sich die Ultras und einige Spieler (Balitsch, Schäfer) an. Beide Parteien haben recht. Auch der gemeine Ultra müßte schon rote-schwarze* Tomaten auf den Augen haben, um zu ignorieren, dass sich der Club weiter entwickelt hat und im Rahmen seiner Möglichkeiten eine gute bis sehr gute Saison spielt. Früher wäre die Mannschaft nach einem abrupten Trainerwechsel vor Weihnachten durchgereicht worden, diese Saison hat man den Klassenerhalt früher als je zuvor gesichert, mit Kiyotake aus dem Stand den besten Scorer der Liga verpflichtet und mit Klose den nächsten überragenden Innenverteidiger auf den Weg gebracht. Das 3-0 gegen Schalke war ein Sahnestückchen, wenn auch gegen den falschen Verein. Dass Europa verpasst wird, ändert daran nichts. Lieber nächste Saison neun Punkte mehr auf dem Konto als ein Heimsieg gegen Anarthosis Famagusta.
Wäre das den Traditionalisten wirklich lieber: ein 1-0 gegen Fürth, 28 Punkte auf dem Konto, und in den kommenden Jahren viele, viele Zweitligaspiele mit vielen, vielen Siegen gegen Fürth? Der Club hat als einzige Mannschaft den Bayern und Dortmund in ihren Auswärtsspielen den Zahn gezogen, vielleicht kann das die mittelfränkische Seele trösten,auch wenn die Hinrunde schn wieder verdammt lang her ist.
Auf der anderen Seite ist es nervig, wenn Schäfer sich aufs große Ganze zurückzieht und Balitsch den Dienstleister raushängen läßt. Das klingt bei beiden so, als glichen sich 34 Bundesligaspiele wie 34 Doppel-Cheeseburger. Balitsch wird vom kicker zitiert: “Wenn ich heute als Nürnberger Familienvater mit meinem Sohn hierhergekommen wäre, um die Mannschaft zu unterstützen und werde dann von einem Teil der so genannten Fans runtergebrüllt, dann ist das eine untragbare Situation.” Balitsch kann sich sicher sein, dass der von ihm angeführte Familienvater auf die Niederlage gegen Fürth genauso abgekotzt hat wie die Ultras. Vor allem, wenn der Arbeitskollege oder die Schwiegertochter Fan der Spielvereinigung ist und der Mann sich jetzt bis zum nächsten Duell diese Niederlage und die – viel schmerzhaftere – im Pokal aufs Brot schmieren lassen muss. Ein Profi, der sich über Emotionen nach einem verlorenen Derby beschwert, könnte auch sagen: Ui, ist das aber schmerzhaft laut hier, wenn er vor dem Anpfiff ins Stadion läuft. Balitsch hätte fast den Ausgleich geköpft gegen Fürth und ist immer einer, der sich reinhängt, wenn es mal nicht so läuft. Und Schäfer spielt tatsächlich seine beste Saison seit dem Pokalsieg. Insofern haben sich die beiden wirklich weniger vorzuwerfen als andere Spieler. Aber dass die Treuesten der Treuen nicht kommentarlos zur Tagesordnung übergehen, darüber müssen sie nicht jammern. Ein Sieg in Hoffenheim hätte die Situation übrigens merklich entspannt, aber diese Chance hat die Mannschaft ebenso hergeschenkt wie die, die sie sich gegen Fürth erarbeitet hatten.
*schwarz zum Beispiel Black Prince oder Schwarze Krim
Ästhetisch ansprechend, aber meist spannungsarm »
Mählich plätschert diese Bundesligasaison vor sich hin. Viele Entscheidungen scheinen bereits gefallen. Fürth hat am Wochenende leider wieder einmal den ersten Heimsieg verpasst. Mittlerweile spielen sie zwar mit Herz in der Hand und Arsch in der Hose, aber immer noch vollkommen planlos. Zumindest ist man auf den Zweitligaabstieg gut eingestellt. Durchaus möglich, dass sie in den kommenden Jahren wieder vorne mitspielen und sich dann auch ein bundesligataugliches Management gönnen.
Vorne darf Bayern tun und lassen, was es will. Dass der chronisch selbsternannte Europa-Aspirant HSV ein paar vor den Latz gekriegt hat, ließ mich dann doch mal kurz grimmig aufschmunzeln. Es gibt keinen Verein in der Liga, bei dem Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander liegen wie bei den Hamburgern. Sie spielen zwar nicht mehr gegen den Abstieg, sind aber von ausgereiften Teams wie Mainz oder Hannover immer noch ein, zwei Entwicklungsschritte entfernt. Von Schalke oder Leverkusen gar nicht zu reden.
Der Kampf um Platz 4, 5 und 6 enthält wenigstens noch einen gewissen Grad Restspannung. Den Schalkern wäre der vierte Platz zu wünschen. Leichtfertig haben sie das CL-Viertelfinale gegen Galatasaray hergeschenkt. Man kann im Achtelfinale ausscheiden, darf es aber nicht, wenn man nach einem 1-1 auswärts daheim 1-0 führt. Trotzdem hätten die meisten Vereine gerne diese immer wieder beschworene Schalker “Krise”. Bitte nicht wieder Heynckes als Trainer auf Schalke.
Leverkusen hat sich in dieser Saison klammheimlich verbessert. Die sehr guten deutschen Spieler, die gerade dort beschäftigt sind (Bender, Castro, Kießling, Rolfes), müssen wieder einmal erfahren, dass die Chancen schlechter sind, Nationalspieler zu werden, wenn man bei Leverkusen spielt. Ob Nowotny oder Kirsten, Friedrich oder Adler, der DFB legt bei Leverkusener Spielern strengere Maßstäbe an als bei anderen Vereinen. Dass Löw gerne wendige Stürmer hat, glaubt man übrigens gleich, wenn man sieht, dass Hanke und Helmes (ex-Leverkusen) nie eine echte Chance bekommen haben. Aber macht ja nichts. Sollen Kießling und Co nächste Saison eben gut erholt die Champions League aufmischen.
Frankfurt war vor dem Spiel in Fürth auf Platz 7, jetzt ist es punkt- und torverhältnismäßig gleichauf mit Schalke. Eine ganz enge Kiste. Mainz hält super mit, Gladbach schwächelt, Hannover greift nochmal an. Und leise, leise schleicht sich der Club nach oben. Seit dem Pflichtsieg in Augsburg ist das Team aller Abstiegssorgen ledig, und unter Wiesinger reift die Mannschaft von Spiel zu Spiel. Das 3-0 gegen Schalke mit dem Dusel in der ersten Halbzeit habe ich live gesehen. Das hatte zwar noch nicht die Kaltschnäuzigkeit der 2007er-Pokalmannschaft, aber vieles gefällt mir beim Club im Moment. Die drittbeste Abwehr zum Beispiel. Pinola fällt als Grobmotoriker zwar technisch ab im Vergleich zu Balitsch, Klose, Nilsson, Chandler, aber dass er wichtig ist, dass er in diesem meist zu braven Team Feuer erzeut, ist zu sehen. Zusammen mit Esswein gibt er über links ein bärenstarkes Außenduo. Soll er einen neuen Vetrag kriegen? Auf jeden Fall, aber Bader und Wiesinger müssen bald einen Nachfolger organisieren.
Pekhart ist auch super. Er erinnert mich – mit Verlaub – an Marco van Basten. Noch ist er nicht so genial gut, aber für einen “Wandspieler” (vulgo Mittelstürmer) hat er eine hervorragende Spielübersicht und eine superbe Technik. Er ist elegant, sehr fair und wird immer torgefährlicher. Neben Klose ist er vermutlich der, der am ehesten abgeworben werden wird. Insofern wäre dem Club eine Teilnahme am europäischen Wettbewerb zu wünschen. Die Mannschaft wirkt gefestigt genug, um die Doppelbelastung besser zu verkraften als im Abstiegsjahr 2008. Voraussetzung ist natürlich, dass Wiesinger bleibt, aber das klappt schon.
Steigt Frankfurt noch ab? »
Ick würde mir ja freuen wie Bolle, wenn die noch nach unten durchgereicht würden. Wenn die Niederlage gegen Leverkusen der Auftakt für eine divenhafte und launige Niederlagenserie gewesen wäre. Aber gegen Leverkusen verliert ja quasi fast jeder, sogar die Bayern. Leverkusen spielt im Moment geradezu unwirklich stabil und ausgeglichen. Vorneweg Stefan Kießling, der natürlich gegen Schranze Gomez in der Nationalelf keine Chance hat. Hat der Bundestrainer nicht erst neulich gesagt, Gomez sei ein ganz anderer Typ als Kießling? Ein ganz anderer Frisurentyp? Oder meinte er die Hautpflege? Eine erste Amtshandlung Guardiolas wird es vermutlich sein, Gomez einem spanischen Mittelklasseverein aufs Auge zu drücken.
Apropos Mittelklasse: Über den Punkt gegen den HSV kann sich der Club nicht beschweren. Schäfer und der Pfosten, Schäfer und der Pfosten, dazu knapp fünf Minuten schneller Offensivfußball, um ein schön herausgespieltes Ausgleichstor zu erzielen. Wiesingers Einstand ist geglückt. Es hätte nach dem blitzschnellen Wechsel von Hecking viel schlimmer werden können. Ob ein Auswärtstor für einen Punkt reicht in Dortmund? Die Abwehr beim Club stand bis Chandlers Auswechslung ausgezeichnet. Aber dieser Mak ist halt leider kein Knipser. Vielleicht ja Pekhart seit gestern. Hat im Club-Online-Shop die Knipser-App runtergeladen. Die schwarz-gelben Laufwunder sind punktgenau in Galaform. Einen wie Sahin können sie immer brauchen, Gündogan wird für die Champions League geschont. Und Augsburg gewinnt plötzlich. Drei zu zwei für die Bärte. Höre und staune.
Schöne Bescherung – Bader kriegt einen Trainergutschein »
Schwupp, da war der Trainer weg. Hübsch eingefädelt vom Strippenzieher Allofs, dieser Wechsel. Pünktlich zum Fest beschenkt sich der Manager des VfL Wolfsburg selbst und sein Kollege Martin Bader beim 1. FC Nürnberg bleibt muss sich mit einem Gutschein über “1 Cheftrainer, neu oder gebraucht” auf dem Gabentisch begnügen.
Ob Hecking sich damit einen Gefallen tut, ich habe meine Zweifel. Wolfsburg hegt seit der Meisterschaft 2009 äußerst ambitionierte, um nicht zu sagen, überkandidelte Ziele. Und die 40 Punkte plus X, die er in Franken regelmäßig eingefahren hat, werden beim leider stets tragisch verhinderten Champions-League-Teilnehmer für eine erfolgreiche Saison nicht ausreichen. Könnte sein, dass Hecking sich ähnlich verzockt hat wie sein einstiger Zögling Schlaudraff mit seinem Wechsel zu den Bayern. Hoffentlich hat sich der Club nicht nur eine Ablöse, sondern auch die Verpflichtung von Alexander Madlung und Sebastian Polter bei diesem Deal gesichert.
Muss eigentlich nur noch geklärt werden, wer Hecking nachfolgt. Peter Neururer wird zwar immer genannt, wenn der Club einen Trainer sucht, aber der leistet als Fachkommentator bei Sport 1 einen so hervorragenden Job, dass ich ihn mir gar nicht auf der Trainerbank vorstellen möchte. Jedenfalls nicht beim Club. Lothar “Weltbürger” Matthäus, der mittlerweile fast so oft geheiratet hat wie der Club abgestiegen ist, würde den Verein in kürzester Zeit zwar bekannter machen als Justin Bieber und Lady Gaga zusammen. Jedoch lassen sich die umfassenden familiären Verpflichtungen des Rekordnationalspielers mit einer derartig verantwortlichen Position nicht vereinbaren.
Markus Babbel muss Hoffenheim erst einmal verdauen und einen Trainer, der sich nur für die Bayern in Stellung bringen möchte, mag ich nicht. Ralf Rangnick wäre toll, aber gegen die Aufgabe, RB Leipzig in die Dritte Liga und RB Salzburg zum Fußballspielen zu bringen, nimmt sich das Ziel, den Club zur Deutschen Meisterschaft zu führen, viel zu simpel aus. Huub Stevens passt mit seinem mürrischen, wortkargen Pessimismus zwar hervorragend zur fränkischen Lebensart, aber ob er sich wirklich noch einmal motivieren kann, nachdem er mit Raul gearbeitet hat, wer weiß.
Mein Favorit ist nach wie vor Klaus Toppmöller, dessen Bundesligakarriere nicht durch Unvermögen, sondern durch Robert Hoyzer zerstört wurde. Toppi hat mit Frankfurt und Leverkusen Fußball spielen lassen, der noch schöner war als das, was Klopp seinen Duracell-Häschen beigebracht hat. Und fürs erste wären in Nürnberg mit dreimal Vize alle auch ganz zufrieden. Toppmöller ist sehr erfahren, hat ein Händchen für junge Spieler, liebt die Offensive und weiß, wie man die Bayern düpiert. Im Moment ist er vertragslos.
Aber vielleicht springt Hans Meyer für ein halbes Jahr ein, oder Andy Köpke hat eine Ausstiegsklausel beim DFB. Oder Dieter Eckstein kommt. Der Publikumsliebling betreut zur Zeit den DJK/SV Mitteleschenbach in der A-Klasse Frankenhöhe und wäre quasi die klassische Eigengewächslösung. Abwarten und Tee trinken. Apropos Tee – wo steckt eigentlich Felix Magath?
Verdient, wenn auch irregulär »
Verdient, wenn auch irregulär. So bezeichnet der kicker das 1-1 der Bremer gegen Nürnberg in seinem Spielbericht. Das trifft es ziemlich genau. Die Schiedsrichter dürfen trotzdem gerne genau hinsehen. Krasse Fehlentscheidungen haben den Club in den letzten beiden Auswärtsspielen mindestens vier Punkte gekostet. Er ist aber nicht deswegen noch in Tuchfühlung mit dem Relegationsplatz, sondern aus eigenem Unvermögen. Das 0-0 gegen Augsburg und das 0-2 gegen Stuttgart, beide zuhause, bedeuteten mindestens drei leichtfertig vergeudete Punkte, alle anderen Ergebnisse spiegeln den Leistungs- bzw. Entwicklungsstand in der Hinrunde recht gut wieder. Zwanzig Punkte sind eine Punktlandung im Rahmen der Möglichkeiten.
Gegen die bärenstarken Frankfurter und die heimstarken Hannoveraner durfte man verlieren, gegen letztere vielleicht nicht grad 1-4, aber sei’s drum. Freiburg und vor allem Mainz sind im Moment noch einen Schritt weiter als der Club, wobei der Auftritt in Freiburg neben dem Pokalaus in Havelse der lahmarschigste Auftritt von allen war. Siege gegen den HSV, Gladbach, Wolfsburg, Düsseldorf und Hoffenheim zeigen, dass der Club sowohl potenzielle Abstiegskonkurrenten als auch Vereine mit ganz anderen finanziellen Möglichkeiten sportlich in Schach halten kann. Am Limit spielten die Nürnberger gegen Dortmund und Bayern und konnten dabei spielerisch und taktisch mithalten. Mit den beiden 1-1 ist der Club der einzige Verein, der gegen die beiden Großen in der Hinrunde punkten konnte. Gladbach holte einen Punkt in München und verlor 0-5 gegen den BVB, Leverkusen gewann gegen Bayern und verlor 0-3 in Lüdenscheid. Alle anderen verloren mindestens einmal.
Leise hoffnungsvoll stimmt, dass der Club in der Rückrunde meist immer ein bißchen stärker ist als in der ersten Saisonhälfte. Viele Spieler zeigen aufsteigende Tendenz: Gebhardt sowieso, aber auch Polter, Feulner, Cohen und Mak sahen gut aus in den letzten Wochen. Die Heimbilanz ist mit 12 Punkten positiv. Dass die Mannschaft die sechstbeste Abwehr hat, liegt nicht zuletzt an Raphael Schäfer, der seine vielleicht beste Hinrunde beim Club gespielt hat. Wegen ihm und weil Pinola richtig fit ist, ist die mannschaftliche Geschlossenheit noch größer als im Vorjahr. Dass es defensiv so gut läuft, hätte ich nach dem Weggang von Wollscheid nicht gedacht. Wenn jetzt auch noch Madlung kommt, wäre das kein Schaden. Und wegen Schieber könnte man ja mal anfragen. Der lernt bestimmt sehr viel in Dortmund, aber seine beste Saison hatte er beim Club.
Vor einem Jahr hatte man in der Noris 18 Punkte und der Vorsprung auf den Relegationsplatz betrug zwei Punkte. Vor zwei Jahren hatten sie 22 Punkte und sieben Punkte Vorsprung. Diesmal sind es acht Punkte auf Platz 16 und sechs Punkte auf Platz fünf. Mal sehen, was geht.
Killing them Softly »
Diego hat seit Neuestem ein Brad-Pitt-Bärtchen. Nicht nur deshalb hat er den falschen Elfmeter gegen Dortmund eiskalt ins richtige Eck geschossen und dann noch zweimal den tödlichen Pass serviert, einmal für Naldo und einmal für Dost. Der kleine Zauberer, der dem Ball nicht einmal Vingardium Leviosa zuraunen muss, um ihn mit schwebender Leichtigkeit in die Schnittstelle zu bugsieren, kommt allmählich in Spiellaune. Und auch, wenn der VfL am Samstag Stark bevorzugt wurde, wird er immer stärker.
Irgendjemand hat geschrieben: Stark entscheidet die Meisterschaft. Aber das war bei elf Punkten Rückstand vor dem Spiel eine sehr optimistische Einschätzung. Stark hat seinen Fehler zugegeben und sich entschuldigt. Hoffentlich wird er jetzt nicht trotzdem zu Tode gesteinigt, in Beton eingegossen oder seine Frau als Schiri-Hure durchs Dorf gejagt. Heutzutage weiß man ja nie, was sich TMFKAF The Mob Formerly Known As Fans als Nächstes ausdenkt, um seine Liebe zum Sport oder zur eigenen Mannschaft zu artikulieren. Dortmund kann sich mit der Champions League trösten. Genauso wie Schalke, dem manche gerne eine Krise andichten würden. Für das Jahr eins nach Raul und das Verletzungspech, das Königsblau bisher hatte, spielen sie eine sehr solide Hinrunde.
Der deutliche Vorsprung der Bayern führt dazu, dass es noch nie so einfach war wie in dieser Saison, einen Platz in der Champions League zu ergattern. Nürnberg ist nach dem Sieg gegen Düsseldorf (wieder mal zu Null) sieben Punkte vor dem Relegationsplatz und acht Punkte hinter einem direkten CL-Platz. Genau wie Wolfsburg. Das nennt man dann wohl Mittelfeld, auch wenn es sich um Platz 13 und 14 handelt. Es wird noch ein großes Hauen und Stechen und Dribbeln und Schnibbeln um die Teilnahme am Millionenspiel geben.
Wolfsburg könnte mit einem Heimsieg gegen Frankfurt am letzten Spieltag vor der Winterpause die Volatilität der letzten Spielrunden abschütteln, die wild gezackte Fieberkurve eines Teams, das sich noch nicht gefunden hat, aber großes Potenzial besitzt. Es spricht einiges dafür, Köstner zum regulären Cheftrainer zu machen. Es lag ja nicht nur an Diego und an Stark, dass Wolfsburg in Lüdenscheid gewonnen hat. Benaglio und Schäfer schnuppern an der Form des Meisterjahres, Naldo ist wieder fit und torgefährlich, Dost ist der erhoffte Knipser. Nur Olic ist ungefähr so glücklos wire Thomas Müller in der Vorsaison und wird wohl noch weitere schöpferische Pausen erhalten. Mit den Wölfen könnte in der Rückrunde wieder zu rechnen sein. Ob sich die anderen Teams schon Gedanken über einen Wolfsmanagementplan machen?
JoJos unter sich »
Oder sollte man sagen, Wundertüten. Wolfsburg, Stuttgart, Gladbach und der HSV. Mit schöner Regelmäßigkeit folgt Sieg auf Niederlage, Niederlage auf Sieg. Je nach Gemütszustand steht man im Abstiegskampf oder schnuppert an den internationalen Plätzen. Mal gibt es die beste Saisonleistung, dann wieder apathisches, ratloses Gekicke. Es ist noch völlig unklar, wohin die Leistungskurve am Ende weisen wird. Und das sollte allen, von Frankfurt in der Spitzengruppe bis Hoffenheim auf dem Relegationsplatz zu denken geben. Wenn man die Tabelle von vor einem Jahr betrachtet, dürfen sich Augsburg und Fürth bereits jetzt in klammheimlicher Freude üben, denn am Ende erwischte es Hertha (Platz 10, heute Freiburg), Köln (Platz 11, heute Stuttgart) und Kaiserslautern (Platz 16).
Der Club hat gestern vielleicht nicht seine beste, aber sicher seine spektakulärste Saisonleistung geboten und nach den drei Katastrophenspielen gegen Hannover, Stuttgart und Freiburg mit acht Punkten aus den letzten vier Spielen so etwas wie eine Konsolidierung erreicht. Dabei hat er auch gegen Bayern gut ausgesehen und gegen die lieben Verwandten im Ronhof einen Punkt geholt. Dass das Derby spielerisch ein Armutszeugnis und eine große Klopperei war, liegt an dem besonderen Charakter dieser Begegnung. Keiner wollte Szenen wie beim Pokalspiel haben, aber die Aggression war trotzdem drin. Kein Wunder, wenn man 50 Jahre darauf warten musste. Das wird im Rückspiel ganz anders werden, auch weil Fürth in der Rückrunde abgeklärter auftreten wird.
Gestern fielen die Tore für den Club genau zum richtigen Zeitpunkt, und die Torschützen waren alle Neuzugänge, wenn ich den Langzeitverletzten Nilsson beim 2-1 einfach mal dazu rechnen darf. Gebhardt wird immer mehr zur Leitfigur, erst stibitzte er den Ball von Kiyotake, dann wurde sein Lattenknaller zur Vorlage für Nilsson. Und dieses 4-2 von Kiyotake, mein lieber Mann. In zwei Jahren spielt der auch in Manchester und der Club läßt sich die Nordkurve mit Blattgold auskleiden. Die Abwehr spielt nicht mehr vogelwild, seit die poststrukturalistische Spielanlage (Marcos Antonio) erfolgreich überwunden wurde. Sechs Gegentore in den letzten sieben Spielen sind sehr solide.
Jetzt gibt es noch einmal drei ganz schwere Hürden auf dem Weg zum Zwischenziel. Ein Punkt in Leverkusen wäre groß, dann noch ein Sieg gegen Düsseldorf und die Ernte wäre eingefahren. Wenn Bremen am letzten Spieltag der Hinrunde gerade wie am Schnürchen nach unten saust, auf dem Weg von Jo nach Jo, nehmen wir gerne noch drei Extra-Punkte mit – und planen dann in aller Ruhe für die Champions League gegen Aue.
Manuel Neuer, das Problem Nummer Eins »
Am Samstag gegen Nürnberg hat er mal wieder spielentscheidend gepatzt, Manuel Neuer, der vermeintlich beste Torwart seiner Generation. Klar, Feulners Schuß hatte Effet, aber das kommt gelegentlich vor, sogar bei Gegnern, bei denen die Bayern drei Punkte fest eingebucht haben. Der Katastrophenfehler, der Thomas Kraft im April 2011 im Spiel in Nürnberg unterlief, als er von Christian Eigler gleichfalls zum 1-1-Endstand übertölpelt wurde, kostete den jungen Torhüter den Stammplatz und seinen Trainer Louis van Gaal den Job. Neuer wird Feulners Flatterball nichts kosten, genauso wenig wie die beiden kapitalen Böcke gegen Gladbach in seiner Gurkensaison 2011/12. Wer 25 Millionen Euro gekostet hat und von Kim Il McRummenigge mit öffentlichen Liebesbekundungen bedacht wird, steht über aller Kritik. Außerdem wollte vor dem Juni 2012 niemand den wie selbstverständlich anvisierten EM-Titel gefährden, indem er die Nummer Eins der Nationalmannschaft in Frage stellte.
Neuer hat zweifellos überragende Fähigkeiten, bei den Bayern aber ruft er sie aber viel zu selten ab. Seine Leistungskurve geht nach unten, seit er von Schalke weg ist. Dort hatte er beim kicker als Saisonnoten 2,61 (2006/07), 3,10 (2007/08), 2,91 (2008/09), 2,90 (2009/10) und 2,79 (2010/11). In der ersten Saison bei Bayern landete Neuer mit 3,13 auf Platz 16 im Torhüter-Ranking, sogar die bei Bayern ausgebooteten Michael Rensing (Köln) und Kraft (Hertha) standen vor ihm.
In der laufenden Saison hat Neuer die Note 3,00. Vor ihm stehen unter anderem Oliver Baumann (Freiburg), Raphael Schäfer (Nürnberg), der beim DFB ohne Hausmacht agierende Roman Weidenfeller (Dortmund) – und René Adler vom HSV, mit 2,17 auf Platz 2 hinter dem Überflieger Kevin Trapp (Frankfurt). Adlers eindrucksvolles Comeback zeigt, was es bewirken kann, wenn ein Torhüter Leistungsträger ist. Der HSV mit seiner angezählten sportlichen Leitung Frank Arnesen/Thorsten Fink wurde vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat Nummer Eins gehandelt. Falls es einen einzelnen Spieler gibt, dem der Liga-Dino sein Sechs-Punkte-Pölsterchen zum Relegationsplatz verdankt, dann ist das Adler. Seit er beim HSV ist, wird die Mannschaft schrittweise besser. Bei Neuer ist man seit seinem Premierenpatzer gegen Igor de Camargo froh, wenn er nicht negativ auffällt. Neuer ohne Chance, so der Minimalkonsens, wenn es mal klingelt.
Ein einziges Spiel hat er den Bayern gerettet, das war das zweite Halbfinale in der Champions League gegen Madrid. Es folgten Rummenigges Elogen. Daniel Klewer hat dem Club gleich zweimal ein Elfmeterschießen gewonnen, im Achtelfinale gegen Unterhaching und im Viertelfinale gegen Hannover, auf dem Weg zum Pokalsieg 2007. Ist er deswegen eine Kultfigur beim Club? Selbstverständlich. Aber der letzte Weltklassetorwart in der Noris war Andy Köpke. Klewer hat seinen Job gemacht, genau wie die vielen Amateurtorhüter, die auch schon mal ein Elfmeterschießen entschieden haben, vielleicht sogar gegen einen großen Verein. Klewer hat am Ende einen Titel geholt, Neuer nicht.
Neuer hätte zum Beispiel den Kopfball von Didier Drogba halten können, der das 1-1 im Champions League Endspiel 2012 bedeutete. Eigentlich unhaltbar, gewiss. Aber 2006 in der Verlängerung des WM-Endspiels entschärfte Gigi Buffon ein ähnliches Kaliber von Meister Zidane persönlich, ehe dieser dann mit einem weiteren Kopfstoß den vielen Gründen für seine Unsterblichkeit einen neuen hinzufügte. Der kicker schreibt: “Sekunden darauf hatte Zidane nach Sagnols butterweicher Flanke die Riesenkopfball-Chance, doch Buffon ließ den französischen Torschrei mit einem Superreflex verstummen.” Diese Parade, nicht das anschließende Elfmeterschießen stellte Buffons Extraklasse unter Beweis. Auch Neuer hätte einen unhaltbaren Kopfball halten können, hat er aber nicht. Dafür hat er sich im Pokalendspiel 2012 gegen Dortmund von Lewandowski tunneln und einige Wochen zuvor im entscheidenden Bundesligaspiel vom gleichen Spieler mit einem Hackentrick übertölpeln lassen. Klar, die Feldspieler der Bayern standen in allen drei Situationen neben sich, aber das war beim HSV zwei Jahre lang nicht anders – bis Adler kam.
Rufen wir uns die Voraussetzungen für Neuers kometenhaften Aufsteig noch einmal ins Gedächtnis. Nach der WM 2006 war Jens Lehmann die alleinige Nummer Eins im Tor der DFB-Elf. Als legitimer Kronprinz galt Timo Hildebrand, der seine Ansprüche mit der Meisterschaft im Tor des VfB Stuttgart 2007 unterstrich und danach mit dem Abstecher nach Valencia seine Karriere erst einmal gegen den Baum fuhr. 2008 beendete Lehmann seine Karriere im DFB-Team, Robert Enke und René Adler kämpften fortan um Platz Eins. Im November 2009 nahm sich Enke das Leben. Ein halbes Jahr später erlitt Adler einen Rippenbruch. Mit der Erfahrung von drei Halbzeiten in der A-Mannschaft wurde Neuer Stammtorhüter für die WM 2010. Er erledigte diese Herausforderung einerseits mit Bravour, andererseits mit der Diskretion eines Novizen. Den Kopfball von Puyol im Halbfinale 2010 muss man auch nicht halten, darf man aber. So wie Iker Casillas das gegen Arjen Robben im Endspiel irgendwie hingezwirbelt hat.
Im Halbfinale gegen Italien 2012 wurde Neuer wie auch im Verein Opfer seiner Vorderleute, so zumindest die offizielle Version. Ich finde, wenigstens Balotellis Kopfball zum 1-0 hätte er wegfausten müssen, anstatt auf der Linie zu kleben. Muss er eben Badstuber umnieten. Oder Balotelli und Badstuber. Das 2-0 hätten zugegebenermaßen weder Buffon noch Adler noch Köpke noch Casillas gehalten.
Die Bundesliga bringt in jeder Saison mindestens einen überdurchschnittlichen jungen Torhüter hervor: Ron-Robert Zieler, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno. Mittlerweile herrscht, anders als im Mai 2010 kein Mangel. All diese Torhüter zerreißen sich auf dem Platz für ihre Mannschaft, auch wenn sie in der nächsten Woche vielleicht ihren Vertrag brechen. Neuer wirkt immer so, als spielte er für sich allein. Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn er weiter patzt, Adler weiter punktet und der wieder genesene und bei Schalke gut gestartete Hildebrand die internationale Bühne nutzen kann. Das Leistungsprinzip sollte beim DFB nicht nur dann angerufen werden, wenn es darum geht, verdiente Spieler abzuschieben. Wie wäre es mit einem ergebnisoffenen Wettbewerb zwischen Torwart 1a und Torwart 1b? Das hat doch 2006 sehr gut funktioniert.
Vielleicht hat ja Matthias Sammer ein Einsehen mit Neuer und verkauft ihn und Mario Gomez gleich mit. Sammer hat die beiden 25-Millionen-Einkäufe, die ständig besser gemacht werden, als sie spielen, nicht zu verantworten. Neuer hhätte anderswo die Chance, ein ganz Großer zu werden. Oder einfach nur besser als in den letzten 17 Monaten.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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