Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


« Ein Schlüsselspiel

Letzten Freitag war ich in Hamburg und logierte unweit der Reeperbahn in einem sehr solide geführten Hotel mit stilechtem Blick auf die Heilsarmee, einem Gay Toy Shop und verschiedenen Diensteleistungsanbietern, die das Wort “Erotik” im Firmennamen tragen. In der hauseigenen Kneipe grüßten freundlich-deliröse Kampftrinker, beim Frühstück am Samstag tummelten sich zahlreiche Clubberer in Vorfreude auf das HSV-Spiel. Das Stadion am Millerntor liegt nur fünf Minuten entfernt, also zog ich los zum Heimspiel bei Flutlicht. Durch lose verstreut herumstehendes Rummelzubehör – Wohnwägen, Karussells, Büdchen – das im Dezember immer noch ein bisßchen trister aussieht als sonst, führte der Weg zu den Kassen, zum Licht. “Hansa Rostock? They are just pussies” schallte es aus einem Lautsprecher und es erklang guter alter Schrammelpunk, so unverwüstlich, so zeitlos wie die Matthäus-Passion. Obwohl ausverkauft, erwarb ich schnell ein Ticket für die Nordkurve. Es war eine regenfreie Nacht mit milden 8 Grad, der Wind wurde in Böen zunehmend stürmisch. Das konnte man von St. Pauli nicht unbedingt sagen. In der ersten Halbzeit war es doch ein arges Gebolze. Die Stimmung war jedoch herausragend gut. Erstmals hörte ich englischsprachige Anfeuerungs- (”St. Pauli we love you”) und Schmähgesänge (”not the fucking Wuppertal”). Das von den Medien zu Tode gerittene “You’ll never walk alone” gab es natürlich auch. Seine Karriere hat sich in den meisten Stadien getreu dem Schema Geheimtipp – Kult – Hype -  Phrase längst erschöpft. Nur in St. Pauli, wo es losging, erklingt es inbrünstig wie eh und je. Wer genau hinhört, merkt, dass die Leute “Sankt Paule” singen, das schreit sich besser als auf i.

Bei Ecken ziehen die Fans ihre Schlüsselbunde heraus und fangen an zu klimpern. Das, so klärte mich meine nette und bewanderte Nordkurvennachbarin auf, hat seinen Ursprung wie folgt: Vor mehr als fünfzehn Jahren gab es einmal eine Ecke für St. Pauli und im gleichen Moment gab der Stadionsprecher durch, dass ein Schlüsselbund gefunden worden sei. Jeder solle doch mal nachsehen, ob er seinen noch habe. Dies geschah und als der Ball hereinflog, hatten alle ihre Schlüssel in der Hand.

Ecken gab es an diesem Freitag in der zweiten Halbzeit auch eine Menge für St. Pauli, und alle hofften, das 1:0 aus der 45. Minute könnte ausgebaut werden. Leider verdaddelten St. Paulis mittlerweile gefällig und direkt nach vorn spielenden Ballsportfachkräfte eine Großchance nach der anderen und in der 80. Minute machte the fucking Wuppertal das 1:1. Viel gelaufen, dumm gelaufen.

Trotzdem war es ein prima Abend. Das Fischbrötchen war ausgezeichnet, die soziale Kompetenz der St. Pauli Fans war überragend. Gerne verschaffte man mir einen Stehplatz außerhalb einer Pfütze von der Größe der Innenalster, niemand rümpfte die Nase darüber, dass ich ohne Kutte, ohne Schal, ohne Totenschädel im Block der Treuesten der Treuen stand. Fachkundig und lautstark pöbelte mein Hintermann den Wuppertaler Ersatztorwart derart an, dass dieser zusammenzuckte, als habe ihn der eigene Trainer beim Wickel. Trainer Stanislawski sagt, man läge auf Platz 12 in Lauerstellung für die Zweite Liga. An den Fans wird der Aufstieg jedenfalls nicht scheitern.

Ein Kommentar zu “Ein Schlüsselspiel” (1)

Marco Malet
Sehr verehrter Herr Alef! Hatte ich Sie nie zum ehrenwerten SV Babelsberg eingeladen? Auch da gehört es selbstredend zum guten Ton, bei Eckbällen sein Schlüsselbund hervorzuzaubern. Ein Phänomen, welches ich auch schon in anderen Fankurven beobachten konnte, z.B. beim Roten Stern Leipzig. Bleibt zu überlegen, wer hier von wem abgeschaut hat.
Liebste Grüße: Marco Malet

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