Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


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Der spielfreie Tag soll genutzt werden, um herauszufinden, warum wegen eines Gelsenkirchener Vorortvereins die Emotionen immer so hochsterilisiert werden.

Nicht das (ehemals) Linke an Schalke ist es, das so intensive Reaktionen hervorruft, sondern etwas anders. Schalke hat etwas Atavistisches an sich, es erinnert den an Fußball interessierten Teil der Gesellschaft an Dinge, an die sie nicht unbedingt erinnert werden möchte. Als da wären: die Nazizeit, Armut, Korruption, mit einem Wort: Schmutz. Schalke steht immer noch auf Platz drei der ewigen Meisterschaftsbestenliste, hinter den Bayern und Nürnberg. Aber sechs seiner sieben Meistertitel hat der Verein in der NS-Zeit errungen. Natürlich wurde Schalke propagandistisch ausgeschlachtet, und manch ein Spieler hat sich allzu gut verstanden mit den braunen Machthabern. Aber das ist vor allem ein Schalker Problem. Und die Vereinsgeschichte zum Hundertjährigen soll sich damit kritisch und ernsthaft auseinandergesetzt haben. Ich habe sie nicht gelesen, aber einen Verriß habe ich nicht gefunden, im Gegenteil. Viel Lob und Respekt. Das Problem, das die anderen damit haben: Im “Schalker Jahrzehnt” zwischen 1933 und 1942 hat Schalke nicht immer gegen sich selbst gespielt. Auch der VfB Stuttgart wäre 1935 gerne Meister geworden, als er 6:4 verlor. Auch für Hannover 96 dürfte die Deutsche Meisterschaft nach dem Sieg gegen Schalke 1938 ein Meilenstein der Vereinsgeschichte sein. Aber Stuttgart und Hannover waren lange in der Versenkung und werden mit anderen Erfolgen in Verbindung gebracht. Stuttgart mit dem Magischen Dreieck und der Generation Sundermann, Hannover mit dem Pokalsieg um Jörg Sievers. Der Pokal wurde 1935 übrigens unter dem Namen Tschammer-Pokal eingeführt. Namensgeber war der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, der im März 1933 im gleichgeschalteten kicker über Wehrsport schwadronieren durfte. Zwei Monate zuvor war dort noch der 60. Geburtstag des Herausgebers Walther Bensemann gefeiert worden. All das, die Tatsache, dass Schalke seine sechste Meisterschaft am 4. Juli 1942 errang, zu einem Zeitpunkt, als aus dem Deutschen Reich die Deportationszüge aus dem Reich in den Osten rollten, kann man gut beiseite schieben, wenn Schalke Zweitligist ist oder brav auf Platz zwölf herumdümpelt. Mit der Tabellenführung tritt dieser Teil der Geschichte wieder ins Blickfeld. Was hat den Fußball bitteschön mit der Nazizeit zu tun, wenn nicht gerade die Welt zu Gast bei Freunden ist?

Irgendwann in den letzten fünf Jahren veröffentlichte die Berliner Zeitung einen Armutsatlas für Deutschland. Der Wohlstand war hellblau bis dunkelblau eingefärbt, die Armut rot. Der Osten war überwiegend rot, rosa, karmesin, nur tief im Westen gab es eine kleine rote Enklave: Gelsenkirchen. Ein gallisches Dorf der Armut mitten im saturierten westdeutschen Wölkchenblau. Als ich am 19. Mai 2001 das Glück hatte, das letzte Spiel im Parkstadion gegen Unterhaching mitzuerleben, beschlossen wir, “die paar Schritte vom Bahnhof” zu Fuß zu gehen und waren stramme zwei Stunden zu Fuß unterwegs. Ein unvergeßlicher Spaziergang vorbei an oberirdischen Überbleibseln der Zechenkultur, gartenzwergbewehrten Vorgärtchen mit schmiedeeisernen und Jägerzäunen, Büdchen, Lädchen, Teppichstangen und ganz am Anfang durch eine wirklich sagenhafte Fußgängerzone hindurch. Heimelig und bieder, irgendwo standen die Karnickelkäfige auf dem Hof, um die Fleischration aufzubessern, überall königsblaue Wimpel, Schals, Fahnen, Trikots, alles. Beinahe ein Freiluftmuseum der fünfziger Jahre, obwohl die Autos neuester Bauart und die Klamotten von Miss Sixty waren. Auch daran will man sich heute ungern erinnern, an das Kleinbürgerliche, Ärmliche, Noch-Einmal-Davongekommene. Nicht umsonst werden die Möbelmonster aus dieser Zeit als “Gelsenkirchener Barock” bespöttelt. Nicht Essen, nicht Duisburg, nein Gelsenkirchen. Die Stadt hat den Nachkriegsmief und seine Härten ebenso konserviert wie der Schalker Kreisel die Erinnerung an die NS-Zeit wachruft. Wenn ein Schalker Jung wie Hamit Altintop den Mund auftut im Interview, weiß man, dass das Wort “malochen” im Ruhrgebiet erfunden wurde. Es leitet sich von dem hebräischen Wort für Arbeit ab: melacha. Und wer will schon gerne arbeiten und trotzdem arm sein. Schalker sind keine Proleten im Sinne von Arbeiterbewegungskultur, sondern Prolls. Der Fußballer von heute aber ist ein Freigeist wie Torsten Frings, eine Celebrity wie Lukas Podolski, ein streetwise Dandy wie Kevin-Prince Boateng oder wenigstens eine erfolgreiche Drecksau wie Stefan Effenberg. Aber bitte keiner, der mit Kohlsuppe und den schon erwähnten Kaninchen großgezogen wurde. Boateng kommt, wenn man seinem früheren Trainer Götz glauben darf, aus schwierigen Verhältnissen. Aber der Wedding gehört wenigstens zu Berlin. Gelsenkirchen gehört nur zu sich selbst. In Westdeutschland würde es keiner geschenkt haben wollen.

Der Terminplaner beim DFB für diese Saison muß einen rabenschwarzen Humor haben, hat er doch Schalke gegen Bielefeld auf den letzten Spieltag gesetzt. Böse Zungen werden sagen, dass Schalke diesmal bestimmt nicht mit Absicht 1:0 verlieren wird, so wie am 17. April 1971 geschehen. Der Vorfall heißt Bundesliga-Skandal und auch deshalb empfinden es viele als Skandal, dass Schalke in dieser Bundesliga seit geraumer Zeit Tabellenführer ist. Auch gegen das Ideal vom sauberen Sport haben die Dreckspatzen aus Buer verstoßen und damit dem deutschen Fußballvolk eine weitere schwere narzisstische Kränkung zugefügt. Nicht allein, aber an Schalke blieb es mehr als an allen anderen kleben. Ehrenspielführer (nein, keine Wortspiele damit jetzt) Uwe Seeler 1961 blieb noch mannhaft in Deutschland, anstatt dem Lockruf der Lira zu erliegen, Günther Masts Trikotwerbung für Eintracht Braunschweig war 1973 des Teufels. Und mittenrein in die Große Anständigkeit platzen die tumben Schalker und reiten sich für einen Abbel und n’Ei in die Scheiße. Anstatt wenigstens dick die Kohle einzufahren. Typisch Kleinbürger eben.

Und an diesem Punkt, der Kohle nämlich, kommt Gasprom ins Spiel, wir erinnern uns. Nicht nur trägt Schalke als “kulturelles Gepäck” mehr als jeder andere Verein Unangenehmes und Verdrängtes mit sich herum, auch die Energiebilanz der Deutschen ist nicht im Lot. Weder die Aussicht, Seite an Seite mit Bushs Kreuzrittern die spärlicher werdenden Ölvorkommen zu sichern noch der Bau neuer Atomkraftwerke noch das Warten auf die Bioenergiewende nebst Verzicht auf Billigflüge und eigenen PKW sind wirklich attraktive Optionen. Und Steinkohle war ja etwas aus den fünfziger Jahren. Also hat man sich schweren Herzens mit den Russen eingelassen. Dieses Bekritteln der Schalker Gasprom-Millionen ist ja nur eine Ersatzhandlung für die zunehmende Abhängigkeit des ganzen Landes von Russland in Fragen der Energieversorgung. Die neue Erdgaspipeline ist das eigentliche Problem, nicht die Trikotwerbung.

Wer wissen will, was ich mit dem negativen Gasprom-Hype meine, dem sei “Auf Gasprom” in Die Zeit vom 29. März empfohlen. Der Untertitel heißt: “Eine Reise mit dem FCSchalke 04 zu den Quellen seiner Sponsorengelder in Sibirien”. Autor Stefan Willeke lässt keinen Zweifel daran, wie er es meint. Im ersten Absatz wird Schalkes Schatzmeister Schnusenberg als Mann mit “tapsigen Schritten”, “der für alles eine Erklärung hat” beschrieben. Und natürlich hat am Ende der große Chef von Gasprom keine Zeit für seine Gelsenkirchener Vasallen, die wie so schrecklich naiv und umsonst den langen Weg zum Kotau angetreten haben. Zugegeben, eine Reise von Uli Hoeneß zum Hauptsponsor nach Bonn bietet nicht den Stoff für einen Text von mehr als 17000 Zeichen. Aber auch zugegeben: Eine Reportage über eine Familie, die wegen Spielsucht bankrott ging mit der Überschrift: “Eine Reise mit dem SV Werder Bremen zu den Quellen seiner Sponsorengelder in Mümmelmannsberg” wird es in der nächsten Zeit nicht in der Zeit geben. Irgendwann im Text wird dann Schnusenberg mit dem Satz zitiert: “Kann ein Weltkonzern die Mafia sein?”. Eigentlich müsste die Frage an Angela Merkel gerichtet sein und die Antwort müsste lauten: “Kann ein Land, das am G 8 Gipfel in meinem schönen Mecklenburg-Vorpommern teilnimmt, die Mafia sein?” Die Zeit macht das, was sie immer macht, sie verhandelt Themen, die zu brisant für den Politkteil sind, weiter hinten, im Feuilleton, oder in einer Rubrik die den merkwürdigen Namen ”Leben” trägt. Das Unbehagen an Schalke 04, das die Fußballgemeinde seit sechs Jahrzehnten mit sich herumträgt, bietet reichlich Resonanzraum für wohltemperiert Entrüstung.

Es wäre nicht nur wünschenswert, es wäre dringend nötig, dass Schalke endlich einmal Meister wird. Glück auf.

Kommentare zu “Alles, was Sie immer über Schalke 04 wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten” (6)

Sonntagsprediger
19.04.2007

Das Dumme an der Geschichte ist ja: Bevor ich Rob Alefs Artikel gelesen hatte, wusste ich nicht mal, daß es diese allgemeine Schalke-Abneigung gibt (außer bei Herthanern, Dortmundern und Bremern). Ich kannte nur (Zufall oder nicht) gleich drei Schalke-Fans in meinem Freundeskreis, davon nur einen, der noch halbwegs aus der Ecke stammt (Sauerland!).
Ob das Ganze nun von Herrn Alef “hochsterilisiert” wird oder ob ich mich in der deutschen (Fußball-)Seele nicht genug auskenne – ich bin verunsichert…

rotbartpirat
19.04.2007

sehen sie – all das wusste ich noch gar nicht. und nichts davon hat mit meiner mittleren antipathie gegen schalke zu tun.

ich bin da eher gefühlsmensch. wenn mir ein verein unsympathisch ist, von der großmannssucht befallen, eine zeit lang bei den transfers die bayern kopiert (das beste aus der liga – also von bremen und stuttgart – kaufen und nebenbei noch gleich die konkurrenz schwächen) und von einem assauer angeführt wird…hm.

zu anfang fand ich slomka und müller sogar noch ganz sympathisch. manuel neuer zu nominieren war gut, der umgang mit asamoah nicht so. das team – gespickt mit maulwürfen – ein seelenloser haufen von söldnern, wie man ihn bestenfalls beim hsv und dem bvb in dieser tragweite noch findet.

dann begann mein gefühl mir zu sagen, dass ich es – einfach damit sich die bayern ärgern – zumindest gut fände, wenn schalke vor dem fcb abschliesst.
und was folgt?
völlig unnötige (und im nachhinein wegen der schlechten leistung peinliche) verbale angriffe auf die bayern.
genau dafür hasst man die südländer doch, die sucker.

wie man es besser macht kann man bei bremen beobachten, seit der unsägliche willy lemke weg ist. ruhig arbeiten, auf sich selber schauen, auch mal mit platz 3 zufrieden sein und durch ausgesprochen clevere transfers ein nettes ensemble aufbauen.

schalke versagt dabei immer wieder, irgendwie wollen da zu viele leute in der zeitung stehen.

so einfach. gazprom kommt dann nur noch dazu. aber als schalke-manager hätte ich das auch gemacht. besser als ein lizenzentzug (und was hätte DAS gegeben! dortmund kommt drum rum, schalke evtl. nicht…).

fußball ist eben nicht rational. wie gesagt. sollen sie meister werden. ich hoffe und tippe nach wie vor auf bremen. wäre auch gut, denn nächste saison wird werder mit dem neuaufbau beschäftigt sein wohingegen schalke auch in der kommenden saison den bayern paroli bieten dürfte. also: bremen jetzt, schalke nächstes jahr.
50 sind doch auch viel schöner als 49 jahre.

besten gruß
captain rotbart

justagame
19.04.2007

Aus dem Ostereierfußballherzen

Oster Fußball Camp: Die Kinder sind zwischen sechs und zehn Jahre alt. Der (städtische) öffentliche Platz sei “konfisziert”, erfahren die Freizeitkickerkinder. Die Camp-Kids, tragen Trikots von Bayern, Dortmund, Schalke und Bremen – und eine gute Zahl Jungkicker auch noch ihre persönlichen Trikots. Dann verteilt der zugeteilte Trainer des Campveranstalters die Sponsorengeschenke. 20 Prozent der siebenjährigen lehnen ab. Trotzdem ist dann klar: “Mümmelsmannsberg” spielt gegen “Mümmelsmannsberg mit Leibchen”. Auf dem Hof parkt der Material-Anhänger der regionalen Abteilung des DFB. Die Bürgermeisterin der Stadt gibt sich derweil zusammen mit einer lokalen NGO, die sich für die “Faire” Sport-Bekleidung engagiert, überzeugt, daß “sich in der Stadt genug Sportler und Schüler finden, die sich für faire Produktionsbedingungen von Sportbekleidung engagieren werden”. Sie wettet darauf! Wetten, die gute Frau Bürgermeisterin muß bald noch eine Front aufmachen. Wetten, der “Sechser” von Grün-weiß-orange wird von fettem Geld weggekauft. Wetten, “der Stürmer” von Grünweißorange wird zu einem Rautenmusterverein wechseln. Die Bürgermeisterin wird möglicherweise überlegen ob man Fußballvereine wie Wettbüros schließen oder sonstwie “verordnen” kann. Ihr wird nichts einfallen. Der Rautenmusterverein, Grün-weiß-Orange und Blau-weiß werden ihre Sponsoren behalten……….und niemand muß sich vorerst das Gas sparen und kalt duschen!

Florian
20.04.2007

Zum Thema:

http://www.faz.net/s/RubBC20E7BC6C204B29BADA5A79368B1E93/Doc~E9C7C63D9852E499697654B88ADA1FB07~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

Christian Sattler
20.04.2007

Man muss doch kein Schalkegegner sein, um den Gazprom-Deal zu verachten:

http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/800728.phtml

verschwender
20.05.2007

Irgendwie ein Artikel, wie man ihn nicht braucht. Schalke und das “Dritte Reich”, Gelsenkirchen und die Prolls, Schalke und die bösen Russen. Ein Artikel der von Arroganz nur so strotzt, wahrscheinlich aus Unkenntnis. Satire? Wo bist Du. Genau aus diesem Grund gibt es nur eine wahre Schalker Hymne:

Wir sind Schalker
Keiner mag uns
Scheißegal!

Glück Auf!

Otherland: Buchhandlung für Science Fiction & Fantasy

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