Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


« Ottl für Ballack

Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob es Absicht von Boateng war oder nicht. Ob Boateng ein rachsüchtiger Volldepp ist oder Bruchteile von Sekunden zu spät kam. Verletzungen passieren, mit und ohne Einwirkung des Gegners, siehe Reinhardt und Frantz in der Relegation. Niemand käme auf die Idee, einem Platzwart Vorsatz zu unterstellen. Im Disput vorher wird Ballack nicht nur Komplimente gemacht haben. Das ist das Risiko eines jeden Aggressiv-Leaders, dass er andere Spieler aggressiv macht. Und Ballack war auch nie ein Kind von Traurigkeit, wenn es darum ging, auf dem Platz auszuteilen.

Seine Verletzung ist trotzdem ganz bitter. Er hat das Ideal des Spitzensportlers in Deutschland ebenso nachhaltig verändert wie Elvis die Unerhaltungsmusik und -kultur weltweit. Leute wie Lahm, Mertesacker oder auch Enke haben eine Dimension von Selbstkritikfähigkeit in den Sport gebracht und Ballack war ihr Wegbereiter. Die Trauerfeier für Enke und die immer wieder offen vorgetragene Kritik an Vereinen und Journalisten wäre ohne Ballacks kluges Antiheldentum nicht möglich gewesen. Natürlich füllt nicht jeder Fußballer diesen Freiraum aus. Podolski könnte mit seinen verbalem Äußerungen genauso gut aus den siebziger oder neunziger Jahren stammen, und Thon ist und bleibt ein Dampfplauderer vor dem Herrn. Aber war die Leverkusener Saison 2002 trotz der drei Niederlagen nicht ein fußballerischer Höhepunkt? Und sind viele pflichtgemäß (von den Bayern) gehamsterte und (von Juventus) ergaunerte Titel im Rückblick nicht völlig belanglos?  Ballack hat alle Tücken der öffentlichen Selbstdarstellung, den hyperengagierten KimIl McRummenigge und die englische Boulevardpresse abgewettert und dabei immer Klartext geredet. Er verkörpert, dass zum großen Sport auch große Verlierer gehören. Seine Tränen 2008 im CL-Finale gegen Liverpool passen in eine Reihe mit dem Entsetzen der Ungarn 1954, Uwe Seelers hängenden Schultern 1966 oder Foremans KO in Zaire 1974. Weniger souverän waren beispielsweise Vogts und Kohler 1998, die nach dem grandiosen Sieg der Kroaten Verschwörungsphantasien hegten und ziemlich kleine Verlierer waren.

Es ist völlig primitiv, Ballacks Ausscheiden nur an den sportlichen Erfolgsaussichten zu messen und weltfremd zu behaupten, Deutschlands Chancen seien ohne Ballack sogar besser, wie es Peter Ahrens auf Spiegel-Online versucht. Dabei hätte sein Motto „Volle Kraft voraus!“ hervorragend zur Bauserie Hrubesch / Briegel / Matthäus / Brehme gepaßt, kommt also knapp 20 bis 30 Jahre zu spät.

Warum aber Ottl nachnominieren? Zum einen ist der DFB mit spät nominierten Nobodys nicht schlecht gefahren. 1986 wurde man mit Norbert Eder (7 Einsätze) immerhin Zweiter. Auch hier eine große Niederlage, die einen noch Größeren unsterblich machte. Es muss sich noch zeigen, ob Schweinsteiger in der Nationalmannschaft einen ähnlich entscheidenden Schritt nach vorne machen kann wie im Verein. Aber für ihn wäre es kein Nachteil, einen Spieler an seiner Seite zu haben, mit dem er eingespielt ist. Ottl ist seit 1996 bei den Bayern, Schweinsteiger seit 1998. Ottl hat 24 europäische und fast 80 Bundesligaspiele bestritten. Sein Pech ist, dass er Leute wie Schweinsteiger, Demichelis und van Bommel vor der Nase hat. In Nürnberg hat er sich in kürzester Zeit akklimatisiert und im permanenten Abstiegskampf Nervenstärke bewiesen. Zwischen ihm und Schweinsteiger ist die Hierarchie geklärt. Es wäre fatal, sollten sich die beiden Nachwuchsgrößen Khedira und Schweinsteiger auf Kosten des Anderen zu profilieren versuchen. Ob dem Club die Vertragsverhandlungen erleichtert werden, sollte Ottl als Weltmeister zurückkehren, darf bezweifelt werden. Aber immerhin: Es geht um Schland.

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8 Kommentare zu “Ottl für Ballack”

  • 18. Mai 2010
    Stefan (bayer04blog) schrieb

    Ich hatte die Idee mit Ottl auch schon einmal, aber ich weiß immer noch nicht, was ich so recht davon halten soll.

  • 18. Mai 2010
    Heffer schrieb

    Schweinsteiger eine Nachwuchsgröße? Also bitte.
    Und frag mal in Nürnberg nach, ob ihr Pokal 2007 auch belanglos ist. Obwohl lassen wir diese Diskussion, da kommt meistens nix gscheids raus, weil man vogelwild argumentieren kann und trotzdem oft nicht falsch liegt…

  • 18. Mai 2010
    admin schrieb

    Schweinsteiger hat mehr als 70 Länderspiele, war aber im Verein und in der Nationalmannschaft bisher nicht einmal der Juniorchef, sondern nur die Nummer drei, nach van Bommel/Lahm und Ballack/Lahm. Wenn er jetzt zum Führungsspieler Nummer 1 ausgerufen wird und Khedira genau diese Rolle bei Stuttgart hat, könnte das zu Reibereien führen.

    Natürlich ist der Pokalsieg 2007 ein Glanzlicht. Und wenn Nürnberg 1984 ohne Auswärtspunkt und Hertha 2009 mit nur einem Heimsieg absteigt, dann sind das keine würdigen Verlierer, sondern einfach nur miese Mannschaften, die ihre Fans ein Jahr lang genervtund enttäuscht haben. Aber Ballack hat Größe in der Niederlage, und das gibt es viel zu selten und wird zu wenig beachtet. Er bringt Dialektik ins Spiel. Wenn man sich die Spielnoten im kicker ansieht, dann findet man bei einer sehr guten von zwei Mannschaften meistens nur eine 2 oder 3 mit dem Hinweis: „für mehr war die Partie zu einseitig.“ Stuttgart nahm als frisch gebackener Überraschungsmeister das Pokalendspiel 2007 nicht als Pflichtaufgabe, bis zum 3-2 von Kristiansen hätten sie das Spiel auch gewinnen können, sie holten in Unterzahl einen Rückstand auf und hatten in der Verlängerung große Chancen. Sie waren großartige, unvergeßliche Verlierer.

  • 19. Mai 2010
    Heffer schrieb

    Es ist schon richtig, dass Schweinsteiger nicht in der ersten Reihe stand, weder im Verein noch in der Nati. Aber die Hackordnung bei 2 Spielern mit so unterschiedlichen Länderspielzahlen und internationalen Erfahrungswerten in Frage zu stellen ist meiner Ansicht nach nicht belegbar.

    Mit Ballack und seiner Größe als Verlierer hast du natürlich vollkommen Recht. Das würde vielen anderen auch gut zu Gesicht stehen. Vor allem seine Weigerung die Choreografie nach dem Verlorenen Endspiel 2008 mitzumachen rechne ich ihm hoch an. Als Zuschauer seh ich doch auch lieber Spieler, die richtig traurig sind, als welche, die gleich zum nächsten Termin rennen.

  • 19. Mai 2010
    Hans schrieb

    Will ja nicht kleinlich sein, aber das CL-Finale 2008 war gegen ManU…

  • 19. Mai 2010
    admin schrieb

    Oh Furie des Vergessens. Sei ruhig kleinlich, sonst ist hier bald von Schalke 05 die Rede.

  • 19. Mai 2010
    Linksaussen schrieb

    irgendwie passt thon in den kontext da oben nicht rein – ist da vielleicht jemand anders gemeint (daß thon ein dampfplauderer ist, keine frage)?

  • 21. Mai 2010
    gses schrieb

    @robalef Die Stuttgarter waren „unvergessliche, großartige Verlierer“?
    Wer Armin Veh danach im Interview gesehen hat, der wird genau das Gegenteil behaupten. Wie der da rumnölte, war mehr als peinlich.

    Zum Thema: Trotz jedwedem Rausch nach dem souveränen Klassenerhalt, sollte man als Clubberer doch ein wenig auf dem Boden bleiben. Die Forderung nach Ottl betrachte ich daher als satirisches Element.

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