Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


« Von 0-1 bis 0-1

Vor zwei Jahren gegen Spanien im Finale 0-1, jetzt im Halbfinale 0-1, und das soll jetzt ein Fortschritt sein?

Der große Favorit hat die Überraschungsmannschaft verdient besiegt, und ohne Löws Personalentscheidungen bekritteln zu wollen: Es lag auch an der Routine. Ein Neuer mit 50 Länderspielen hält den Kopfball von Puyol vielleicht, ein Özil, der nicht sechsmal mit Khedira zusammengespielt hat, sondern 60 Mal – wenn auch niemals gefühlte 600 Mal wie Xavi, Iniesta und Xabi Alonso – irrt vermutlich nicht wie eine verlorene Seele über den Platz, auf der Suche nach dem freien Mann und dem Pass in die Schnittstelle. Gegen Argentinien ist die deutsche Nationalmannschaft über sich hinaus gewachsen, gestern hat sie die Realität wieder eingeholt. Podolski spielte äußerst dezent, Boateng und auch Lahm fanden beinahe nur defensiv statt, die eingewechselten Jansen, Kroos, Gomez konnten alle keine Impulse setzen. Schweinsteiger war defensiv groß, hätte sich aber entgegen der taktischen Vorgabe irgendwann zum offensiven Spielmacher aufschwingen müssen. Alles blieb irgendwie fahrig, ungenau halbherzig. Wieder so ein Spiel, bei dem man sich insgeheim fragt, ob es mit Ballack anders gelaufen wäre. Die Stelle desjenigen, der das 1-0 macht, auch wenn es mal nicht so läuft, ist im Moment vakant. Klose bekam keinen einzigen vernünftigen Ball.

Aber Spanien, das Team mit den zwei, drei, elf Gehirnen, ist nicht der Maßstab. Der Maßstab ist die EM 2004. Vor zehn Jahren wurde der altteutonische Stil beim 0-3 gegen Portugal endgültig beerdigt und es war schauerlich. 2002 konnte man sich noch einmal gegen kleine(re) Gegner ins Finale pflügen, 2004 herrschte in drei Vorrundenspielen vollkommene Ratlosigkeit. In gewisser Weise war das 0-0 gegen Lettland sogar noch sc hlimmer als die Niederlage gegen Figo und seine Generation vier Jahre zuvor. Danach wurde der DFB entmüllt. Auch wenn er heute mit krächzender Stimme wie ein Untoter aus dem Off bei RTL Banalitäten als Expertisen verkauft, die Rolle des Populisten Klinsmann kann man für die organisatorischen Neuerungen gar nicht hoch genug einschätzen. 2008 gab es erste, zarte Pflänzchen der Hoffnung, bei der EM gegen Polen, Portugal und die Türkei, außerdem das Quali-Spiel gegen Rußland. 2010 hat endgültig einen neuen Standard geschaffen, an dem sich die Mannschaft und ihr Trainerstab in Zukunft messen lassen darf.

Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.

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6 Kommentare zu “Von 0-1 bis 0-1”

  • 8. Juli 2010
    gses schrieb

    Routine wird viel zu hoch gehängt. Da war das deutsche Team auch gg ENG und ARG unterlegen.

    Wenn Sie gestern genauso frech angefangen hätten, wie die 2 Spiele zuvor, hätte man die Spanier einschüchtern können. Die ersten 15 Minuten sind unheimlich wichtig. Doch es passierte nichts und ESP wusste: „Das gewinnen wir!“

    D.h. die Kritik geht an Löw. Zu defensiv eingestellt und den Gegner (wiedermal) zu stark geredet.

  • 8. Juli 2010
    Andre schrieb

    Nach fünf bis zehn Minuten hatte ich schon dieses schreckliche Gefühl, dass wir diese Begegnung nicht gewinnen können. 90 Minuten ausschließlich auf Konter lauern. Das geht nicht gut. Gegen England und Argentinien hatten wir teilweise schon Glück, dass uns kein „Ausgleichstreffer“ eingeschenkt wurde nach früher Führung.

    Schade, die Mannschaft hätte mehr reißen können. Es fehlt der Wille und so ist Spanien verdient eine Runde weiter.

    Prinzipiell geh ich mit deinen Äußerungen konform. Nur eine Äußerung sehe ich anders: Kroos hat nach seiner Einwechslung in seinen dann noch verbleibenden Möglichkeiten etwas bewegt. Da kam mehr Schwung rein. Der Junge traut sich auch mal und schlägt vor allem gefährliche Standards. Das fehlt der aktuellen Mannschaft! Ich hätte ihn gern schon früher gesehen…
    Vor allem, weil wir über die Flügel Druck machen mussten. So offensiv, wie die spanischen Außenverteidiger agieren, hätte man sie so in der Defensive gebunden oder aber komplett überrascht, um den freien Raum zu nutzen.

  • 8. Juli 2010
    Veronika schrieb

    Ja, genau das meine ich auch. Die Frech- und Unbekümmertheit hat im deutschen Spiel gefehlt. Jogis Mannschaft hatte schlicht und ergreifend zu viel Respekt vor den übermächtig erscheinenden Spaniern. Das Fehlen von Müller war spürbar. Schade, dass gerade ein spanischer Referee ihm die erste gelbe Karte im Spiel gegen Serbien gezeigt hat…

  • 9. Juli 2010
    WM-Heimschläfer schrieb

    Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass 0:1 sich viel knapper anhört als es war. Im High-Score-Game wie Tennis wäre es ein glatter 3-Satz-Sieg für Spanien.

  • 9. Juli 2010
    Johannes schrieb

    Kleiner Tippfehler: Maßstab ist die EM 2000, nicht 2004 (die auch furchtbar war, dürfte wohl allgemeine Meinung sein). Was ich damals in Rotterdam mit eigenen Augen sah, werde ich nie vergessen – die Abwesenheit jeglicher fußballerischen Idee, noch nicht mal die „doitschen“ Tugenden, nichts, nichts, nichts.

    Nur weswegen Neuer den Ball mit 60 Länderspielen Erfahrung eventuell halten soll – interessante These, immerhin.

    Und erstaunlich und anerkennenswert, daß noch jemand „Michael Ballast“ (SpOn) etwas zutraut bzw. sich die Frage stellt, ob die 2010er Elf mit Ballack mehr Chancen gegen Spanien gehabt hätte, als die 2008er Elf mit Ballack.

    Und ja, ohne Klinsmann hätte es die 2010er Elf so wohl nicht gegeben.

    Und im Übrigen bin ich der Meinung, daß in diesem Blog mit die lesenswertesten Kommentare und Einschätzungen zur WM abgegeben wurden (und ja noch ein bißchen werden, hoffentlich), teilweise weit interessanter und anregender als das, was die „Mainstream-Medien“ so produzierten. (Ich sag nur: Krake Paul.)

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