Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Vielleicht ist es besser so »

Vielleicht ist es ja besser so. Was wäre gewesen, wenn Deutschland gegen Holland hätte spielen müssen? Van Bommel gegen Schweinsteiger, Lahm gegen Robben, Mathijsen gegen Trochowski, Elija gegen Aogo? Die beinahe beste Mannschaft Europas und die beinahe fünftbeste Mannschaft Deutschlands gingen hoffnungslos zerstritten in die Saisonvorbereitung. Damit wäre der vierte Platz für die CL endgültig ein Ding der Unmöglichkeit, und van Gaal könnte niemals Bundestrainer werden.

Der Uru als solcher wohnt sehr weit weg und spielt in der Bundesliga nicht die tragende Rolle. Eine Niederlage heute würde das Land, das so groß ist wie Österreich und Ungarn zusammen, aber viel besser Fußball spielt, sicherlich enttäuschen, aber sie gehen mit Sicherheit motivierter ins Spiel als die Schlandis, die heute ihren ganzen internationalen Zuspruch mit einer halbherzigen Leistung wieder vergeigen können.

Oliver Kahn sagt im kicker, man sollte das Spiel um Platz Drei abschaffen. Ich finde, es ist eine große, charmante Geste, die Verlierer noch einmal zu würdigen. Und für Mannschaften wie Kroatien, Südkorea, die Türkei und heute Uruguay ist das Spiel um Platz Drei trotz des Scheiterns im Halbfinale etwas ganz Besonderes. Und der Große Klose kann heute auch noch etwas zustande bringen.

Von 0-1 bis 0-1 »

Vor zwei Jahren gegen Spanien im Finale 0-1, jetzt im Halbfinale 0-1, und das soll jetzt ein Fortschritt sein?

Der große Favorit hat die Überraschungsmannschaft verdient besiegt, und ohne Löws Personalentscheidungen bekritteln zu wollen: Es lag auch an der Routine. Ein Neuer mit 50 Länderspielen hält den Kopfball von Puyol vielleicht, ein Özil, der nicht sechsmal mit Khedira zusammengespielt hat, sondern 60 Mal – wenn auch niemals gefühlte 600 Mal wie Xavi, Iniesta und Xabi Alonso – irrt vermutlich nicht wie eine verlorene Seele über den Platz, auf der Suche nach dem freien Mann und dem Pass in die Schnittstelle. Gegen Argentinien ist die deutsche Nationalmannschaft über sich hinaus gewachsen, gestern hat sie die Realität wieder eingeholt. Podolski spielte äußerst dezent, Boateng und auch Lahm fanden beinahe nur defensiv statt, die eingewechselten Jansen, Kroos, Gomez konnten alle keine Impulse setzen. Schweinsteiger war defensiv groß, hätte sich aber entgegen der taktischen Vorgabe irgendwann zum offensiven Spielmacher aufschwingen müssen. Alles blieb irgendwie fahrig, ungenau halbherzig. Wieder so ein Spiel, bei dem man sich insgeheim fragt, ob es mit Ballack anders gelaufen wäre. Die Stelle desjenigen, der das 1-0 macht, auch wenn es mal nicht so läuft, ist im Moment vakant. Klose bekam keinen einzigen vernünftigen Ball.

Aber Spanien, das Team mit den zwei, drei, elf Gehirnen, ist nicht der Maßstab. Der Maßstab ist die EM 2004. Vor zehn Jahren wurde der altteutonische Stil beim 0-3 gegen Portugal endgültig beerdigt und es war schauerlich. 2002 konnte man sich noch einmal gegen kleine(re) Gegner ins Finale pflügen, 2004 herrschte in drei Vorrundenspielen vollkommene Ratlosigkeit. In gewisser Weise war das 0-0 gegen Lettland sogar noch sc hlimmer als die Niederlage gegen Figo und seine Generation vier Jahre zuvor. Danach wurde der DFB entmüllt. Auch wenn er heute mit krächzender Stimme wie ein Untoter aus dem Off bei RTL Banalitäten als Expertisen verkauft, die Rolle des Populisten Klinsmann kann man für die organisatorischen Neuerungen gar nicht hoch genug einschätzen. 2008 gab es erste, zarte Pflänzchen der Hoffnung, bei der EM gegen Polen, Portugal und die Türkei, außerdem das Quali-Spiel gegen Rußland. 2010 hat endgültig einen neuen Standard geschaffen, an dem sich die Mannschaft und ihr Trainerstab in Zukunft messen lassen darf.

Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.

Favorit Holland »

Meister wird, wer Rückstände aufholt, Weltmeister vielleicht auch. Obwohl das Halbfinale vom Mittwoch die größeren Namen bietet, sind die heutigen Kontrahenten bisher die besseren Turniermannschaften. Wer binnen 15 Minuten einen Rückstand gegen Brasilien dreht, ist ein sehr ernst zu nehmender Titelkandidat. Wer nach einem Herzschlagfinale in der Verlängerung sein Elfmeterschießen mit der Herzenskühle einer römischen Gruft absolviert, gleichfalls. Holland hat das bessere Team, aber vielleicht wird Forlan der Maradona 2010, der Spieler, der den Unterschied macht. Am Mittwoch treffen zwei Mannschaften aufeinander, die sich an einem 0-1 in der Vorrunde beide die Zähne ausbissen. Und darin sehe ich auch die große Gefahr für Jogis Fohlenelf: Ihre beiden K.O.-Spiele konnten sie mit einer frühen Führung im Rücken gut herunterspielen. Aber letztendlich waren das 3-1 und das 4-1 gegen England sowie 3-0 und 4-0 gegen Argentinien (gut zu Ende gespielte) Konter. Der Gegner musste aufmachen. Gegen Ghana war es ein schön gezirkelter Schuß Özils, nicht so sehr die ausgeklügelte Spielanlage. Läuferisch sind die Spanier mindestens ebenbürtig, Casillas würde ich trotz seiner durchwachsenen Saison immer noch ein bißchen stärker als Neuer einschätzen. Nehmen wir an, die Spanier gehen wie die Serben in der 38. Minute in Führung. Können die Deutschen ein Spiel dann auch wirklich machen? Die Holländer konnten es auf bravouröse Art und Weise und sind jetzt der ernsthafteste Anwärter auf den Titel. Mit Leuten wie van Bommel und Robben können sie selbst einem Elfmeterschießen gewachsen sein.

Unterschiedliche Spielanlagen »

Die Argentinier:

Die Deutschen:

Es verspricht, interessant zu werden.

Zeit der Fehler »

Ein Bloemfontein- und zwei Abseitstore in acht Spielen. Jetzt bewegt sich sogar die FIFA, gegen die im Vergleich der Vatikan ein junges Non-Profit-Unternehmen mit flachen Hierarchien ist. Bei solch klaren Toren wie dem gegen Deutschland ist ein technisches Hilfsmittel bestimmt vernünftig, aber was soll der Chip im Ball bei dem Tor von Tevez machen? Einen Selbstzerstörungsmechanismus auslösen? Um Hilfe schreien?

Im Achtelfinale haben sich bis auf Ghana immer die Gruppenersten durchgesetzt, was zeigt, wie eng es in den Gruppen zuging. Viele Zweite hätten auch Dritte werden können. Jetzt ist ein rein südamerikanisches Halbfinale möglich, keine schlechte Revanche für 2006. Aber abwarten. Spanien sehe ich stärker als Paraguay, Ghana hat den Heimvorteil. Für Holland wird es ganz schwer, sie müssen eine Sternstunde erwischen, so wie Frankreich 1998 im Endspiel. Und Schland? Außer Rand und Band? Spielt Diego an die Wand? Oder doch Ausstand nach Rückstand beim Endstand? Argentinien wurde von Mexiko eigentlich ganz gut beschäftigt bis zu dem Abseitstor.  Aus dem Hintergrund müßte Schweinsteiger schießen, Schweinsteiger schießt…

Es war nicht alles schlecht, damals in Soccer City »

Aber Mertesacker stand völlig neben sich, neben dem Gegenspieler, neben dem Ball, neben allem eigentlich. Erspielte, als sei er verletzt. Beim 4-4 von Bremen gegen Valencia in Europa League vor ein paar Monaten bekam er die Note 5 und David Villa schoß drei Tore. Das verheißt nichts Gutes, Villa ist ganz in der Nähe.

Podolski bewegte sich zwischen der 20. und 70. Minute an der linken Seite, als sei er beim Pilzesuchen, den Kopf nach unten und auf keinen Fall übertrieben schnell. Ich hielt schon Ausschau nach einem Geißbock am Spielfeldrand, so sehr erinnerte das phasenweise an sein Gekicke bei Köln.

Schweinsteiger war gut und wächst insofern auch in die Ballackrolle hinein, als die Fußballnation jetzt bis Sonntag Hausaltäre für seinen unteren Gesäßmuskel einrichten muss. Lahm war gut, Friedrich wird immer besser. Es tut ihm offenbar gut, das Kapitel Hertha demnächst abschließen zu können. Badstuber blieb gleich draußen, auch bei Müller ist die Luft ein bißchen raus. Jerome Boateng spielte solide, ließ nur einmal böse vernaschen. Özil behielt trotz der vergebenen Großchance die Nerven, Cacau spielte fleißig und ideenreich, sitzt aber gegen England wieder draußen. Khedira machte den Schattenmann für den Prince, den er aber trotzdem nie ganz ausschalten konnte. Neuer mit Licht (Eins-gegen-Eins) und Schatten (Flanken), aber da, wenn es drauf ankam.

Apropos Prince, es war ein sehr faires Spiel mit einem sachlichen und klar agierenden Schiedsrichter, mal wieder viel Lärm um nichts. Und jetzt gegen England. Mein Nachbar zu Linken meinte gestern spontan: Also Elfmeterschießen. Jedenfalls sollte man sich von den bisherigen Leistungen der Engländer nicht blenden lassen, gegen Deutschland machen sie immer ihre besten Spiele. Eigentlich halte ich einen einzigen Stürmer für eine seelische Grausamkeit, aber mit der offensiven Dreierreihe sollte man am Grundgefüge nicht viel ändern. Als Alternative zu Mertesacker gäbe es Boateng oder Aogo.

Nicht minder erfreulich als das deutsche Weiterkommen ist die Tatsache, dass Ghana auch im Achtelfinale steht und gegen die USA jedenfalls bessere Chancen hat als vor vier Jahren gegen Brasilien. Irgendwann müssen sie mal einen Treffer aus dem Spiel heraus erzielen, im Elfmeterschießen darf Gyan nur einmal.

Paraguay und Chile spielen wenigstens Fußball »

Italiener erschuften gegen Neuseeland einen Punkt, Brasilianer spielen wie Italiener, Ivorer scheitern an der mangelnden Courage. Es sieht fast alles furchtbar verschult aus, sehr gelehrsam, aber nicht unbedingt attraktiv. Am besten sind immer noch die Holländer und die Argentinier drauf, sowie Chile, Paraguay, Uruguay und Mexiko. Erstere dominant, aber nicht fulminant, zweitere konsequent offensiv, ohne dass das Spiel zur Messi-Show werden würde.

Penetrant sind nahezu alle deutschen Moderatoren und Experten, die sich nach einem 4-0 über Australien berufen fühlen, dem Rest der Welt Moralpredigten über Offensivfußball zu halten. Selbst das unterirdische 0-0 der Engländer gegen Algerien und das erbärmliche 1-1 der Italiener war nichts im Vergleich zum 1-0 Eröffnungsspiel gegen Bolivien 1994. Von den EM 2000 und 2004 wollen wir gar nicht erst anfangen. Hoffen wir darauf, dass die Spanier die Kurve kriegen und die Chilenen trotzdem weiterkommen. Beide können den Brasilianern Paroli bieten.

Die schönste Verschwörungstheorie… »

…zur Leistung des Schiedsrichters beim Spiel Deutschland – Serbien kam gestern vom Nebentisch in einem Café in Schöneberg. Es geschah alles wegen Hitzfeld, dem deutschen Europameisterschaftssiegerbesieger. Weil der Deutscher ist, musste gestern die deutsche Nati bestraft werden.

Ich finde, ein Spieler mit 97 Länderspielen, derbereits Gelb gesehen und mitgekriegt hat, dass dieser Schiedsrichter jedes Räuspern mit Gelb bestraft, muss dem Gegenspieler nicht an der Mittellinie von hinten in die Beine treten. Man muss dieses Gelb-Rot nicht geben, man muss es sicher aber auch nicht abholen. Eine andere Frage wäre, was Klose da überhaupt zu suchen hatte.

Das Mutterland des Fußballs… »

…ist England. Aber diese Mutter ist mindestens so tot wie die von Norman Bates. Das war heute eine Bankrotterklärung und es nervt kolossal, dass England jedes Mal zum Mitfavoriten ausgerufen wird und jedesmal erbärmlich schlechten Fußball spielt. Die Erklärung ist ebenso einfach wie naheliegend: Das sogenannte Wembleytor fiel in der 101. Minute. Und 101 Jahre lang werden die Drei Löwen grottigen, hundsmiserablen Fußball spielen müssen, bis dieses Tor getilgt ist. Nimmt man die heutige Leistung als Maßstab, werden die 57 Jahre, die noch kommen, wie im Flug vergehen.

Schland heute +++ verdienter Sieg für Serbien +++ vertretbarer Platzverweis für Klose +++ Wechselfehler von Löw, Podolski hätte nach der ersten Halbzeit raus gemusst +++ Führungsschwäche von Lahm und Schweinsteiger, Podolski hätte nicht schießen dürfen +++ Ohne Özil passiert nach vorne so gut wie nichts +++ Wer behauptet hat, Ballacks Ausfall wäre kein Verlust, der wurde heute eines Besseren belehrt, das Spiel schrie förmlich nach einem 1-0 durch ihn +++ Dieser Rückschlag ist für den weiteren Verlauf von entscheidener Bedeutung: als Schlüsselerlebnis bei der Teamwerdung oder als Anfang vom Ende.

Miroculix wirkt wieder Wunder »

Das war richtig lecker gestern Abend. Und der Große Klose ist zurück. Miroculix wirkt wieder Wunder. Wenn es 4-0 steht, kann auch Gomez keinen Schaden mehr anrichten. Ganz am Anfang hatten die Deutschen ein bißchen Glück, der Platzverweis gegen Australien war extrem hart, aber trotzdem war es das beste deutsche Auftaktspiel seit 1990. Aber Costa Rica… werden jetzt einige wieder sagen, doch vor vier Jahren war der Gegner zu schwach und vieles blieb Stückwerk. Auch die Tore damals waren Ergebnis der allgemeinen Euphorie, nicht der besseren Spielanlage. Und von Rudi, hau die Saudi 2002 wollen wir gar nicht erst reden. Gestern dagegen, vier Tore aus dem Spiel, eins schöner als das Andere. Gut gemacht, Herr Löw.

Hoffentlich führt die gute Frühform nicht zur Überheblichkeit. Im Achtelfinale wartet England, warten gar die USA. Und wie schnell sind die Vorrundendarlings schon zu den K.O.-Runden-Deppen geworden.

Im Internet kursiert tatsächlich eine Antivuvuzelapetition. Mit Petitionen sollten wir uns nicht abgeben, sondern gleich eines dieser liebreizenden Instrumente besorgen und möglichst originell verzieren. Mexiko 86 hat dem Weltfußball La Ola gebracht. Vielleicht ist nach dieser WM die zwangsweise verabreichte Schrottmusikdröhnung aus der Konserve vor fast jedem Bundesligaspiel Geschichte, weil alle fröhlich brummen.

Das ZDF hatte gestern nicht seinen besten Tag. Katrin Müller-Hohenstein beschwört den Reichsparteitag herauf, Béla Réthy merkt an, die Ohrstöpsel, die gegen Vuvuzelas verkauft werden, seien auch geeignet gegen die meckernde Ehefrau. Nur gegen sein Geschwafel ist das geeignete Synthetikwachs noch nicht erfunden worden. Und wo ist eigentlich der vom kicker gekürte Fanexperte? Sollte der nicht der Adlatus von Oliver Kahn werden?

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