Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Das bißchen Haushalt macht sich von allein… »

“Die Organisation ist perfekt. Man muss sich keine Sorgen machen, weil schon für alles gesorgt ist.”

So beschreibt Sami Khedira die neue Dimension seines Berufs bei Real Madrid. Und in der Tat, in der Bundesliga haben die Spieler ganz andere Sorgen. Dass sie in Freiburg zu Beginn jeder Trainingseinheit erst einmal alle eine Stunde auf dem Trimmrad strampeln müssen, damit die Flutlichtmasten genug Saft am Wochenende haben, kann in einer Stadt, die von Müslis und Studenten regiert wird, nicht verwundern. Aber wer kennt schon die grimmigen Details vieler anderer Bundesligisten. In Dortmund springt Weidenfeller regelmäßig als Busfahrer ein, wenn der Etatmäßige mal wieder verschlafen hat. Auf Schalke muss Farfan die Linien ziehen, was nicht so einfach ist, wenn der Platzwart wieder Kreide gefressen hat. In Köln mäht Podolski gemeinsam mit Geißbock Hennes den Rasen. In München wird im Schichtdienst die empfindliche Außenhaut der Arena geschrubbt und beim HSV müssen die Spieler nach dem Essen sogar ihr Geschirr selbst zurücktragen. Damit hat Khedira jetzt nichts mehr am Hut. Nur die Autogramme schreibt er noch selbst..äh…denk ich jetzt mal.

Schweigen ist Gold »

Bei den momemtanen Goldpreisen tut es einfach mal gut, die Klappe zu halten.

Der freundliche Genius, der Uli H. davon abgeraten hat, gegen Rauball zu kandidieren, hat sich ein Würstel mit Stern verdient.

Die Frage, wer sich am weitesten aus dem Transferfenster lehnt, wird wohl zwischen dem VfL “mille grazie” Wolfsburg und dem Hamburger “Pfeffersackhüpfen” Sportverein entschieden.

Ich freue mich auf Ballack, Asamoah und Simons.

Richtig geile Autogrammkarten hat diesmal der 1. FC Nürnberg.

Karl-Heinz Heimann ist gestorben. Den Scheinwerfer habe ich gerne gelesen, vor allem seine ehrliche Begeisterung über russischen und ukrainischen Fußball. Zu Oleg Blochins Zeiten wurde das als Roboter-Fußball denunziert, heute feiern alle taktisch ausgereiften, technisch perfekten Systemfußball als Tiki-Taka. Begegnet bin ich Heimann nie, aber vor fünf Jahren habe ich einmal mit ihm telefoniert. Ich brauchte die Erlaubnis, im kicker-Archiv recherchieren zu dürfen. Um drei mittelfränkische Ecken kam ich an die Telefonnummer. Heimann war freundlich, unprätentiös, neugierig und unglaublich wach. Es hätte auch ein Dreißigjähriger sein können, der mich am anderen Ende der Leitung über Sinn und Ziel meines Vorhabens befragte. Die Erlaubnis habe ich gekriegt und die Stimme nicht vergessen. Vielen Dank.

Der kleine Kartäusermönch, der in meiner Seele haust, wird weiter zu seinem Recht kommen. Es bleibt in den nächsten Wochen heiter bis wortkarg.

Ottl für Ballack »

Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob es Absicht von Boateng war oder nicht. Ob Boateng ein rachsüchtiger Volldepp ist oder Bruchteile von Sekunden zu spät kam. Verletzungen passieren, mit und ohne Einwirkung des Gegners, siehe Reinhardt und Frantz in der Relegation. Niemand käme auf die Idee, einem Platzwart Vorsatz zu unterstellen. Im Disput vorher wird Ballack nicht nur Komplimente gemacht haben. Das ist das Risiko eines jeden Aggressiv-Leaders, dass er andere Spieler aggressiv macht. Und Ballack war auch nie ein Kind von Traurigkeit, wenn es darum ging, auf dem Platz auszuteilen.

Seine Verletzung ist trotzdem ganz bitter. Er hat das Ideal des Spitzensportlers in Deutschland ebenso nachhaltig verändert wie Elvis die Unerhaltungsmusik und -kultur weltweit. Leute wie Lahm, Mertesacker oder auch Enke haben eine Dimension von Selbstkritikfähigkeit in den Sport gebracht und Ballack war ihr Wegbereiter. Die Trauerfeier für Enke und die immer wieder offen vorgetragene Kritik an Vereinen und Journalisten wäre ohne Ballacks kluges Antiheldentum nicht möglich gewesen. Natürlich füllt nicht jeder Fußballer diesen Freiraum aus. Podolski könnte mit seinen verbalem Äußerungen genauso gut aus den siebziger oder neunziger Jahren stammen, und Thon ist und bleibt ein Dampfplauderer vor dem Herrn. Aber war die Leverkusener Saison 2002 trotz der drei Niederlagen nicht ein fußballerischer Höhepunkt? Und sind viele pflichtgemäß (von den Bayern) gehamsterte und (von Juventus) ergaunerte Titel im Rückblick nicht völlig belanglos?  Ballack hat alle Tücken der öffentlichen Selbstdarstellung, den hyperengagierten KimIl McRummenigge und die englische Boulevardpresse abgewettert und dabei immer Klartext geredet. Er verkörpert, dass zum großen Sport auch große Verlierer gehören. Seine Tränen 2008 im CL-Finale gegen Liverpool passen in eine Reihe mit dem Entsetzen der Ungarn 1954, Uwe Seelers hängenden Schultern 1966 oder Foremans KO in Zaire 1974. Weniger souverän waren beispielsweise Vogts und Kohler 1998, die nach dem grandiosen Sieg der Kroaten Verschwörungsphantasien hegten und ziemlich kleine Verlierer waren.

Es ist völlig primitiv, Ballacks Ausscheiden nur an den sportlichen Erfolgsaussichten zu messen und weltfremd zu behaupten, Deutschlands Chancen seien ohne Ballack sogar besser, wie es Peter Ahrens auf Spiegel-Online versucht. Dabei hätte sein Motto “Volle Kraft voraus!” hervorragend zur Bauserie Hrubesch / Briegel / Matthäus / Brehme gepaßt, kommt also knapp 20 bis 30 Jahre zu spät.

Warum aber Ottl nachnominieren? Zum einen ist der DFB mit spät nominierten Nobodys nicht schlecht gefahren. 1986 wurde man mit Norbert Eder (7 Einsätze) immerhin Zweiter. Auch hier eine große Niederlage, die einen noch Größeren unsterblich machte. Es muss sich noch zeigen, ob Schweinsteiger in der Nationalmannschaft einen ähnlich entscheidenden Schritt nach vorne machen kann wie im Verein. Aber für ihn wäre es kein Nachteil, einen Spieler an seiner Seite zu haben, mit dem er eingespielt ist. Ottl ist seit 1996 bei den Bayern, Schweinsteiger seit 1998. Ottl hat 24 europäische und fast 80 Bundesligaspiele bestritten. Sein Pech ist, dass er Leute wie Schweinsteiger, Demichelis und van Bommel vor der Nase hat. In Nürnberg hat er sich in kürzester Zeit akklimatisiert und im permanenten Abstiegskampf Nervenstärke bewiesen. Zwischen ihm und Schweinsteiger ist die Hierarchie geklärt. Es wäre fatal, sollten sich die beiden Nachwuchsgrößen Khedira und Schweinsteiger auf Kosten des Anderen zu profilieren versuchen. Ob dem Club die Vertragsverhandlungen erleichtert werden, sollte Ottl als Weltmeister zurückkehren, darf bezweifelt werden. Aber immerhin: Es geht um Schland.

Siegenthaler, McClaren, Broich – Hin und Weg »

Urs Siegenthaler ist jetzt doch nicht im Vorstand beim HSV, nicht unbedingt ein gelungener Einstand für das Mastermind des 2006er-Teams. Wie war das noch einmal mit dem Wechsel vom Verband in einen Verein? Herrlich, Rutemöller, Dörner? Wenn Daytrader Hoffmann sagt, der HSV sei noch auf der Suche nach seinem Schaaf, sollte er sich vielleicht daran erinnern, dass Schaaf, als er anfing, noch nicht Der Große Schaaf war, sondern ungefähr so unbekannt wie dieser Dings…der Interimstrainer bei Hamburg, der jetzt zu RB Salzburg geht, weil er keinen großen Namen hat, Manuz, Meniz, Munoz oder so ähnlich. Schaafs kann man nicht verpflichten, sie müssen reifen, im eigenen Saft, im eigenen Haus.

Dafür ist Dieter Hoeneß fündig geworden: Steve McClaren wird neuer Trainer in Wolfsburg. Wie die niederländische Zeitung TC Tubantia exklusiv meldete: Steve McClaren heeft een contract voor twee jaar getekend bij de Duitse voetbalclub Vfl Wolfsburg. Dat heeft hij vanmorgen exclusief aan de sportredactie van TC Tubantia laten weten. Ein geiles Land, in dem Zeitungen heißen wie Kampfschiffe der galaktischen Zerstörerklasse. Kein Wunder, dass die dort alle Fußball wie im Rausch spielen. Einziges Problem: Wer in Deutschland McClaren hört, denkt sofort Mercedes. Eine schwere Hypothek für die Tätigkeit in der Volkswagenstadt. Andererseits: Hans Meyer war auch mal in Enschede.

Egal, wo Nürnberg nächste Saison spielt, Thomas Broich ist nicht mehr dabei. Mag sein, dass er ein technisch begabter Feingeist und Individualist ist, für den Abstiegskampf war er denkbar ungeeignet. Jetzt wird Broich nach Australien zu Brisbane Roar wechseln. Ob die eher rustikale australische Spielweise ihm mehr liegt als der Bundesligakeller bleibt abzuwarten. Volles Roar voraus und alles Gute. Viel wichtiger ist, dass der australische Nationalspieler Vidosic vom anderen Ende der Welt, genauer gesagt aus Duisburg wieder zurück an die Noris kommt. Mineiro übrigens, darf Schalke ablösefrei verlassen. Im August 35 Jahre, 300 Ligaspiele, 24 Länderspiele, defensives Mittelfeld, erfahren, umsichtig, kampfstark, quasi ein brasilianischer Galasek. Mineiro und Ottl würden eine wunderbare Doppelsechs abgeben.

Ballack endlich im Titelfieber »

Es war ein Abseitstor, dass den Knoten für Chelsea platzen ließ, aber auch die muss man erst einmal verwandeln. Und ein 8-0 ist nicht gerade ein Zufallsergebnis. Ballack hat den Fluch des ewigen Zweiten nunmehr offiziell besiegt, was die Titelchancen für die deutsche Mannschaft sprunghaft steigen läßt. Ballack ist und bleibt die Leitfigur des Teams, auch wenn es wohl keine Ersatzbank beim ganzen Turnier geben wird, die so gut eingespielt sein wird wie kongenialen Münchner Klose und Gomez. Ballacks Titelgewinn wirft die Frage auf, ob es doch an den Leverkusenern an und für sich lag, als sie dreimal Zweiter wurden. Butt Meister, Ballack Meister, und die Bayer warf die Chance auf Platz Drei am letzten Spieltag einfach weg. Vielleicht könnte der runderneuerte Ballack ja dorthin zurückkehren, wenn ihn Chelsea nicht mehr will.

Die neue Champions League »

Endlich einmal eine sinnvolle Reform. Wer die Auslosungen zu den Playoffs in der Champions League gesehen hat, wird feststellen, dass der elitäre Klub der Dauerteilnehmer durchlässiger werden wird.

RB Salzburg, Maccabi Haifa, FC Kopenhagen, APOEL Nikosia, FK Ventspils, FC Zürich, Levski Sofia, VSC Debrecen. Von diesen acht Vereinen sind in der neuen Runde vier dabei. Und wenn Celtic Glasgow (die Stadt mit dem südafrikanischen Weltmeisterschaftsklima) Arsenal knackt, dann wären zum ersten Mal seit es die CL gibt, nur drei englische Teams dabei. Insgesamt wird alles viel europäischer und meisterlicher. Ich drücke Maccabi Haifa die Daumen, die gegen die Österreicher eine reelle Chance haben.

Für die Europa League sind Hapoel Tel Aviv (gegen FK Teplice) und Bnei Yehuda Tel Aviv (gegen PSV Eindhoven) noch im Rennen. Hapoel hat eine gute Chance, Bnei Yehuda wird über sich hinauswachsen müssen. Und Hertha kann sich nach dem Duell mit Bröndby vermutlich ganz auf die Liga konzentrieren. Aber dann könnte ja Stuttgart einspringen, falls es in den CL-Playoffs gegen Timisoara nicht reichen sollte.

Elefanten in Glasgow im November »

Am Sonntag lief auf Phönix eine Dokumentation von Richard Klug zum Vorbereitungsstand der WM in Südafrika: Fußball-Fieber am Kap, Südafrikas Weg zur WM. Wiederholungen gibt es am Samstag, 8. August 2009 um 11.00 Uhr und am Sonntag, 9. August 2009 um 18.00 Uhr. Der Film ist weder ein Sammelsurium der üblichen glückliche-Afrikaner-lieben-Fußball-über-alles-Bilder, noch ein Kompendium des Schreckens.

Ellis Park, das 1927 errichtete Rugbystadion in der Innenstadt von Johannesburg, in dem auch die Orlando Pirates Fußball spielen, liegt zwar in der Nähe von Hillbrow, dem Viertel mit der höchsten Straßenkriminalität in Johannesburg. Die  Firma Omega Solutions installiert dort allerdings Hunderte von Videokameras, um die Straßen sicher zu machen. In der Kontrollzentrale wird man Zeuge eines Überfalls auf einen Autofahrer, dem die Scheibe eingeschlagen wird. Bürgerwehren, die nacht in Gruppen von sechs bis zehn Personen  auf Streife gehen, führen unablässig Personenkontrollen durch, berittene Polizei im Paradehelm kontrolliert die Zugangsstraßen. Der Confederations Cup war sicher in den Stadien, ein Erfolg für die Organisatoren um Danny Jordaan, jetzt geht es darum die Gegend um die Stadien sicher zu machen.

In Nelspruit, vier Autostunden von Johannesburg, finden vier Vorrundenspiele statt. Die kleine Stadt liegt mitten im Busch, der Krüger-Nationalpark ist direkt um die Ecke. Das Stadion liegt wie alle anderen Bauvorhaben im Zeitplan, die Träger der Dachkonstruktion werden aussehen wie Giraffenhälse, die Sitze werden schwarz-weiss gestreift sein, wie Zebras. Wer will, kann die Zeit zwischen den Spielen im Zeltlager verbringen.

Auf einer Pressekonferenz mit Jérôme Valcke, dem Generalsekretär der FIFA und verlängertem Arm Sepp Blatters vor Ort, kritisiert ein Journalist der Elfenbenküste, dass er 2006 Schwierigkeiten hatte, nach Deutschland einzureisen. Damit die WM am Kap tatsächlich ein Fest für ganz Afrika wird, sollen Spezialvisa die Einreise für afrikanische Fußballtouristen ermöglichen. Hofft Valcke, der eine konkrete Antwort auf die Frage schuldig bleibt.

Wenn man die riesigen Baustellen und kühnen Entwürfe der Stadionarchitektur sieht, bekommt man eine Ahnung davon, was für ein Meilenstein das Turnier werden kann. Nicht nur, weil unter der Apartheid Fussball bevorzugt der Sport der Schwarzen und Rugby der Sport der Weißen war. Wie sich ein arbeitsloser Township-Bewohner ein Ticket leisten soll, bleibt allerdings schleierhaft. In Nelspruit versucht das Organisationskomitee jetzt, örtliche Unternehmer zu animieren, Public Viewing zu organisieren. Mit Bürgerwehren gegen die Taschendiebe?

Neben all den Merkwürdigkeiten bei Sicherheit, Transport und Unterkunft müssen sich europäische Fans vor allem an das Wetter gewöhnen. Im Juni und Juli ist auf der Südhalbkugel tiefster Winter. Die Bilder der Brandung in Kapstadt sahen ungefähr so anheimelnd aus wie Glasgow im November. Ein Sommermärchen wird diese WM in keinem Fall. Aber die Kicker von der Insel hätten dann wenigstens einen Heimvorteil. Wobei, dem Fritz sei Wädda ist ja eine Weltmarke.

Kurzes Lebenszeichen aus dem Sommerloch »

“Wir dachten alle, du seist tot,” sagt Rosanna Arquette zu Madonna, als diese nach Wochen plötzlich wieder aus der Versenkung auftaucht. “Nein, nur in New Jersey,” lautet die Antwort in Desperately Seeking Susan, einem Film aus jenem seltsamen Paralleluniversum, das seine ehemaligen Bewohner nur die Achtziger nennen.

Nun, ich bin weder tot noch in New Jersey, auch nicht in Tempelhof in der Vormumifizierung gelandet. Allerdings bin ich  umgezogen: näher an die neue Alte Försterei heran und weiter weg vom Olympiastadion. Am 2. August werde ich wieder regelmäßig schreiben, und mir Gedanken machen, wer eigentlich absteigen soll, in dieser immer gleichmäßiger besetzten und professioneller arbeitenden ersten/zweiten/dritten Liga.

Noch ein Wort zum viel geschmähten Kopfnoten-Sammer. Das U21-Endspiel war erste Sahne, sogar ganz ohne Losglück war Schland die beste Mannschaft des Turniers.

Totem und Tattoo »

Es war einmal im Land der tausend Laktattests , da gelobte der Auswahltrainer, seine Durchleucht, der Herr Löw: Es soll fortan nur nach Leistung gehen, nichts als Leistung soll sein das Kriterium, nach welchem ich berufen will meine Spieler.

Und ging die Zeit ins Land und kam da ein Spieler Jermaine Jones, Bub aus der Bronx von Bonames, der  spielte zwei Jahre lang überdurchschnittlich in einer durchschnittlichen Schalker Mannschaft und zeigte eine Dynamik und Zweikampfbilanz im defensiven Mittelfeld, die man seit Lothar Matthäus dort nicht mehr gesehen hat. Und er ward berufen pro forma für drei Freundschaftsspiele, und fortan ignorieret, weil er nicht passte in das Anforderungsprofil der Anforderungsprofilneurotiker beim DFB.

Und ätsch, der mündige Profi Jones, machte munter Gebrauch von seinen durch die FIFA garantierten Rechten und sprach bei sich und vernehmbar: Etwas Besseres als acht Minuten in einem Freundschaftsspiel gegen Österreich findest du zwar nicht überall, aber in den USA wirst du zumindest eine faire Chance erhalten.

Doch siehe, es waren Leitartikler und Kommentatoren auf dem Feld der öffentlichen Meinung, die fürchteten sich sehr und holten aus zum Rundumschlag, ohne die FIFA-Statuten gelesen zu haben und sparten nicht mit Häme. Und auch wenn Jones nach Asamoah und Kuranyi der dritte Schalker Profi ist, der auf äußerst unfeine Art vom DFB ausgebootet wurde, wer da sich erdreistet zu denken, dies habe mit ihrem Verein oder ihrem außereuropäischen Migrationshintergrund zu tun, der macht sich unbeliebt im Reiche des Auswahltrainers Löw, denn es geht beim DFB immer nur nach Leistung und keinesfalls nach Kopfnoten oder VfB Stuttgart.

Und nun wollen wir sehen, wie es weitergeht mit den Kickern in den schwarzen Hosen und weissen Hemden, dem wankelmütigen Frings, dem Schluck Wasser Schweinsteiger und dem braven Rolfes im Mittelfeld, dem kreuzbandverletzten Helmes, dem langzeitverletzten Klose und dem zum Austeilen neigenden Podolski im Sturm. Und wir wollen Leistung sehen, damit Jones und Kuranyi vergessen sein mögen, und getilgt sei ihr Name aus den Kadern für alle Zeit und Herrn Löw ein Wohlgefallen.

Noch 31.571.618 Sekunden »

Unterstellt, das Eröffnungsspiel wird um 20 Uhr Ortszeit angepfiffen, die identisch mit der Mitteleuropäischen Sommerzeit ist, sind es jetzt noch etwas mehr als 31,5 Millionen Sekunden bis zum Beginn der WM in Südafrika. Eine WM ist immer etwas Besonderes, aber diese WM wird anders als alle anderen werden.

Es ist ein Wunder, dass das Turnier in Afrika stattfindet, und das Ende der Apartheid vor 20 Jahren war ebenso überfällig wie das Ende der staatssozialistischen Diktaturen, wobei die Unterstützung für die alten Machthaber am Kap Kalkül des Westens im Kalten Krieg war. Lieber Rassisten als Kommunisten. Diese Rechnung ging in den Dreißiger Jahren schon einmal nicht auf.  Heute werden völkerrechtswidrige Angriffskriege mit “humanitärer Außenpolitik” legitimiert, die man am Kap nie anwenden wollte, und es gibt Politiker und Juristen, die “Terroristen” jegliches Menschenrecht absprechen. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt Nelson Mandela als Terrorist. Heute erwähnt man seinen Namen im gleichen Atemzug mit Ben-Gurion und Ghandi.

Nicht zuletzt wegen dieser Vorgeschichte wird diese WM auch politischer werden als alle anderen seit der in Argentinien 1978, als kritische Fans mit dem Transparent “Fußball ja – Folter nein” durchs Düsseldorfer Rheinstadion liefen.  Man mag von Sepp Blatter halten, was man will, aber eine WM für Afrika zu lancieren war nicht nur von der FIFA-Stimmenarithmetik motiviert. Er hat diesen naiv anmutenden Glauben an Fußball als Kraft der Völkerverständigung, und meine Erfahrungen mit diesem Sport haben ihn bisher nicht widerlegt. Mit Ausnahme von Musik und Sex gibt es nichts, was annähernd so universell wäre wie die Beschäftigung mit einem planetenähnlichen Sportgerät.  Die WM in einem Jahr hat die Chance, eine ähnliche Zäsur zu werden wie die Wahl des Sohns eines Kenianers zum Präsidenten der USA. Anlaß genug, um auf dem Weg zum Großereignis auch in diesem Blog ein bißchen über denTellerrand zu schauen.

Es ist übrigens immer noch möglich, dass diese WM scheitert. Die Schweinegrippe ist massiv auf dem Vormarsch, was vor lauter Opel, Arcandor, Hoeneß und Daum ein wenig in den Hintergrund gerückt ist (wurde?). Auch der Kapitalismus bw. seine momentane Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Drücken wir trotzdem die Daumen und freuen wir uns. Rufen wir dem kicker zu: Zeit, das Logo von 2006 aus dem Spielplan von 2010 zu entfernen. Es sind ja nur noch 31.570.998 Sekunden.

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