Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Sternstündchen für Bayer »

Während die wie immer fleißigen, aber planlosen Duracell-Häschen aus Lüdenscheid gestern verloren über den Rasen in Piräus irrten, bot Bayer Leverkusen gegen Valencia die ganze Palette einer aufregenden Champions-League-Partie. Dazu gehört auch die grottenschlechte Vorstellung in der ersten Halbzeit, wo man mit Leno und Glück ein 0-3 vermeiden konnte. Aber große Mannschaften und solche, die es werden wollen/können, sind auch in der Lage,  ein Spiel binnen vier Minuten durch zwei Traumtore zu drehen und dem Gegner danach keine richtige Chance mehr zu gestatten.

Nicht einmal vier Minuten nahm sich der Champions-League-Sender SAT 1 Zeit, um über das Spiel des einzigen siegreichen deutschen Teams des dritten Spieltag zu berichten. Um Bayer noch einmal deutlich zu zeigen, dass man viel lieber die populistischen Stümper in gelb-schwarz vorwärts und rückwärts breittritt, durfte Jörg Dahlmann seine Kernkompetenz im Labern unter Beweis stellen. Der zeigte sich auf der Höhe seiner Möglichkeiten und konnte es daher kaum fassen, dass Bender, Ballack und Rolfes in der Startelf standen. Ausnahmesweise zitiere ich diesen Blog vom 15. August des Jahres.

Und das Dauerthema Ballack wird bald keines mehr sein. Spätestens, wenn die CL-Saison beginnt, werden alle potenziellen Sechser zu ihrem Recht kommen, auch wenn der Skandalisierungsversuche kein Ende ist.

Ach ja, 45 Sekunden O-Töne packte SAT 1 noch oben drauf, Schürrle und Rolfes kamen zu Wort. Es gab Zeiten, da konnte Bayer kein Testspiel absolvieren, ohne dass man Ballack und Dutt vor die Kamera zerrte, damit sie gefälligst Stellung nähmen. Gestern war “Michael Ballast” (Peter Ahrens, SPON) bester Feldspieler auf dem Platz und “der undurchsichtige Herr Dutt” (Daniel Theweleit, völlig überraschend auch SPON) hatte seinen zweiten CL-Sieg in Folge eingefahren. Das interessiert nicht wirklich.

Außerdem freuen wir uns jetzt, den sympathischen Erfolgstrainer Jürgen Klopp im Studio begrüßen zu dürfen. Jürgen, wirst du dir bei einem 1-4 einen Vier-Tages-Bart stehen lassen, wenn ich mal so kritisch nachfragen darf?

Le dernier Mimikry »

Von der Natur lernt der Mensch die perfekte Anpassung an seine Umwelt. Einen glanzvollen Moment geradezu pantheistischer Einswerdung erlebte der geneigte Zuschauer am gestrigen Tage, als der Linienrichter im Spiel Köln gegen Nürnberg sich im gelben Trikot vor der gelben  Werbebande der gelben Deutschen Postbank nahezu gänzlich unsichtbar machte. Zu sehen war nur noch ein schwebender Kopf, nicht nur die Werbebande war gelb. Auch sieben gelbe Karten gab es, von denen sich zwei zu einer gelb-roten gegen den Nürnberger Pekhart summierten. Schiedsrichter Weiner ließ sich nicht lumpen und legte noch eine rote für den Kölner Brecko drauf.

Nürnberg hätte eigentlich nach 60 Minuten 4-1 führen müssen. Danach gab es noch ein paar Mal reichlich Gewurtschtel im Nürnberger Strafraum. Ein Schiri mit Heimkomplex hätte da vielleicht auch Elfmeter für Köln gegeben. Weiner tat es nicht, pfiff stattdessen zwei berechtigte Elfmeter für Nürnberg in der ersten Halbzeit. Mit Nervenstärke, Laufbereitschaft, ihrer formidablen Innenverteidung und bereits dem dritten Torwart im fünften Saisonspiel brachte der Club den Sieg verdient nach Hause. Jetzt wartet mit den wiedererstarkten Bremern ein richtiger Brocken.

Neben dem kicker-Managerspiel bin ich diesmal auch beim Tippspiel von Radio Eins dabei. Dabei werden die Tipps gewichtet, das heißt, für den richtigen Außenseitertipp kann man bis zu dreißig Punkte bekommen, so wie ich für den 2-1 von Hertha in Dortmund. Richtige Tendenz, richtiger Torabstand, richtiges Ergebnis. Für das 2-1 von Nürnberg in Köln bekam ich nur 14 Punkte, was eine Menge über die Entwicklung in Nürnberg aussagt. Mit diesem Auwärtssieg hätte ich vor fünf Jahren die Bank von Radio Eins gesprengt. Der Zeremonienmeister für den Fußball heißt bei Radio Eins Andreas Ulrich. Er kündigte den fünften Spieltag damit an, dass sich alle auf Mario Götze freuen dürften, obwohl der juvenile Delinquent in Leverkusen gerade vom Platz geflogen war. Das las sich dann irgendwie schon wie eine schlechte Gebrauxchstextkonserve. Geradezu frevlerischer Götzedienst. Ulrich belegt im Ranking im Moment etwa Platz 5000. Wenn er in Zukunft immer weiß, wer spielberechtigt ist, wird er schon allein dadurch 1000 Plätze gut machen.

Götze wurde natürlich Opfer eines Justizirrtums, denn wie Wachhund Watzke wußte: Das hat der noch nie gemacht. Das ultimative Entlastungsargument bei jedem Strafprozeß. Das hat mein Mandant noch nie gemacht. Womit es keine Ersttäter mehr gibt, dafür jede Menge Serientäter. Schwarz-gelb vor Neid steht der Deutsche Meister nur auf Platz elf und wird sich nicht lange grämen dürfen, denn die Champions League wartet schon. Gut möglich, dass auch die Borussia wie früher Wolfsburg und Bremen in der CL so richtig durchgewalkt werden. You’re never walked alone.

Mittlerweile habe ich das Manuskript meines neuen Kriminalromans abgeschlossen. Kleine Biester erscheint im November 2011 bei Rotbuch, die Premierenlesung ist am 11.11. um 20 Uhr in der Buchhandlung Otherland in Berlin-Kreuzberg. Da Mainz gegen Stuttgart spielt, an diesem Abend schlicht konkurrenzlos. Die gute Nachricht lautet, dass ich jetzt wieder vermehrt bloggen werde, die schlechte, dass ich pausenlos auf dieses Buch hinweisen und auch vor Praktiken versteckter Werbe*kleinebiester*Botschaften nicht zurückschrecken werde.

Späte Gurkerltore, extrafein »

Dass Bayer Leverkusen ein ernsthafter Konkurrent um die vorderen Plätze sein wird, zeigte sich gestern in der 87. Minute im Spiel gegen Bremen. Erst köpfte Kadlec den eigenen Mann an, ein Querschläger kam zurück zu ihm, beim dritten Versuch ging der Ball vom Innenpfosten schließlich ins Tor. So hat Leverkusen früher seine Gegentore kassiert. Natürlich war das noch kein Überfußball wie letztes Jahr über weite Strecken, die Bremer standen hinten gut und Wiese war bester Mann auf dem Platz. Aber späte Tore, an die man immer glaubt, zeichnen Spitzenmannschaften ja bekanntermaßen aus. Und das Dauerthema Ballack wird bald keines mehr sein. Spätestens, wenn die CL-Saison beginnt, werden alle potenziellen Sechser zu ihrem Recht kommen, auch wenn der Skandalisierungsversuche kein Ende ist. Daniel Theweleit versteigt sich auf Spiegel Online sogar zu einem “Der undurchsichtige Herr Dutt”, weil Leverkusens Trainer am zweiten Spieltag noch nicht verbindlich zusichern konnte, ob er in Zukunft Ballack oder Rolfes oder Ballack und Rolfes bringen wird. Oder Bender noch mit einkombiniert. Nach dem ordentlichen Auftritt von Ballack nach fast einem Jahr Verletzungspause ist der durchsichtige Herr Theweleit offenbar bestrebt, neue Schwierigkeiten unter allen Umständen herauf zu beschwören. Aber Robin Dutt hat mit dem knappen, nicht unverdienten Heimsieg erst einmal einen akzeptablen Saisonstart hingelegt, ebenso wie Heynckes, Rangnick und Stanislawski.

Sag mir was Schmutziges, Liebling »

Einszunull.

Willkommen zur 49. Bundesligasaison. Es waren die beiden schmutzigen 1-0, die dem ersten Spieltag das Sahnehäubchen aufsetzten. Das 1-0 von Nürnberg erlebte ich im Olympiastadion. Es war das erste Saisonauftaktspiel, das ich live erleben konnte. Kann schon sein, dass der Sieg für den Club unverdient war, die Niederlage für Hertha jedenfalls war verdient. Wer bei seiner Rückkehr so wenig zustande bringt, der fängt sich dann halt eins ein kurz vor Schluß. Nürnberg präsentierte eine gelungene Mischung aus Borussia Dortmund (Technik) und Tai Chi (Geschwindigkeit). Und immer, wenn sie so schnell kombinierten wie in der letzten Saison, war Hertha überfordert. Das war im ganzen Spiel insgesamt 43 Sekunden lang der Fall. Eine Chance in der ersten, eine Chance in der zweiten Halbzeit und das 1-0.

Torschütze Pekhart ist ein interessanter Mann. Nicht ganz so groß wie Peter Crouch, aber stets in der Lage den tödlichen Pass zu spielen. Er fällt ein bißchen theatralisch, aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass man bei einem 1,94-Mann spontan denkt: Hab dich nicht so. Bemerkenswert auch die Deckungsarbeit der Nürnberger, die alle defensiven Kopfballduelle gewannen. Schäfer hatte zwei Bälle zu halten. Der neue Mann Klose fügte sich gut ein. Feulner lancierte überraschenderweise nicht gleich wieder einen Hattrick wie gegen Bielefeld, dribbelte sich ein paar Mal fest, ansonsten aber weder Angst noch Bange ums Mittelfeld aufkommen ließ. Cohen zeigte mehr Kampfgeist als die gesamte Hertha. Hegeler gab 28 Sekunden nach seiner Einwechslung die Vorlage zum Siegtreffer,  Mendler spielte gut mit. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob hier wirklich Not gegen Elend am Start war, oder ob diese Club-Abwehr auch Mannschaften mit einer Offensive in Schach halten kann. Dass vier der sieben wichtigsten Spieler (Schieber, Wolf, Eciki, Gündogan) weg gegangen sind  – Schäfer, Pinola und Simons sind noch da – war dem Club nicht anzu merken. Und in der Hinterhand Mak, Herr Nilsson, Maroh, Frantz, Esswein und Bunjaku, ein sehr ausgeglichener Kader. Die Mannschaft hatte Ordnung und Spielanlage, in Zukunft alles dreimal so schnell, dann war das der Anfang einer wunderbaren Spielzeit.

Wir saßen in einem gemischten Block, sehr viele Clubfans im Stadion, sogar der Oberrang des Fanblocks war gut gefüllt. Neben uns ein Ostberliner, ins Stadion gekommen, um Hertha eine faire Chance zu geben. Er war restlos enttäuscht.  Die Herzen der Berliner zu gewinnen, wird weiter eine Herausforderung für den Aufsteiger. Sportlich muss dieses Spiel nicht viel heißen. Vielleicht tun sie sich auswärts anfangs sogar leichter. Unterschätzen sollten sie den im Umbau befindlichen HSV trotzdem nicht. Die haben von  Barcelüdenscheid zwar ihre Auftaktlektion bekommen, trotzdem sah das schon wieder sehr nach Mannschaft aus. Nach überforderter Mannschaft, aber immerhin.

Das zweite 1-0 des Spieltags trug sich in München zu. Die stets schonungslos analysierende Süddeutsche titelt: “Aufbruch in den Krisensommer”. Das steht zwar im Wirtschaftsteil, bezieht sich aber womöglich auch auf das FestgeldConto Bayern München, dessen Ratings am Sonntag Abend in den Keller rauschten.  Zuletzt konnte glaube ich Kaiserslautern das Auftaktspiel in München gewinnen, die wurden dann mit Rehhagel Meister. Der kicker schreibt ebenso schonungslos: “Nachdem zwei große Möglichkeiten nicht in die überfällige Führung des FCB mündeten, sorgte ein Missverständnis in der Bayern-Abwehr für die Entscheidung.” Ein Mißverständnis namens Neuer, was wirklich ein Jammer für den begabten und sympathischen Buerer Bua, aber nicht minder absehbar ist. Der Club verlor 2007/08 sein Auftaktspiel nach einem Patzer des neuen Keepers Blazek zu Hause gegen Schalke mit 0-2. Blazek blieb immer ein Fremdkörper und der Club stieg ab. So schlimm muss es für Bayern nicht kommen, es gibt ja Hertha und Köln, aber  jetzt geht es nach Wolfsburg. Die Wölfe von Dompteur Magath mit einem Bärenhunger auf Tore ausgestattet. Das könnte schwierig werden, auch wenn Grafite nicht mehr da ist.

Bremen spielt wieder Fußball, ist das nicht schön.

Das antiquierte Sport-Studio »

Am Samstag seit Menschengedenken mal wieder das Sport-Studio im ZDF gesehen. Ich kam zu spät zur Konferenz auf Sky, weil ich gerade an meinem neuen Krimi arbeite, der wieder bei Rotbuch erscheint, und konnte gerade noch sehen, wie Eigler sein 3-0 bejubelte. Nach sechzehn Minuten 3-0. Trotzdem hatte ich auch für die Sportschau keine Zeit. Also um elf dann rein ins ZDF, rein in eine bittere Enttäuschung.

Erst gab es ein hochnotpeinliches Interview mit Heynckes, in dem man auf Bunte-Niveau alle Ballack-Gemütszustände durchhechelte. Als Heynckes nach der vierten oder fünften überflüssigen Frage einzuwenden wagte, seine Mannschaft habe gegen Wolfsburg soeben überragend gespielt, wischte der Interviewer dies mit “Dazu habe ich Ihnen doch gratuliert.” vom Tisch. Die Gratulation als Disclaimer und danach kann hemmungslos am Thema vorbei gefragt werden? Ein Glückwunsch ist doch kein journalistisches Arbeiten. Als ob es zu dem Spiel und zu Bayer nicht einiges zu fragen gegeben hätte. Der Vergleich zur Vorsaison, als man nach 25 Spielen ohne Niederlage doch noch in die Europa League abstürzte. Mittlerweile hat man schon viermal verloren, Hyypiä spielt keine Übersaison, Kießling wird nicht Torschützenkönig werden und trotzdem wirkt man gefestigter.

Dann gäbe es da noch die Form von René Adler, der mit einem Notenschnitt von 2,94 im kicker den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird und sich zusammen mit Wiese bald hinter Rensing wieder finden wird, wenn der weiter so toll hält. Oder die starke Leistung von Lars Bender, die für sich allein bemerkenswert ist, und nicht, weil Ballack wegen ihm nicht dabei war. Oder die Verletzung von Friedrich, der fulminante Renato Augusto, der neue Vertrag von Heynckes, die Option Bayern in diesem Zusammenhang, seine persönliche Bilanz gegen Villareal nach mehr als zehn Jahren in Spanien und, und, und. Natürlich schmeckt es Ballack nicht, dabei zu sein, wäre ja noch schöner, wenn sich so ein Kaliber in die Ecke trollt. Aber wenn er wirklich in die Nationalelf zurück will, kann es ihm nicht schaden, topfit und ausgeruht in die neue Saison zu gehen. Die Plätze werden 2012 vergeben, nicht jetzt. Außerdem spielt er ja regelmäßig und meistens sehr ordentlich.

Beim Zwiegespräch mit Emanuel Pogatetz wirkte Wolf-Dieter Poschmann anschließend so gehetzt, als habe er zuhause den Wasserhahn angelassen. Zwei der drei Einspieler zu Pogatetz befassten sich mit den Bayern, über die bemerkenswerte Situation von Hannover gab es kaum etwas zu hören. Wenigstens war der Spruch von Andi Herzog über den verfressenen Kollegen Pogatetz lustig.

Als dann der Club gezeigt worden war, machte ich den Fernseher aus. Wo war die Hintersinnigkeit, die Verweigerung gegenüber der Sensationshechelei, die konzentrierte Gesprächssituation, in der man immer wieder die Gäste dazu bringt, mehr zu sagen als die vorgestanzten Phrasen für Pressekonferenz und nach dem Spiel? Schade, das war früher einmal eine Bastion des intelligenten Sportjournalismus. Hoffentlich hatte ich nur einen schlechten Abend erwischt.

Rein ins Getümmel »

Vergangenen Sonntag, zum Abschluß des Rückrundenauftakts, gab es eine Neuheit zu besichtigen. Liga total bzw. die Deutsche Telekom hatte eingeladen, Fußball live in 3D zu erleben. Immer die beiden Sonntagsspiele werden in Zukunft in 3D gezeigt, für einschlägig tätige Blogger und sonstiges Fachpublikum, darunter Clubberer Bernd  Krippner von agolnaihaua und zwei Leute von Textilvergehen, gab es den Klassiker 1. FC Kaiserslautern gegen 1. FC Köln. Einschließlich dieser Begegnung trafen die beiden schon 78 mal in der Bundesliga aufeinander. 1991 holten sich die Roten Teufel mit einem grandiosen 6-2 in Köln mit Kalli Feldkamp die Meisterschaft.

Ort der Handlung beim Abstiegsduell war das Andel Hotel in der Landsberger Allee. Dass FC-Fans im Jahr 1235 Neukölln gegründet haben, um näher am zukünftigen Geburtsort von Litti-San und Icke Häßler zu sein, ist ja hinlänglich bekannt, insofern war es für die ein Katzensprung nach Lichtenberg. Die (nur?) zwei FCK-Fans im Publikum kamen wohl aus dem Westteil der Stadt, weil es von da nicht so weit in die Pfalz ist. Vom sechsten Stock hatte meinen einen herrlichen Blick auf die Trasse der Ringbahn und den Fernsehturm im Sonnenuntergang, auf der riesigen Terrasse standen noch immer die Deko-Rentiere und fühlten sich bei sechs Grad über Null sichtlich wohl.

Und dieses 3D? Es hat was. Als amuse-yeux gab es eine Hahnenkamm-Abfahrt, dann wurde es ernst auf dem Betzenberg. Die 3D-Übertragungen werden mit einem eigenen Set von Kameras übertragen und auch separat geschnitten. Die Kameras haben jeweils zwei Objektive und die Brille, die man einschalten muss, legt die beiden Bilder dann übereinander. Die Überblickseinstellungen, die Totalen unterscheiden sich vom herkömmlichen TV nur wenig. Aber sobald die Perspektive ebenerdig wird, verändert sich das Bild. Ob Einwürfe oder Ecken, alles was sich an den Seitenlinien abspielte, brachte einen mitten ins Geschehen, auch die Aufnahmen der Hintertorkamera waren angenehm geerdet. Man merkt plötzlich, wie unübersichtlich es in Strafräumen zugeht, wie schnell die Spieler reagieren müssen und wie wenig sie vom gesamten Spielfeld mitbekommen. Dauernd läuft jemand durchs Bild, es war – gerade bei diesem Kampfspiel mit den vielen Zweikämpfen – aufregend, sich quasi mitten unter den Spielern zu befinden. Die Bildregie experimentierte fleißig und in der zweiten Halbzeit hatten sie einen Rhythmus gefunden, bei dem die Kamera meistens auf Höhe der Grasnarbe blieb und bei langen Bällen und Passagen außerhalb des Strafraums mal kurz hochschaltete, um zu zeigen, wo man sich gerade befand. Ich sitze im Stadion (ja, ich sitze meistens) gerne im unteren Hälfte auf  Gegengerade, damit ich einen guten Überblick habe, doch beim Spiel Dortmund gegen Nürnberg am 15. Spieltag 1992/93 stand ich im Westfalenstadion das ganze Spiel über direkt hinter dem Tor vor der Gästetribüne. Der andere Strafraum war nur am Horizont zu sehen, aber als Eckstein in der ersten Halbzeit das 1-0 für den Club köpfte, sah ich das Weiße in seinen Augen. Knut Reinhardts  Gewaltschuß, der in der 89. Minute das 3-2 für den BVB bedeutete, schlug quasi über meinem Kopf ein. So ähnlich ist das auch in 3D. Und anders als in den lawinenartig hereinbrechenden 3D-Filmen kann man ein Fußballspiel nicht auf Effekte trimmen. Das Kopfballduell kommt oder kommt nicht, das Abstaubertor kann passieren, muss aber nicht.

Den Wischer von Lakic gegen Eichner sah auch in 3D völlig beknackt aus. Da auch versuchte Tätlichkeiten strafbar sind, fand ich Rot  völlig in Ordnung. Er spielt eine tolle Saison, aber hier war Lakic leider ein Depp. Rot für einen Roten Teufel auf dem Betzenberg, das muss man sich erst einmal trauen. Dass die Kölner viel stärker sein werden in der Rückrunde, deutete sich an, wurde mittlerweile durch das 3-0 gegen Bremen bestätigt. Als Podolski nachließ, kam Lautern auf (oder war es umgekehrt?). Jedenfalls verdiente sich der FCK den Punkt zurecht. Zuhause sind sie wie in alten Tagen zu allem fähig, und selbst, wenn Lakic geht, wird Kuntz einen anderen aus dem Hut zaubern.

Einziger Schwachpunkt war wie so oft Jörg Dahlmann. 90 Minuten haltloses Gelaber waren jenseits aller Schmerzgrenzen. Als er nach 80 Minuten von einem “richtig guten Spiel” sprach, gab es höhnisches Gelächter im Publikum, das den Abstiegsfight bekommen hatte, den es erwartet hatte. Dahlmann behauptete auch, das Spiel sei so mitreißend, weil es in 3D übertragen würde. Nice try. Aber wenn er wirklich im Stadion saß, um sich das Spiel dort mit Brille anzusehen, dann muss er mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen sein.  Aber man kann 3D ja auch ohne Ton und hoffentlich für alle Zukunft ohne Dahlmann-Hologramm sehen, das neben einem auf dem Sofa sitzt und die Nüßchen wegfrißt. Nachdem mir Pay-TV im Moment nicht ins Haus kommt, um nicht die schäbigen Reste eines funktionierenden Soziallebens zu gefährden, werde ich auf die erste 3D-Kneipe warten müssen.

Fieberträume schwächelnder Mittelfeldmittelgewichte »

Ein gewisser Oskar Beck,  als Sportjournalist vor allem mit dem VfB Stuttgart beschäftigt und in der Stuttgarter Zeitung präsent, behauptet in Die Welt vom 5.12.: Die Bayern beherrschen auch in der Krise die Liga. Inhalt des Artikels: Die Bayern sind so übermächtig, dass ihr Absacken wichtiger ist als Dortmunds und Mainzens Aufstieg. Das war schon immer so, das wird immer so bleiben. Beweis:

“Schon in den 70ern ließ Präsident Willi O. Hoffmann, besser bekannt als „Champagner-Willi“, anlässlich eines Kampfes von Muhammad Ali in seiner Villa einen Boxring aufbauen und stellte im Rahmen einer rauschenden Party vier Fernseher hinein.”

Fürwahr einer der definierenden Momente des deutschen Sports jener Dekade. Aber nichts im Vergleich zu Hoenbold dem Verwurster, der im Jahr 1312 sein Pemmikan an der Querlatte trocknete.

Meine Gegenthese zu diesem untauglichen Versuch einer Fiktion der Bundesliga als Bayernliga: Die Bayern beherrschen auch in der Krise die Journalisten, die sich ihnen unterwerfen. Denn wer über die Bayern schreibt, muss nicht unbedingt viel vom Fußball verstehen und findet doch immer sein Thema. Alles easy-peasy, bussi-stussi. Dass nach vierzig Jahren Dauerjodelbeschallung auf allen Kanälen Vereine wie Mainz, Freiburg, Union Berlin oder Dynamo Dresden überhaupt noch wahrgenommen werden, ist Beweis für die Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit, Liebe und Bockigkeit der Fans.

Ich mache jetzt einen kleinen Selbstversuch. Ich tu jetzt einfach mal so, als seien die Bayern schon abgestiegen. Und obwohl Franz Beckenbauer, Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Oliver Kahn in pluralistischer Vielfalt die Meinungshoheit zusammen mit Marcel Reif, Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann unter sich aufteilen, schreibe ich bis zum 24. Spieltag, der scheibchenweise ungefähr am 26. Februar 2011 stattfindet, also bis zum Spiel des  glamourös malochenden BVB in München, gar nichts mehr über den vom Absterben bedrohten Säbener Säbelzahnpapiertiger. Und dann werden wir in einem utopisch aufblitzenden Moment erahnen, wie schön das Fußball ist unser Leben sein kann.

Wer wird Hertha 2011? »

Die Mannschaft, die nach einem Dampfer benannt ist, sorgt in der Zweiten Liga für Furore, wie das früher in der Sportberichterstattung so schön nichtssagend immer hieß, und nicht Raserei, sondern rasender Beifall bedeutet. Aber wer besetzt die Planstelle des Überraschungsabsteigers?

Da richten sich viele Augen erwartungsfroh nach Gelsenkirchen und hoffen, der Totalsanierer Magath möge den Karren gegen die Wand fahren. Aber zu früh gefreut. Nach der denkbar knappen Niederlage in Nürnberg am kommenden Wochenende im Duell zweier starker Mannschaften wird es vorbei sein mit der Schwächelei beim S04, und ab Mitte Oktober wird aufgeholt. Dass es bei Magath nicht nur darum geht, vermeintlich alternde Weltstars zu verpflichten, zeigen Matip, Schmitz, Höwedes, Rakitic und Moritz, die im Personalpuzzle alle eine wichtige Rolle spielen, von Neuer gar nicht zu reden. Dass er nicht bloß verbrannte Erde hinterläßt, zeigen die Wolfsburger, die bis auf Diego für Misimovic und Kjaer mit Magaths Kader und System spielen.

Auch die Bremer werden sich mit Mertesacker und Pizarro wieder nach oben wurschteln. Wahrscheinlich haben Schaaf und Allofs eine Wette laufen, mit wieviel Punkten Rückstand die Jagd auf Platz 3 gestartet werden darf. Wenn sie sich im Winter endlich mal einen richtigen Außenverteidiger leisten, könnte es auch mal Platz 2 oder 1 werden.

Dann gibt es noch den HSV und natürlich die Bayern. Selten konnte ich Marcel Reif so beipflichten wie zu seiner Bemerkung im Tagesspiegel “…wie wohl auch der FC Bayern nicht auf Platz acht bleiben wird.” Er meint das natürlich ganz anders, aber selbst wenn für Bayern noch Luft nach unten ist, wird es für ein Derby mit Ingolstadt nicht ganz reichen. Bei den Hamburgern zeigt sich Armin “Tullius Destructivus” Veh einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst, die Champions League ist auch dieses Jahr so weit weg wie Övelgönne von der Reeperbahn, aber der HSV bleibt erstklassig. Der Name bedeutet übrigens Übel gegönnt, zu Happels Zeiten hieß das kleine Fischerdorf noch Pressing.

Mein Favorit für den Abstieg aus dem Kreis der Schönen und Verschuldeten ist der VfB Stuttgart. Erstens sind mit Lehmann, Kehdira und  Delpierre die drei wichtigsten Spieler weg bzw. verletzt (wie Simunic, Voronin und Pantelic bei Hertha). Zweitens haben sie eine wenig hilfreiche Europa League an der Backe, die es schwierig macht, sich auf den Abstiegskampf zu konzentrieren (wie Hertha). Drittens ist Stuttgart drauf und dran, eine geteilte Stadt zu werden (Niemand hat die Absicht, einen Bahnhof zu errichten). Viertens hat die Mannschaft nach der hervorragenden Rückrunde ein Motivationsproblem (Hertha wurde Vierter). Fünftens ist Horst Heldt weg (wie Dieter Hoeneß). Sechstens ist ein Exspieler mit wenig Erfahrung in Gestalt von Fredi Bobic für ihn gekommen (wie Preetz bei Hertha). Siebtens haben beide Vereine beständig Mühe, ihr Leistungsvermögen richtig einzuschätzen. Der einzige Unterschied heißt Christian Gross, aber der alleine wird nicht reichen.

Probleme mit der Raumaufteilung… »

…hat der Blog PhotoshopDisasters bei der französischen Equipe Tricolore entdeckt.

Es war a) die Hand Gottes b) die unsichtbare Hand des Marktes c) der lange Arm von Domenech.

Schweigen ist Gold »

Bei den momemtanen Goldpreisen tut es einfach mal gut, die Klappe zu halten.

Der freundliche Genius, der Uli H. davon abgeraten hat, gegen Rauball zu kandidieren, hat sich ein Würstel mit Stern verdient.

Die Frage, wer sich am weitesten aus dem Transferfenster lehnt, wird wohl zwischen dem VfL “mille grazie” Wolfsburg und dem Hamburger “Pfeffersackhüpfen” Sportverein entschieden.

Ich freue mich auf Ballack, Asamoah und Simons.

Richtig geile Autogrammkarten hat diesmal der 1. FC Nürnberg.

Karl-Heinz Heimann ist gestorben. Den Scheinwerfer habe ich gerne gelesen, vor allem seine ehrliche Begeisterung über russischen und ukrainischen Fußball. Zu Oleg Blochins Zeiten wurde das als Roboter-Fußball denunziert, heute feiern alle taktisch ausgereiften, technisch perfekten Systemfußball als Tiki-Taka. Begegnet bin ich Heimann nie, aber vor fünf Jahren habe ich einmal mit ihm telefoniert. Ich brauchte die Erlaubnis, im kicker-Archiv recherchieren zu dürfen. Um drei mittelfränkische Ecken kam ich an die Telefonnummer. Heimann war freundlich, unprätentiös, neugierig und unglaublich wach. Es hätte auch ein Dreißigjähriger sein können, der mich am anderen Ende der Leitung über Sinn und Ziel meines Vorhabens befragte. Die Erlaubnis habe ich gekriegt und die Stimme nicht vergessen. Vielen Dank.

Der kleine Kartäusermönch, der in meiner Seele haust, wird weiter zu seinem Recht kommen. Es bleibt in den nächsten Wochen heiter bis wortkarg.

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