Raus mit Applaus »
Wenigstens einen Sieg hat Südafrika noch zustande gebracht, als alles schon zu spät war. Es ist merkwürdig, dass der Gastgeber schon nach der Vorrunde weg ist und bedauerlich, dass mit Nigeria gleich die zweite afrikanische Mannschaft gestern ausgeschieden ist. Dieses Vier-Wochen-Modell mit Eriksson fand ich schon ein wenig merkwürdig, andererseits: Je kürzer ein Trainer für ein afrikanisches Land arbeitet, desto größer die Chance, dass er vor dem Turnier, für das er verpflichtet wurde, nicht entlassen wird. Nachdem es so aussieht, als ob die Afrikaner alle in der Vorrunde rausfliegen könnten – Ghana und Algerien haben noch vergleichsweise gute Chancen – spielen die Südamerikaner dafür groß auf. Nur Brasilien bolzt noch etwas uninspiriert vor sich in, war in der zweiten Halbzeit gegen die Elfenbeinküste aber schon besser als in der ersten gegen Nordkorea. Und heute Abend das erste k.o.-Spiel. Bin gespannt, was passiert, wenn der Prince ein Tor schießt.
Per Aspera ad Astra »
Die diesjährige 11Freunde-Location ist wirklich gelungen. Ein bißchen griechisches Amphitheater, ein bißchen postsozialistische Abraumhalde, ein bißchen Mad Max, sonnig und entspannt. Gestern jubelten sich dort ungefähr fünf Chile-Fans die Seele aus dem Leib, während der Kuh-Glocks-Klan wie schon viele andere mit dem Schiedsrichter haderte.
Bisher hat die Gruppe H eindeutig den größten Unterhaltungswert, wobei die Dänen gegen Kamerun auch sehr gut waren, und ich die Holländer bisher noch nicht gesehen habe. Morgen werden wir um 6.30 Uhr unsere Handtücher auf der Astra-Tribüne verteilen, damit wir dann gegen Ghana auch ein hübsches Plätzchen haben.
Hoffentlich spielt Frei »
Es war ein Verlust für die Bundesliga, als Frei von Dortmund wegging. Barrios schießt zwar auch Tore, aber Frei hat das gewisse Etwas. Die Schweiz war praktisch ausgeschieden, als er sich im EM-Eröffnungsspiel verletzte. Mittlerweile ist er gerade Meister mit Basel geworden und vielleicht schon fit genug, um im Duell der Siegerteams in Gruppe H heute zu spielen. Aber wer weiß, vielleicht spielt er ja bald auch im Viertelfinale.
Die schönste Verschwörungstheorie… »
…zur Leistung des Schiedsrichters beim Spiel Deutschland – Serbien kam gestern vom Nebentisch in einem Café in Schöneberg. Es geschah alles wegen Hitzfeld, dem deutschen Europameisterschaftssiegerbesieger. Weil der Deutscher ist, musste gestern die deutsche Nati bestraft werden.
Ich finde, ein Spieler mit 97 Länderspielen, derbereits Gelb gesehen und mitgekriegt hat, dass dieser Schiedsrichter jedes Räuspern mit Gelb bestraft, muss dem Gegenspieler nicht an der Mittellinie von hinten in die Beine treten. Man muss dieses Gelb-Rot nicht geben, man muss es sicher aber auch nicht abholen. Eine andere Frage wäre, was Klose da überhaupt zu suchen hatte.
Das Mutterland des Fußballs… »
…ist England. Aber diese Mutter ist mindestens so tot wie die von Norman Bates. Das war heute eine Bankrotterklärung und es nervt kolossal, dass England jedes Mal zum Mitfavoriten ausgerufen wird und jedesmal erbärmlich schlechten Fußball spielt. Die Erklärung ist ebenso einfach wie naheliegend: Das sogenannte Wembleytor fiel in der 101. Minute. Und 101 Jahre lang werden die Drei Löwen grottigen, hundsmiserablen Fußball spielen müssen, bis dieses Tor getilgt ist. Nimmt man die heutige Leistung als Maßstab, werden die 57 Jahre, die noch kommen, wie im Flug vergehen.
Schland heute +++ verdienter Sieg für Serbien +++ vertretbarer Platzverweis für Klose +++ Wechselfehler von Löw, Podolski hätte nach der ersten Halbzeit raus gemusst +++ Führungsschwäche von Lahm und Schweinsteiger, Podolski hätte nicht schießen dürfen +++ Ohne Özil passiert nach vorne so gut wie nichts +++ Wer behauptet hat, Ballacks Ausfall wäre kein Verlust, der wurde heute eines Besseren belehrt, das Spiel schrie förmlich nach einem 1-0 durch ihn +++ Dieser Rückschlag ist für den weiteren Verlauf von entscheidener Bedeutung: als Schlüsselerlebnis bei der Teamwerdung oder als Anfang vom Ende.
1 + 1 = 28 »
1 Spieltag und 1 Spiel macht 28 Tore. Aber was sind schon Tore. Heute war ein bitterer Tag für Südafrika. Morgen müssen Frankreich und Mexiko unentschieden spielen, damit Bafana Bafana noch eine Chance hat. Ein bitterer Tag auch für Spanien, und eine Unverschämtheit, die taktische Meisterleistung der Schweiz mit dem Gebolze Griechenlands 2004 zu vergleichen. Das war heute eher Inter gegen Barca und niemand kann erwarten, dass die Eidgenossen ins offene Netz der Ballzirkulation laufen. Weil Chile auch gewonnen hat wird es für den großen Favoriten richtig eng.
28 Tore in 17 Spielen ist natürlich für die, die nur auf das Spektakel schauen, viel zu wenig. Aber seit wann sagen Tore etwas über die Qualität eines Spiels? Uruguay gegen Frankreich war ein schlechtes Spiel, als 2-2 wäre es auch ein schlechtes Spiel gewesen. 1974 gewann Jugoslawien gegen Zaire 9-0, war das wirklich ein besseres Spiel als das 1994er Endspiel, 0-0 Italien – Brasilien? Mir gefallen Mannschaften, die eine entwickelte Spielidee haben und diese umsetzen können, die Tempowechsel beherrschen und eine gute Raumaufteilung haben, sich Platz schaffen, immer genug Spielfeld vor sich haben, um den entscheidenen Pass zu spielen. Das 1-0 von Chile gegen Honduras heute war ein richtig gutes Spiel, mit zwei gleichwertigen, mutigen, spielfreudigen Mannschaften. Manchmal gibt es viele Tore und trotzdem ein gutes Spiel, Holland – Tschechien 2-3 bei der EM 2004 ist ein herausragendes Beispiel, aber solche Spiele gibt es nur alle zehn Jahre.
Ein paar bemerkenswerte Tore gab es natürlich auch, Maicons 1-0 gegen Nordkorea, Podolskis 1-0 gegen Australien, Tshabalalas 1-0 gegen Mexiko, Forlans 1-0 gegen Südafrika. Spieler des ersten Spieltags war trotzdem Benaglio. Zu Null gegen das Uhrwerk des Schönen. Spektakulärer geht nicht.
Miroculix wirkt wieder Wunder »
Das war richtig lecker gestern Abend. Und der Große Klose ist zurück. Miroculix wirkt wieder Wunder. Wenn es 4-0 steht, kann auch Gomez keinen Schaden mehr anrichten. Ganz am Anfang hatten die Deutschen ein bißchen Glück, der Platzverweis gegen Australien war extrem hart, aber trotzdem war es das beste deutsche Auftaktspiel seit 1990. Aber Costa Rica… werden jetzt einige wieder sagen, doch vor vier Jahren war der Gegner zu schwach und vieles blieb Stückwerk. Auch die Tore damals waren Ergebnis der allgemeinen Euphorie, nicht der besseren Spielanlage. Und von Rudi, hau die Saudi 2002 wollen wir gar nicht erst reden. Gestern dagegen, vier Tore aus dem Spiel, eins schöner als das Andere. Gut gemacht, Herr Löw.
Hoffentlich führt die gute Frühform nicht zur Überheblichkeit. Im Achtelfinale wartet England, warten gar die USA. Und wie schnell sind die Vorrundendarlings schon zu den K.O.-Runden-Deppen geworden.
Im Internet kursiert tatsächlich eine Antivuvuzelapetition. Mit Petitionen sollten wir uns nicht abgeben, sondern gleich eines dieser liebreizenden Instrumente besorgen und möglichst originell verzieren. Mexiko 86 hat dem Weltfußball La Ola gebracht. Vielleicht ist nach dieser WM die zwangsweise verabreichte Schrottmusikdröhnung aus der Konserve vor fast jedem Bundesligaspiel Geschichte, weil alle fröhlich brummen.
Das ZDF hatte gestern nicht seinen besten Tag. Katrin Müller-Hohenstein beschwört den Reichsparteitag herauf, Béla Réthy merkt an, die Ohrstöpsel, die gegen Vuvuzelas verkauft werden, seien auch geeignet gegen die meckernde Ehefrau. Nur gegen sein Geschwafel ist das geeignete Synthetikwachs noch nicht erfunden worden. Und wo ist eigentlich der vom kicker gekürte Fanexperte? Sollte der nicht der Adlatus von Oliver Kahn werden?
Und so was von verdient – Ghana schlägt Serbien »
Sage jetzt bitte keiner, dass sei kein Handspiel gewesen, so weit oben haben auch beim Flugkopfball die Finger nichts verloren. Und der Elfmeter – es sind schon Mannschaften mit einem einzigen Elfmeter Weltmeister geworden, also nichts zu deuteln am ersten Sieg einer afrikanischen Mannschaft. Wenn man sich den Spielverlauf mit zwei Pfostentreffern und einigen schon recht ansehnlichen Ballstaffetten ansieht, war Ghana über die gesamte Spielzeit besser, aktiver. Und The Athlete Formerly Known As Boateng, der jetzt Prince auf dem Trikot stehen hat, war einer der Leistungsträger. Das Spiel heute Mittag war eher fad, wieder ein krasser Torwartfehler, viele, viele Fehlpässe. Das heißt, England muss in Gruppe C jetzt schon richtig um Platz zwei kämpfen.
Ich verstehe die Aufregung um die Vuvuzelas nicht, gibt es denn kein anderes Thema? Die tollen Stadien, die alle pünktlich fertig geworden sind, Zustände, von denen man in der Ukraine nur träumen kann. Dazu das herrliche Wetter, keine Spur von Winterstürmen bis jetzt. Keiner hat sich daran gestört, dass Oranje die gegnerische Mannschaft mit absichtlich falsch geblasenen Seemannsliedern jahrzehntelang zermürbt hat – ein bißchen mehr Weltoffenheit stünde nicht nur den Freunden, sondern auch den Gästen gut zu Gesicht.
Gruppe H – Hablamos Schwyzerdütsch »
Eine interessante Gruppe. Ein designierter Topfavorit (Spanien), ein Geheimtipp (Chile), ein Team mit einem Spitzentrainer und einer grunsoliden Vorbereitung (Schweiz) und ein hochmotivierter Kleiner, der es den großen espanophonen Brüdern so richtig zeigen will (Honduras.)
Spanien wird die Gruppe gewinnen, aber Platz zwei könnte eng werden, die Schweiz fährt bald wieder nach Hause. Vielleicht auch, weil bei Hitzfeld vor meinem geistigen Auge immer Nou Camp 1999 auftaucht. Andererseit, ein Torschützenkönig Bunjaku stände dem Club nicht schlecht zu Gesicht. Die Honduraner schlagen sich wacker, aber Chile traue ich einen richtigen Überraschungscoup zu, so wie der Türkei 2002.
Honduras – Chile 1-2
Spanien – Schweiz 2-0
Chile – Schweiz 2-1
Spanien – Honduras 4-1
Chile – Spanien 2-2
Schweiz – Honduras 1-1
Ich mag es nicht besonders, ein Turnier komplett durchzutippen, deshalb gibt es die Achtelfinaltipps, wenn es so weit ist. Aber meinen Weltmeistertipp kann ich hier schon mal bekannt geben. Nachdem Barak Obama angekündigt hat, nach Südafrika zu kommen, sofern die USA im Endspiel steht, kann das Endspiel nur Südafrika – USA heißen. Sofern der historische Materialismus nur ein Fünkchen Interesse an Fußball hat werden sich Obama und Nelson Mandela am 11. Juli abends gegenseitig gratulieren. Weltmeister wird natürlich Südafrika. Let’s go Bafana Bafana.
Gruppe G – Lauter Leckerli »
Drei Mannschaften mit großen Namen in einer Gruppe- und trotzdem kann Nordkorea das Zünglein an der Waage sein. Wenn man die von Askese und Weltenferne geprägte Vorbereitungsphase der Brasilianer zum Maßstab nimmt (was heißt Malente auf portugiesisch?), dann ist hier ein ganz großer Geheimfavorit unterwegs. Vor vier Jahren machten sie Party und spielten wie eine Thekenmannschaft, jetzt will Dunga Leistung auf dem Platz sehen.
Ob Portugal nach der miserablen Qualifikation noch einmal zulegen kann, ist zweifelhaft. Mit Ronaldo sehe ich die Mannschaft eher auf Platz drei. Die Elfenbeinküste landet wie vor vier Jahren wieder in einer Hammergruppe, besteht aber nicht nur aus Drogba. Ich bin optimistisch.
Nordkorea ist gegen alle drei in der Lage, einen Punkt zu holen. Vor allem gegen die nicht besonders zweikampfstarken Portugiesen haben sie eine echte Chance. Durch die schweren Gegner ist Brasilien diesmal vielleicht gezwungen, von Anfang an richtig Fußball zu spielen. Ein Nachteil ist das nicht.
Elfenbeinküste – Portugal 3-2
Brasilien – Nordkorea 2-0
Brasilien – Elfenbeinküste 2-2
Portugal – Nordkorea 1-0
Portugal – Brasilien 1-3
Nordkorea – Elfenbeinküste 0-1
Gruppensieger Brasilien
Zweiter Elfenbeinküste
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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