Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Lob der Unbeliebten »

Heute sollen hier einmal Mannschaften gelobt werden, denen ich sonst eher Hohn und Spott zukommen lasse.

Eintracht Frankfurt hat ein wirklich tolles Spiel abgeliefert am vergangenen Donnerstag in Porto. Wer so spät 0-2 in Rückstand gerät und bei einem Dauergast in der Champions League so abgebrüht zurückkommt, der kann noch einiges reißen in diesem Wettbewerb. Kämpferisch, spielerisch, taktisch war das sehr ansehnlich, mit einer nahezu perfekten Chancenverwertung und einem Zambrano, dessen nerviges Gezicke in der Liga im Kontext internationaler Vergleiche auf einmal eine nützliche Form der Reviersicherung darstellte.

Hertha BSC wird leider nicht mehr in den Abstiegskampf verwickelt werden, ich hatte insgeheim auf eine Relegation gegen Union gehofft. Wenn sie nicht gerade gegen die unglaublichen Nürnberger ein Heimspiel versemmeln, spielen sie gefestigt, zielstrebig und ab und zu sogar schön. Es lauern zwar noch vier, fünf andere Mannschaften auf den Platz an den europäischen Fleischtöpfen, aber egal, ob es reicht für den Aufsteiger(!): Fremdschämen für den Verein, der nach einem Dampfer benannt wurde, ist erst einmal vorbei.

Der HSV war vor der Saison mein Abstiegskandidat Nummer Eins. Kann gut sein, dass er dieser Erwartunghaltung am Ende doch noch gerecht wird, aber das 3-0 gegen Dortmund hat nicht nur einen erfreulichen Verlierer gezeitigt, sondern auch eine Heimelf, die endlich wieder einmal Fußball gespielt hat. Adler machte seinen Job, anstatt wahllos herum zu tölpeln, und schöne Tore gab es auch. Der nette Herr Slomka hat bei seinem Einstand ein gutes Händchen bewiesen. Der Sieg über Dortmund bedeutet: Alle Totgesagten der Hinrunde, auch Braunschweig, selbst wenn sie gegen die unglaublichen Nürnberger auswärts einen Vorsprung in Überzahl aus der hand geben, sind wieder dabei im Kampf um Platz 15 und 16.

Weil Frankfurt einen Dreier gegen Bremen hergeschenkt hat, ist der Club jetzt plötzlich Zwölfter. So viele Siege wie Braunschweig auf Platz 18, so viele Niederlagen wie Leverkusen auf Platz 2, Dritter der Rückrundentabelle. Das Phrasenschwein grunzt zufrieden, aber: Es war schon immer etwas Besonderes, ein Club-Fan zu sein.

Willi Entenmann R.I.P. »

Heute vor einem Jahr ist Willi Entenmann gestorben. Hans Meyer hat 2007 den Pokal geholt, Heinz Höher 1987 den Aufstieg geschafft, aber auch “Willi!” erfreut sich in Franken allerhöchster Wertschätzung. Entenmann wurde Clubtrainer in der Saison 1991/92, als die Bundesliga für eine Saison mit dem letzten DDR-Meister Hansa Rostock und Dynamo Dresden aufgestockt wurde. In dieser Runde mit 38 Spielen holte der Club 18 Siege und wurde am Ende Siebter. Zu den spektakulären Erfolgen gehörte ein 2-1 gegen den späteren Vizemeister Dortmund, die ohne ihren Miesepampel Klopp auch damals schon schlechte Verlierer waren. Es gab ein 4-3 gegen den späteren Meister Stuttgart und ein 4-0 gegen Köln mit vier Toren in der ersten Halbzeit gegen den Köpke-Rivalen Ilgner. Der Höhepunktt war das 3-1 in München gegen die Bayern, der erste Auswärtssieg dort seit 29 Jahren und der einzige dort seitdem. Ich hatte das Glück, diese vier Spiele live zu sehen, und auch wenn der Pokalsieg eiue Sternstunde war, diese Saison war ein wunderbarer, langer Glückstrip. Entenmann sagte wenig, wenn dann auf schwäbisch, und ließ mit Dorfner, Zarate, Wück und Eckstein einen sagenhaften Offensivfußball spielen. Wie Verbeek, nur mit Siegen.

Die Saison 1992/93 war mit zehn Siegen und Platz 13 solide. Ancona hatte sich Zarate geholt, der 1. FC Kaiserslautern Martin Wagner, André Golke ging zum VfB Stuttgart. Der 19-jährige Christian Wück stand nach der Traumsaison im zweiten Jahr komplett neben sich. 1993/94 waren Zarate und Golke wieder da, aber Offensivgenie Hans Dorfner wurde im September 1993 zum Sportinvaliden, Dieter Eckstein wurde gegangen. Ende Oktober stand der Club nach 14 Spieltagen mit vier Siegen auf Platz 14. Das nächste Spiel war das Heimspiel gegen die Bayern. Ich arbeitete damals in Jerusalem. Deutschsprachige Tageszeitungen vom Montag erhielt man in einem (1) Laden am Dienstag. Internet gab es nicht. In einem vollgestopften Laden für Hausgeräte auf der Jaffa Road  kaufte ich mir ein kleines silbergraues Radio mit Antenne zum Ausziehen. Am Samstag Abend wurden auf BBC die Ergebnisse der “German Bundesliga” durchgegeben. Der Empfang im New Imperial Hotel in der Altstadt war mäßig. Ich musste einen Ort finden, der ruhig und nicht mit den Quadern aus Jerusalem Stone umbaut war. Am Samstagabend stand ich auf einer Fußgängerbrücke am Montefiore Hill und nahm Peilung auf, bis die Erkennungsmelodie des BBC World Service zu hören war. Sie klang ein wenig so wie die Melodie von Wallace and Gromit. Endlich hieß es “This is London” und der Club hatte 2-0 gewonnen. Vier Tage später, am 9. November las ich dann, dass Golke und Criens die Torschützen waren. Hans-Jörg Criens, im zarten Alter von 32 Jahren wegen seiner Torjägerqualitäten nach Nürnberg geholt, hatte den Ball irgendwie reingewurschtelt. In der restlichen Saison traf er noch einmal, gegen den VfB Leipzig. Am Tag als ich den Spielbericht mehrfach inhalierte, wurde Entenmann von Präsident Gerhard Voack entlassen. Voacks Schreckenstat veranlasste den zwei Monate vorher nach Schalke abgeschobenen Dieter Eckstein zu der Bemerkung: “Kleine Männer in hohen Schuhen sind gefährlich.”

Nach schwarzen Kassen, Beinahebankrott, Punktabzug und Absturz in die Dritte Liga gelang mit Entenmann 1997 der direkte Wiederaufstieg in die Zweite Liga. Nach fünf Spieltagen wurde Entenmann von Michael A. Roth entlassen. Er möge in Frieden ruhen. Unsterblich ist er sowieso.

Champions League – mit dem ZDF live dabei »

Das Zweifelsfreie Dortmunder Fernsehen hat sich nach der Auslosung für das Achtelfinale der Champions League frühzeitig festgelegt. Ein Sprecher in Mainz erklärte gestern: “Wir werden auch in der ersten K.O.-Runde der ChampionsLeague kein Spiel von Schalke 04 übertragen, das verlangt die öffentlich-rechtliche Ausgewogenheit. Aber für die kulturelle Vielfalt zeigen wir vielleicht Real Madrid.”

Digitale Minimalisten »

Eins oder Null, welch einen Unterschied das machen kann, hat Bayer Leverkusen jetzt in zwei Auswärtsspielen innerhalb von vier Tagen eindrucksvoll bewiesen. Gegen die überhitzten Duracell-Häschen aus Lüdenscheid waren sie gallig, in San Sebastian abgebrüht. Leverkusen beherrscht nicht nur den gepflegten Offensivwirbel, sondern hat auch die Entschlossenheit, ein dreckiges 1-0 zu machen, wenn es sein muss. Und es ist kein Zufall, dass ein Abwehrspieler, Toprak, das Tor für das Achtelfinale gemacht hat. Ein Malocher, ein Abräumer, ein Defensiver. Auch das zeichnet große Mannschaften aus. Puyol 2010 im Halbfinale, als die DFB-Elf ziemlich lange ziemlich gut verteidigt hatte. Oder 1998 Laurent Blanc gegen Paraguay im Achtelfinale mit dem Golden Goal. Reingehämmert, -gewürgt, -gebolzt irgendwie. Spanien und Frankreich konnten auch anders damals, und Leverkusen ist spielerisch noch nicht am Limit. Sie haben kein Genie mehr wie Emerson, keinen Grandseigneur wie Ze Roberto und keine technisch versierte Kampfmaschine wie Lucio in ihren Reihen, sie wachsen und entwickeln sich gemeinsam, ganz still und leise unter Anleitung des klugen Sami Hyypiä.

Obwohl die mannschaftliche Geschlossenheit die große Stärke ist, möchte ich Simon Rolfes ausdrücklich herausgeheben. Er spielt die beste Saison seiner Laufbahn und ist nicht nur nominell der Mannschaftskapitän, sondern das heimliche Kraftzentrum in dieser Hinserie. Notendurchschnitt 2,92, dazu zwei Tore in der Liga und drei in der Champions League. Das ist zahlenmäßig nicht viel, aber es waren entscheidende Tore, die der Mannschaft die Möglichkeit verschafften, sich das Spiel anzueignen und zu gewinnen. Gegen Hannover das 1-0, gegen Augsburg das 1-1, gegen San Sebastian im Hinspiel das 1-0 mit dem Halbzeitpfiff, gegen Donezk den Elfmeter zum 2-0. Dass die Mannschaft sein 1-1 in Manchester nicht besser nutzen konnte, lag nicht an ihm. Selbst beim desaströsen 0-5 gegen Manchester hatte Rolfes die Note 3,0 im kicker. Er ist stabil, aggressiv, findet fast immer eine spielerische Lösung und für einen defensiven Mittelfeldspieler torgefährlich genug, um unberechnbar zu sein.

Dass man Rolfes nach dem Ausfall von Khedira öffentlich nicht einmal in Erwägung gezogen hat, zeigt, dass Bundestrainer Löw kein Problem mit Kießling, sondern mit Leverkusen hat. Auch Leno, der im Gegensatz zu ter Stegen, Adler und Zieler CL spielt, bekommt viel zu wenig Anerkennung für seine konstant überragenden Leistungen. In der Bundesliga hat er einen Notenschnitt von 2,53 und ist damit notenbester Torwart (Weidenfeller 2,68, Neuer 3,03). In der CL steht Leno bei 2,60 (Neuer 2,50, Weidenfeller 3,25). Rolfes würde diesem mit Schönspielern überreichlich gut besetzten DFB-Kader gut zu Gesicht stehen. Die Özil, Götze und Reus brauchen Leute, die ihnen den Rücken freihalten, die auch mal einen nach klassischer Manier reinwürgen, wenn die Ästheten vorne wieder mal in Schönheit ausscheiden. Ein guter Sechser ist er nebenbei auch.

Der Riesenzwerg aus Gelsenkirchen »

So richtig vom Hocker hauen einen diese Schalker nicht in dieser Saison. Jetzt haben sie schon ihr drittes Spiel gegen eine Spitzenmannschaft sang- und klanglos verloren. BVB 1-3, Chelsea 0-3, Bayern 0-4, alles zuhause. Das ist schon extrem mickrig. Sie haben zwar nicht den Anspruch erhoben, gegen diese Mannschaften zu gewinnen, aber es ist nicht verboten, seine gesetzten Ziele auch mal zu übertreffen. Oder wenigstens so zu verlieren, dass man sich als sympathisierender Clubberer nicht fremdschämen muss.

Zugegeben, es gibt zu viele Verletzte. Obwohl Szalai eingeschlagen hat, fehlt der erste Sturm mit Huntelaar und Farbfan an allen Ecken und Enden. The Athlete Fashionably Known As Prince ist zwar einer der spannendsten Transfers des Sommers, muss sich aber erst zurecht finden. Ihn Mittelstürmer spielen zu lassen, ist eine Idee, die von Michael Skibbe stammen könnte. Wenn Boateng nicht laufen kann, soll er nicht spielen. Wer braucht halbfitte Spieler?  Draxler leidet an einem schweren Fall von morbus ricken. Zur Führungsperson ausgerufen, durchwachsenen Start gehabt, tendenziell dauergestresst. Wobei Ricken nach seiner Sahnesaison völlig neben sich stand und Draxler schon einige richtig gute Momente hatte. Jetzt kann man ihn natürlich nicht einfach wieder zum Supertalent downgraden. An Papadopolous erinnert sich kaun noch jemand, so lange ist er schon weg.

Trotzdem werden die Schalker die Gruppenphase der Champions League überstehen und um Platz vier mitspielen. Im Feld der Verfolger eine dicke Nummer, für die Großen Drei und die Spitze Europas im Moment zwei Nummern zu klein.

Vielleicht sollte man langfristig über einen Trainer nachdenken, der weniger wurschtig wirkt als Keller, der der Mannschaft ihre Halbherzigkeit und das schlampige Passspiel austreibt. Wie wäre es mit Morten Olsen im Verbund mit Ebbe Sand zum Beispiel? Dänemark hat die WM-Quali verpasst, Olsen wird nächstes Jahr 65 und kommt gemessen an Rehhagel, Aragones, Heynckes und Rudi Gutendorf erst in einigen Jahren ins beste Traineralter.

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Am 12. November erscheint mein neuer Roman “Immer schön gierig bleiben”. Bestellungen gerne hier:

 

Könige des Unentschiedens »

Platz 15 für Nürnberg sieht auf den ersten Blick ziemlich mickrig aus, aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Es gibt zwei mißratene Partien in dieser Saison. Die eine ist das 0-1 zu Hause gegen das sperrige Augsburg. Die anderen Partien in der Liga gehen in Ordnung. Gegen Braunschweig wurde ein Vorsprung verspielt, gegen die starke Hertha unterlief das gleiche Mißgeschick, man holte aber auch nervenstark ein Tor Rückstand gegen die Berliner auf. Dieses Kunststück gelang auch gegen Dortmund, das 1-1 war der bisher einzige Punktverlust des BVB und entspricht dem Ergebnis der Vorsaison. Gegen Hoffenheim und Bremen holte die Mannschaft sogar jeweils ein 0-2 auf. Für ein Team, das mit Klose und Simons zwei wichtige Spieler verlor und einen komplett neuen ersten Sturm hat, ein ordentlicher Auftakt.

Trotz der durchwachsenen Ergebnisse sind viele der neuen  Spieler echte Verstärkungen. Gegen Dortmund standen mit Pogatetz, Hasebe, Stark, Hlousek und Ginczek fünf Neue in der Startelf. So viele Personalwechsel gegen die zweitbeste Mannschaft Europas können auch schon einmal dazu führen, dass man völlig untergeht, aber Nürnberg war kämpferisch und spielerisch ebenbürtig. In seiner Pokalsiegsaison 2007/07  hatte der Club auch fünf Unentschieden nach sieben Spieltagen, darunter jeweils ein 1-1 gegen Cottbus, Mainz und Bielefeld. Der wesentliche Unterschied zu heute waren die beiden Auftaktsiege gegen den späteren Meister Stuttgart und Gladbach und der erfolgreiche Beginn im Pokal, der bis zum Titel in Berlin führte.

Die andere völlig mißratene Partie war deshalb auch das Pokal-Aus gegen Sandhausen. Gegen einen der gefährlichsten Pokalschrecks aller Zeiten kann man verlieren, aber nicht nach einer 1-0 Führung. Das Wegschenken eines Vorsprungs hat den Club bisher vier Punkte in der Liga gekostet, zwei gegen Hertha und zwei gegen Braunschweig. Schon mit acht Punkten statt fünf  wäre man in dieser engen Liga und den beiden dicksten Brocken (Bayern, BVB) im Auftaktdrittel vollkommen im Soll. 2006/07 brauchte Nürnberg in der Hinrunde elf Unentschieden, bis sie sich für ihre großartige Rückrunde mit dem 3-0 gegen Bayern und 25 Punkten gefunden hatten.

Hier entsteht gerade eine Mannschaft, die das Potenzial hat, so gut zu werden wie die Pokalhelden. Ich hoffe sehr, dass Wiesingers Team gegen den HSV sein Potenzial endlich einmal über 90 Minuten abruft und dieser Coach in Ruhe weiterarbeiten kann.

PS: Die Schreibpause von mehr als einem Monat hat einen guten Grund. Bis letzten Dienstag habe ich an meinem neuen Roman geschrieben. “Immer schön gierig bleiben” erscheint am 12. November 2013 im Rotbuch Verlag. Am besten gleich vorbestellen bei der Krimibuchhandlung Hammett.

Lieber Platzverweise als altersweise »

Acht Platzverweise an einem Spieltag, was lernst uns das? Vielleicht haben die Schiri-Obleute ja nach Baumjohanns nicht mit Rot geahndetem Wischer bei Nürnberg gegen Hertha schnell ein Brandbrieflein an die Kollegen draußen auf dem Spielfelde geschickt, mit dem Tenor: Erst zücken, dann Fragen stellen.

Der Krösus war bei Hoffenheim gegen Freiburg Tobias Stieler mit zweimal Rot, einmal Gelb-Rot und einem Innenraumverweis für Freiburgs Trainer Streich als Sahnehäubchen. Der Platzverweis gegen Coquelin war glatt falsch, den Platzverweis von Streich hat er damit induziert. Streich schimpfte zwar emotional wie immer, ich habe aber schon Trainer gesehen, die sich schlimmer aufgeführt haben und im Innenraum bleiben durften. Außerdem war Streichs Ansprechpartner der Vierte Mann, der unter anderem dafür da ist, dass Trainer Dampf ablassen. Zusammen mit der nicht gegebenen Roten Karte gegen Sorg bekam Stieler im kicker die Note 4,5.  Auch Schiedsrichter Welz in Augsburg gegen Stuttgart bekam die Note 4,5. Anstelle des überzogenen Rot für Traoré hätte er Verhaegh vom Platz stellen müssen. Note 4 gab es für Dankert in Hannover gegen Schalke. Dessen drei Platzverweise gegen Höwedes, Huszti und Fuchs waren allesamt vertretbar, nur ein rotwürdiges Foul von Hoogland gegen Diouf hatte er übersehen.  Eine 2,5 bekam Kinhöfer bei Mainz gegen Wolfsburg, der nicht nur mit Gelb-Rot gegen Luiz Gustavo richtig lag.

Beim genauen Hinsehen ist nicht so sehr die Kartenflut das Problem, nur zwei der acht Platzverweise (Coquelin, Traoré) waren falsch, sondern die wackelige und widersprüchliche Spielführung. Stieler in Sinsheim hatte zusätzlich das Problem, dass er in der 11. Minute, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt korrekterweise Rot gegen Salihovic zeigen musste. Ab da war jeder Zweikampf aus Sicht der Zuschauer eines Platzverweises würdig.

Eine ähnliche Konstellation bot das denkwürdige WM-Achtelfinale Portugal – Holland 2006, auch als “Schlacht von Nürnberg” bezeichnet. Von Anfang an ging es knüppelhart zur Sache, nach einem brutalen Foul musste Ronaldo ausgewechselt werden. Ende der ersten Halbzeit gab es Gelb-Rot gegen Costinha. In Halbzeit zwei folgten eine weitere Gelb-Rote und zwei Rote Karten, dazu kamen acht Gelbe Karten. Auch hier war es die unklare Linie, die das Spiel aus dem Ruder laufen ließ: Schiedsrichter Ivanov “hatte das Spiel durch falsches Strafmaß nicht im Griff”, schrieb der kicker.

Trainer in der Pressekonferenz sagen über harte Platzverweisen manchmal gerne: Wenn man das pfeift, stehen am Ende fünf Mann auf dem Platz. Nach diesem Spieltag bin ich geneigt zu sagen: Na und? Dem Spielniveau tat die Kartenflut keinen Abbruch: Hoffenheim – Freiburg bekam die Note 1, Hannover – Schalke sowie Mainz – Wolfsburg eine 2,5, Augsburg – Stuttgart immerhin eine 3. Für die beiden letzten Teams war es die beste Saisonleistung.

Bin gespannt, was bei den Roten Karten als Strafmaß rauskommt. Bei Salihovic war es die vierte Rote Karte und es war eine klare Tätlichkeit. Dass er vorher geschubst wurde, lag daran, dass er den Ball nicht herausrückte. Er hat die Rudelbildung provoziert.

In den Spielen ohne Platzverweis schnitten die Schiedsrichter so ab: Zwayer (Dortmund – Bremen) Note 2, keine Karte, kein Elfer. Stark (Braunschweig – Frankfurt) Note 2, drei Gelbe Karten, kein Elfer. Fritz (Hertha – HSV) Note 3, fünf Gelbe Karten, kein Elfer. Brych (Leverkusen – Gladbach) Note 5, falscher Elfmeter gegen Gladbach, eine Gelbe Karte. Nach den beiden in München bereits der dritte Elfer im dritten Spiel, über den sich streiten läßt. Die Note 6 bekam Schiedsrichter Dingert im Spiel Bayern gegen Nürnberg, der Pinolas Rempler gegen Mandzukic nicht als Elfmeter pfiff, dafür vor dem Elfmeter für Bayern ein Handspiel von Nilsson gesehen haben wollte, wo keines war. Auch ein rotwürdiges Foul von Mandzukic an Dabanli hatte er übersehen. Wenigstens die Gelbe Karte für Ribery fürs Trikot ausziehen war korrekt.

Fazit: Viele Platzverweise machen weder die Schiedsrichterleistung noch ein Spiel per se schlechter. Die Referees sollten mit der Mindestzahl von sieben Spielern pro Team noch offensiver umgehen. Fehlentscheidungen wie der Platzverweis gegen Coquelin werden dadurch nicht besser, aber die Schubser, Treter, Schläger und Rudelbildner bekommen dadurch längere Denkpausen.

 

Uben und onten kann man schnell velwechsern »

Die drei CL-Teilnehmer routiniert und effizient vorne, dahinter ist alles unklar. Nürnbergs zwei Punkte zum Beispiel nehmen sich eher mickrig aus. Aber so wie Hoffenheim und die Hertha mit ihren anderen Gegnern umgesprungen sind, sind das in dieser Saison vielleicht verkappte Spitzenteams. Wenn es nach dem Bayern-Spiel drei Punkte wären, gäbe es auch nichts zu meckern für den Club.

Dahinter Mainz und Bremen. Bei Mainz halte ich einen ähnlich bärenstarken Start wie vor einigen Jahren für möglich. Die Minimalisten von der Weser sind sehr gut weggekommen bisher. Sie hatten das Glück, gegen die zwei nominell schwächsten Teams beginnen zu dürfen. Aber wer weiß. Letzte Saison war der Auftaktsieg der Bayern in Fürth der Startschuß für eine tolle Saison. Vielleicht geben diese sechs Punkte so viel Sicherheit, dass Bremen sich oben festsetzt.

Dann die beiden Geheimfavoriten Hertha und Hoffenheim. Selbst wenn sie ihre nächsten Spiele gewinnen: der Club fing letztes Jahr mit sieben Punkten an, und spielte dann eine sehr entspannte Mittelfeldsaison, keine Spur von Überflieger. Dann Wolfsburg und Gladbach, die beiden Teams, die zum Auftakt verloren und ihr zweites Spiel  gewonnen haben. Starke Auftritte, auch schon bei den Niederlagen letzte Woche. Hannover konnte den guten Auftakt nicht veredeln.

Der Club hat jetzt zwei Rückstände aufgeholt, allerdings muss er gewinnen, wenn er zuhause zur Halbzeit 1-0 führt. Gegen Hoffenheim war er zwischen der 20. und der 50. Minute zu passiv, gegen Herthat zwischen der 50. und der 80. Sie müssen das Spiel machen. Sie können das auch. Sie sind spielerisch und kämpferisch bärenstark, wenn sie alles abrufen, und haben unglaublich gute neue Leute verpflichtet. Wer jederzeit in der Lage ist, ein Tor bei Rückstand zu machen, der darf auch das 2-0 oder 3-0 vorlegen. Das haben sie auch gegen Sandhausen versäumt, auch da nach einer Führung. Wenn sie gegen die Bayern ohne Durchhänger spielen, werden sie in München etwas holen, wenn sie ein Päuschen machen, gehen sie leer aus.

Den Elfmeter für Hertha kann man geben. Baumjohann hätte vorher schon vom Platz gemusst, Pinola hätte aber gar nicht erst die körperliche Nähe suchen müssen, er hat trotzdem hat ein richtig gutes Spiel gemacht. Nervig war die Einseitigkeit des Schiedsrichters bei den persönlichen Strafen. Die Clubberer mussten nur blinzeln und sahen Gelb, Hertha foulte sich munter durchs Gelände. Ich habe nichts gegen kleinliche Schiedsrichter, und dieses Spiel brauchte die kurze Leine, aber dann bitte gleichmäßig. Wobei man auch sagen muss: Schiri Winkmann hat Ginczeks robusten Einsatz bei seiner tollen Vorarbeit zum 1-0 nicht abgepfiffen und den Freistoß für Ginczek gepfiffen, der zum 2-2 führte. Nach dem nicht gegebenen Tor für Hoffenheim ist Schiedsrichterschelte nicht das dringendste Problem für den Club.

Nach ihren Auftritten am zweiten Spieltag fragt man sich, ob Schalke gegen den HSV am letzten Wochenende nicht vielleicht ein verkapptes Abstiegsduell war. Die CL-Quali wird kein Selbstläufer, Schalke muss höllisch aufpassen. Der HSV geistert mal wieder durchs Niemandsland der eigenen Ansprüche.

Zum Schluß die Punktlosen. Braunschweig und Augsburg zweimal unter Wert geschlagen, um Freiburg mache ich mir keine Sorgen, die werden sich schnell finden. Bei Stuttgart kriselt’s schon, das finde ich übertrieben, wenn fast die komplette erste Abwehr ausfällt. Frankfurt hatte wie Gladbach fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen gegen sich. Frankfurt verpflichtet den Wunschstürmer Kadlec, dabei ist es die Abwehr, die Sorgen macht. Bei Stuttgart spürt man, dass nicht nur der zweite Anzug, sondern auch das Nervenkostüm auf Kante genäht ist. Dieser Holperstart ist eigentlich kein Problem, aber jetzt muss auch noch die Europa League moderiert werden, das stresst.

Nächste Woche spielen zwei 6-Punkte Manschaften (Dortmund – Bremen) und zwei mal zwei 0-Punkte Mannschaften (Braunschweig – Frankfurt, Augsburg – Stuttgart) gegeneinander. Wenn bei den letzten beiden die Heimmannschaft gewinnt, wird es stressig für die Verlierer.

Saisonvorschau: Leverkusen Meister, Bremen steigt ab – Die Abschlusstabelle »

Hier meine Prognose für die Abschlusstabelle. Vizekusen landet diesmal ganz vorn. Der Club kommt sehr weit nach oben. Bayern hat eine Findungsphase. Der HSV muss in die Relegation. Braunschweig und Bremen steigen ab.

1. Leverkusen (Sami und Rudi wuppen das Ding)

2. Schalke (hat in der Champions League zu tun)

3. Nürnberg (überrascht alle)

4. Dortmund (beißt sich oben fest)

5. Wolfsburg (weiß zu gefallen)

6. Hoffenheim (widerlegt seine Kritiker)

7. Stuttgart (spielt gut, wird aber abgefangen)

8. Bayern (sucht Sinn und Form, behält aber Guardiola)

9. Mainz (bleibt giftig)

10. Hannover (übernimmt sich)

11. Gladbach (fehlt die Balance)

12. Freiburg (hält souverän die Klasse)

13. Frankfurt (das zweite Jahr ist immer das schwerste)

14. Hertha (behält Trainer, Nerven und die Erstklassigkeit)

15. Augsburg (rettet sich vor dem letzten Spieltag)

16. HSV (ist von der Rolle, Relegation gegen St. Pauli?)

17. Braunschweig (raus mit Applaus)

18. Bremen (Ende mit Schrecken statt Schrecken ohne Ende)

Saisonvorschau: Rot-Grün will nach oben – Wolfsburg, Stuttgart, Mainz, Bremen »

Mit Klaus Allofs und Dieter Hecking hat Wolfsburg eines der besten Manager-Trainer-Teams der Liga. Nach den Magath-Jahren mit wilden Transfers kreuz und quer über den Globus gibt es mit Arnold endlich mal einen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, der in eine tragende Rolle hineinwachsen könnte. Ob das eine Ausnahme ist oder der erste Schritt zu einer langfristigen Jugendarbeit muss man sehen. Dabei hat der Verein immer noch genügend Geld, um mit den Bayern über Luiz Gustavo zu verhandeln. Diego, Olic, Naldo, Dost, das sind alles Spieler, die im letzten Jahr nicht annähernd ihre Möglichkeiten abgerufen haben.  Hecking hat eine klare Spielidee und in Wolfsburg für deren Umsetzung ganz andere Möglichkeiten als in Nürnberg oder Hannover. Mit Wolfsburg ist in jeder Hinsicht wieder zu rechnen, auch wenn sie den Coup von 2009  nicht wiederholen werden können. Die Wölfe werden sich verbessern, zwischen Platz 4 und 9 ist alles möglich.

Heimlich,still und leise geht der konsequente Umbau in Stuttgart voran. Neues Präsidium, neues Stadion, neue Spieler. Das Duo Bobic/Labbadia hat sich gefunden und arbeitet sehr zielstrebig und unaufgeregt weiter. Mit dieser Saison kommen neue Nachwuchsspieler (Rüdiger, Khedira II) in die erste Mannschaft, ebenso wie kluge Neuverpflichtungen (Schwaab, Rausch, Abdellaoue) und langzeitverletzte Rückkehrer (Cacau, Tasci). Mit Ulreich, Gentner und Ibisevic haben die Schwaben eine eingespielte Achse. Labbadia ist extrem ehrgeizig und hat sich den Respekt der Fans Stück für Stück erarbeitet. Auch der VfB hat gute Chancen, einige Plätze weiter oben zu landen als im Vorjahr. Daran wird auch eine mögliche Zusatzbelastung durch die Europa League nichts ändern.

Mainz hat mit Thomas Tuchels Entscheidung für Heinz Müller die wichtigste Baustelle im neuen Kader geklärt. Nicht nur deswegen werden die 05er wieder wesentlich unangenehmer zu spielen sein als in der letzten Halbserie, als man mit 16 Punkten nur den 15. Platz der Rückrundentabelle erreichte.  Bis auf Dortmund gibt es keine andere Mannschaft, die die Spielvorstellung des Trainers so verinnerlicht hat wie Mainz. Den Abgang von Szalai wird die Mannschaft durch ihre Geschlossenheit kompensieren und vielen Gegnern gehörig auf die Nerven gehen – nicht durch Beton, sondern spielerisch ausgereiftes Gegenpressing. Ein einstelliger Tabellenplatz ist drin.

Es gibt ja aufregendere Beschäftigungen, als sich Vorbereitungsspiele im Fernsehen anzusehen. Aber als ich vor ein paar Wochen Bremen gegen 1860 München (1-1) sah, war ich mir sicher, dass Bremen wieder tief unten drin stehen wird. Könnte sein, dass es diesmal nicht mehr reicht. Es war nicht nur die Art wie sie gegen die Bayerischen Löwen spielten (gibt jetzt ja auch wieder Löwen in Niedersachsen)  – zerfahren, nicht mal ansatzweise als Team, nach dem Auslgeich der Sechzger geradezu wurschtig bis auf Mielitz – die permanente Schönrednerei von Dutt und Eichin ist erstaunlich. Freiburg spielt auch mehr als durchwachsen im Moment, aber Streich ist zu einer realistischen Einschätzung in der Lage. In Bremen haben alle das Wort Aufbruch in den Mund genommen – und der Lackaffe vom Dienst, Arnautovic, hat Thomas Schaaf noch hinterher getreten. Dass er glaubt, mit seinen bisherigen Leistungen für Manchester United interessant zu sein, personifiziert des Bremer Dilemma. Jetzt war es im Pokal genau so mies und nichtssagend wie in den Jahren zuvor. Mich erinnert diese Saisonvorbereitung an den Katastrophenauftritt von Michael Skibbe zu Beginn der vorletzten Rückrunde bei Hertha, der seine Mannschaft so sehr lobte, dass er nach fünf Niederlagen in Serie wieder gehen durfte. Nach den jetzigen Eindrücken ist Bremen Abstiegskandidat Nummer Eins.

 

 

 

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