Abwarten und Jogi-Tee trinken »
Oh weh, gibt es jetzt etwa eine Führungskrise beim DFB? Das ist ja, wie wenn bei Toyota die Bremsen versagen.
Nachdem uns die schwarz-gelbe Koalition über Nacht neue Dimensionen eröffnete, Hoffnung implantierte und eine konservative Wertegesellschaft buk – nur aus ein bißchen Eischnee und dem, was im Shredder der Hypovereinsbank übrig blieb – scheint sich Deutschland auf seinem Weg zurück zur Weltgeltung die Adduktoren gezerrt zu haben.
Am Donnerstag war alles noch harmonisch bis an die Kitschgrenze – Theo, wir fahren nach Lodz, gab sich Manager Bierhoff optimistisch bezüglich der EM-Teilnahme 2012. Mit einem Mal gibt es möglicherweise häßliche nicht zu überbrückende Differenzen bezüglich der künstlerischen Arbeit, wie das damals auch schon hieß, bei der Scheidung von Pat und Patachon, bei der Trennung von AC und DC, bei all diesen gescheiterten Traumbeziehungen. Solche Widersprüche zwischen ausdrucksstarken Persönlichkeiten sollte man nicht hochsterilisieren, sie lassen sich aber auch nicht einfach wegondulieren. Wahrscheinlich hat einer der erfolgsorientierten jungen Sportstrategen sich im Konferenzraum auf den Boden geworfen und geschrien: Ich kann so nicht arbeiten, ich kann so nicht arbeiten. Und Zwanziger hat gesagt: Probier’s doch mal mit hinsetzen.
Löw gegen Sammer, Ballack gegen Bierhoff, und dieser Flick, war mit dem nicht auch mal was, was ganz Fieses, in den Achtzigern? Dabei sieht er noch so jung aus. Was es wohl für unerfüllbare Forderungen waren, die da laut wurden? Pocher ins DFB-Präsidium? Lebenszeitvertrag für Bierhoff? Dass die beide Oliver heißen riecht ja schon mal verdammt nach Verschwörung. Hat es jemals einen Oliver beim DFB gegeben? Oliver Vogts, Oliver Herberger? Und jetzt gleich zwei. Oder war es ein lukrativer Werbevertrag von Marlboro für Joachim Löw? Aber RAUCHEN GEFÄHRDET IHRE LAKTATWERTE.
Auch wenn mir Bierhoff nicht besonders sympathisch ist, einen Teamchef Sammer brauchen wir am allerwenigsten. Dann doch lieber Magath, selbst wenn er beim Gepäck nachzahlen muss, mit den ganzen Medizinbällen im Flugzeug nach Johannesburg. Borussia Dortmund mahnt uns alle. Nach der Zufallsmeisterschaft haben die schwarz-gelben sechs Jahre gebraucht, um sich von Sammer zu erholen. Löw könnte in der Zeit so viel Gutes tun. Warten wir mal ab, wann Ballack die Schnauze voll hat. Erst wird sein Kumpel Frings gemobbt, und jetzt diese miesepetrige Zwischeneinlage. Darauf erst mal ein Schlückchen von dem echten Jogi-Tee, mit der Kraft der zwei Herzen und dem Karma der acht Chakren.
Als Kevin Kuranyi gehört hat, dass es Stunk gibt beim DFB, hat er übrigens gleich einen Südafrikanisch-Kurs gebucht an der Volkshochschule Gelsenkirchen: Afrikaans, iek kanns, Dankje voor de Flankje. Man weiß ja nie.
Der Mann von Real Unterhaching »
Ich sage ja nicht, dass Wolfsburg für all die gloriosen Namen verantwortlich ist, aber wenn im Vorfeld Huub Stevens, Marco van Basten und Bernd Schuster gehandelt werden, und dann ein Trainer kommt, der mit Hessen Kassel, dem KSC und dem 1. FC Köln Mittelmaß auf allermittlerstem Niveau zustande gebracht hat, dann ist das schon ein kaltes Erwachen. Außerdem kenne ich jetzt gerade keinen Spieler, der es von Wolfsburgs Amateuren in die erste Mannschaft geschafft hätte. Der Kader wurde zusammen gekauft, durchaus auch sinnvoll zusammen gestellt, aber ein Leistungsnachweis ist dieser Nachwuchsmangel nicht wirklich. Gut, werden manche sagen, aber ist der Nachwuchs- oder Assistenztrainer nicht eigentlich immer ein Glücksgriff – Schaaf in Bremen, Götz bei Hertha, Babbel in Stuttgart, Löw beim DFB, Engels in Köln, Heinemann bei Bochum, den sie beim VfL alle nur Altbundespräsident rufen? Ist nicht Zachhuber bei Rostock die Glücksgriffflatrate schlechthin - einmal verpflichtet, viermal gerettet?
Nachdem Köstner im kicker dafür gelobt wird, bei Schalkes 4-Minuten-Meisterschaft 2001 dabei gewesen zu sein – der Mann steht für dramatischen Fußball, nur seine Teams leider nicht – lassen wir sein Wirken einfach mal auf uns zukommen. Wie man sich zum Klassenerhalt mauert, hat er in Haching gezeigt, und Wolfsburg will ja vor allem weniger Gegentore. Wenn es am 34. Spieltag in der Konferenz allerdings heißt: “In Wolfsburg ist Schluß und die Spieler von Trainer Köstner fallen sich um den Hals. Aber in Berlin wird noch gespielt und eben hat Schiedsrichter Babak Rafati indirekten Freistoß im Strafraum der Bayern gepfiffen und Pal Dardai legt sich den Ball zurecht, während Rensing sich gegen die tief stehende Sonne zu orientieren versucht….”, dann könnte es wieder dramtisch werden, und der Club als abgestiegener Meister in der Hall of Shame kriegt vielleicht Gesellschaft. Wenn dann St.Pauli in der Relegation gegen Hoffenheim aufsteigt, dann würden sogar Traditionalisten Leverkusen als Meister verkraften.
Das linke Dings mit Frings »
So jetzt mal rein menschlich, von den Umgangsformen her, war das eine wirklich miese Kiste mit Frings. Ihm schnell noch zu sagen, dass er nicht fit ist, bevor er im Fitnesstest den netten Herrn Löw Lügen strafen kann, zeugt von wenig Selbstbewußtsein. Immerhin sind der Bundestrainer und sein nicht minder netter Kanarienvogel Hansi extra nach Bremen gefahren, um es Frings mitzuteilen. Nicht einfach so per SMS Schluß gemacht, extra nochmal mit Schleifchen verpackt und den Abschiedsgruß persönlich vorbei gebracht. Egal, ob Hitzlsperger und Podolski außen vor sind, wer beim DFB nicht brav ist, der muss ohne Nachtisch ins Bett, auch Kuranyi kann rackern und Tore schießen wie er will.
Andererseits frage ich mich gerade, wer 1974 und 1990 der älteste Feldspieler war, der in einer deutschen Anfangself stand. Ein 33jähriger war es glaube ich nicht. Also ist doch was dran an dem Verjüngungsprogramm? Aber dann wäre Ballack ja eigentlich auch schon zu alt. Sollte Ballack von dem Ringelpietz jemals genug haben und einfach zurücktreten, aus Solidarität mit Frings und weil er keine Werbeaufnahmen mehr machen möchte und Oliver Bierhoff nicht mehr sehen kann und es nicht mag, wenn Podolski ihm vor vier Millionen Zuschauern eine Maulschelle gibt, dann sähe Löw älter aus als Frings jemals werden wird.
Zum Tod von Robert Enke »
Das einzig Erfreuliche am gestrigen Tag war Theo Zwanziger. Der Mann besitzt eine stille Lauterkeit, die es ihm ermöglicht, ohne falsches Pathos von der notwendigen Dauer zu reden, die Trauer braucht, und das Länderspiel gegen Chile völlig selbstverständlich abzusagen. Ich wage mir die gleiche Situation mit Mayer-Vorfelder nicht einmal vorzustellen. Zwanziger zur Seite saß Oliver Bierhoff, der 25 Jahre jünger aussah als sonst. Das Weinen machte seine Gesichtszüge weich und rundlich. Kein lässiger Macher, der da sprach, ein immer noch recht junger Mensch, der über den Tod eines noch jüngeren Kollegen zu reden hatte. Sofort kann man naürlich einwenden, dass das Spiel ja wohl nicht abgesagt worden wäre, wenn es die WM-Quali gewesen wäre, und hat nicht Schalke an Nine-Eleven auch gegen Panathinaikos gespielt, also alles Heuchelei. Aber manchmal gibt einem das Schicksal erst den Schlag und dann eine Atempause.
Weil der DFB menschliche Größe bewiesen hat, spare ich mir Mutmaßungen darüber, dass der Logik des Merchandising folgend nach der Vorstellung der neuen Trikots nun eigentlich sofort die Vorstellung des neuen Trauerflors folgen müßte. Auch ich bin traurig, dass Robert Enke tot ist.
Als Hannover am dritten Spieltag 2-0 in Nürnberg gewann, bekam Enke die Note drei. Er hatte gegen die meist planlosen Nürnberger wenig zu tun und tat dies fehlerfrei. In erster Linie war dies ein Sieg des Schlitzohrs Jiri Stajner. Ihm gönnte ich seine beiden Treffer, vor allem das zweite. Ein wenig freute ich mich auch für Robert Enke. Obwohl Hannover potenzieller Rivale im Abstiegskampf oder zumindest eine Mannschaft ist, gegen die man zu Hause gewinnen muss, mir war es wesentlich lieber, dass Enke dieses Erfolgserlebnis hatte, als sagen wir Müller aus Mainz oder Nikolov aus Frankfurt. Vielleicht, weil man jemandem, der seine kleine Tochter verliert, während Fußballdeutschland vom Sofa aus Anteilnahme (ver)übt, nichts Böses wünscht, sondern gerne etwas Gutes, und sei es auch nur einen unverhofften Auswärtsieg. Vielleicht auch, weil Enke auf eine unspektakuläre Art geradlinig war, realistisch seiner Leistung gegenüber ebenso wie den sportlichen Möglichkeiten in Hannover.
Wenn der Kapitän der Roten nach Spielen sein Pflichtstatement vor laufender Kamera abgab, dann war das niemals glatt oder routiniert. Weder spulte er den präfabrizierten Mediensprech herunter noch gab er die Rampensau. Hinter seiner hohen Stirn dachte er gründlich nach, bevor er etwas sagte. Dass er als Fußballprofi eine öffentliche Person war, ertrug er mit schlecht verhohlenem Widerwillen. Auf dem Platz in seinem hautengen Trikot sah er immer sehr schmal aus, als trüge er das Gewicht der Welt auf den Schultern. Ein fragiler Athlet, ein zerbrechlicher Ausnahmetorwart. Wie gut es den 96-Fans getan haben muss, dass so jemand ihnen die Treue hielt, ohne dauernd Treueschwüre abzugeben, dass jemand, den man in ganz Europa mit Handkuss ins Tor gestellt hätte, aus voller Überzeugung Kopf einer Durchschnittsmannschaft war, kann erahnen, wer solch wunderbare Jahre mit Andy Köpke einst erleben durfte.
Sebastian Deisler hat in der Hochleistungsshow Bundesliga während seiner aktiven Zeit seine Verletzlichkeit, sein Grundrecht auf ein beschädigtes Leben, mit manchmal provozierender Unübersehbarkeit gelebt, bis es nicht mehr ging. Er bleibt die Ausnahme in der Liga der großen Investitionen, die stets auch große Vorbilder sein sollen. Am besten Sieger, und wenn Verlierer, dann nur episch. Bitte keine Ehe-, Alkohol-, Führerschein- oder Akklimatisierungsprobleme, eine bei manchen Vereinen bis ins letzte Komma vorgegebene Sprachregelung für die corporate identity, und wie schnell hat man sein Geld nicht verdient, wenn mal einen schlechten Tag oder einen schlechten Monat hat. Selbstverständlich sind alle gegen Rassismus, aber keiner ist schwul.
In diesen Tagen war viel von der Freiheit die Rede, die wir vor 20 Jahren errungen haben, und das ist bestimmt auch nicht falsch. Aber was für eine Freiheit ist das, wenn jemand sich eher das Leben nimmt, als offen einzuräumen, dass er Depressionen hat? Sollte es hier und heute, ohne blaue Hemdchen und Herren in grau lackierten Trabis so etwas wie Konformitätsdruck geben, der zum Tode führt? Mitten im ewigen Völkerfrühling sterben Menschen an inneren Erfrierungen? Vor zwei Wochen fuhr ich mit dem Zug nach Nürnberg. Der stand dann außerplanmäßig drei Stunden in Kronach bei Bamberg herum, weil die Strecke total gesperrt war. “Betriebsstörung mit Personenbeteiligung” ist die Bezeichnung im Bahndeutsch für Leute wie Robert Enke.
In Berlin werfen sich pro Monat etwa zwei Menschen vor einen U-Bahn-Zug. So gut wie nie ist ein DFB-Torhüter darunter, weshalb sich das öffentliche Entsetzen bei diesen “Fahrgastunfällen” in Grenzen hält. Bedauerlicherweise gehört es unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht nur zum Standard, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. Es gelingt zugleich, das Scheiden aus dem Leben, die kleine Abstimmung mit den Füßen immer ganz und ausschließlich privat zu deuten, während der Erfolg sofort Zulauf von offizieller Seite findet und umstandslos als systemisch gedeutet wird. Ich frage mich, ob einer der vielen Spitzenpolitiker, insbesondere eine bestimmte Spitzenpolitikerin, die sich 2006 und 2008 im Glanz der DFB-Elf gesonnt haben, ein paar mütterliche Worte zur Dialektik vom Zwang zur fehlerfreien Funktionstüchtigkeit und Freitod in der Lage zu finden sind. Vielleicht will man sich ja in Südafrika auch wieder in der Kabine tummeln und dem nächsten Elfmetertöter gerne persönlich gratulieren.
Das war’s dann wohl für Rensing »
Viele überraschende Ergebnisse, abgesehen von dem Sieg der Bayern, die wohl auch ohne Robben gewonnen hätten, nur nicht so deutlich. Wolfsburg fängt wieder bei Null an. Michael Rensing hat seine zweite und letzte Chance nicht genutzt und hat jetzt noch etwas mehr als 36 Stunden, um sich einen der vielen Vereine zu suchen, die ihn als Nummer 1 mit Handkuß sofort nehmen würden, wie er glaubt. Vielleicht ja Mainz, die ohne die Verletzung Müllers vielleicht doch den von mir erwarteten Punkt geholt hätten. Gladbach wesentlich überzeugender in dieser Saison, ein schwerer nächster Gegener für Nürnberg. Man merkt den Clubberern an, dass es ihnen ohne echten Zehner und ohne Knipser schwer fällt, Spiele mit Feldüberlegenheit zu gewinnen. Nachdem in der Zweiten Liga das Frankenstadion (seka = strangely enough known as) EasyCredit Stadion eine Festung war, ist der Druck, die erfolgshungrigen Fans dort zu verwöhnen, immens. Das Gute an dem Punkt in Stuttgart: Nürnberg hat zum dritten Mal bewiesen, dass es die Qualität hat, die Klasse zu halten. Vielleicht holen sie ja noch Simak. Ein Verrückter würde der braven Mannschaft gut tun. Bei Frankfurt, Dortmund und Schalke weiß man immer noch nicht, wohin die Reise geht. Dass die unverdrossene Freiburger Offensive einmal belohnt worden ist, ist erfreulich. Magath schafft es trotz der Heimniederlage, jeglichen Druck vom Team fern zu halten. Leverkusen und Hoffenheim würgen sich zu richtungsweisenden Siegen. Obwohl Enke zu Hause verlor, halte ich ihn für eine gute Wahl als Nummer 1, wobei der Umgang mit Wiese eine weitere Merkwürdigkeit in der DFB-Personalpolitik darstellt.
Das linke Dings mit Frings »
Man kann über alles reden, auch über die Zukunft von Torsten Frings in der Nationalmannschaft. Abgesehen von Ballack (und Mertesacker und Klose?) hat niemand eine Stammplatzgarantie. Aber einen so erfahrenen Spieler zu demontieren und frühzeitig abzuservieren ist unverständlich und auch unfair.
Heute findet sich im kicker der Notendurchschnitt von Frings in den verschiedenen Wettbewerben der letzten Spielzeit: Nationalmannschaft 5,50, DFB-Pokal 2,63. Hat das eventuell mit der Wertschätzung des Trainers zu tun? Rolfes hatte in der gesamten Saison die besseren Werte, spielte im Verein aber nicht international, verlor das DFB-Pokalfinale gegen Bremen mit 1-0 und den persönlichen Vergleich mit Frings (Note 4 – Note 2,5).
Ich denke immer noch, mit Frings wäre das Halbfinale gegen Italien 2006 anders gelaufen. Ich sage nicht, Deutschland hätte gewonnen, aber Frings ist einer, den man für große Spiele braucht. Das vermurkste EM-Finale geht auch auf seine Kappe, aber das hat er ja offen zugegeben.
Khedira und Hitzlsperger müssen erst zeigen, dass sie ihre Form auch in der CL abliefern, sollten sie sich qualifizieren. Ballack ist verletzungsanfällig und auf Sicht kein Stammspieler bei Chelsea, Jones wurde von Löw schon erfolgreich wegegeekelt. Dass Ernst noch einmal eine Chance bekommt, glaubt keiner, ich auch nicht. Westermann wird wahrscheinlich in der Abwehr gebraucht. Das vermeintliche Überangebot an defensiven Mittelfeldspielern ist also gar keines.
Mir würde folgende Konstellation gefallen: Deutschland verliert in Moskau ohne Frings, dann beruft ihn Löw für die Relegation und Frings sagt nein. In der Defensive gut verschoben, aber trotzdem dumm gelaufen.
Ist Kuranyi selbst schuld? »
Im kicker schreibt Thiemo Müller heute, Kuranyi sei allein schuld an seiner Misere. Wenn Müller damit sagen will, selbst schuld, wer daran glaubt, beim DFB gehe es nur nach Leistung, hat er recht. Ansonsten war Kuranyis Abgang beim Spiel gegen Rußland eine sehr gesunde Reaktion auf das zynische Katz-und-Maus-Spiel, das die Trainer Klinsmann und Löw mit ihm betrieben haben. Es war mies, Kuranyi nicht zur WM 2006 mitzunehmen. Es war ein schlechter Witz, Gomez die EM 2008 als Einspielzeit zu gewähren, auch gestern blieb er wieder blaß. Möglicherweise ist er wie Kirsten einer, der mit der Nationalmannschaft nicht richtig warm wird. Ballack bricht heute, ebenfalls im kicker, eine Lanze für Kuranyi. Und jedes Tor des Schalkers wird die Diskussion intensivieren. Dass Podolski in der Nationalelf nichts verloren hat, ginge es nach Ballack, hat der Kapitän zwischen den Zeilen auch zu erkennen gegeben. Mal sehen, was passiert, wenn Helmes den Anschluß nicht findet, Gomez weiter mannschaftsdienlich und torlos spielt, Podolski in den Kölner Querelen hängenbleibt und Kießling wie bisher kein Knipser wird. Kommt dann Odonkor wieder? Kuranyi ist seit Jahren der stetigste Stürmer, obwohl er in Schalke die Fans von Anfang an gegen sich hat. Wenn das keine Charakterstärke ist, was ist es dann?
Van Gaal – ein General und Gentleman »
EasyCredit wirbt jetzt im kicker damit, dass es den fairsten Spieler der Saison bestimmen will. Sieger des ersten Spieltags ist Tinga von Borussia Dortmund mit 39 Punkten, der für seine 37 gewonnenen Zweikämpfe ohne Foul jeweils einen Punkt sowie 2 Punkte für die kicker-Note 3 bekam. Diekmeier vom Club ist Achter und auch in der Elf des Tages dabei. Für Rot gibt es -250 Punkte, weshalb Dante nach seiner Roten Karte unfairster Spieler des ersten Spieltags ist. Er braucht jetzt 247 gewonnene Zweikämpfe ohne Foul, um eine schwarze Null zu schreiben.
Spitzenreiter bei der Fairness war am Wochenende allerdings Louis van Gaal, der bei einer strittigen Entscheidung zugunsten der Bayern spontan für die Torkamera plädierte, obwohl seine Mannschaft dadurch gegen Hoffenheim früh in Rückstand geraten wäre. Wäre van Gaal ein deutscher Spieler, würde er kein Spiel im DFB-Dress mehr absolvieren. Die Erziehung zum mündigen Spieler hat ihre Grenzen anders gesagt war Frank Rost seiner Zeit einfach zehn Jahre voraus, als er anfing, seine Meinung zu sagen. Ihm fehlt der Klassensprecher-Charme von Philipp Lahm, der im Sportstudio lausbübisch grinsend erklärte, das ausfallende Verhalten seines Kapitäns sei ja “schon viel besser geworden”.
Besagter Kapitän heißt Mark van Bommel fällt jetzt erst einmal vier Wochen mit Zehenbruch aus, putzigerweise nach einem mißglückten Versuch, seinen Gegenspieler von hinten umzutreten. Die Zwangspause spart ihm mindesten 200 Minuspunkte bei EasyCredit. Mag ja sein, dass er mit seiner Spielweise die anderen Spieler mitreißen möchte, aber er wirkt vor allem umreißend. Frank Baumann war viele Jahre Käptn von Bremen und machte das auch ohne Meckern, Schubsen, Boxen recht gut. Jetzt ist Frank nicht mehr da, und meine optimistische Prognose für die Bremer angesichts des Fünfnull gegen Union könnte sich als verfrüht erweisen, obwohl die Frankfurter mich nicht überrascht haben. Könnte gut sein, dass der Club gleich noch einmal verliert.
Van Gaal ist jetzt gewungen, Timoschtschuk zu bringen. Ob der brav den Lückenbüßer gibt, wenn van Bommel wieder fit ist? Oder spielt er sich mit 300 Minuspunkte gleich in die Herzen der Bayern-Fans?
Totem und Tattoo »
Es war einmal im Land der tausend Laktattests , da gelobte der Auswahltrainer, seine Durchleucht, der Herr Löw: Es soll fortan nur nach Leistung gehen, nichts als Leistung soll sein das Kriterium, nach welchem ich berufen will meine Spieler.
Und ging die Zeit ins Land und kam da ein Spieler Jermaine Jones, Bub aus der Bronx von Bonames, der spielte zwei Jahre lang überdurchschnittlich in einer durchschnittlichen Schalker Mannschaft und zeigte eine Dynamik und Zweikampfbilanz im defensiven Mittelfeld, die man seit Lothar Matthäus dort nicht mehr gesehen hat. Und er ward berufen pro forma für drei Freundschaftsspiele, und fortan ignorieret, weil er nicht passte in das Anforderungsprofil der Anforderungsprofilneurotiker beim DFB.
Und ätsch, der mündige Profi Jones, machte munter Gebrauch von seinen durch die FIFA garantierten Rechten und sprach bei sich und vernehmbar: Etwas Besseres als acht Minuten in einem Freundschaftsspiel gegen Österreich findest du zwar nicht überall, aber in den USA wirst du zumindest eine faire Chance erhalten.
Doch siehe, es waren Leitartikler und Kommentatoren auf dem Feld der öffentlichen Meinung, die fürchteten sich sehr und holten aus zum Rundumschlag, ohne die FIFA-Statuten gelesen zu haben und sparten nicht mit Häme. Und auch wenn Jones nach Asamoah und Kuranyi der dritte Schalker Profi ist, der auf äußerst unfeine Art vom DFB ausgebootet wurde, wer da sich erdreistet zu denken, dies habe mit ihrem Verein oder ihrem außereuropäischen Migrationshintergrund zu tun, der macht sich unbeliebt im Reiche des Auswahltrainers Löw, denn es geht beim DFB immer nur nach Leistung und keinesfalls nach Kopfnoten oder VfB Stuttgart.
Und nun wollen wir sehen, wie es weitergeht mit den Kickern in den schwarzen Hosen und weissen Hemden, dem wankelmütigen Frings, dem Schluck Wasser Schweinsteiger und dem braven Rolfes im Mittelfeld, dem kreuzbandverletzten Helmes, dem langzeitverletzten Klose und dem zum Austeilen neigenden Podolski im Sturm. Und wir wollen Leistung sehen, damit Jones und Kuranyi vergessen sein mögen, und getilgt sei ihr Name aus den Kadern für alle Zeit und Herrn Löw ein Wohlgefallen.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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