Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Hurra, endlich WELTmeisterschaft »

Die Vorrunde ist zuende, Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Von den 48 Vorrundenspielen habe ich fünf mit dem exakten Ergebnis und achtzehn von der Tendenz her richtig, darunter auch den Sieg der Slowakei gegen Italien, den ich mit 2-1 prognostiziert hatte. Bei den Achtelfinalkandidaten liege ich bei sieben Mannschaften mit der Platzierung in der Gruppe richtig, darunter auch mein chilenischer Geheimtipp auf Platz zwei, fünf weitere kamen zwar weiter, aber auf einem anderen Platz als erwartet. Auch Deutschland und Ghana tauschten die Plätze, ich hatte die Afrikaner als Gruppensieger eingestuft.

Die große Enttäuschung waren die afrikanischen Teams, nicht so sehr Südafrika, die wirklich eine brockenschwere Gruppe erwischt hatten, sondern vor allem Nigeria und Kamerun. Die Gastgeber und die beiden anderen konnten einen Vorsprung nicht verteidigen (gegen Mexiko, Griechenland, Dänemark) und schieden alle drei aus. Algerien war in der Gruppe C viel zu schüchtern. Die Elfenbeinküste hatte das Pech, in einer Gruppe mit den Vereinigten Betonwerken aus Portugal und Brasilien gelandet zu sein. Dass Portugal gegen niemand ausser Nordkorea Tore schießt, ist ein schlechter Witz. Ghana ist jetzt der afrikanische Hoffnungsträger und anders als vor vier Jahren ist die Hoffnung gar nicht mal so klein.

Was bei den Afrikanern auffiel, sind die taktischen Fortschritte. 1990 spielte Kamerun im englischen Stranfraum noch Jojo, anstatt das entscheidende 3-1 zu machen, heute sieht das vom Spielansatz bei allen sehr solide, sehr lehrbuchmäßig aus, manchmal auch langweilig. Das Überraschungsmoment, der gelegentlich genialisch aufblitzende Wahnsinn schlummert im Verborgenen. Die Skandalnudeln dieser WM kamen bisher aus Frankreich, Nordkorea und Italien. Auch das ist ein Hinweis auf zunehmende Professionalisierung in Afrika. Wichtig wäre eine gute Ausbildung für afrikanische Trainer. Die monats- oder jahresweise Verpflichtung von Europäern bringt nichts. Wenn bei europäischen Spitzenvereinen immer der kommunikative Aspekt des Trainer betont wird (muss Deutsch/Spanisch/Englisch) sprechen, gilt das erst recht für die besondere Situation in Afrika. Es wird aber noch dauern, bis die jetzige Spielergeneration ins Traineralter kommt. Auch da ist Drogba jemand, der die Dinge verändern kann. Er ist einer, “der als Spieler immer schon wie ein Trainer gedacht hat”, ein afrikanischer Sammer.

Bei der WM 2006 standen zehn europäische Mannschaften im Achtelfinale, diesmal sind es nur noch sechs, die sich nach dem Achtelfinale gegenseitig auf drei eliminiert haben werden. Sehr schön. Durch die großen und kleinen Überraschungen (Frankreich, Italien raus, Uruguay und USA Erster, England Zweiter, Japan, Südkorea, Chile dabei) wird aus der Vierergruppe Uruguay/USA/Südkorea/Ghana einer ins Halbfinale kommen. 2006 war das leider eine rein europäische Angelegenheit. Die belächelten Südamerikaner der zweiten Kategorie und die Gastgeber von 2002 haben aufgeholt, die Afrikaner hoffen auf Ghana. So wie ich.

Meine Tipps fürs Achtelfinale:

Uruguay – Südkorea  2-1 n.V.
Die Urus spielen endlich so wie ihre Hymne klingt, wie eine Ouvertüre von Mozart, und nicht mehr wie Rammstein. Bessere Abwehr schlägt gute Abwehr, für Südkorea war es trotzdem ein Riesenerfolg. 500000 früh um drei beim Public Viewing in Seoul, das ist nicht mehr zu toppen.

USA – Ghana 0-2
Die Ghanaer erzielen ihre ersten beiden Tore aus dem Spiel heraus, der Prince schlägt Donovan. Ghana kann im ersten K.O.-Spiel mehr zulegen, den USA geht nicht der Teamsprit, aber die fußballerische Substanz aus.

Deutschland – England 2-4 n.V.
Das einzige Ergebnis, mit dem die Engländer bei einer WM gegen Deutschland gewinnen können. Raus mit Applaus für Löws sich weiterhin stetig dezimierende Truppe. Aber vielleicht kommt ja alles ganz anders. Aus dem Hintergrund müßte Lahm schießen, Lahm schießt…

Argentinien – Mexiko 3-2
Was die Deutschen für England, sind die Argentinier für Mexiko: ein Alptraum mit 22 Beinen. Argentinien war beste Team der Vorrunde und wird trotz seiner Rumpelabwehr einfach wieder ein Tor mehr schießen.

Holland – Slowakei 5-4 n.V.
Die Holländer haben sich noch nicht verausgabt und kommen weiter. Sie müssen dabei an ihre Grenzen gehen. Robert Vittek macht Tor vier bis sieben und beschließt, nach Nürnberg zu wechseln, um dort die zehnte Meisterschaft klar zu machen.

Brasilien – Chile 3-4 n.E.
Sie haben richtig gehört: Dunga-Fußball darf auf die Dauer nicht belohnt werden. Und wer sonst als eine chilenische Mannschaft mit einem argentinischen Trainer kann diesen Job erledigen. Es wird 0-0 stehen nach 120 Minuten und dann kommt die große Stunde des chilenischen Torwarts Claudio Bravissimo.

Paraguay – Japan 1-3 n.V.
Japan hat im Turnier zugelegt, Paraguay hat abgebaut. Paraguay spielte insgesamt nicht schlecht, Japan spielte gegen Dänemark toll. Und Honda wollen wir noch ein bißchen länger sehen.

Spanien – Portugal 5-0
Ich hoffe, dass der Turnierfavorit endlich einmal spielt, was er kann und die Maurermeister vom Algarve wieder nach Hause schickt. Cristiano Ronaldo ist ein langweiliger Schönling, der von Mourinho alsbald abgeschoben werden wird.

Neuer Endspieltipp: Ghana – Argentinien. Mit den United People of Africa im Rücken könnte es klappen.

Annus horribilis »

Sieht so aus, als wird die Saison 2009/2010 allmählich zum annus horribilis für den Fußball. Erst nahm sich Robert Enke das Leben, dann wurde ein europaweites neues System von Wettbetrügereien entdeckt.  Am Wochenende wurde das Nationalteam Togos in Angola überfallen und drei Mitglieder der Delegation wurden ermordet. Der Angriff der Rebellen in der Region Cabinda, die dadurch kurzzeitig so bekannt geworden ist wie New Wembley,  muss kein Argument gegen die WM in Südafrika sein. Jeder weiss, dass es innerhalb Afrikas riesige Unterschiede gibt, abgesehen von den Maghrebstaaten gibt es dort wahrscheinlich kein anderes Land, das in der Lage wäre eine WM zu stemmen. Trotzdem ist man natürlich peinlich pikiert, wenn die postkoloniale Gewalt in der heilen Welt des Fußballs einschlägt. Ob eine Absage des Turniers eine kluge Reaktion wäre, wage ich zu bezweifeln. Niemand weiß, wie die angolanische Bevölkerung und die Besucher aus ganz Afrika auf einen solchen Schritt reagieren würden. Wenn Tausende von enttäuschten Fans anfangen zu randalieren, erhöht sich das Risiko für weitere Tote. Es wäre eher zu wünschen, dass die Veranstalter eine würdige Form der Trauer finden mögen. Und ich hoffe auch, die Ausrüster von Drogba und den anderen Weltstars in Gruppe B verzichten darauf, die Regierung von Togo in Regress zu nehmen, weil ihre Klienten jetzt ein Vorrundenspiel weniger haben, und sich dadurch die Chancen, Torschützenkönig zu werden entsprechend reduzieren. Es wäre naheliegend, bei den hohen Investitionskosten für das Produkt – ich meine jetzt den Schuh – eine Kompensation für eine derartige Wettbewerbsverzwerrung zu fordern. Eine schöne humanitäre Geste, wenn sie es nicht tun.

Die nächste Unbill steht in Gestalt des üppigen Winters bereits ins Haus. Schalke gegen Nürnberg kann in der Hallenarena am Sonntag sicherlich stattfinden, aber wenn es bis Ende Februar wie progonostiziert kalt und schneereich bleibt, wird es sicherlich zu Spielabsagen kommen. Und mit der Relegation und dem CL-Finale am Samstag fehlen in dieser prall gefüllten Saison bereits zwei mögliche Spieltage. Einmal in dreißig Jahren verkürzt man die Winterpause, und dann macht Crazy Daisy alles zunichte. Bei den durchspielenden Engländer, die immer als Vorbilder für die deutschen Warmduscher genannt werden, fielen am Wochenende sieben von zehn Spielen aus. Dass der Terminkalender bis zum Anschlag ausgereizt ist, ist schon längst bekannt. Weder diese Tatsache, noch die verschiedenen Herztoten der letzten Jahre hindern daran, eine Klub-WM und zahlreiche Hallenturniere durchzuführen. Immer feste druff.