Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Kimmich? – Don’t Believe The Hype »

Thomas Hummel (SZ) vergleicht Joshua Kimmich nach dem 1-0 gegen Nordirland allen Ernstes mit Philipp Lahm. Christian Gödecke und Danial Montazeri (SPON) behaupten imBrustton der Überzeugung, Deutschland habe „wieder einen Rechtsverteidiger“. Auf Twitter überschlagen sich die Kommentatoren. Warum nur?

Glauben wir ausnahmsweise mal der UEFA, die in ihrer Statistik folgende Zahlen liefert. Benedikt Höwedes spielte in 195 Spielminuten 68 Pässe und hatte eine Passquote von 90 Prozent, Kimmich spielte in 93 Minuten 66 Pässe mit einer Quote von 88 Prozent. Nun könnte man meinen, Kimmich sei doppelt so aktiv gewesen wie Höwedes, allerdings beschränkte sich Kimmichs Beitrag zum Aufbauspiel in der zweiten Halbzeit darauf, Sechs-Meter-Rückpässe auf Khedira zu spielen. Und das gegen eine nordirische Mannschaft, die sich in der gesamten Spielzeit keine einzige Chance herausarbeitete. Höwedes musste sich gegen die Ukraine und Polen zweier Mannschaften erwehren, die die deutsche Defensive ständig unter Druck setzten, trotzdem hatte er gegen Polen kurz vor Schluß sogar die Chance zum (unverdienten) 1-0. Kimmichs Auftritt am Dienstag war ordentlich, aber ihn herauszuheben in einer Mannschaft, in der Özil endlich der erhoffte Taktgeber war, und alle, bis auf Hector, Neuer, Boateng und Müller besser spielten als vorher – die ersten drei so gut wie zuvor, letzterer bescheiden wie zuvor – entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Ich glaube gar nicht, dass man damit vor allem den neuen Posterboy des FC Bayern abfeiern will, gut, die FCB-Twitterer wollen vermutlich genau das. Ansonsten es ist wohl eher der dringende Wunsch an Joachim Löw, die Verjüngung der Mannschaft voran zu treiben, der aus dieser unproportionierten Lobhudelei spricht. Schweinsteigers Einwechselung gegen die Ukraine war eine gelungene emotionale Pointe, aber halt auch ein wenig Retro.

An weniger prominenter Stelle liest sich die Bewertung von Kimmich schon etwas anders. In der Einzelkritik zum Nordirland-Spiel heißt es auf SPON zu Kimmich: „Der Rechtsverteidiger ist vor allem für die Offensive ein Gewinn. Viel angriffslustiger als Benedikt Höwedes auf dieser Position, war er in zahlreiche Offensivaktionen verwickelt. Machte das gut, brachte endlich Flanken ins deutsche Spiel ein. Was er defensiv kann, das wird man an anderer Stelle sehen.“ Im Testspiel gegen die Slowakei sah man, wie Kimmich mit Haut und Haar absoff. Vom kicker bekam er dafür eine 5,5, Boateng, Hector und Rudy jeweils eine 3,5. Im CL-Hinspiel gegen Juventus versaubeutelte Kimmich die 2-0-Führung des FCB in Turin beinahe im Alleingang. Er hatte es Thomas Müllers Treffer zum 2-2 im Rückspiel zu verdanken, dass danach keiner von seinen Patzern sprach.  Gegen Gegner, die sich ein bißchen mehr zutrauen als Nordirland hat er also eine äußerst durchwachsene Bilanz. Was bei einem 21-Jährigen durchaus passiert. Vor lauter Lob überschlagen muss man sich trotzdem nicht.

Dass Thomas Müller einen Patzer von Kimmich bei dieser EM postwendend wieder ausbügelt, ist nach dem bisherigen Verlauf des Turniers nicht zu erwarten. Es ist kein Fluch, der Müller befallen hat, und kein Pech, er wirkt einfach überspielt, ausgebrannt. Der Raumsucher sucht seinen Esprit. Auch David Alaba, dem Gesicht des österreichischen Scheiterns, ist die Leichtigkeit abhanden gekommen. Müllers letzte nennenswerte Aktion in der abgelaufenen Saison war das Kopfballtor gegen Juventus.  Es wäre keine Denkmalsschändung in dieser an Denkmälern so reichen Mannschaft, wenn der Bundestrainer Müller eine Pause gönnen würde. Das nächste Hoffungsträgerlein in Gestalt von Leroy Sané steht schon bereit. Auch der kriegte in der Regenschlacht von Augsburg eine 3,5. Und er kann es über rechts.

Meine Bundesliga-Saison-Bilanz 2015/16 »

Am 14. August 2015 habe ich an dieser Stelle eine Saisonprognose abgegeben. Bevor nun alle darüber diskutieren, ob Poldi und Schweini zusammen so viele Spielminuten auf dem Platz stehen werden wie Sané alleine, hier noch schnell die Qualitätskontrolle.

Prognose: Platz 1 Borussia Mönchengladbach, weil Fohlenflüsterer Lucien Favre die richtigen Worte findet, und Traoré und Hazard alle an die Wand spielen.

Ergebnis: Platz 4. Nach einer wilden Saison darf André Schubert weiter flüstern und wird wohl auch für Christoph Kramer die richtigen Worte finden, damit es in der Champions League länger geht als bis zur Vorrunde.
Abweichung: 3 Plätze

Prognose: Platz 2 Schalke 04, weil sie mit André Breitenreider endlich den Taktikfuchs mit proletarischer Street Credibility haben, den sie brauchen.

Ergebnis: Platz 5. Mit Jens Keller zweimal in der Champions League, mit ohne Keller zweimal nicht, Heldt laß nach. Breitenreider war zu cholerisch für dieses Minen(um)feld. Trotzdem hat sich Königsblau einen Teil des verspielten Respekts zurückerarbeitet.
Abweichung: 1 Platz

Prognose: Platz 3  Borussia Dortmund, weil Thomas Tuchel ein verflucht guter Trainer ist, und Mikidingsbums die Saison seines Lebens spielt.

Ergebnis: Platz 2. In der Analyse richtig, dass sich der BVB gleich auf Platz zwei emporschwingt, war zu viel des Guten. Ein wenig Empathietraining könnte Tuchel nicht schaden. Kleines dickes Hitchcock sagte, Schauspieler seien wie Vieh, aber der war ja auch kein Konzepttrainer.
Abweichung: 1 Platz

Prognose: Platz 4 FSV Mainz 05, weil der Verein exzellent geführt ist, und viele Nobodys manchmal ein Spitzenteam ergeben.

Ergebnis: Platz 6. Mainz war lange mit dabei im Schneckenrennen um Platz 4, aber dann fehlte die Kaltschnäuzigkeit für ganz oben. Der Sieg in München war taktisch, ästhetisch und ethisch einer der Höhepunkte der Spielzeit.
Abweichung: 2 Plätze

Prognose: Platz 5 VfL Wolfsburg, weil die Mehrbelastung auf dem langen Weg nach Mailand den Sprit knapp werden läßt.

Ergebnis: Platz 8. Eine der Enttäuschungen der Saison. Zweimal – nach der Halbzeitführung von 0-1 in München am 6. Spieltag, und nach dem 2-0 im Hinspiel gegen Real Madrid – gab die Mannschaft eine exzellente Ausgangsposition ziemlich apathisch aus der Hand. Ist da die Handschrift des Trainers zu erkennen?
Abweichung: 3 Plätze

Prognose: Platz 6 Bayer Leverkusen, weil es nach dem guten ersten Jahr unter Roger Schmidt langsamer vorangeht auf dem Weg nach oben.

Ergebnis: Platz 3. Von wegen langsamer voran. Dank eines konsequenten Schlußspurts konsolidierte sich Bayer auf höchstem Niveau. Die Mannschaft spielt oft schön, kann aber auch gallig. Und Rauschebart Kießling bleibt der große alte Mann des Offensivzweikampfs . Abweichung: 3 Plätze

Prognose: Platz 7 Hertha BSC Berlin, weil Dardai der richtige Mann ist, und Kalou mindestens 20 Tore schießt.

Ergebnis: Platz 7. Der einzige Volltreffer, auch wenn Kalou nur 14 Tore schaffte. Dardai war manchmal bestimmt so sauer wie Tuchel, fand aber liebevollere Worte für seine Schützlinge, die mit Platz 3 in der neuen Saison überfordert gewesen wären.
Abweichung: Entfällt.

Prognose: Platz 8 VfB Stuttgart, weil Zorniger die neuen jungen Wilden formt, und es diesmal kaum Verletzungssorgen gibt.

Ergebnis: Platz 17. Zorniger wurde bald immer trauriger. War der Sprung vom Ex-Drittligisten Leipzig zu groß für ihn oder waren die Rahmenbedingungen zu chaotisch? Auch Kramny brachte keine Kontrolle mehr aufs Spielfeld, es folgte ein Absturz ins Bodenlose.
Abweichung: 9 Plätze

Prognose: Platz 9 1899 Hoffenheim, weil es nach guter Hinrunde in der Rückrunde keinen Totalabsturz gibt.

Ergebnis: Platz 15. Nach der Hinrunde mit 13 Punkten Letzter, kriegte die TSG unter Nagelsmann mit 24 Punkten in der Rückrunde (Platz 7) gerade noch so die Kurve. Die Magie der ersten Bundesligasaison unter Rangnick ist lange weg, dafür wird jetzt authentisch malocht.
Abweichung: 6 Plätze

Prognose: Platz 10 1. FC Köln, weil sie sich so unauffällig konsolidieren, dass ich sie in der ersten Version glatt vergessen hatte.

Ergebnis: Platz 9. Stöger und Schmadtke, der Wiener und der Düsseldorfer zeigen in Köln, dass Integration gelingen kann. 13 Unentschieden erzeugten keine Schreie der Entzückung, die Saison ohne Abstiegssorgen durchaus.
Abweichung: 1 Platz

Prognose: Platz 11 Eintracht Frankfurt, weil Veh keine gute Fee ist, die einem einfach drei Wünsche erfüllt, auch nicht Platz, 4, Platz 5 oder Platz 6.

Ergebnis: Platz 16. Dank Robert Kovac wurde diese Saison des Grauens nicht gegen die Wand gefahren. Als Tabellenletzter in der Auswärtstabelle rettete sich die Eintracht durch das Auswärtstor in Nürnberg. Geschichten, die nur der Fußball schreibt.
Abweichung: 5 Plätze

Prognose: Platz 12 Werder Bremen, weil die Mannschaft Zeit braucht, um sich zu finden.

Ergebnis: Platz 13. Wie es Skripnik gelungen ist, den Wonneproppen Junuzovic gegen sich aufzubringen, ist mir ein Rätsel. Aber dank Pizza und 23 Punkten in der Rückrunde erreicht Werder das rettende Ufer. Als Bundesligist ist mir die Mannschaft tausend Mal lieber als Stuttgart.
Abweichung: 1 Platz

Prognose: Platz 13 FC Augusburg, weil in der kommenden Saison andere Vereine das Momentum haben und die Europa League geistig erst verarbeitet werden muss.

Ergebnis: Platz 12: Wie immer kam der FCA spät auf Touren, aber es reichte am Ende ohne größeren Qualen. Die Europa League war ein großer Moment, aber wohl auch nur eine Momentaufnahme.
Abweichung: 1 Platz

Prognose: Platz 14 Hannover 96, weil der Augenblick, einen neuen Sportdirektor einzuarbeiten, ungünstiger nicht gewählt sein könnte.

Ergebnis: Platz 18. 2010/11 Platz 4, vier Jahre später sang- und klanglos Tabellenletzter. Ist es zu einfach zu sagen, dass der große Knacks die Entlassung von Schmadtke war?  Stindls Weggang zu Gladbach war ein großer Verlust, der große Thomas Schaaf mühte sich vergeblich. Bader kann man manches vorwerfen, diesen Abstieg nicht.
Abweichung: 4 Plätze

Prognose: Platz 15 SV Darmstadt 98, weil der Wahnsinn einen Namen hat.

Ergebnis: Platz 14. Schaut die Lilien auf dem Felde, sie geben keine Millionenbeträge aus und trotzdem bleiben sie drin. Wahnsinn, wie schnell diese verschworene Gemeinschaft, die zwei Aufstiege und einen Klassenerhalt in drei Jahren gemeistert hat, auseinander geflogen ist. Insgesamt sehr solide am eigenen Mythos gearbeitet.
Abweichung: 1 Platz

Prognose : Platz 16 Bayern München, weil der Wurm drin ist, und ich in letzter Zeit immer an die Buddenbrooks denken muss, wenn ich Matthias Sammer sehe. In der Relegation geht es dann gegen Nürnberg.

Ergebnis: Platz 1. Wer hätte gedacht, dass diese Mannschaft bereits am 14. Spieltag mit dem Abstieg nichts mehr zu tun hat? Auch der dritte Halbfinal-KO in der Champions League kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Bayern Meister geworden ist. Allerdings sah die Rückrunde meist eher hölzern und überspielt aus. Ein Bild der Saison ist Ribéry, der sich im Pokalfinale über die Bande quält.
Abweichung: 15 Plätze, aber der Club in der Relegation war richtig.

Prognose: Platz 17 HSV, weil ihn diesmal kein Kühne, Schiri, höheres Wesen noch Tribun retten können.

Ergebnis: Platz 10. Im Vergleich zu den Vorsaisons ein Quantensprung. Es war selten schön, manchmal schmerzhaft, aber Labbadia hat ein Team organisiert, das sich zu wehren wußte. Und die Fans lieben ihren HSV abgöttisch, das war in dieser Saison mehr zu spüren als in den Jahren davor.
Abweichung: 7 Plätze

Prognose: Platz 18 FC Ingolstadt, weil er wie Fürth bei seinem Kurzauftritt mit der Bundesliga fremdelt.

Ergebnis: Platz 11. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass es einen Verein mit einer Spielanlage wie Energie Cottbus mit viel, viel Geld in der Liga gibt. Einer muss der Ugly Motherfucker sein.
Abweichung: 7 Plätze

Doch genug jetzt von alten Weissagungen, nur noch vier Tage bis zum ersten Highlight der EM. am 11. Juni steigt das Spiel von zwei der etwa 16 Geheimfavoriten: Wales trifft auf die Slowakei. Vor zehn Jahren wäre das Ryan Giggs gegen Marek Mintal gewesen, doch auch so wächst die Vorfreude.

Das Drama des begabten Kindes »

Mario Götze ist nicht der erste hoffnungsvolle deutsche Spieler, der mit einem Wechsel zum FC Bayern München seine Karriere ruiniert, auf Null abgebremst oder zumindest aus der Bahn gesteuert hat.  Jan Schlaudraff (Saison 2007-08 / 8 Bundesligaspiele / 150 Spielminuten), Alexander Baumjohann (2008-09 / 3 / 90), Mitchell Weiser (2012-15 / 16 / 914), Jan Kirchhoff (2013-14 / 7 / 82), Sebastian Rode (2014-16 / 38 / 1359) heißen die Opfer der letzten Jahre. Alle hatten vor ihrem Engagement bei Bayern eine tragende Rolle in ihren Vereinen oder dort sehr jung eine sehr gute Saison gespielt.

Keiner von ihnen würde zugeben, dass der Wechsel zum „Branchenprimus“ ein Fehler war. Zumeist murmeln die Kandidaten auf diese Frage meist mehr oder weniger verkniffen etwas davon, dass sie auf höchstem Niveau arbeiten durften und unglaublich viel dazu gelernt haben. Richtig ist, dass sie nach der langen Bankdrückerei nicht nur mit einer super-super-super Gesäßmuskulatur zu ihrem nächsten Arbeitgeber wechseln. Auch eine berufliche Perspektive als Gebietsleiter im Außendienst für diejenigen ergonomischen Sitzmöbel, die man so ausgiebig kennenlernen durfte, ist nach dem Ende der sportlichen Laufbahn für den langfristig planenden Profi von heute ein echter Zugewinn. Mitchell Weiser ist im zarten Alter von 22 Jahren immerhin schon dreifacher Deutscher Meister.

Bei Mario Götze ist alles ein bißchen anders. Als Siegtorschütze in einem WM-Finale ist er eine lebende Legende, kein hoffnungsvolles Talent. Ohne die Fähigkeiten der anderen hier Genannten zu schmälern ist es fair zu sagen, dass Götze mit außergewöhnlicher Begabung ausgestattet ist. Gleichzeitig ist Götze alles, bloß kein Star zum Anfassen. Ihn kann ich mir gut vorstellen, wie er frisch gefönt im weißen Tennispullover mit V-Ausschnitt aus dem Wellnessbereich des privaten Tennisclubs geschlendert kommt. Der Parkplatzboy fährt den Lamborghini vor, Götze drückt ihm 100 Euro in die Hand und sagt: Stimmt so. Das mag völlig falsch sein, genauso wie es falsch sein kann, dass Cristiano Ronaldo ein testosterongesteuerter Möchtegernmarshall ist, auch wenn er sich so hinstellt, wenn er einen Freistoß tritt. Götzes Tor gegen Argentinien ist jedenfalls paradigmatisch für seine Spielweise und die Spielweise der Nationalmannschaft, der er angehört. Helmut Rahns Schuß aus dem Hintergrund war der Glücks- und Verzweiflungsschuß der kriegsgeprägten Generation der fünfziger Jahre. Der ehrliche Malocher, Sohn eines Bergmanns, Kind des Ruhrgebiets und des Wirtschaftswunders, haute ihn irgendwie rein, so wie man in den Jahren davor irgendwie über die Runden gekommen war. Gerd Müllers Tor gegen Holland verdichtet die siebziger Jahre in einem Augenblick: Popo raus, irgendwie im Liegen, Vorlage von Bonhof, einem Gladbacher. Das alles unter dem Dach dieses atemberaubenden Stadions, das ein so wirkungsmächtiger Gegenentwurf zu jeder Art von Großmannssucht war.  Andy Brehme steht für den Stil der Ära Matthäus: Spielfreude durch Kraftmeierei. Loddar, Ruuudi und die anderen waren keine Rumpler, vor allem nicht bei der WM 1990. Aber vielleicht doch eher Atlético als Real, eher Hansdampf als filigran. Und 2014 dann Götze, dessen Vater kein Bergmann ist, sondern als Professor im modernisierten Ruhrgebiet irgendwas mit Medien macht. Bei seinem Kabinettstückchen in Rio machte Mario Götze nicht nur alles richtig, sondern auch bezaubernd schön. Außer Maradona fällt mir keiner ein, der in so einem Spiel so ein Tor hätte schießen können.

Wirklich schade, dass dieser Götze (2012-16 / 114 / 7377) bei Bayern nur eine Randfigur ist. Oder war das gewollt? Ist Götze auf der Bank für Bayern wertvoller als bei Dortmund in der Startelf? Im Wirtschaftsleben ist diese Strategie nichts besonderes. Ständig werden Patente aufgekauft, damit sie von der Konkurrenz nicht kommerziell verwertet werden können. Warum nicht also aus einer funktionierenden Mannschaft das Ausnahmetalent herauslösen, um es bestens dotiert als Randfigur versauern zu lassen? Bayern kann für einen Spieler, den man nicht braucht und den man nicht will, mehr Geld ausgeben als andere Vereine für ihren gesamten Kader. Matthias Sammer formulierte das Selbstverständnis der Bayern im Februar 2015 so: „Wir kommen jetzt in die ganz heiße Saisonphase, das muss uns bewusst sein, da müssen wir den Maschinenmodus und nicht den Gefühlsmodus anwerfen. […] Jetzt zählt kein Gefühl, wir müssen gnadenlos gierig sein und wieder in diesen gnadenlosen Rhythmus kommen.“ Auch wenn Sammer ernsthaft erkrankt ist und ich ihm baldige Genesung wünsche, bin ich froh, dass derartig unmenschliche Formulierungen seltener zu hören sind, seit er bei Bayern nicht mehr in der ersten Reihe steht.

Selbst schuld, könnte man zu Götze jetzt sagen, er ist ja nicht verschleppt worden. Er wollte zu den Bayern, genau wie Baumjohann, Weiser, Rode und die anderen. Aber ganz langsam zeigen die Spieler der neuen Generation, dass sie es nicht als den Höhepunkt ihrer Laufbahn empfinden, bei München außen vor zu sein. Auch auf dem Branchenprimuskocher wird nur mit Wasser gekocht. Gianluca Gaudino (2014-15 / 8 / 373) wurde 2015 in die super-super-super Regionalliga degradiert und ließ sich Anfang 2016 für eineinhalb Spielzeiten nach St. Gallen ausleihen. Pierre Emil Højbjerg war schon zweimal ausgeliehen und will endgültig weg, genau wie Rode, der es aus dem Kreise der oben genannten Teilzeitprofis immerhin auf eine vierstellige Minutenzahl in zwei Spielzeiten brachte. Vereinstreue wird schnell als Anachronismus denunziert, ein Korb für einen größeren Verein als mangelnder Ehrgeiz. Benedikt Höwedes, der nicht schon dreimal Deutscher Meister war, bezeichnet sich im kicker-Interview am Donnerstag als „ein bißchen Fußballromantiker“, weil er den für ihn optimalen Bedingungen auf Schalke den Vorzug gibt vor als beispielsweise einer lieblos abgenudelten Meisterfeier mit lauwarmen Bier auf einem viel zu engen Balkon.  Dabei sollte man als Spieler doch vor allem eins wollen: spielen.

Götzes Rückkehr zu Dortmund ist ein Ding der Unmöglichkeit – die erdige Fankultur in Lüdenscheid mag keine global player, die überall zuhause sind. Also soll Götze jetzt aus München abserviert werden, möglichst so, dass er keine allzu große Delle in der Transferbilanz hinterläßt. Um so erfreulicher, dass Götze darauf offenbar keine Lust hat und dabei auch noch Unterstützung von Joachim Löw erfährt. Der FC Bayern inszeniert sich gerne als große Familie, in der Causa Götze erinnert er an eine Rockerdisco mit Kim Il McRummenigge als Rausschmeißer. Wenn Götze so dringend gehen soll, warum nicht ablösefrei? Dortmund drei Jahre lang zu schwächen, das sollte doch 35 Millionen wert gewesen sein.

Meine Saisonprognose – Gladbach Meister, Bayern in der Relegation »

Die Bundesliga geht wieder los, und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen. Das ist von Goethe, und auch wenn der FC Empor Weimar 06 nur in der Kreisoberliga Mittelthüringen zugange ist, hat der Dichterfürst vom Frauenplan natürlich auch eine Weisheit für eine erfolgreiche Saisonvorbereitung parat: „Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.“ In diesem Fall von Ausdauer und Technik über Taktik und Spielintelligenz zum modernen Offensivfußball. Sepp Herberger, der große Aphoristiker aus Mannheim hätte es nicht knapper sagen können. Nicht alle haben auf das Wort des Dichters andächtig gelauscht.  Hier meine Prognose für die neue Saison.

1. Borussia Mönchengladbach, weil Fohlenflüsterer Lucien Favre die richtigen Worte findet, und Traoré und Hazard alle an die Wand spielen.

2. Schalke 04, weil sie mit André Breitenreider endlich den Taktikfuchs mit proletarischer Street Credibility haben, den sie brauchen.

3.  Borussia Dortmund, weil Thomas Tuchel ein verflucht guter Trainer ist, und Mikidingsbums die Saison seines Lebens spielt.

4. FSV Mainz 05, weil der Verein exzellent geführt ist, und viele Nobodys manchmal ein Spitzenteam ergeben.

5. VfL Wolfsburg, weil die Mehrbelastung auf dem langen Weg nach Mailand den Sprit knapp werden läßt.

6. Bayer Leverkusen, weil es nach dem guten ersten Jahr unter Roger Schmidt langsamer vorangeht auf dem Weg nach oben.

7. Hertha BSC Berlin, weil Dardai der richtige Mann ist, und Kalou mindestens 20 Tore schießt.

8. VfB Stuttgart, weil Zorniger die neuen jungen Wilden formt, und es diesmal kaum Verletzungssorgen gibt.

9. 1899 Hoffenheim, weil es nach guter Hinrunde in der Rückrunde keinen Totalabsturz gibt.

10. 1. FC Köln, weil sie sich so unauffällig konsolidieren, dass ich sie in der ersten Version glatt vergessen hatte.

11. Eintracht Frankfurt, weil Veh keine gute Fee ist, die einem einfach drei Wünsche erfüllt, auch nicht Platz, 4, Platz 5 oder Platz 6.

12. Werder Bremen, weil die Mannschaft Zeit braucht, um sich zu finden.

13. FC Augusburg, weil in der kommenden Saison andere Vereine das Momentum haben und die Europa League geistig erst verarbeitet werden muss.

14. Hannover 96, weil der Augenblick, einen neuen Sportdirektor einzuarbeiten, ungünstiger nicht gewählt sein könnte.

15. SV Darmstadt 98, weil der Wahnsinn einen Namen hat.

16. Bayern München, weil der Wurm drin ist, und ich in letzter Zeit immer an die Buddenbrooks denken muss, wenn ich Matthias Sammer sehe. In der Relegation geht es dann gegen Nürnberg.

17. HSV, weil ihn diesmal kein Kühne, Schiri, höheres Wesen noch Tribun retten können.

18 FC Ingolstadt, weil er wie Fürth bei seinem Kurzauftritt mit der Bundesliga fremdelt.

Zweite Liga rockt »

Nur noch vier Tage, dann beginnt sie: die beste Zweite Liga aller Zeiten seit der besten Liga aller Zeiten vom Sommer 2014. Mit Bielefeld und Duisburg kehren zwei legendäre Ex-Bundesligisten in den Kreis der glorreichen 18 zurück. Mit den Münchner Löwen hat ein Verein mit hohem Unterhaltungswert die Klasse gehalten. Wenn die Roten früher der FC Hollywood war, dann sind die Löwen der TSV Komödienstadl, die Daily Soap in flauschiblau. Das Personal wechselt schneller als bei Game of Thrones und die Ansprüche sind höher als der Olympiaturm.

Ein Lichtblick sind auch die Roten Bullen aus Leipzig. Dieses wüste und wahllose Bashing leuchtet mir nicht ein. Rangnick ist einer der klügsten und innovativsten Köpfe im Fußball, die beiden Leipziger Traditionsvereine hatten 20 Jahre Zeit, um ihre eigene Fußballkultur aufzubauen. Stattdessen gab es eine liebevoll gepflegte Feindschaft ohne nennenswerte sportliche Außenwirkung. Es ist traurig, dass die Ostvereine mit Ausnahme von Union so weit unten stehen. Egal, ob Cottbus, Rostock oder Dresden, alle haben sich ihre Situation durch hausgemachte Fehler selbst eingebrockt, es waren nicht die bösen Großsponsoren, die den Niedergang herbei geführt haben. Leipzig hat eingekauft wie irre, zugegebenermaßen, aber entscheidender ist, dass Rangnick sportlich das Sagen hat. Außerdem schießt Geld tatsächlich keine (entscheidenden) Tore, wie das Mittelmaß der Premier League zeigt. In den nächsten Jahren kann Leipzig für den Fußball im Osten eine Leuchtturmfunktion übernehmen. Das heißt nicht, dass jeder Verein einen exotischen Milliardär in der Hinterhand haben muss, sondern, dass langer Atem und Strategie auch bei Traditionsvereinen funktionieren können. Bielefeld und Duisburg, Braunschweig und Darmstadt sind Beispiele aus den letzten Jahren.

Das Feld ist ausgeglichen wie nie, man muss suchen, um eine Mannschaft zu finden, die nicht zumindest inoffiziellen Aufstiegsambitionen hat. Außer den beiden Aufsteigern fallen mir nur Sandhausen und der FSV Frankfurt ein. Zusammen mit Leipzig und Union sind das die beiden Vereine, die noch nie in der Bundesliga waren.

Zu den unter den Hand gehandelten Aufstiegsanwärtern gehört natürlich auch wie immer der 1. FC Nürnberg. René Weiler, der aktuelle Trainer mit Langzeitperspektive beim Club, hat als Saisonziel einen Platz unter den ersten Sechs ausgegeben. Dafür hätte der Club in der Vorsaison 50 Punkte gebraucht, also einen Schnitt von 1,4705 Punkten. Erreicht hat Weiler in den 21 Spielen der Vorsaison 1,4761 Punkte. Weiler will den Club also um 55 Tausendstel schlechter machen, um besser zu werden. Das klingt nach langfristiger, nach sehr langfristiger Aufstiegsstrategie. Aber besser den Ball flach halten anstatt wieder Dresche kriegen für unerreichbar hohe Ziele. Für Platz zwei (59 Punkte) brauchte man in der Vorsaison 1,74 Punkte pro Spiel.

Valérien Ismaël, Weilers Vorgänger ohne jeglichen Rückhalt, war in den ersten 13 Spielen auf 14 Punkte gekommen. Der Punkteschnitt von 1,08 hätte am Ende 36,7 Punkte ergeben. Mit 37 hätte der Club die Klasse glatt gehalten. Egal, Nürnberg hat in der Vorbereitung den Viertligisten Schweinfurt 05 mit 1-0 förmlich gegen die Wand gespielt, und gegen Celta Vigo ein 2-2- erkämpft. Da kommt der Auftakt in Freiburg gerade recht. Weiler und Ismaël sprechen beide Französisch. In diesem Sinne: Laissez les bons temps rouler!

 

Game of Trainerstühlchen – Die fünfte Staffel »

Was bisher geschah.

Im Reich des Südens: Nachdem Dynastiebegründer Ulus der Untersetzte beim Orakel von Abgabenordnung Buße für vergangene Sünden tun muss, ist sein Thron reichlich verwaist. Seine Diadochen haben nichts zu lochen außer Steuerbelege, als der Schamane des Königshauses, Müwo der Pumperlgsunde, aus heiterem Himmel freiwillig in die Verbannung geht. Er will sich nicht den Zorn des Übungsleiters Peperoni des Affenscharfen zuzuziehen, der glaubt, Müwo der Pumperlgsunde habe die Sprunggelenke vom besten Pferd im Stall behext. Doch auch Peperoni der Affenscharfe sollte sich nicht zu sicher fühlen, denn Haushofmeister Kim Il Mac R, bekannt und beliebt durch die Moderation unzähliger Bankette, sägt schon an seinem Klappstuhl.

Im Reich des Westens:  Der äußerst erfolgreiche Übungsleiter Kloppo Trump  geht nach sieben Jahren freiwillig in die Verbannung, um dort kalten Hackfleisch- und Nierenpudding zu essen. König Aki der Altbierverächter, läßt die Krokodile im Wassergraben seiner Burg Iduna mit einer Extraportion Currywürsten füttern, weil ihm die Tränen ausgegangen sind. Kleinkreutz, der Hofnarr, fällt durch den Schmerz über Kloppos Abgang in geistige Umnachtung und trainiert fortan Außenristpässe. Doch seht, ein fahrender Ritter, in feinstes Tuchel gehüllt, kann vielleicht Abhilfe bringen.

Im Reich des Nordens: Die letzten 13 Übungsleiter wurden alle in die Verbannung geschickt, jetzt hat Uva Seela, die greise Seherin auf Schloß Volkspark, Nummer 14 eine glückliche Zukunft prophezeit. Völlig überraschend wird der juvenil wirkende Barde Bruno La Balladia unter verhaltenem Jubel auf den Schleudersitz gehievt. Sein Vertrag gilt auch für die Unterwelt, weil er weder Hölle, Tod noch Pauli, den kleinen Maulwurf fürchtet. Um seine Mannen nervlich zu entspannen, läßt sie La Balladia als erstes „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ anstimmen. Leider stellt sich die Viererkette im Tenor als eine empfindliche Schwachstelle heraus, was die Götter unfroh stimmt.

Es zeichnen sich unvorstellbare Verwicklungen ab.

Und täglich grüßt die Extrawurst »

17. Mai 2006 Champions League Finale zwischen Arsenal und Barcelona. In der 18. Minute foult Arsenals Torhüter Jens Lehmann den durchgebrochene Eto’o und sieht Rot. Arsenal verliert ein grandioses Endspiel mit 2-1. Knapp zwei Monate später WM-Endspiel in Berlin. Nach einem Kopfstoß gegen den Italiener Materazzi sieht Zinedine Zidane in der 110. Minute Rot. Frankreich verliert im Elfmeterschießen.

Auch wenn es die Vorstellungskraft der meisten Bundesliga-Schiedsrichter überschreitet: Es ist möglich und dem Spiel sogar förderlich, Regelverstöße von allen Spielern zu bestrafen, egal, ob sie in vermeintlich großen oder kleinen Mannschaften spielen. Die Welt geht nicht unter, wenn es Chancengleichheit gibt zwischen Favoriten und Außenseitern. Warum also ist es nicht möglich, Spiele des FC Bayern regelkonform zu leiten und stattdessen das Team aus München in penetranter Weise zu bevorzugen und die gegnerische Mannschaft zu benachteiligen? Und warum wird diese gängige Praxis von den meisten Sportjournalisten devot oder achselzuckend zur Kenntnis genommen?

Jeder im Stadion in Leverkusen hat gestern Abend gesehen, dass Thiago zwingend hätte Rot sehen müssen. Jeder im Stadion hat am vergangenen Samstag in Dortmund gesehen, dass Xabi Alsonso in der 88. Minute ein Foul an Aubameyang beging, indem er ihm auf den Fuß trat. Das hatte er im Spiel vorher schon dreimal gemacht, weil er läuferische Defizite hat. Jeder im Stadion formerly known as Volkspark hat am 4. Spieltag gesehen, dass Neuer einen Konterversuch in der Nachspielzeit per Handspiel an der Mittellinue unterband und Gelb anstatt Rot sah. Jeder im Berliner Olympiastadion hat am 17. Mai 2014 gesehen, dass Mats Hummels in der 65. Minute ein reguläres Tor für Dortmund im Pokalfinale gegen die Bayern erzielte.

Tom Bartels, der Erste Bayern-Schwadroneur der ARD*, wußte gestern zu vermelden, dass noch nie eine Mannschaft dreimal hintereinander Pokalsieger geworden ist. Es gibt auch keine andere Mannschaft, die in engen, in kritischen Spielen in nationalen Wettbewerben von den Schiedsrichtern so zuvorkommend bedient wird wie die Bayern. Das gleicht sich im Lauf der Saison nicht aus, das ist ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil, der die psychologische Ausgangssituation der Bayern gegenüber allen anderen Wettbewerbern drastisch verbessert, will sagen, den Wettbewerb systematisch verzerrt. Im Großen wie im Kleinen. Nehmen wir den 2. Spieltag der Saison 2010/11. Am ersten Spieltag verlieren die Bayern zuhause gegen Gladbach nach Fehler von Neuer. Der Torwart aus Schalke hat einen nennenswerten Teil der Fangemeinde gegen sich, nach seinem Patzer ist der Unmut größer geworden. Auch gegen Wolfsburg patzt er in der 39. Minute. Der reguläre Treffer von Helmes wird aber nicht anerkannt, warum, weiß keiner.  Bayern gewinnt durch ein Tor von Luiz Gustavo in der letzten Minute mit 1-0, und Neuer kriegt die Kurve. Es sind diese kleinen Extras, diese Mischung aus Nachsicht, Servilität und Regelblindheit, die am 27. Spieltag zehn Punkte Vorsprung bedeuten können, oder den erfolgreichen Einbau eines  Schlüsselspielers zu Beginn der Saison. Neuer hätte auch scheiten können, so wie Hildebrand in Valencia oder Özil bei Real Madrid. Das ist sein Berufsrisiko, das ein Schiedsrichter nicht zu mindern braucht. Genau wie es das Risiko der Vereinsführung ist, einen Transfer zu vergeigen.

Luiz Gustavo, der Siegtorschütze gegen Wolfsburg, ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut es sich leben läßt im Bayern-Kokon. Der Brasilianer stieg 2008 mit Hoffenheim in die Bundesliga auf. In 82 Spielen für Hoffenheim sah er einmal Rot und viermal Gelb-Rot. Auch für einen defensiven Mittelfeldspieler eine äußerst rustikale Bilanz. Am 1. Januar 2011, in der Winterpause, wechselte Gustavo zu den Bayern. In den 67 Spielen dort sah er weder Rot noch Gelb-Rot. Zur Saison 2013/14 wechselte er nach Wolfsburg und sah in 29 Spielen dreimal Gelb-Rot. In den 26 Spielen der laufenden Saison ist er ohne Rot und Gelb-Rot ausgekommen. Ein Jahr lang hat Dieter Hecking gebraucht, um dem Ex-Bayern-Spieler beizubringen, dass für ihn jetzt Regeln gelten, um die er sich im roten Trikot nicht zu kümmern brauchte. Es ist nicht die superbe Technik, die man im Training an der Säbener Straße beigebracht bekommt, nicht das Bayern-Gen, die Bierruhe, das Mia san Mia, es ist die speziell für die Bayern geschaffene Komfortzone, die es für die anderen Vereine im Profifußball nicht gibt, die aus dem Risikofaktor Luiz Gustavo eine verläßliche Größe machte.

Wer sich sicher sein kann, dass er sich in Zweikämpfen die eine oder andere Grobheit mehr rausnehmen kann, wer weiß, dass für ihn spezielle Privilegien gelten, wer es gewohnt ist, dass ihm regelmäßig kleine Aufmerksamkeiten zuteil werden, der tritt auch entsprechend auf. Es gibt keinen anderen Verein, in dem ein Spieler, der wie Ribéry pünktlich wie ein Quartalssäufer zur Flasche zum Revanchefoul greifen würde, jedesmal ungeschoren davon käme. Der „emotionale Typ“, der wenigstens schon vier mal glatt Rot hätte sehen müssen, weiß, warum es bei den Bayern so schön ist. In keiner anderen großen europäischen Liga würde man ihm diese regelmäßigen Ausraster durchgehen lassen. Ich bin kein Fan von Cristiano Ronaldo, aber zum Fußballer Europas fehlt Ribéry tatsächlich das Format. Dass er ein guter Tempodribbler ist, steht außer Frage, aber wenn man Zidane vom Platz stellen kann, dann auch Ribéry. Und Thiago. Und Neuer. Ohne großes Tamtam einfach mal die Regeln anwenden.

Denn wenn es nach den Regeln geht, tun sich die Bayern schwerer, als es ihnen und ihren Claqueuren lieb sein kann, dann ist von der vermeintlichen Überlegenheit nichts zu sehen. Botaeng sieht Rot, Schalke punktet in München. Tobias Welz liefert keine überragende, aber fehlerfreie Leistung zu Beginn der Rückrunde ab, Bayern verliert 4-1 gegen Wolfsburg. Peter Gagelmann kriegt im kicker die Note 2, Dortmund vernascht Bayern im Pokalendspiel mit 5-2.  Auf internationalem Parkett das gleiche Bild. Der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca beim Finale dahoam war ordentlich, aber nicht überragend, ebenso wie Howard Webb beim 0-1 im Halbfinale gegen Real vor knapp einem Jahr. Man muss keine Sternstunde haben als Schiedsrichter, man muss nicht über sich hinaus wachsen, um ein Spiel der Bayern ohne krasse Fehlentscheidung zu ihren Gunsten zu leiten. Man braucht Courage und den Willen, genau hinzuschauen, mehr nicht. Dann ist man in der Lage, das Undenkbare zu tun, und die Bayern nach den gleichen Regeln zu behandeln, die für den Rest der Liga gelten.

Dass die Bayern verläßlich ihre Extrawurst serviert bekommen, liegt auch am Umgang vieler Journalisten mit dieser Vorzugsbehandlung. Außer Günter Netzer (bei Länderspielen) gibt es keinen relevanten Experten, der nicht ein ehemaliger Bayern-Spieler ist, so sehr ich Stefan Schnoor auch schätze. Kahn, Scholl, Hamann, Matthäus, Beckenbauer, Effenberg, Helmer – für ein Land, das so reich gesegnet ist mit redseligen Ex-Profis, eine erstaunlich einseitige Auswahl. Ich war hocherfreut, als Erik Meijer neulich bei Sky auftauchte. Vielleicht ist es diese geballte Bayern-Präsenz, die es für Tom Bartels (und andere) unmöglich macht, einen einfachen Sachverhalt korrekt wiederzugeben. Bei einem Kopfballduell schlug Dante gestern seinem Gegenspieler, ich glaube, es war Spahic, ins Gesicht. Ob es eine Tätlichkeit war oder eine Versehen, ist unklar, aber es war ein Schlag ins Gesicht. Bartels beschreibt die Szene so: „Da hat sich der Leverkusener im Zweikampf mit Dante weh getan.“ Weh getan? Warum so schüchtern? Ist es Majestätsbeleidigung, einen Schlag ins Gesicht als solchen zu bezeichnen? Spieler machen Fehler, pausenlos. Nicht nur das. Spieler – das ist nicht unwesentlich für die Idee der Chancengleichheit – werden von ihren Gegenspielern zu Fehlern gezwungen. Handlungsschnelligkeit, Ballsicherheit und Matchplan führen zu Abspielfehlern, Stellungsfehlern und Fouls. Und diese Fehler nutzt man aus. Weil man gewinnen will. Xabi Alonso kommt zu spät gegen Aubameyang, es gibt Elfmeter für Dortmund. Thiago fehlt in seinem zweiten Spiel nach einem Jahr Pause die Kondition, Bayern muss 40 Minuten in Unterzahl spielen. Diese Fehler sollte man als Kommentator einfach mal benennen und nicht wie Bartels in eine reflexhafte Rechtfertigungslitanei verfallen, wann immer ein Bayern-Spieler einen Fehler macht. Dann spricht sich das eventuell bis zu den Schiedsrichtern herum, und dann, vielleicht, wird das Premiumprodukt Bundesliga kein mehrstimmiges Bayernweihfestspiel mehr, sondern ein sportlicher Wettkampf mit offenem Ausgang.

*nicht des ZDF [korrigiert 2015-04-09, 12.14 Uhr]

Hoffentlich der HSV »

Birger Hamann ist Sportredakteur bei Spiegel-Online. Am 31.3. hat er dort einen Artikel veröffentlicht, in dem er versucht, den HSV als die beste aller Möglichkeiten für Thomas Tuchel darzustellen. Wenn’s ein Aprilscherz war, war er verfrüht, ansonsten ist Humor auf SPON eher etwas für Eingeweide, wie wir in Franken sagen. Meist geschieht er unfreiwillig.

Der Text läßt wirklich nichts aus: Der HSV sei „eines der derzeit spannendsten Projekte der Bundesliga“. Wohl wahr. Kriegen Sie auf die Fresse oder auf den Sack? Spielen sie schlecht oder mies? Und welche Ausrede hat der gerade noch amtierende Trainer für die permanente Sieglosigkeit? Peter Knäbel, den offenbar ein Knäbel-Vertrag auf die Trainerbank zwingt, meinte im kicker, es sei symbolhaft für das Spiel, dass der stabilste Innenverteidiger das 0-1 in Leverkusen eingeleitet habe. Gut, alles ist relativ. Johan Djourou steht mit -26 Punkten im kicker Classic Manager etwa auf Platz 70 von etwa 80 Abwehrspielern und damit deutlich vor seinen Teamkollegen Marcos und Ostrzolek.

Aber keine vorschnellen Schlüsse. Der Kader ist der erste von fünf Gründen, der den HSV laut SPON so attraktiv für Tuchel macht. Die Offensivakteure Holtby, Müller, Beister und Lasogga hätten bereits bewiesen, „dass sie eine Mannschaft verstärken können“. Kommt immer darauf an, wie schwach die Mannschaft vorher war: Wandervogel Holtby bisher noch nirgendwo, Dauerpatient Lasogga schon länger nicht mehr, Nicolai Müller war manchmal gut in Mainz.

Grund zwei sei die professionelle Infrastruktur: Zwar hat Hamann den „manchmal etwas redseligen Aufsichtsratschef Karl Gernandt“ ausfindig gemacht, trotzdem ist keine zehn Zeilen später “ die Zeit der Indiskretionen“ vorbei. Außerdem sollen zusammen mit dem Bau des HSV-Campus Nachwuchsteams aufgebaut werden. Echt jetzt? Und in nur zehn Jahren werden dann die Götzes und die Lahms, die Rüdigers und die Khediras sich die Klinke in die Hand geben. Viele Vereine leisten hervorragende Nachwuchsarbeit, Stuttgart und Freiburg zum Beispiel, auch wenn sie unten drin hängen. Dass ein noch zu schaffender Nachwuchsbereich dem HSV Zugang zu den Spitzenplätzen der Liga verschaffen wird, ist so realistisch wie ein Wechsel von Messi an die Elbe, weil dieser über Nacht Hans-Albers-Fan geworden ist. Aber trotzdem wird das auf SPON als die neue „Klub-Philosophie“ verbraten, drunter geht es nicht.

Argument drei und vier sind die leidensfähigen Fans und der Umstand, dass der HSV bisher noch nicht abgestiegen ist. Außerdem biete Hamburg noch viel mehr Sponsorengelder, die sich planlos verballern lassen. Tuchel wird der Türöffner für die Schatullen der Entrepreneureichen und des hanseatischen Geldadels gleichermaßen, raburick barbatrick, einfach so. Vielleicht baut der neue Trainer nach seiner ersten Meisterschaft sogar ganz allein die Elbphilharmonie fertig. Bestimmt sind die HSV-Fans, gemessen an ihrer eigenen Erwartungshaltung, äußerst leidensfähig, aber die Probe aufs Exempel sind dann doch ein paar Jahre Zweite Liga oder vielleicht sogar Dritte Liga, um sich ungestört vom Medienrummel in der Medienstadt Hamburg neu zu erfinden. Löwen-Fans, Fortuna-Fans, Dynamo-Fans, MSV-Fans, die sind leidensfähig. Ob HSV-Fans leidensfähig sind, oder nur vom Dauerdusel verfolgte Prinzessinnen auf Erbsen, kann nur ein zünftiger Abstieg erweisen.

Als letztes Argument werden die wenig attraktiven Alternativen für Tuchel genannt: Bei Leverkusen, Bayern, Dortmund, Hoffenheim, Schalke, Wolfsburg – alles Mannschaften, mit denen der HSV seit Jahren auf Augenhöhe wetteifert – stünde im Moment kein Trainerwechsel an. Wenn sich Hamann da nicht täuscht. Wer RB Leipzig ernsthaft in Erwägung zieht, der findet vielleicht auch an Bremen Gefallen. Da gibt es übrigens schon einen funktionierenden Nachwuchsbereich, der Spieler hervorbringt, die verkäuflich sind.

Ich denke, Tuchel wartet jetzt noch ein paar Wochen, bis die gefühlsechte Liebe zwischen Klopp und Borussia auf Platz 13 langsam ausgeklungen ist, und geht dann zu einem funktionierenden Verein, der eine schlechte Saison spielt. Also zu Schalke, jetzt, nachdem di Matteo die Champions League vergeigt hat.

Und der HSV macht sich hoffentlich vom Acker, bis er und sein Umfeld wieder realitätstaugliche Situationsbeschreibungen liefern können.

 

 

Bayern wieder taktisch unterlegen »

Es wäre zu leicht, die Niederlage der Bayern gegen Gladbach an Neuers Fehler fest zu machen. In erster Linie war es eine kluge und leidenschaftliche Mannschaftsleistung der Gladbacher, die den Sieg in München brachte. Nach zehn Minuten fiel den Bayern nichts mehr ein, Gladbach war läuferisch besser und handlungsschneller, außerdem nahmen sie die Zweikämpfe an, manchmal etwas ruppig zwar, das brutalste Foul des Spiels aber kam aber von Schweinsteiger und blieb ungeahndet.

Apropos ungeahndetes Foul. Es ist schon merkwürdig, dass die Bayern die beiden  Spiele verloren haben, in denen es keine Fehlentscheidungen zu ihren Gunsten gegeben hat. Natürlich haben sie nicht jedes ihrer Spiele wegen einer Fehlentscheidung gewonnen, aber es gab einige, die auf der Kippe standen (zuletzt Hannover, Bremen), und bei denen Schiedsrichtergeschenke den Ausschlag gaben. Beim 1-4 in Wolfsburg und gestern gab es keine Großzügigkeiten des Referees, und am Ende gewann das taktisch klügere Team. Vermutlich wird Rummenige Guardiola demnächst zurechtweisen: Fußball ist kein Stierkampf.

Die Bilanz der Bayern gegen Wolfsburg, Gladbach und Schalke (Platz 2,3 und 5)  ist mit drei Unentschieden, zwei Niederlagen und einem Sieg äußerst durchwachsen und spricht nicht für ein grandioses Saisonfinale. Die Kantersiege gegen Paderborn und den unsäglichen HSV sind kein Maßstab, auffällig ist die große Abhängigkeit von Robben in dieser Saison. Der spielte tatäschlich häufig Weltklasse, aber sonst halt keiner.

Es kann schon sein, dass sie wieder Meister werden, Wolfsburg und Leverkusen haben zu viele Punkte liegen lassen, aber wer will schon acht Spieltage erleben, bei denen die Verfolger immer näher kommen und die Bayern ins Ziel wanken? Und ob es in der Champions League zu mehr reicht als zum Halbfinale, mals sehen. Auch in Donezk waren sie einfallslos, zuhause half ihnen dann ein Platzverweis nach drei Minuten in die Spur.

Apropos Champions League. Mit Jens Keller qualifizierte sich Schalke zweimal in Serie für diesen Wettbewerb. Dann wurde er entlassen. Unter Di Matteo muss die Mannschaft um die Europa League bangen. Vielleicht sollten Horst Heldt und Martin Bader auf die Fanfreundschaft zwischen dem Club und Schalke noch eine Managerfreundschaft setzen. Sie scheinen bei ihrer Personalpolitik Brüder im Geiste zu sein.

 

 

Markenpflege im Land der 1000 Peitschenhiebe »

Am Samstag gewann der FC Bayern ein Testspiel gegen Al-Hilal in Riad mit 4-1. Bis auf das Gegentor eigentlich nichts Besonderes, wäre Riad nicht die Hauptstadt von Saudi-Arabien. Dort hat ein Gericht den Blogger Raif Badawi im Sommer 2014 zu einer Strafe von 1000 öffentlichen Peitschenhieben verurteilt, von denen die ersten 50 Schläge am 9. Januar 2015 vollstreckt wurden. An diesem Tag begann auch das Trainingslager des FC Bayern in Katar. Von dort ging es weiter nach Riad, wo die zweiten 50 Schläge just an jenem Tag ausgesetzt wurden, als die Bayern gegen Al-Hilal einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zur Weltmarke machten. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß. Würde man die Höhe der Antrittsprämie für das Spiel gegen Al-Hilal kennen, könnte man ausrechnen, wieviel Geld die Bayern pro Peitschenhieb kassiert haben.

Dieses erbärmliche Gebaren hat dankenswerterweise @agitpopblog in einem offenen Brief, den Die Zeit online gestellt hat, kritisiert. Der Autor, der als Baron von Agitpop twittert, präsentiert als sein Logo einen grimmigen Dettmar Cramer und ist Bayern-Mitglied. Das heißt, er war es, denn mit dem Offenen Brief hat er auch gleich seine Austrittserklärung auf die Post gebracht. Das ist vorbildlich, und es gibt auch einige andere twitternde Bayernfans, die ein erfreulich hohes Problembewußtsein besitzen, was die Lebenslügen ihres Herzensvereins angeht.

Natürlich hat Sport nichts mit Politik zu tun. Jedenfalls dann nicht, wenn die Politik sich zum Nachteil des FC Bayern auswirken könnte. Das ist die erste und wichtigste Regel im Sportjournalismus. Vor einigen Jahren gab es einen vielstimmigen Aufschrei der Empörung, als Gazprom Trikotsponsor von Schalke 04 wurde. Seit Gazprom einer der Hauptsponsoren der Champions League ist, kräht kein Hahn mehr nach den ökonomischen Beziehungen zwischen deutschen Profivereinen und dem russischen Energieversorger. Der ästhetisch ansprechend gemachte Werbespot schafft die ökonomische Basis für die Anschaffung der Götzes und Xabi Alonsos und die ausführlich abgefeierte Abzahlung des Stadions in Fröttmaning. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Bayern vor den Schalkern aus der laufenden CL ausscheidet, werden die Hinweise, dass Schalkes Erfolg den faden Beigeschmack von Gazproms Sponsoring hat, nicht lange auf sich warten lassen.

Zurück nach Riad, die beste Adresse für Marketing und Markenpflege im Nahen Osten: Am 21. August 2104 meldete Human Rights Watch, dass in den 17 Tagen zuvor mindestens 19 Menschen in Saudi-Arabien hingerichtet worden seien. Bei wenigstens einer Hinrichtung wurde der Verurteile öffentlich geköpft, eine Vorgehensweise, die man versucht, zum Alleinstellungsmerkmal von ISIS aufzubauen, auch wenn „der wichtigste westliche Verbündete in der arabischen Welt“ seit Jahr und Tag diese Praxis an den Tag legt. Wer deshalb gleich Luftschläge gegen die Henker von Riad fordert, sollte bedenken, dass im schlimmsten Fall auch deutsche Nationalspieler unter den Opfern sein könnten.

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