Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Ist Kuranyi selbst schuld? »

Im kicker schreibt Thiemo Müller heute, Kuranyi sei allein schuld an seiner Misere. Wenn Müller damit sagen will, selbst schuld, wer daran glaubt, beim DFB gehe es nur nach Leistung, hat er recht. Ansonsten war Kuranyis Abgang beim Spiel gegen Rußland eine sehr gesunde Reaktion auf das zynische Katz-und-Maus-Spiel, das die Trainer Klinsmann und Löw mit ihm betrieben haben. Es war mies, Kuranyi nicht zur WM 2006 mitzunehmen. Es war ein schlechter Witz, Gomez die EM 2008 als Einspielzeit zu gewähren, auch gestern blieb er wieder blaß. Möglicherweise ist er wie Kirsten einer, der mit der Nationalmannschaft nicht richtig warm wird. Ballack bricht heute, ebenfalls im kicker, eine Lanze für Kuranyi. Und jedes Tor des Schalkers wird die Diskussion intensivieren. Dass Podolski in der Nationalelf nichts verloren hat, ginge es nach Ballack, hat der Kapitän zwischen den Zeilen auch zu erkennen gegeben. Mal sehen, was passiert, wenn Helmes den Anschluß nicht findet, Gomez weiter mannschaftsdienlich und torlos spielt, Podolski in den Kölner Querelen hängenbleibt und Kießling wie bisher kein Knipser wird. Kommt dann Odonkor wieder? Kuranyi ist seit Jahren der stetigste Stürmer, obwohl er in Schalke die Fans von Anfang an gegen sich hat. Wenn das keine Charakterstärke ist, was ist es dann?

Mythos Heimvorteil »

Ist ja schon wieder ein paar Tage her in dieser ereignisreichen Woche, aber halten wir fest: In den europäischen Wettbewerben sind drei der vier Teams, die das Rückspiel zu Hause hatten, rausgeflogen. Am schlimmsten traf es den HSV, der 1-0 auswärts gewann und zu Hause 1-0 in Führung ging. Nach dem 0-2 in der Bundesliga am Sonntag wird der SV Werder die Hamburger noch im Schlaf verfolgen, als Nachtmahr in Grün. In der Abschlußtabelle wird der HSV in dieser Saison vor Bremen stehen, aber bis es zu einer neuen Hierarchie im Norden kommt, müssen die Hamburger noch ein ganzes Stück wachsen. Löws Bemerkung in der aktuellen FAZ am Sonntag, dass gute Trainingsarbeit nicht nur an Titeln gemessen wird, ist in diesem Zusammenhang wichtig. Selbst wenn zum Schluß die Europaliga auch noch auf der Strecke bleiben sollte, der HSV hat sich in dieser Saison immens verbessert. Er hat eine tragfähige Philosophie entwickelt. Bremen steht jetzt im Endspiel und hat eine reelle Chance auf den Titel, auch ohne Diego. Wohl dem, der in einer verkorksten Saison UEFA-Cup und DFB-Pokal gewinnen kann. Beide Pötte zusammen hieße dann vermutlich nicht DOUble sondern DEUbel.

Ebenfalls Alpträume bereitete der Schiedsrichter am Mittwoch dem FC Chelsea. Obwohl seine Leistung unglaublich schlecht war – man kann darüber streiten, ob er zwei oder drei Elfmeter für die Engländer hätte geben müssen, auch die Rote Karte für Abidal war zweifelhaft – haben es sich die Blues selbst zuzuschreiben. Ein Auswärts-0-0 im Hinspiel ist das undankbarste aller Ergebnisse. Man fühlt sich als moralischer Sieger und hat im Grunde nichts erreicht. Nach dem Ausgleich von Iniesta jubelten frankophone Afrikaner in einem Irish Pub fünfhundert Meter entfernt von der deutsch-schweizerischen Grenze. Das heißt heute Globalisierung und hieß früher Internationalismus, oder so ähnlich. Das Spiel hatte etwas von Leverkusen gegen Cottbus, nur teurer. In der 93. Minute glich das technisch edle, aber harmlose Leverkusen aus und ist jetzt Außenseiter gegen die Offensivmaschinerie des Titelverteidigers. ManU ließ Arsenal nicht den Hauch einer Chance. Immerhin ein Traumfinale, und nicht wieder rein englisch. Der neue CL-Modus gibt anderen Ländern als den großen vier eine bessere Chance, ihre Meister in die Gruppenrunde zu bringen.

In den Ligen geht es immer enger zu, nur Union und Freiburg durften am Sonntag schon feiern. Am Dienstag bzw. Mittwoch geht es weiter im großen Nervenspiel. Selbst Dortmund ist theoretisch noch dabei und siegt und siegt und siegt. Über das 1-1 im Frankenderby bin ich nicht unglücklich, offenbar hat man den Fürthern ein Tor geklaut, Der Fußballgott liebt eben Mannschaften wie den FC Barcelona und den 1. FC Nürnberg, wer wollte es ihm verdenken.

Die Criminale war eine schöne Erfahrung, die Glauser-Verleihung war ebenfalls eine sehr enge Angelegenheit. Gewonnen hat der Roman “Nacht ohne Schatten” von Gisa Klönne, ein Buch, das ich aus vollem Herzen als lesenswert empfehlen kann. Es ist traurig, packend und klug.

Debütantenball »

Noch eine Merkwürdgkeit aus dieser bemerkenswerten Saison. In der Manschaft des letzten Spieltages im kicker waren acht Spieler zu finden, die es erstmals dorthin geschafft haben. Sie alle stehen für die wechselvolle Entwicklung ihrer Vereine, die jetzt erst im Schlußsport ihre Leistung oder wenigstens die Ergebnisse abrufen können. Skela ist der heimliche Regisseur in Cottbus, der Kopf, den die Mannschaft so lange gesucht hat. Sahin (offensiv) und Owomoyela (defensiv) zeigen, dass Klopp nach den vielen Unentschieden in der Lage ist, noch ein paar Prozent aus seinen Leuten rauszukitzeln. Schulz und Andreasen stehen für die erstaunliche Heimstärke Hannovers (30 Punkte) und zeigen, dass bei allem Geholper und Gestolper Hecking der richtige Mann für die 96er ist. Magnin, keiner der hoch gehandelten Namen im Stuttgarter Talentschuppen, war der Antreiber gegen Köln und ist der unspektakuläre Teamplayer aus dem Lehrbuch. Langkamp von Karlsruhe weckt die Scheintoten wieder zum Leben und zeigt, dass der KSC vor allem ein Stürmerproblem und kein Einstellungsproblem hat. Neuer kämpft laut einigen Kommentatoren im Moment mit seiner Form, ist aber nach Enke und Eilhoff trotzdem schon Drittbester bei den Torhütern und gehört zur besten Defensive der Liga. Gut möglich, dass wir weitere Novizen sehen.

Die CL-Halbfinals waren wieder einmal Leckerbissen für Taktik- und Technikliebhaber. Chelseas Defensivarbeit war überragend, intelligent antizipierend und im wesentlichen sehr fair. Barca wirkte manchmal wie eine Luxusvariante von Leverkusen: spielerisch überlegen, aber zu wenig zielstrebig.

Arsenal merkt man an, dass die Mannschaft noch sehr jung ist. Viele gute Ideen, aber die Automatismen laufen noch nicht so gut wie bei Barca. Ein Traumpass ist noch keine Ballstaffette ist noch keine Ballzirkulation. Fabregas ist eine Klasse für sich, das war schon bei der EM so. Er platzt vor kreativen Ideen. Noch zwei, drei Jahre und er ist an der Spitze. Er hat einen ganz eigenen Blick auf das Spiel. ManU spielte sehr gefährlich und sehr abgeklärt. Könnte gut sein, dass sie ihren Titel verteidigen.  Ein Endspiel gegen Barca wäre ein echtes Leckerli, aber Hiddink und Ballack als Sieger würd mich auch freuen.

Gesucht: Europas beste Vereinsmannschaften »

Blogger probek auf probek.net führt seit März eine monatlich neu zusammengestellte Liste der zehn besten Vereinsmannschaften Europas. Bei der Auswahl mitmachen kann jeder, der sich anmeldet. Ich werde es nicht regelmäßig schaffen, teile aber hier einmalig meine Auswahl für April 2009 mit, schön subjektiv, wie vom Veranstalter gewünscht.

1. Barca: Weil sie den Ball immer flach ins Tor schieben, anstatt ihn drüber zu dreschen. Und wegen Xavi.

2. Chelsea: …for the loser now might be later to win… Es riecht nach einem europäischen Titel für die Blues und für Ballack.

3. 1. FC Nürnberg: 4 Spiele, 4 Siege, 10-0 Tore. Das schafft auf Zweitligarasen nicht einmal Barca.

4. HSV: Wer Rückstände so eiskalt aufholt, sieht auch im Loser-Cup wie ein Sieger aus.

5. Silkeborg IF: Weil Ebbe Sand dort Scout ist.

6. Wolfsburg: Die Sportschau blendet eine englische Reportage von Grafites 5-1 gegen Bayern ein, europäischer geht’s kaum noch.

7. Liverpool: Wie immer extrem sympathisch. Aber leider zu viele Unentschieden. Und neuerdings auch Heimniederlagen. Es wird eng für die Reds.

8. Porto: Von zwei Auswärtstoren in Manchester konnte Inter Mailand nur träumen. Porto schleicht sich ans Halbfinale ran. Wird das Theatre of Dreams zum Theatre of Nightmares?

9. Schalke 04: Die Back Street Boys aus Buer zeigen endlich wieder Eurofighter-Qualitäten. Allen voran Kevin, “das Kampfschwein” Kuranyi, der Strafraum-Musketier. Gebt ihm einen Federhut und der Bart erklärt sich von selbst.

10. Nicht vertreten: Italien. Bitte keine Fans und Polizisten mehr umbringen, Faschistengehampel bleibenlassen, Schmiergelder einsparen und mit drei Stürmern spielen. Und dann: Forza Calcio.

Zu viele Cumshots, zu wenig Panini-Alben »

Im kicker wirbt heute Wayne Rooney für Nikefootball. “ICH WERDE DAS TOR NICHT NUR TREFFEN. ICH WERDE ES ZERSTÖREN.” Die Kampagne läuft unter Joga Bonito, was soviel heißt wie “schönes Spiel” oder “schön gespielt”. Offenbar wurde Rooney hier gegen den Typ besetzt, sein Tritt ins Gemächt seines Teamkollegen Cristiano Ronaldo von Manchester United war der traurige Schlußpunkt im desolaten Auftritt des englischen Teams bei der WM. Zwei andere Jungscher (Torres? und ??) sind auch dabei in den drei (!) ganzseitigen Anzeigen, die am Schluß des Hefts zu finden sind und auf dem Kopf (!) stehen, so daß Rooney wie ein zweites Titelbild daherkommt. Wollte man den Fußball wieder vom Kopf auf die Füße stellen, darf man gerne auf diese hypermartialische Werbung für Sportgerät aller Art verzichten. Vor der WM gab es kleine Broschüren für Schuhe, die man sich individuell zusammenbauen konnte, und die Spieler (u.a. Kuranyi) sahen aus wie kleine Terminatoren oder auf Neusprech wie “Soldier as as a System”, Fußballspieler als eigenständige kleine Waffensysteme. Mit Joga Bonito hat das soviel zu tun wie Abu Ghoreib mit Demokratie.

Nicht minder nervig ist der Versuch, das Tor zu superlativieren. Verbal wird jeder halbwegs gerade Gewaltschuß mit “Weltklasse” geadelt, optisch sind es die Trailer sämtlicher Fußballsendungen, die in Superzeitlupe und digital überzeichnet Tore wahllos zusammenschneiden. Weil man mit Stellungsspiel keine Trailer drehen kann, wird vorsorglich der niedrige Torschnitt bei der WM bemängelt. 1974 gewann Jugoslawien gegen Zaire 9:0. Die WM-Finals 1994 und 2006 endeten torlos. Was sagt uns das über die Qualität der Spiele? Unter den Bedingungen der permanenten Visualisierung ist das Tor beim Fußball das, was der Cumshot (die Ejakulation) im Porno ist: ein äußerst knappes Gut, das permanent gezeigt werden muß. Schnell, langsam, von vorne, von hinten, im Reverse Angel usw. Die passende Werbung dazu läßt ihren Helden sagen: “ICH WERDE REKORDE BRECHEN UND NETZE ZERREIßEN.” Ein Schelm, wer hier an Defloration denkt.

Genug davon, die neuen Saisons in den verschiedenen Ligen werden ganz toll und spannend wie nie. Union Berlin und Dynamo Dresden haben ihre ersten Spiele bereits gewonnen, die Bundesliga summt vorfreudig und leicht nervös dem Freitag entgegen. Es wird viele Überraschungen geben. Unterstellen wir, dass mindestens zwei der drei Aufsteiger (Bochum und Cottbus) nicht absteigen, bleibt die bange Frage, wen es dann erwischt. Hertha, möchte man meinen. Rigider Sparkurs, Marcelinho weg und jede Menge junge Hupfer. Aber Hertha wird es schaffen und für seine Jugendarbeit belohnt werden. Außerdem haben sie mit Pantelic einen richtigen Knipser. Das weiß nur noch keiner. Stuttgart wäre mir wesentlich sympathischer als Absteiger, mit Dieter Hundt und 34 Unentschieden ein ganz heißer Kandidat. Dann ist da noch Gladbach. Ich war sehr ungehalten über die Entlassung von Horst Köppel, jetzt ist Don Jupp tatsächlich zurückgekehrt. Ob es hilft? Gladbach ist mentalmäßig so weit wie Hertha vor der großen Krise. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist stets genug Platz für eine völlig mißratene Saison und Platz 16. Auch Frankfurt ist mit in der Verlosung. Extremes Verletzungspech, das mit diesem Kader nicht kompensiert werden kann, Doppelbelastung durch den UEFA-Cup und ein mediales Umfeld, das noch launischer ist als die Mannschaft selbst. Aachen wird es leider erwischen, eine Mannschaft, die fast ausschließlich von ihrer Leidenschaft lebt und ohne ihre zwei leidenschaftlichsten Spieler Landgraf und Meijer das Abenteuer Bundesliga angeht, hat ganz schlechte Karten. Vorschlag: In der Winterpause werden beide reaktiviert.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Panini diese Marktlücke noch nicht entdeckt hat. Ich wünsche mir ein Sammelalbum für gedopte Spieler, sortiert nach dem Präparat. Floyd Landis tut es mit Testosteron, Jan Ullrich tut es mit Eigenurin…nö..blut, Mario Basler tut es mit Hefeweißbier. Würde man Doping freigeben, ergäben sich gerade für die chronisch unterfinanzierte Leichtathletik zahlreiche interessante Sponsoren. Darüber sollte man mal ergebnisoffen diskutieren.

Ein Kommentar zu “Zu viele Cumshots, zu wenig Panini-Alben” (1)

Ulrich Eumann
11.08.2006

Oh, oh, dieser Blog braucht anscheinend dringend einen Blogtor (oder Blektor?): einen Blog-Lektor.
“Joga Bonito” heißt “spiel(t) schön”. Rooney hat nicht das Gemächt (was ist ein Gemächst?) von Ronaldo getroffen, obwohl dies das Verhalten Ronaldos gut erklärt hätte (ich würde aber nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Rooney das im Training bei ManU demnächst nicht ‘zufällig’ passiert), sondern das von Ricardo Carvalho vom Chelsea FC – auch da bestünden also diverse Rache-Optionen in den Liga- und diversen Pokalspielen.

Ulizinho,
http://www.worldleagues.blog.de

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