Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Relegation verloren – die Fans für sich gewonnen »

Dreimal hat Nürnberg in dieser Saison gegen einen Bundesligisten gespielt, dreimal haben sie kein eigenes Tor erzielt, dreimal waren sie nicht in der Lage, ihr Spiel aufzuziehen. Gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale war die Mannschaft chancenlos, in Frankfurt hatte sie Glück, im Rückspiel zu Hause in der Relegation hätte sie liefern müssen, also offensiver, gestaltender spielen müssen. Die Frage ist, ob die Spieler das nach dieser Saison noch konnten. Der dritte Platz ist angesichts der Konkurrenz in der Liga und den internen Konfilkten im ersten Teil der Hinrunde ein großartiges Ergebnis, aber dieser Erfolg gelang nur mit vielen Energieleistungen. Das brachte glückliche Momente wie den Sieg im Derby gegen Fürth und großartige Aufholjagden wie die gegen Leipzig, kostete aber auch sehr viel, zu viel Kraft. Gegen St. Pauli war ich im Stadion und es gab einige Szenen, die nahe legten, dass die Mannschaft völlig erschöpft war. Niemand hatte Lust, die Ecken auszuführen, es gab keinen schnellen Antritt mehr in der Offensive, beim Schlußpfiff ließen sich drei oder vier Club-Spieler auf den Rasen fallen. Das mag zum Teil an der Hitze gelegen haben, aber auch in den beiden Relegationsspielen wirkten vor allem die Offensivspieler fahrig und leisteten sich technische Fehler, die vermuten lassen, dass die Kraft fehlte, die erforderlich ist, um konzentriert zu ein.

Muss man deswegen jetzt traurig sein? Der eigentliche Erfolg dieser Saison ist nicht Platz Drei, sondern dass es den Spielern und Verantwortlichen gelungen ist, die Fans wieder zu begeistern, sich die Glaubwürdigkeit zurückzuholen. Schon vor dem Abstieg 2014 und eigentlich die ganze Saison 2014/15 in der Zweiten Liga, war die Stimmung desinteressiert bis frostig. Die saumselige und halbherzige Art und Weise, wie der Abstieg nicht vermieden wurde in diesem Schneckenrecken, bei dem ein einziger Sieg gereicht hätte, war schmerzlich. Aus der Riege der damals abgegebenen Spieler gibt es nicht einen, den ich beim Club vermisse. Das ist jetzt anders, mittlerweile gibt es eine spielerische Grundidee von Trainer Weiler und einige tolle Leute, an erster Stelle Burgstaller, aber auch Bulthuis, Erras und Behrens. Wer von denen jetzt bleibt, wird man sehen müssen. Allerdings schützt auch ein Erfolgserlebnis nicht vor dem Ausverkauf, wie man bei Darmstadt 98 sehen kann. Vielleicht ist ja der eine oder andere schlau genug, zu begreifen, dass eine Schlüsselrolle in einer funktionierenden Mannschaft mehr wert ist als ein gut bezahltes Jahr auf der Bank oder die Saison bei einem finanziell besser aufgestellten Verein, der die sportlichen Ziele meilenweit verfehlt. Die nächste Zweitligasaison wird keinen Deut leichter werden, aber die Mannschaft und der Verein sind an dieser Saison gewachsen.

Game of Trainerstühlchen – Die fünfte Staffel »

Was bisher geschah.

Im Reich des Südens: Nachdem Dynastiebegründer Ulus der Untersetzte beim Orakel von Abgabenordnung Buße für vergangene Sünden tun muss, ist sein Thron reichlich verwaist. Seine Diadochen haben nichts zu lochen außer Steuerbelege, als der Schamane des Königshauses, Müwo der Pumperlgsunde, aus heiterem Himmel freiwillig in die Verbannung geht. Er will sich nicht den Zorn des Übungsleiters Peperoni des Affenscharfen zuzuziehen, der glaubt, Müwo der Pumperlgsunde habe die Sprunggelenke vom besten Pferd im Stall behext. Doch auch Peperoni der Affenscharfe sollte sich nicht zu sicher fühlen, denn Haushofmeister Kim Il Mac R, bekannt und beliebt durch die Moderation unzähliger Bankette, sägt schon an seinem Klappstuhl.

Im Reich des Westens:  Der äußerst erfolgreiche Übungsleiter Kloppo Trump  geht nach sieben Jahren freiwillig in die Verbannung, um dort kalten Hackfleisch- und Nierenpudding zu essen. König Aki der Altbierverächter, läßt die Krokodile im Wassergraben seiner Burg Iduna mit einer Extraportion Currywürsten füttern, weil ihm die Tränen ausgegangen sind. Kleinkreutz, der Hofnarr, fällt durch den Schmerz über Kloppos Abgang in geistige Umnachtung und trainiert fortan Außenristpässe. Doch seht, ein fahrender Ritter, in feinstes Tuchel gehüllt, kann vielleicht Abhilfe bringen.

Im Reich des Nordens: Die letzten 13 Übungsleiter wurden alle in die Verbannung geschickt, jetzt hat Uva Seela, die greise Seherin auf Schloß Volkspark, Nummer 14 eine glückliche Zukunft prophezeit. Völlig überraschend wird der juvenil wirkende Barde Bruno La Balladia unter verhaltenem Jubel auf den Schleudersitz gehievt. Sein Vertrag gilt auch für die Unterwelt, weil er weder Hölle, Tod noch Pauli, den kleinen Maulwurf fürchtet. Um seine Mannen nervlich zu entspannen, läßt sie La Balladia als erstes „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ anstimmen. Leider stellt sich die Viererkette im Tenor als eine empfindliche Schwachstelle heraus, was die Götter unfroh stimmt.

Es zeichnen sich unvorstellbare Verwicklungen ab.

Eine Runde Armageddon für Alle »

Der Schang, Jean Löring, der langjährige Präsident von Fortuna Köln, hat 1999 einmal seinen Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause entlassen, als seine Fortuna gegen Waldhof 0-2 zurücklag. Abgesehen davon, dass jeder Jeck anders ist, sind solche Schnellschüsse eher selten. Warum in aller Welt also denkt man in Nürnberg über eine Entlassung von Trainer Ismaël nach, während die erste Halbzeit (der Saison) noch läuft, obwohl das Saisonziel noch erreichbar ist und die Mannschaft sich spürbar weiterentwickelt?

Sicher, Nürnberg steht nach 13 Spieltagen mit 14 Punkten auf Platz 14 und hat nach St. Pauli die schlechteste Abwehr. Aber welche realistischen Erwartungen durfte man an den Club haben für den 14. Spieltag? Welchen Tabellenplatz und welche Bilanz müsste er jetzt vorweisen, damit es keine Trainerdiskussion gibt? Im Moment hat er sieben Punkte Rückstand auf Platz 3. In der Vorsaison stand der spätere Aufsteiger Paderborn am 13. Spieltag auf Platz sieben und hatte fünf Punkte Rückstand auf Platz 2. Die Bild-Zeitung wetzt schon freudig die Messer und behauptet, dieser Rauswurf ziehe sich „wie Kaugummi“. Wann hätte man den Trainer dann entlassen sollen? Nach dem 1-5 gegen Fürth am zweiten Spieltag? Das wäre das richtige Signal für den langen Atem beim notwendigen Neuaufbau. Oder vielleicht besser nach dem 0-3 gegen Heidenheim am siebten Spieltag? Danach folgten die sieben Punkte gegen Kaiserslautern, Bochum und Leipzig. Dann vielleicht nach dem Unentschieden gegen St. Pauli, bei dem die Mannschaft zweimal zurückkam, obwohl sie krass benachteiligt wurde?

Sage jetzt keiner, Skripnik hat mit Werder auch schon dreimal gewonnen. Skripnik hat eine Mannschaft vorgefunden, die über zwei Jahre zusammengestellt wurde und ihre Leistung nicht abrufen konnte. Der Club muss erst einmal eine neue Mannschaft aufbauen, bevor man über deren (nicht abgerufenes) Leistungsniveau Aussagen treffen kann. Daran und nur daran sollte man die Arbeit des Trainers messen. Nicht am Tabellenstand und nicht am einen oder anderen verhunzten Spiel: Wirklich indiskutabel waren bisher drei Spiele: das 0-1 zuhause gegen den FSV Frankfurt, sowie die beiden 0-3 in Karlsruhe und Heidenheim. Das 1-5 in Fürth und das 0-2 zuhause gegen Düsseldorf fing man sich gegen zwei eingespielte Aufsteigsanwärter ein, gegen Darmstadt und Sandhausen war man gut im Spiel und scheiterte an der Unerfahrenheit. Und die muss wachsen, die bringt auch ein neuer Trainer nicht Ready-to-Play nicht einfach mit.

Ismaël macht sehr viel richtig: Er hat Rakovsky zur Nummer Eins gemacht, anders als in der Abstiegssaison, als der Club an seiner Ideenarmut im Offensivbereich scheiterte, erspielt sich diese Mannschaft ständig Chancen und hat statt eines Kreativspielers im Schmollwinkel (Kiyotake)  mit Schöpf, Candeias, Sylvestr und Füllkrug gleich vier davon in der Offensive. Ähnlich wie Schmidt bei Leverkusen besteht der Coach darauf, dass der Club immer, egal bei welchem Spielstand, das Spiel machen soll. Das wurde gegen Bochum und St. Pauli belohnt, gegen Sandhausen und Darmstadt nicht. Das langatmige Ballgeschiebe, das das letzte Drittel der Vorsaison bestimmte und auch unter Hecking viel zu oft praktiziert wurde, ist unerwünscht. Und nach vorne läuft das Bällchen immer wieder richtig gut. Wer Kaiserslautern eine Stunde lang aus dem Stadion spielt, hat ohne weiteres das Potenzial, rechtzeitig noch in das Aufstiegsrennen einzugreifen. Natürlich muss die Abwehrleistung besser werden, gerade das Siegtor von Sandhausen war ein Beitrag aus dem Katalog für Slapstickeinlagen. Immerhin aber hat man auch schon drei Mal zu Null gespielt, einmal gegen den Millionensturm von RB Leipzig. Auch in diesem Spiel bot der Club eine Leistung, die das Ziel sofortiger Wiederaufstieg als realistisch erscheinen läßt.

Es gibt genug Beispiele dafür, dass Geduld sich lohnt: der zunächst auf ganzer Linie gescheiterte Hjulmand in Mainz, Stöger in Köln, Korkut in Hannover, alle Jahre wieder Streich in Freiburg, nicht zuletzt auch der Duracell-Guru von Lüdenscheid. Umso mehr gilt das, wenn ein neuer Trainer mit einer komplett neuen Mannschaft arbeiten muss. Einen derart radikalen Umbruch wie beim Club hat es nicht oft gegeben. Dieser Umbruch war vollkommen richtig. Bis auf Kyiotake (seit drei Spielen) bei Hannover, Mak bei Thessaloniki und mit Abstrichen Hasebe bei Eintracht Frankfurt und Angha bei 1860 München sind die abgegebenen Spieler meilenweit von ihren persönlichen Zielen und den Erwartungen ihrer Vereine entfernt: Nilsson wollte mit Kopenhagen in die Champions League, das in der Europa League gerade 0-4 zuhause gegen Brügge verlor und in der Gruppe auf Platz 3 steht. Plattenhardt (zu Hertha), Chandler (zu Frankfurt), Feulner (zu Augsburg) wollten einen Stammplatz bei einem Bundesligisten und sind außen vor, Drmic ist bei Leverkusen ungefähr so wertvoll wie Schieber bei Dortmund, Ginczek steht nach seinem Kreuzbandriss nach wie vor ohne einzige Minute da, Stuttgart ist Letzter. Pekhart (bei Ingolstadt) wurde in sieben Spielen sechs Mal frühestens in der 64. Minute eingewechselt und ist bisher torlos. Mike Frantz schlägt sich gut in Freiburg, das ist der einzige Spieler aus dem alten Kader, den Bader nicht hätte verkaufen dürfen.  Aber der große Umbruch zu Saisonbeginn war genau richtig, auch wenn Bader dafür anhaltend verbale Prügel bezieht.

Es wäre ein Jammer, ein richtungsweisender Fehlgriff, wenn der Verein jetzt Ismaël feuert. Es wäre die vierte Neuausrichtung in weniger als zwei Jahren, seit Heckings Abgang Weihnachten 2012. Der Club nähert sich damit wieder seinen finstersten Zeiten an und äfft den HSV nach, der seit 2007 elf verschiedene Trainer hatte. Der Verein wird dadurch nicht attraktiver für Trainer, die das besitzen, was jeder haben will: ein Konzept und eine eigene Handschrift. Gegen Kaiserslautern hat Ismaël beim Stand von 3-2 in der 78. Minute seinen designierten Abwehrchef Hovland eingewechselt. Der Norweger absolvierte damit seine ersten zwölf Saisonminuten, und der Club brachte das Ding nach Hause. Das hat Stil, das ist Klasse, da ist mutiges Coaching belohnt worden. Gegen Sandhausen hat Ismaël dafür bezahlt, dass er Pinola eine neue Chance gegeben hat. Pino ist Kult, Fußballgott und Pokalsieger, aber seine Fehler in Serie haben den Club am Freitag um einen Punktgewinn gebracht. Aber dass Ismaël seinen Spielern vertraut, auch einem alten Haudegen, das war groß. Ismaël ist bereit, ins Risiko zu gehen und er denkt sich etwas dabei. Obwohl er in Wolfsburg ganz andere Möglichkeiten gehabt hätte, hat er sich für den Club entschieden.  Der Club sollte mit Ismaël weiterarbeiten.  Nach dem Derby gegen Fürth am 20.12. wird der Rückstand auf Platz 3 geringer sein als heute. Danach ist alles drin.

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlau und unpyrokratisch »

Klar, ich bin ein Fan, und seit ein paar Wochen auch Mitglied des 1. FC Nürnberg. Weil ich unbedingt Karten für das Derby gegen Fürth möchte, nächstes Jahr. Und ich stehe auch auf Fankultur. Liebevoll gestaltete Kutten, Schmäh- und Schlachtgesänge, Fatalismus und Selbstironie bei Niederlagenserien und überschäumender Jubel bei historischen Siegen. Dazu Bier und Fachsimpeleien. Die Clubfans vor dem Berliner Olympiastadion mit ihrem „Arrubbabogaal“-Gesang und die Trikots mit Spielernamen aus drei Generationen überall in der Stadt 2007 werden mir ebenso unvergeßlich bleiben wie das Spiel selbst. Ich gehe gerne in den Stehblock, wenn ich noch eine Karte vor dem Spiel ergattern kann, und wenn rot-schwarze und königsblaue Fans zusammen das Schalker Lied singen, wird mir warm ums Herz.

Nicht nur mit Clubberern und Schalkern, auch mit vielen anderen verbinde ich Momente von Leidenschaft, Herzlichkeit und Sachverstand. Die St.-Pauli-Fans, die mich bei einem typischen Hamburger Nieselspiel gegen Wattenscheid aufklärten, warum man beim Eckball für St.-Pauli den Schlüsselbund herausholt, die Fans von Energie Cottbus, die uns freundlich im Stadion der Freundschaft begrüßten, als im Gästeblock noch große, alte Bäume standen, die Eisernen von Union, die ihr eigenes Stadion gebaut haben und pausenlos singen und johlen, und wenn die eigene Mannschaft noch so hoffnungslos daneben- und zurückliegt.

Auch die Unentwegten, deren Herz für Babelsberg oder Uerdingen oder die SpVgg Bayreuth oder für Rot-Weiss-Essen schlägt, sie alle geben diesem Sport etwas, was keine Olmpia-Eröffnungszeremonie in London, kein Merchandising und keine 3D-Übertragung im Pay-TV auch nur annähernd erreichen können.

Trotzdem ist etwas faul in der Fan-Kultur, und wir müssen gar nicht mit dem Finger auf die italienischen Faschisten oder die ungarischen Antisemiten oder die britischen Rassisten zeigen. Die Zerfallserscheinungen gibt es hierzulande genauso. Prügeleien sowie Angriffe auf Schiedsrichter und Spieler in den unteren Ligen sind mittlerweile keine Sensation mehr. Im Pokal oder wenn ein Spiel abgebrochen wird, kann man manchmal einen Blick darauf erhaschen, wie es fernab von Fernsehkameras zugeht.

Mir passt es nicht, dass die Fanorganisationen mancher Erstligisten denken, ein Schal und ein Becher Bier seien die Lizenz für den rechtsfreien Raum. Das fängt bei Busblockaden und Pyrotechnik an und hört bei Menschenjagden auf gegnerische Fans und Attacken auf fremde und eigene Spieler auf.

Ja, der DFB ist ein bürokratischer Moloch. Ja, es geht viel mehr um den Kommerz als früher. Ja, als Mensch, dessen Leben um 34 Spieltage im Jahr kreist, kann man das Gefühl kriegen, als lästiges, aber notwendiges Folkloremodul vom Big Business an den Rand gedrängt zu werden. Aber diese Grauzone zwischen Liebeserklärung und Selbstjustiz tut niemand gut. Mir hat es gefallen, als Trainer Wollitz die Cottbusser Fans beschimpfte und seinen Rücktritt androhte, als diese im Pokal in Wolfsburg randalierten. Ich glaube auch nicht, dass es ein Menschenrecht auf Pyros gibt. Die sind als Zubehör ein jüngeres Phänomen. Ich bezweifle, dass die Fans in den Siebzigern weniger leidenschaftlich bei der Sache waren, als es noch keine Pyros gab.

Was mich im Stadion viel mehr stört, als das Verbot, Fackeln in Brand zu setzen, ist der Musikmüll aus der Konserve, der den Fans die Möglichkeit nimmt, sich warm zu singen. Dagegen sollte man mal protestieren, gegen diese schrecklichen, sterilen Pre-Game-Shows. Das Stadion ist keine Dauerwerbesendung und auch keine Kampfzone. Jeder, der dort hinkommt, soll das Spiel sehen können, ohne Angst zu haben. Ob Steppke, Schwangere oder Greis. Und wenn ich Spiel meine, meine ich keine phosphorhaltigen Nebelschwaden.

Jeder Spieler und jeder Vorstand hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, auch wenn er jeglichen Einsatz vermissen läßt oder die Karre jedes zweite Jahr gegen den Baum fährt. Wer keine schlechten Manager mag, muss sich neue suchen. Es gibt genug Beispiele, wie notorische Skandalnudeln zu gut geführten Vereinen wurden. Wer weiß, was Schwarmintelligenz und innovatives Management alles noch möglich machen. Wer sich als HSV- oder Hertha- oder Köln-Fan über Jahre hinweg eine solche Leistung bieten lässt, hat den Verein, den er verdient. Da muss er keine Drohgebärden auf dem Trainingsgelände zeigen oder pünktlich zum Abstieg Feuer legen. Nürnberg ist siebenmal abgestiegen und hat vom Punktabzug über Dritte Liga und Direktabstieg nach Meisterschaft nichts ausgelassen. Deswegen Max Merkel verprügeln? Oder einem Abwehrspieler auflauern? Wäre im Traum niemand eingefallen.

Die Fan-Clubs haben ein Recht auf Mitsprache und auf Stehplätze, sie haben einen Anspruch darauf, nicht pauschal kriminalisiert und als Hooligans abgestempelt zu werden. Sie haben aber auch eine Verantwortung dafür, was Fußballkultur in den nächsten Jahren sein wird und sein soll. Dazu müssen sie schlau sein, nicht stur. Es fehlt nicht mehr viel, und der Sport wird von denen kannibalisiert, die ihn am meisten lieben.

Meine Saisonprognose steht morgen auf der Wahrheit in der taz. Viel Spaß.

Frühlingserwachen im Breisgau »

Ich bin kein Sportclub-Fan. Dem SC Freiburg verdankt der Club zwei seiner bittersten Abstiege, und das Anhimmeln des Brilli-Trainers Finke (heute autoritärer Sack in Köln) und des ganz anderen Vereins (St. Pauli mit Abitur) war mir in den Neunzigern zu pflichtbewusst und berechenbar. Trotzdem wäre es schön, wenn Freiburg die Kurve noch kriegen würde in dieser Saison. In der Nachwuchsarbeit sind sie an der Dreisam mittlerweile führend in der Liga. Wenn man Trainer Streich über Fußball und seine jungen Spieler sprechen hört, klingt diese Begeisterung gepaart mich fachlicher Kompetenz ein bißchen wie Weisweiler. Dass es gegen die Bayern zu einem Punkt gereicht hat, ist in jeder Hinsicht erfreulich, demnächst wird es auch wieder Siege für den Sportclub geben. Das Derby in Stuttgart böte einen würdigen Rahmen. Anders als bei Gladbach in der letzten Saison sind es nur acht Tore bis zur Relegation und zwei Punkte zur Rettung.

In der unteren Tabellenhälfte hat am Wochenende als einzige Mannschaft der Nürnberg gewonnen. Es ist schön zu sehen, wie sie trotz aller Unzulänglichkeiten die Gegner schlagen, die sie schlagen müssen und langsam als Mannschaft wachsen. Jetzt wird es Zeit, eine Schippe drauf zu legen und auch mal gegen ein Team aus dem oberen Drittel zu punkten und den einen oder anderen Überraschungscoup zu landen. Die nächsten Gegner heißen Bremen, Gladbach und Mainz. Pinola wird sehnlichst erwartet.

Pekhart hat mit einem phantastischen Kopfball das Siegtor gegen  Köln erzielt, ein Tor so ähnlich wie Kloses 1-1 gegen Argentinien 2006. Ich kenn niemand in der Liga außer vielleicht Huntelaar, der so klug köpfen kann wie Pekhart. An dem wird der Club noch viel Freude haben.

Dieser Kopfball an einem torreichen Wochenende wirft die Frage auf, was ein schönes Tor ausmacht. Dass Reus‘ Schlenzer gegen Neuer zum Tor des Monats gewählt wurde, hat viel mit Sympathie und weniger mit Ästhetik zu tun. Ich finde Tore schön, die dem Charakter als Mannschaftssport gerecht werden, die den Raum mit ins Spiel bringen. Also eher Mintals 1-1 im Pokalendspiel gegen Stuttgart als Kristiansens 3-2. Rein ästhetisch jetzt, nicht sportlich und nicht emotional. Auf welt.de gibt es eine Kompilation der vermeintlich 100 schönsten Tore des Jahres 2011 mit der üblichen Weitschußdominanz in solchen Kompilationen. Kopfbälle haben Seltenheitswert. Gerd Müller hat mit einem Flugkopfball gegen Banik Ostrau mal das Tor des Jahres gemacht, aber das ist schon eine Weile her. Und Uwe Spies, Breisgau-Brasilianer im Ruhestand, hat überhaupt nie geköpft.

Viertelbilanz, Teil 2 »

Und hier die weltweisen Anmerkungen zu den Mannschaften auf Platz 10 bis 18.

Hertha BSC: Dank des bodenständigen Babbel und des sympathischen Preetz präsentiert sich Hertha vollkommen flausenfrei und wird den Abstiegskampf weiträumig umfahren können. Der Warnschußarrest in Liga Zwei hat funktioniert. Größte Überraschung: Platz 10 nach acht Spieltagen. Wichtigste Frage: Geht Babbel zu den Bayern, wenn Heynckes dort gescheitert ist?

1. FC Nürnberg: Mit dem 3-3 gegen Mainz hat die Mannschaft bereits die zweite Bewährungsprobe nach dem 1-1 gegen Angstgegner Bremen bestanden und einen Rückstand nervenstark gedreht. Bader hat wieder fantastisch eingekauft. Klose Stammspieler, die neuen Pekhart und Feulner mit wichtigen Toren, jetzt kommt auch noch Mak. Angesichts der Theorie: „Wer Rückstände dreht, wird Meister“ und der Ausgeglichenheit des Kaders – sogar Schäfer ist adäquat ersetzbar – wäre Nürnberg eigentlich Meisterschaftsfavorit Nummer Eins. Aber an Spieltag Acht gibt es noch keinen Grund, überzuschnappen. Größte Überraschung: Niemand vermißt Ekici und Gündogan. Wichtigste Frage: Halten die Fans dem psychischen Druck Stand, als Geheimfavorit in die letzten 26 Spieltage zu gehen?

1. FC Köln: Guru Solbakken hat dem Treibauf EffZee die Innere Mitte geschenkt. Auch Podolski meditiert brav über die Epistel: Der Laufweg ist das Ziel. Trotz der dauernden Leistungsschwankungen wird Köln eine erfreuliche Saison spielen und seine Fans auch zu Hause nur noch selten gegen sich aufbringen. Größte Überraschung: Novakovic und Podolski. Wichtigste Frage: Wie wird Solbakken eigentlich korrekt ausgesprochen? Sulbbäcken? Saalbuken? Skolbloggen?

VfL Wolfsburg: Als Untoter schleicht der Meister von 2009 durch die Niederungen der Liga. Für Erfolge zu wenig, für den Abstieg zu viel. Ein Mandzukic allein macht noch keinen Spitzenverein. Magath wird noch die ganze Hinrunde brauchen, um die bösen Geister zu verscheuchen. Benaglio hat er bereits wieder in die Spur gekriegt, Nervensäge Diego abserviert. In der Rückrunde wird es dann deutlich freundlicher aussehen. Größte Überraschung: Das 2-3 im Pokal gegen RB Leipzig, bei dem ich erfreulicherweise live dabei war. Wichtigste Frage: Kriegt Magath auch Helmes wieder hin?

1. FSV Mainz 05: Dafür, dass die drei wichtigsten Spieler weg sind, spielt Mainz eine überragende Saison. Sie sollen froh sein, dass sie die Europa League verpaßt haben, es wird auch so schon schwer genug. Tuchel erweist sich weiterhin als überragender Tüftler und Bastler. Größte Überraschung: Alle Experten, die Mainz eine weitere Spitzensaison prophezeit haben. Wichtigste Frage: Wann hat sich die Mannschaft im neuen Stadion eingewöhnt (vier Spiele, drei Heimniederlagen)?

SC Freiburg: Im Rahmen der Möglichkeiten bisher sehr solide Arbeit. Im Rahmen der Freiburger Selbstversorger-Fruchtfolge steht diesmal wieder eine durchwachsene Saison im Kalender. Marcus Sorg hat sich unspektakulär eingefügt, niemand verliert trotz des holprigen Starts die Nerven. Es könnte auf den Relegationsplatz hinauslaufen. Größte Überraschung: Die Abhängigkeit von Cissé ist kleiner geworden. Wichtigste Frage: Wann erreichen die Neuverpflichtungen Bundesliga-Niveau?

1. FC Kaiserslautern: Entschlossene Grimmigkeit herrscht am Betzenberg: Käptn Kuntz und Steuermann Kurz trotzen der schweren See mit stoischer Ruhe. In der Rückrunde werden die Neulinge endlich auch wirklich an Bord sein. Es würde mich sehr wundern, wenn Kuntz nicht wieder ein überragendes Näschen gehabt hätte. Augsburg und der HSV garantieren, dass Kaiserslautern mindestens auf dem Relegationsplatz verbleiben wird. Größte Überraschung: Die mehr als dürftige Abwehrleistung. Wichtigste Frage: Wer schießt die Tore?

FC Augsburg: Es wird ein toller, aber nur einjähriger Ausflug in die Bundesliga, aber dieser Kader ist nicht erstligatauglich. In Nürnberg hat Augsburg 90 Minuten lang Fußball verweigert. Wenn sich ein Torwart beim Abschlag Zeit läßt, ist das gelegentlich nervig. Wenn er das ab Spielsekunde dreißig tut wie Jentzsch gegen den Club, ist das ein Offenbarungseid. Größte Überraschung: Mit dem Kasperletheater um Thurk wechselt die Puppenkiste das Genre. Jos und Michael, nehmt euch ein Beispiel an Robin und Michael. Wichtigste Frage: Gelingt mit Luhukay der sofortige Wiederaufstieg?

HSV: Seit Dick Advocaat* in Gladbach verbrannte Erde hinterlassen hat, ist kein Verein mehr so derartig umgepflügt worden wie der HSV von Frank Arnesen. Und es sieht alles verdammt nach Hertha in der Saison 2009/10 aus. Wichtige Spieler weg, eine völlig verpeilte Transferpolitik einschließlich der Trainerfrage, niederschmetternde individuelle Fehler, zu hohe Ansprüche. Wenn es blöd läuft für die Hanseaten, spielt der HSV nächste Saison unten und St. Pauli oben. Lustig. Größte Überraschung: Hrubesch wurde immer noch nicht verpflichtet. Wichtigste Frage: Reicht die Zeit, wenn der HSV Beiersdorfer erst in der Winterpause zurückholt?

*und nicht wie fälschlich behauptet, Martin Jol, der ein Supertrainer war. (Danke, Johannes. Das kommt davon, wenn man nur einmal im Monat bloggt.)

Und nicht verpassen:

Rob Alefs neuer Kriminalroman „Kleine Biester“ erscheint im November 2011.

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Die Arbeit am Mythos »

In dieser Saison dürfte die Zweite Liga prominenter besetzt sein als die Bundesliga, was Mythologie und Historiographie angeht. Oben Augsburg, Hoffenheim, Hertha, Leverkusen, Wolfsburg, Freiburg und Mainz, eine Etage tiefer 1860 München, Dynamo Dresden, Eintracht Braunschweig, St. Pauli, Eintracht Frankfurt, Fortuna Düsseldorf und Union Berlin. Da kann man jetzt natürlich trefflich streiten, wessen Mythos mythischer ist. Der Eigenausbau der Alten Försterei oder die Breisgau-Brasilianer, der Kiez-Klub oder der Karnevalsverein, das Hackentor von Grafite oder Fußball 2000 mit Yeboah-Bein-Okocha, das Bundesligaspiel mit den meisten Zuschauern Hertha – Köln oder die Fans von Jägermeister Braunschweig. Der schönste Mythos kann nicht an gegen eine vogelwilde Vereinspolitik, wie die Sechzger seit Jahren ein ums andere Mal zeigen. Aus den Talenten, die sie deshalb abgeben mussten, könnte man eine EM-taugliche Nationalmannschaft bauen. Umgekehrt kann man sich fragen: Was wäre die Bundesliga ohne Ulf Kirsten, die Tore des Jahres von Bernd Schuster, Reiner Calmund und den großen Ze? Ohne Haching am letzten Spieltag? Die Werkself hat zwar nicht die Aura einer Südtribüne oder eines Betzenbergs, aber wer will bestreiten, dass Vizekusen in der Hall of Fame, Shame and Game sich seinen Platz längst redlich verdient hat?

Der Osten rockt »

Rostock aufgestiegen, Chemnitz aufgestiegen, Aue fast aufgestiegen, Cottbus fast aufgestiegen (und im Pokal-Halbfinale), Erfurt fast aufgestiegen, Union nicht abgestiegen, Babelsberg sportlich nicht abgestiegen, Neuling Rasenball Leipzig auf Platz vier in der Regionalliga, Magdeburg dortselbst nicht abgestiegen und das Sahnehäubchen gab’s am Dienstag, als Dynamo Dresden in Osnabrück erst in die Verlängerung und dann in die Zweite Liga stürmte. Schahin schießt schwarz-gelb ins Glück, und das ist kein Schreibfehler. Das zweite Spiel gegen Osnabrück war richtig geil. Ein KO-Spiel, wie es sein soll, bis auf die Brandsätze auf der Tribüne. Kein einziger Ostverein aus den Ligen zwei bis vier ist abgestiegen.

Bin sehr gespannt, wie das weitergeht. Man darf die Freiburger, Hannoveraner, Nürnberger und Dortmunder für ihren Spar- und Jugendstil gerne loben, aber heimlich still und leise haben die in den neunziger Jahren auch durch eigene Unbedarftheit so arg gebeutelten Vereine aus dem Beitrittsgebiet eine Menge dazu gelernt. In Dresden sind Calmund und Kirsten mit vollem Herzen dabei, in Rostock hat Beinlich binnen eines Jahres Perspektiven entwickelt und Hansa kann wieder aus seiner hervorragenden Jugendarbeit schöpfen. Union hat sich wieder einmal durchgebissen und will/wird sich gezielt weiterentwickeln. Alle drei Vereine haben neue Stadien. Mittlerweile gibt es in Liga Zwei fünf Ostvereine, alle haben das Zeug zum Aufstieg, Hansa oder Dynamo traue ich auch einen Durchmarsch zu. Chosebuz und die anderen treffen auf die großen Namen längst vergangener Zeit, die Münchner Löwen, die Fortuna aus Düsseldorf, den Frankfurter Adler, die Fürther, Eintracht Braunschweig, den Meidericher SV und naürlich St. Pauli. Zugegeben, es wird einige heikle Spiele mehr in der Zweiten Liga geben, aber die Fans werden nicht so blöd sein, mit dem Arsch einzureißen, was sie mit ihren schönen Gesängen erreicht haben. Fortsetzung folgt.

PS: Ich bin so froh, dass Favre und die Gladbacher das noch gewuppt haben. Möge der Kelch Effenberg an den Borussen und allen anderen Mannschaften des deutschen Profifußballs vorüber gehen. Vielleicht kann der Papiertiger ja zusammen mit Lothar Matthäus Tonga auf einen zweistelligen Platz in der FIFA-Weltrangliste hieven, es wäre eine „reizvolle Aufgabe“ und eine „große Herausforderung“. Gladbachs nächste Saison wird so werden wie die abgelaufene beim Club. Passenden Trainer gefunden (Favre/Hecking), Relegation gewonnen (Bochum/Augsburg), wichtigsten Spieler gehalten (Reus/Pinola) und ab geht die Luzie.

Die letzten Entscheidungen »

Borussia Dortmund ist Meister, hochverdient, Gratulation. Vor einem Jahr war ich gegen Bochum dabei, als das Festgeld Conto Bayern München Schalke abschüttelte, diesmal war der Club höchstpersönlich im Stadion, als die Schwarz-Gelben die Schale buchen konnten. Demnächst würde ich gerne mal wieder einen eigenen Titel feiern. Nach den Spielen der letzten Wochen bin ich wirklich froh, dass der Club nicht in der Europa League spielt. Es ist immer gut, sich neue Ziele zu setzen, aber die Mannschaft war nach der Supersaison am Limit angekommmen. Bin sehr gespannt, wie sich der Taktiktüftler Tuchel auf europäischem Parkett schlägt. Wenn man sieht, wie die Mainzer Bayern und Schalke im eigenen Stadion hergespielt haben, kann sich der Club auf das 0-0 beinahe etwas einbilden. Und ein Ende des Mainzer Höhenflugs ist nicht abzusehen. Auch ohne Holtby und Schürrle werden sie ihren Stil weiterentwickeln und mannschaftlich stärker sein als die meisten Teams. Im Abstiegskampf hat Gladbach noch einmal Morgenluft gewittert, und es ist kein Zufall dass Mike Hanke das 1-0 gegen Freiburg erzielte. Im ersten Rückrundenspiel in Nürnberg gab er die Vorlage zum 1-0 und ist seitdem einer der entscheidenden neuen Spieler. Gegen Hamburg wird es schwer, aber nicht unmöglich, Platz 16 zu verteidigen. Und die Frankfurter brauchen vielleicht eine Auszeit in Liga Zwei, um ihre Fans zur Räson zu bringen.

Gegen wen die Relegation gespielt wird, entscheidet sich erst am letzten Spieltag. Fürth ist bis zum Schluß in der Verlosung, allein das ist schon eine tolle Leistung nach all den Verletzten. Auf dem Papier ist Düsseldorf ein bißchen leichter als Duisburg, die sich emotional in Endspielstimmung versetzen müssen und die Saison nicht ausklingen lassen werden. Und dann Relegation gegen Gladbach? Hertha ist wieder da, mit einem Sahnesturm und einem Problembär im Tor haben sie souverän und nervenstark den Aufstieg geschafft, Gratulation. Anscheinend bleibt die Mannschaft zusammen, eher gibt es Zugänge wie Ottl und Kraft, die der Mannschaft gut zu Gesicht stünden. Kopf hoch, Frankfurt, so toll kann Wiederaufstieg sein. Die Vereine aus dem Osten spielen eine starke Saison. Aue undCottbus fast auf Platz drei, Union locker die Klasse gehalten. Am Tabellenende geht es genaus spannend zu wie in Liga eins. Vergeigt der KSC am Ende doch noch alles nach diesem Seuchenjahr? Oder werden die Löwen am Grünen Tisch nach unten expediert?

In Liga Drei ist Braunschweig souverän Meister geworden, Gratulation. Wie Düsseldorf und St. Pauli ist ein Traditionsverein, der lange unterklassig war, wieder in Liga 2. Rostock hat seine innere Mitte nach den Kapriolen wiedergefunden und den direkten Wiederaufstieg geschafft. Eventuell kommt Dresden noch dazu. Dann wären es schon fünf Ostvereine in Liga Zwei. Bis sich wieder zwei oder drei ganz oben tummeln ist es nur eine Frage der Zeit, wenn sie weiterhin so seriös arbeiten.

Die Beiträge hier werden weiterhin rar bleiben, ich arbeit gerade an meinem neuen Roman. Aber in der neuen Saison gibt es wieder mehr zu lesen.

Männer ohne Nerven »

Früher, da ging es echt übel ab auf dem Reichsparteitagsgelände. Die Nazis waren an der Macht, und immerzu wurde die Volksgemeinschaft mit „Kraft durch Freude“ zusammengelockt. Am Samstag war alles ganz anders. Da holten Cohen, Simons & Co. verdient einen Punkt gegen das Festgeld Conto Bayern München, und der sportliche Erfolg stand unter dem Motto „Freude durch Kraft“. Es waren nicht die zwei verlorenen Punkte, die das Fäßchen Hoeneß zum Überlaufen brachten, sondern die einsame Entscheidung, den soliden Butt durch den flatterhaften Kraft zu ersetzen. Wäre van Gaal zu diesem Zeitpunkt nicht in Katar gewesen, wer weiß, man hätte ihn wohl schon im Winter in die Wüste geschickt. Das sympathische Jahrhunderttalent Kraft hat das FCB schon wenigstens acht Punkte gekostet – drei die Hannover gemacht hat, drei die Bayern dort nicht gemacht hat, und zwei in Nürnberg – und das war’s dann auch schon mit dem Ärachen van Gaal. Jonkers und Gerland haben jetzt die schwierige Aufgabe, ihre Männer elegant auf Platz sechs durchzuschleusen, damit sie nicht in der verhaßten Europa League enden, in der ein CL-Sieger wie Porto groß aufspielt.

Soll man sich den Club in der Europa League wünschen? Ich weiß nicht so recht. Die Mannschaft wird wieder wesentliche Spieler verlieren, selbst bei einem Abstieg von Stuttgart gibt es lukrativere Adressen für Schieber. Gündogan und ich fürchte Wollscheid könnten auch verschwinden. Soll man wegen eines Auswärtssiegs bei BATE Borisov den Klassenerhalt aufs Spiel setzen? Wenn wir mal unterstellen, dass sie aus den letzten fünf Spielen noch sieben Punkte holen (darunter einen kleinen, aber gemeinen Punkt in Dortmund), dann hätten sie fünfzig am Ende. Der gemeine Clubfan wäre sicherlich nicht traurig, wenn die Mannschaft nächste Saison elfmal statt neunmal zu Hause gewinnt, und fünfmal statt dreimal auswärts. Oder wieder schon am 25. Spieltag den Klassenerhalt sicherstellt. Diesmal wurden bereits Schalke und Stuttgart bezwungen, Köln und St. Pauli begeisternd besiegt, van Gaal wurde mit einem typischen Eigler-Tor verabschiedet. Gegen Freiburg, Gladbach, Kaiserslautern muss man es zu Hause besser machen, gegen Dortmund und Bremen darf man. Also noch viel Luft nach oben im neuen Jahr und dann am besten gleich Platz vier in 2012 anpeilen und gegen Borisov die CL-Quali schaffen. Für ein Auswärtsspiel in Barcelona kann man 2013 wieder mit dem Relegationsplatz kokettieren.

Froh und dankbar muss man sein, dass der Club mit diesem nervenzerfetzenden Abstiegskampf nichts mehr zu tun hat. Selbst Hoffenheim, die vor Wochen noch von Platz fünf sprachen, kann es noch erwischen. Es ist wie in einem Zombiefilm. Die Totgesagten wie Gladbach und Kaiserslautern kehren zurück, dem Schicksal scheinbar Entronnene wie Stuttgart und Bremen werden von den lebenden Leichen mit in den Abgrund gezogen.

Weit weg von jedem Abgrund ist das erfahrene Vizekusen, das sich auf Platz zwei behaglich eingerichtet hat und dem BVB beharrlich näher kommt. Fünf Punkte und fünf Spiele, könnte eng werden. Dieses Mal könnte Bayer sogar in München gewinnen, das FCB musste schon gegen Mainz und Dortmund Federn lassen. Der BVB hat einen Punkt in Hamburg gerettet, aber Bayer hat sein Spiel eben noch vollständig gedreht und zeigt eine erstaunliche Nervenstärke. Allen voran der immer besser werdende Kießling, der es schafft, Aggressivleader zu sein, ohne dauernd jemand seinen Ellenbogen ins Auge zu stemmen. Dortmund muss noch gegen zu allem entschlossene Bremer, brennende Gladbacher und leichtfüßige Nürnberger spielen. Mal sehen, ob den Duracell-Häschen auf den letzten Metern der Saft ausgeht. Leverkusen wirkt insgesamt reifer, obwohl keiner so ekstatisch jubelt wie die Dortmunder. Und Klopp ist in dieser Saison mehr gelaufen als das gesamte Mittelfeld von Wolfsburg.

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