Nürnberg im Aufholfieber »
Der dritte Sieg in Folge, wieder war Mintal der überragende Mann. Jetzt, da die Slowakei in Tschechien (ohne Mintal) gewonnen hat, hat der Ausnahmespieler die Chance, einmal an einem großen Turnier teilzunehmen. Wie der Waliser Ryan Giggs, der Peruaner Teofilo Cubillas und viele andere hat Mintal das Pech, für eine “kleine” Fußballnation Länderspiele zu bestreiten. Weshalb er bei einem zurecht legendären deutschen Zweitligisten spielt und nicht für Arsenal oder Barca.
Vier Gründe sind es, die ich für den Abstieg der Nürnberger anführen kann und die ich auch Meyer zurechne. Zum einen die Entscheidung Blazek für Klewer. Klewer hätte als Pokalheld die Chance verdient gehabt. So war Blazek von Anfang ein Fremdkörper im Team und nach seinem Klops im ersten Spiel gegen den KSC eigentlich schon ungeeignet. Auch den UEFA-Cup gegen Benfica hat er versemmelt im Hinspiel. Als UEFA-Cup-Sieger abzusteigen wäre noch cooler gewesen als der Abstieg als Pokalsieger.
Eng damit verbunden ist der zweite Fehler, eine allzugroße Dominanz alternder Tschechen. Bitte nicht wieder die alte Leier, dass Mannschaften mit vielen Nationen schlechter spielen als ethnisch reine Teams, aber Galasek, Koller und Blazek waren im Abstiegsjahr keine Leistungsträger, sie mußten durchgeschleppt werden. Aus unterschiedlichen Gründen: Kollers beste Zeit war lang vorbei (ihn hätte man überhaupt nur im Paket mit Rosicky verpflichten dürfen), Blazek war eine Fehlbesetzung und Galasek war völlig überspielt.
Der dritte Fehler war die Ignoranz gegenüber Kennedy, die Meyer mittlerweile eingeräumt hat. Als Ersatz für Schroth hätte Kennedy ideal sein können, wenn er je eine faire Chance erhalten hatte.
Der vierte Fehler war die Unfähigkeit, Mintal sinnvoll einzubauen. Im 4-3-3 war für Mintal kein Platz, er braucht seine eigenen Laufwege, seine ganz eigene Spielweise, irgendwo zwischen Zidane und Marcelinho, taktisch gesehen. Unter Wolfgang Wolf wurde Mintal vor ein paar Jahren als Mittelfeldspieler Torschützenkönig und hielt Ballack deutlich auf Distanz. Sollte der Club wieder aufsteigen und die Mannschaft zusammenbleiben, könnte Mintal wieder ganz weit vorne landen. Taktisches Verständnis und Schußtechnik sind überragend, er ist kein begnadeter Zweikämpfer, aber mannschaftsdienlicher als es die hohe Torquote vermuten läßt. Auch heute entschied er das Nervenspiel gegen Koblenz. Die tolle Serie von 9 Punkten und 7-0 Toren gegen Ahlen, Freiburg und Koblenz wird nur durch den mutmaßlichen Kreuzbandriß von Andy Wolf getrübt. Wieder das rechte Knie. Das könnte schon das Ende sein. Mintal brach sich auch zweimal den Mittelfuß, aber Kreuzband ist eine Verletzung anderen Kalibers. Das ist wirklich bitter, gegen Freiburg war Wolf überragend. Seine Entwicklung vom tumben Toreverhinderer zum modernen Innenvereidiger zeigt, wie gut die Trainingsarbeit in Nürnberg in den letzten Jahren war, trotz des Abstiegs. Oenning ist eine sehr angenehme Mischung aus seattleligem Grunge und Meyerscher Schnoddrigkeit, wenn Bader jetzt noch verlängert (warum sollte er sich Hannover antun?), dann könnte es nach dem sofortigen Wiederaufstieg eine richtig schöne Saison werden. Doch jetzt geht es erst mal gegen Oberhausen.
Länderspiel-Nachlese:
Gomez war am Mittwoch zu uneigennützig für einen wirklichen Klassestürmer, nach dem eingestürzten Tor in Madrid (gegen Dortmund) vor zehn Jahren sorgte er für eine weitere denkwürdige Szene an einem 1. April. Wenn Klose wieder fit ist, wird Gomez den Platz von Kuranyi auf der Bank einnehmen, mehr ist für ihn nicht drin.
Nach Ribery nun mit Podolski der zweite auskeilende Bayernspieler in kurzer Zeit. Uli Hoeneß, der es ja so gerne mit der schlechten Kinderstube anderer Leute hat, wenn er aus austeilt, sollte seine Schützlinge vielleicht mal zum Yoga schicken, damit sie lernen, sich zu entspannen. Dass Watschen zum sozialadäquaten Verhalten in/bei Bayern gehören, ist ein schönes Alleinstellungsmerkmal, glaubt aber außer Hoeneß keiner.
Was wollen wir trinken, sieben Tage lang… »
Dieses scheußliche Stück, Erfolgshit der berüchtigten Betroffenheitskapelle bots aus den Siebzigern, ist tatsächlich die Tormelodie in Hoffenheim, wie heute in der Sportschau zu hören war. Vielleicht sind die Stürmer ja alle deswegen verletzt, weil sie mehr Geschmack besitzen als das Gremium, das diese Melodie aussuchen durfte. Hoffenheim hat jedenfalls die Seuche seit der Winterpause, heute ging Jaissle mit Verdacht auf Kreuzbandriss raus. Es zeigt sich, dass der angebliche Kaufrausch gar keiner war, und der Aufsteiger mittlerweile ein gravierendes Personalproblem hat. Manchmal blitzt die große Spielkultur noch auf, aber wer auf dem Zahnfleisch geht, hat Schwierigkeiten zu lächeln.
Ein (weiteres) Personalproblem hätten auch die Bayern, wenn Ribery vorschriftsmäßig vom Platz geflogen wäre. Sie hätten gegen die glücklosen Karlsruher auch so gewonnen, aber wenn Diego nach Kinnhaken vom Platz muss, dann doch bitte auch der Hl. Franck. Ist das wirklich nur der Bayern-Dusel? Wer den neuen Spot von Premiere gesehen hat, der braucht sich nicht zu wundern. Da sitzen der Luca, der Franz und der Marcel gemeinsam an der Theke und der Marcel bestellt drei Bier. Der Toptorjäger aus Italien mache eine spassige Witze, der Kolumnist der größten deutschen Zeitung und Präsident hebt das Glas, und sein erster Öffentlichkeitsarbeiter von der Pressetribüne ist froh, dass er Prost sagen darf. Hatte man nicht kürzlich noch die Sorge, dass unter Kirch der kritische Blick auf die Bundesliga verloren gehen könnte? Zum Glück ist das bei Premiere ganz anders. Früher hat mal ein gewisser Hajo Friedrichs das Aktuelle Sportstudio moderiert. Der sagte über seinen Beruf: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Bestimmt hat auch er sich nicht immer dran gehalten, aber er saß auch niemals beim Kaiser auf dem Schoß, weil man da eine größere Spielübersicht hat. Der Qualitätsreporter Reif dagegen kennt keinerlei Berührungsängste und gehört dazu, wenn es darum geht, den FC Bayern als einzig relevante Mannschaft in Deutschland zu inszenieren. Wenn er also beim nächsten Spiel wieder vermeint, einen Klassenunterschied festzustellen, die Weltklasse von Ribery verkündet oder eine Leistungssteigerung bei Bastian Schweinsteiger gesehen haben will, können wir vermuten: er hat zu tief ins Glas geschaut.
Zu tief ins Glas geschaut hat am Mittwoch eventuell auch Patrick Ebert, weshalb Hertha heute in die Röhre gekuckt hat. Obwohl, es waren zwei Simunic-Fehler, die das Spiel entschieden haben, nicht zu wenig Ideen nach vorne. Aber die Erfolgsmannschaft der letzten Wochen war gesprengt. Was den durchaus begabten jungen Mann reitet, immer wieder Extratouren zu fahren, weiss vermutlich nur Paul Gascoigne. Ebert darf morgen mit Hertha II gegen den 1. FC Magdeburg ran. Dann ist Länderspielpause, und er kann sich der Frage widmen: Was wollen wir trinken, vierzehn Tage lang?
Hertha und der HSV – Alte Dame trifft Dino »
So langsam finde ich Gefallen an dem Verein der wie ein Dampfer heißt. Das liegt nicht nur an Spielern wie Friedrich, der mit seiner Vertragsverlängerung eindrucksvoll meine Theorie des Authochthonen unterstützt. Einen besseren Käptn hatte Hertha seit Michael Preetz nicht mehr. Auch ein Zeichen dafür, dass es langfristig besser wird mit der alten Dame. Jetzt hat Friedrich mit Simunic zusammen in Babelsberg sogar ein paar als Hertha-Fans kostümierte Rassisten zur Ordnung gerufen. Schade, dass der Rassismus in den Stadien nach wie vor klein geredet wird. Da ist dann meist von “ein paar Idioten” die Rede. Als ob die “Urwaldrufe” und der Antisemitismus nicht ihren festen Platz im Schmähprogramm haben. Früher, bei Hertha gegen St. Pauli, da grüßten die Berliner stets mit “Arbeitslose, Arbeitslose”, was in der Paulikurve mit “Steuerzahler, Steuerzahler” quittiert wurde. In der Krise gibt es keinen Platz mehr für solches Brauchtum. Soll man die Fans der Frankfurter Eintracht als “Bankrotteure, Bankrotteure” beschimpfen, nur weil ihr Stadion nach einem Geldinstitut heißt? Und darf die Erwiderung lauten: “Eure Armut kotzt uns ans.”? Bei Barcelona wohl eher: “Eure Anmut macht uns an.” Herthas bester Mann ist Lucien Favre. Er ist kein Ballokrat wie Sammer oder Löw, kommt nicht aus dem Bild-und-Bayern-Sumpf wie Klinsmann oder Hitzfeld, ist nicht telephil wie Klopp oder Meyer, lacht bei dummen Journalistenfragen manchmal einfach los, was ein geradezu zidanehaftes Lächeln auf sein superseriöses Gesicht zaubert. Er hat dafür gesorgt, dass La Marco, die Diva aller Strafraumdiven so klein mit Haarband über den Platz trabt. Wem das gelingt, der kann auch Meister werden.
Kürzlich wurde der HSV als “ewiger Ausbildungsverein” tituliert. Seit der Saison mit den fünf B – Barbarez, Beinlich, Bouhlarouz und van Buyten gingen, der Beinaheabstieg kam – hat sich die Transferpolitik der Hamburger merklich verbessert. Der Abgang von de Jong wird sich nicht weiter negativ auswirken. Mit Jarolim haben sie einen sehr guten Defensivmann, Jol arbeitet unablässig am Einbau neuer großer Talente (Aogo, Guerrero). Mit dem Tausch Petric gegen Zidan ist dem HSV der Coup des Jahres gelungen. Ausbilden muss man einen Spieler, der auf Anhieb wichtige Tore am Fließband schießt, nicht mehr, nur taktisch einbinden. Und dann für das Zehnfache verkaufen. Warum Olic zu den Bayern geht, ist mir absolut schleierhaft. Nachdem Ribéry die zweite Reihe auf der ganzen Breite des Platzes für sich beansprucht, würde ein hängender Stürmer ihm nur auf den Füßen stehen. Der HSV hat sich klugerweise offiziell kein Zeitlimit gesetzt für das Erreichen höchster Weihen. Die sportliche Führung ist gerade beeindruckend bestätigt worden. Ich finde, die basisdemokratischen Ansätze wie bei Fortuna Köln sehr interessant sind, aber ausgerechnet dem BL-Gründungsmitglied schlechtes Management vorzuwerfen, wirkt ein wenig übertrieben. So viel kann man beim HSV nicht falsch gemacht haben.
Pokalgeflüster: +++ bis auf Hoffenheim, Dortmund und Hertha sind die ersten acht der Liga unter sich +++ Wetten, dass das ZDF Bayern gegen Wehen überträgt, “damit sich auch einmal ein Zweitligist vor großem Fernsehpublikum präsentieren kann.” +++ Leverkusen und Bremen bärenstark, auch die Schalker besser als ihre Presse während der Winterpause +++
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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