Im Transferwirbel »
Gerade noch mal gut gegangen. Der Rheuma-Kai bleibt dem Club erspart. Präsident Schäfer kann sich sogar noch an den letzten großen Winterfehleinkauf erinnern. Andere Entscheidungsträger kriegen gleich den Koller, wenn man sie daran erinnert, was sie vor zwei Jahren gemacht haben.
“Verantwortungsversessen”, das wäre doch mal eine schöne Kampfvokabel, um Banker, Regierungsmitglieder und Vereinsobere elegant von jeder Kritik zu befreien. Die bayerischen Steuerzahler sind verantwortungsversessen, weil sie wissen wollen, was der Herr Stoiber mit der HypoLB zu tun hatte. Die Deutschen sind verantwortungsversessen, weil sie nach acht Jahren keinen Krieg mehr in Afghanistan führen wollen. Nur die Hertha-Fans sind nicht verantwortungsversessen, winken ihren Präsidenten Gegenbauer auf der Hauptversammlung glatt durch und ihren Lieblingen noch einmal freundlich zu, bevor es in die Zweite Liga geht. Arne Friedrich gestern im kicker: “Gekas ist ein Killer vor dem Tor.” Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt das Phrasenschwein, aber der Realitätssinn, der nibbelt schon etwas früher ab.
Sehr gut gefällt mir die Rückkehr von Baumjohann zu (auf?) Schalke, ein interessanter Spieler, der die immer noch platten, aber wenigstens effizienten Offensivbemühungen entscheidend aufmöbeln könnte. Wobei es nicht verboten ist, mit Einfallslosigkeit Deutscher Meister zu werden, die Bayern wissen, wie es geht. Dass Kluge jetzt auch gleich dem Lockruf des Magath folgt, ist natürlich nicht so schön, allerdings hat er für seine Erfahrung auch zu wenig gemacht, um den Absturz zu verhindern. 1,5 Millionen sind trotzdem viel zu wenig. Ich fände ja Simak im Mittelfeld nicht schlecht, der könnte ein bißchen Kreativität reinbringen bei den rotschwarzen jungen, schrecklich Braven.
Bei den Bayern gehen die Abwanderungsbewegungen weiter, nur Rensing sucht noch eine neue Aufgabe. Vielleicht in Südamerika unter anderem Namen, einfach mal noch mal ganz von vorne anfangen als Surflehrer, oder als Chaperon, um südamerikanische Profis pünktlich zum Flughafen zu bringen. Oder doch zum VfB? Wenn Gross wirklich so ein Disziplinfanatiker ist, dann hat er Lehmanns Faxen bald dicke. Und Ulreich und Stolz sind für Barcelona dann doch ein wenig arg unerfahren.
Interessant sind auch die Mannschaften, die sich nicht verstärken, insbesondere Leverkusen, da kommen mit Helmes, Rolfes und Renato Augusto gleich drei überdurchschnittliche Spieler zurück, einfach so. Völlers Handschrift ist zu sehen. Er hat eines von zwei ganz interessanten Manager-Interviews im kicker gegeben, im anderen spricht Dieter Hoeneß. Nur Nerlinger bietet den üblichen Schwurbel, sagt erst kantig-klar: “Ich spreche nicht über Trends, sondern nur über Fakten”, wird dann aber bei der letzten Frage doch noch zum Propheten: “Dieser Tag, dass wir wieder Erster sind, ist nicht mehr fern.” Bei D. Hoeneß bin ich gespannt, was ihm gelingt, wenn er einmal richtig Geld in die Hand nehmen darf. 31,8% der befragten kicker-Fans glauben übrigens, dass Wolfsburg gegen Villareal ausscheidet, das ist der drittschlechteste Wert nach Stuttgart (85,9% gegen Barca) und Hertha (78,5% gegen Benfica). Bei Bayern glauben 89,2% an ein Weiterkommen gegen Florenz, aber Bremen hat die Nase vorn mit 95,6% gegen Twente. Und auch gegen Firenze ist es bloß ein Achtelfinale mit dem Heimspiel zuerst. Das hat selten geklappt, damals, als Bayern noch Seriengast in der CL war. Sollte der nostradamische Nerlinger sein Herz in beide Hände nehmen, Ribery verkaufen und Maicon mit diesem Geld verpflichten, dann könnte es diesmal sogar für das Viertelfinale reichen.
Überraschungseier! Wir brauchen Überraschungseier! »
Die Wirklichkeitsüberprüfung des Tipps vom Freitag ergibt sechs Richtige, jedenfalls von der Tendenz her.
Bayern-Bremen 1-1 statt 2-2. Werder holt tatsächlich den erhofften Punkt, aber die Hitze machte die Teams schläfrig. Frings war gut, Wiese stark, Bayern auch mit Ribery einfallslos. Das nächste Sturmduo heißt Gomez und Olic.
Stuttgart-Freiburg 4-2 statt 3-1. Beide Mannschaften beflügelt in der zweiten Halbzeit. Freiburg leichtfüßig, der junge Torwart Salz leichtfertig. Auf der anderen Seite Lehmann mit wieder zwei Gegentoren, ein überragender Elson und ein Tor von Pogrebnyak.
HSV – Dortmund 4-1 statt 2-2. Selbst schuld, wer auf Dortmund hofft. Das 1-0 gegen Köln war offenbar mehr Dusel als angenommen. Der HSV hat zumindest einen Trainer gefunden, der gut zur Corporate Identity passt. Mit Ze Roberto hat er den Coup dieser Transferperiode gelandet.
Leverkusen – Hoffenheim 1-0 statt 2-2. Die Handschrift von Heynckes ist zu erkennen, der älteste Coach der Liga paßt gut für die jungen Hüpfer, Kießling pirscht sich an die Länderspielform heran, Rolfes ist wieder fit. Hoffenheim wird keine Überfliegerhinrunde spielen, trotzdem wieder eine gute Leistung. Jetzt gegen Schalke. Hat Hoffenheim den härtesten Auftakt aller Mannschaften?
Hannover – Mainz 1-1 statt 1-0. Stajner macht tatsächlich ein Stürmertor, aber nicht aus dem Spiel heraus. Und tapfere Mainzer holen verdient einen Punkt. Bayern muss sich warm anziehen nächste Woche am Bruchweg, das wird schwerer als gegen Hoffenheim und Bremen.
Frankfurt – Nürnberg 1-1. Volltreffer. Der Club hatte am Schluß mehr zuzulegen und der spielintelligente Bunjaku ist ein echter Gewinn, jetzt, da er fit ist. Gegen Hannover er und Dirty Charry in der Startelf? Frankfurt mit vielen Chancen, aber zu unkonzentriert.
Köln – Wolfsburg 1-3 statt 0-3. Der Meister zieht unbeirrt seine Bahn. Wenn das magische Dreieck nicht trifft, sind es eben andere. Köln mit zwei undankbaren Niederlagen tut gut daran, Podolski nicht zum Alleinretter hochzustilisieren.
Gladbach – Hertha 2-1 statt 2-0. Kacar trifft im Gegenzug, aber Gladbach behält die Nerven und drei Punkte. Gute Verstärkungen, gute Stimmung, trotz des Weggangs von Marin und Baumjohann spielt Gladbach offensiv. Hertha sucht ohne die großen Drei – Simunic, Voronin, Pantelic – noch seine innere Mitte und hat Sehnsucht nach dem Olympiastadion.
Schalke – Bochum 3-0 statt 4-0. Bochum als einzige Mannschaft torlos am Wochenende. Magath baut aus den Querpassexperten eine offensiv agierende Truppe. Farfan immer stärker, übrigens ein Müller-Transfer.
Der kleine Unterschied »
Den Unterschied, so TV-Experte Scholl, ein weiterer Arm der Fußball-Erklärer-Krake FC Bayern (Beckenbauer, Kahn, Effenberg, Hitzfeld, Helmer…), hätten die Individuen gemacht.
Beim verdienten 2-0 Wolfsburgs gegen Stuttgart am Freitag Abend machten Misimovic und Grafite den Unterschied. Und nicht nur Scholl wird sich gefragt haben, warum Zwetschge nicht im Bayern-Mittelfeld gelandet ist. “Grafite” wird übrigens nicht wie Fitsch, sondern wie Fiete, der Seemann gebrüllt, jedenfalls von seinen Fans.
Vielleicht ist das eines der Erfolgsgeheimnisse des Fußballs: dass in zwei taktischen Systemen, die sich nahezu neutralisieren, immer noch genug Platz ist für Geniestreiche wie Misimovics Schlenzer zum 1-0. In der Kneipe redet man ja doch nicht so sehr vom Verschieben und der Raute, sondern von den Toren und in diesem Fall von Lehmanns Paraden, bis zu 74. Minute jedenfalls.
Was Peter Unfried heute in der taz geschrieben hat, habe ich nicht ganz verstanden, vielleicht auch weil er Freiburg mit Barca und Arsenal in einem Atemzug erwähnt. Wenn der Konterfussball der Ballzirkulation grundsätzlich ästhetisch unterlegen ist, warum hat dann jeder die Gladbacher geliebt in den Siebzigern? Wolfsburgs Stil erinnert doch sehr an Simonsen und Heynckes, die die gegnerischen Abwehrreihen einfach überrannten, vor allem zu Hause auf dem Bökelberg zauberhaften Konterfußball zelebrierten. Die Zirkulation (Arsenal, Freiburg, Holland 1974) zeichnet sich dadurch aus, dass sie allzu oft brotlos bleibt. Und die reine Ästhetik sei dann doch den Leverkusenern in der Hinrunde vorbehalten.
Katrin Weber-Klüver bemängelt an gleicher Stelle den Mangel an gewagten Thesen zum Saisonauftakt. Hier sind ein paar:
1.) Van Gaal erlebt das Ende der Saison nicht bei den Bayern.
2.) Michael Ballack fliegt aus der Nationalelf.
3.) Frankfurt spielt am Ende international.
4.) Dortmund wird der schärfste Konkurrent Wolfsburgs.
5.) Wolfsburg kommt ins Champions-League-Finale.
6.) Alle Aufsteiger halten die Klasse.
7.) Schalke landet vor dem HSV.
8.) Die drei Ostvereine Cottbus, Rostock und Union steigen auf.
9.) Dzeko spielt auch 2010/2011 bei Wolfsburg, denn
10.) Der AC Milan verschwindet im Nirgendwo der Serie A, und
11.) Die englischen Klubs haben auch kein Geld mehr.
In der taz meine gewagten Gegenthesen dazu.
(“These are my principles. If you don’t like them, I have others.” Groucho Marx)
Wir sind alle Manager (1) – Schnäppchenjäger sucht Punktesammler »
Durch die verschobenen Fristen hat das kicker-Managerspiel viel von seinem Reiz verloren. Einerseits will man natürlich einen guten Riecher beweisen und seine Teams vom ersten Spieltag an ins Rennen schicken, andererseits läuft die Transferfrist bis zum 31. August. Da sind dann schon vier Spieltage vorbei. Mangels Online-Verbindung musste ich diesmal an den ersten beiden Spieltagen der 3. Liga auch pausieren.
Die abgelaufene Saison war eher durchschnittlich. Am meisten enttäuscht hat meine B-Mannschaft. In der 3. Liga habe ich in der interaktiven Variante (Spielerwechsel in der ersten Elf sind von Spieltag zu Spieltag möglich) mangels besseres Wissen lauter Spieler genommen, die mit B anfangen. Und obwohl ich mit Bemben, Benyamina (beide Union), Bindnagel (Sandhausen) Bröker (Dresden) und Bambara (Regensburg) gleich fünf Spieler mit über 100 Punkten dabei hatte, erzielte ich meine schlechteste Saisonplatzierung am letzten Spieltag und landete auf Platz 21439 von 31178. Bei 20 Vereinen entsprechen 1559 Plätze im Interaktiv-Spiel einem realen Tabellenplatz, ich bin also auf einem schlechten 14. Platz gelandet.
Auch in der Classic-Variante (die erste Elf ist für die ganze Saison festgelegt) bedeutete Platz 17742 von 27781 gerade noch Platz 13 in einer 20er-Liga. Diesmal waren es Spieler mit R, wobei Rauw (Emden), der mit 147 Punkten eine sagenhaften Wert für die Classic-Variante erzielte, durch Leute wie Rapp (Stuttgarter Kickers) mit -30, Reinsch (Paderborn) und Torwart Reus (Aalen) mit jeweils Null Punkten auf dem Boden der Tatsachen gehalten wurde.
In der 2. Liga Classic erreichte das H-Team mit Hain, Hoogland und Hoilett, leider auch mit Hennings (- 40), Hickl und Heithölter Platz 20630 von 39512 umgerechnet Platz 10, stand also etwas schlechter da als St. Pauli, das Achter wurde und die meisten Spieler stellte. Selbst für eine Verlegenheitslösung waren diese Platzierungen eher mittelmäßig.
In der Classic-Variante Bundesliga wurde ich (wieder einmal) vom Verletzungspech verfolgt. Ibisevic, Hartmann (Hertha), Tasci und Kobiashvili waren alle längere Zeit nicht dabei, Risikospieler Simak lief neben der Spur, die KSC-Spieler Eichner und Aduobe waren auch keine gute Idee. Unterm Strich blieb dank Lehmann, Kuranyi und vor allem Misimovic Platz 66072 mit 55 Punkten. Bei 159771 Teilnehmern also ein tapferer achter Platz, genau so schlecht wie Schalke.
Die Bundesliga Interaktiv-Version bescherte Rang 38318 von 212690 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Das bedeutete Platz 4, wobei man bei all der Rechnerei nicht verschweigen sollte, dass die Punktekurve sich stark verflacht und hinter den ersten 200 Tausende von Spielern mit der gleichen Punktzahl kommen. Mit Tremmel (ab Rückrunde Hildebrand), Valdez, Olic, Hajnal wieder Misimovic, Grafite, Gentner, Celozzi (diesmal war der KSC die richtige Wahl), Bordon (Rückrunde Höwedes) landete ich am ersten Spieltag auf Platz 108, der bisher besten Tagesplatzierung. Von da an ging’s bergab, bis ich am 23. Spieltag etwa bei Platz 100000 stand. In einem formidablen Schlussdrittel konnte ich dann noch einmal 60000 Plätze gut machen. Flops wie Schlaudraff, Ljuboja, der leider verletzte Chris und Alberman verhinderten eine bessere Platzierung. Auch ein mit Wolfsburger gespickter Kader schaffte es nicht bis ganz nach oben.
In der zweiten Liga Interaktiv gelang mit Platz 2606 von 48472 die beste Platzierung, ein sehr guter zweiter Platz. Hier waren Toprak, Amedick, Mintal und Terranova die Punktelieferanten. Der Schlußspurt des letzten Aufsteigers Nürnberg trug natürlich auch zum guten Ergebnis bei.
Fazit: Das mit den Buchstabensuppen lasse ich in Zukunft sein, auch Sternzeichen sind kein gutes Kriterium. In der neuen Saison wird alles anders, aber Kuranyi, Mintal und Terranova sind wieder dabei.
Oben schlägt unten – UEFA heißt jetzt Fischcup »
Alle Mannschaften der ersten Tabellenhälfte bis auf Hoffenheim und Leverkusen haben an diesem Wochenende gewonnen. Rangnicks und Labbadias Spieler werden sich die Champions-League-Radieschen von unten ansehen müssen. Leverkusen verlor gegen den weiterhin entschlossen, wenn auch nicht überzeugend spielendenTabellenführer (knackt Grafite die 30 Tore noch?), Frankfurt verschaffte sich Luft gegen Gladbach. Ansonsten im Duell oben gegen unten nur Siege der Mannschaften, die oben stehen. Unglaublich, dieser Luca Toni. Aber das zeichnet ihn aus, dass er gegen eine Weltklassemannschaft wie Bielefeld jederzeit sein Tor machen kann. Am nächsten Wochenende geht es nach den dankbaren Gegnern Eintracht und Arminia für die Bayern wieder zur Sache. Ich hoffe, die Schalker stürmen in München, und Kuranyi macht gegen seinen Lieblingstrainer sein bestes Saisonspiel. Die Königsblauen haben nichts zu verlieren, so lange alle anderen gewinnen. Hertha könnte in Hoffenheim ins Meisterrennen zurückkehren, Dortmund den dauergestressten HSV stoppen, und Cottbus die Wolfsburger niederringen. Dann hieße der heimliche Sieger Stuttgart, das immer besser in Fahrt kommt. Nebenbei: Jürgen Klopp schafft es wirklich, seine Spieler besser zu machen. Valdez hat jetzt schon sechs Tore, das ist ein Quantensprung.
Der UEFA-Cup am Donnerstag war richtig prima. Manchester City spielte mit Leidenschaft und war in beiden Partien ein ansehnlicher Gegner. Der Unterschied war, dass er HSV im Moment immer in der Lage ist, ein Tor zu machen und dass Rost (ähnlich wie Lehmann in Stuttgart) als alter Sack der entscheidende Rückhalt in den engen Spielen ist. Diesen Erfahrungsvorteil hat bei den Feldspielern nur der Sechser (Frings, Soldo, Galasek), der das Spiel lesen kann.
Bremen kam in Udine zurück, im UEFA-Cup zeigt sich, wie die Mannschaft durch die permanenten Nasenstüber in der CL an Statur gewonnen hat. Ich sehe den HSV wegen des Rückspiels zuhause leicht im Vorteil, allerdings sollte der Bremer Auftritt gegen Hertha kein Maßstab sein. Die zweite Halbzeit war fade und halbherzig, und wir alle wissen, dass dieses sich Schonen für die wichtigen Spiele auch nach hinten losgehen kann. Berlin gewann verdient und mit zwei schönen Toren, die nicht von Voronin und Pantelic erzielt wurden. Wieder ein Sieg für Favre in der internen Hackordnung, die anima candida im Berliner Irrenhaus.
Es ist alles wahnsinnig eng. Nehmen wir an, die ersten drei verlieren am kommenden Wochenende und Stuttgart und Hertha gewinnen, dann sind es zwischen eins und fünf gerade mal drei Punkte. Ein Wimpernschlag, ein Schluckauf, kann die Meisterschaft entscheiden.
Noch enger geht es in der zweiten Liga zu. Nürnberg ist auf Platz zwei, aber Platz fünf ist nur ein Unentschieden weit weg. Und am 10. Mai ist das Derby gegen Fürth, die sich in Wehen ins Aufstiegsrennen zurückgezittert haben.
Stille Momente perfekten Glücks »
“Oh wie ist das schön, oh wie ist das schön..” wäre deplatziert, liegt ein historisches 1-5 doch gerade erst einmal vier Tage zurück. Aber Barcas Auftritt war schon das Sahnestückchen der bisherigen Saison. Wäre da nicht der legendäre Bayerndusel, die Partie wäre wohl 8-0 ausgegangen. Und die tragischen Fälle Lell und Rensing zeigen, wie sehr alles falsch läuft bei den Bayern. Unter Hitzfeld war Lell ein hoffnungsvolles, wenn auch mäßig begabtes Eigengewächs. Trainingsfleißig wie Dieter Eilts und bescheiden wie Rudi Völler hätte er vielleicht ein solider Rechtsverteidiger werden können, so gut wie Arne Friedrich, unauffällig und unverzichtbar. Unter Klinsmann wurde durch die Verpflichtung des sympathischen Jahrhunderttalents Maximo-Otto Lells Karriere bei den Bayern auf sehr ruppige Art offiziell für beendet erklärt. Wer dem behäbigen Italiener mit seinen unsäglichen Flanken aus dem Halbfeld weichen muss, sollte lieber Tischtennis spielen oder Sportsocken verkaufen. Lell heute ins Offensivspiel von Messi laufen zu lassen, hatte etwas von Menschenopfer. Ja, Lahm war verletzt und Lucio auch und van Buyten erhielt aus guten Gründen Dispens. Aber wo war eigentlich der für links unlängst erst verpflichtete Marcell Jansen? Auch keine Granate im Defensivbereich, aber wenigstens läuferisch hätte er Messi nahe kommen können. Und beinahe jeder, der in der Bundesliga hinten links spielt, hat taktisch mehr drauf als Lell in dieser Position. Hätte man da nicht wie die Gladbacher in der Winterpause noch jemand holen müssen? Wahrscheinlich schafft Klinsmann es nicht, sechs gleichwertige Ersatzspieler ins Team zu integrieren und bei Laune zu halten. Deshalb tauchte im Camp Nou der Name Badstuber im Bayernkader auf.
Nehmen wir an, die Bayern hätten mit dem neuen Trainer und dem neuen Konzept diese Saison als Jahr des Übergangs ausgerufen. Dann hätte der junge Rensing bei seinem Weg in die größten Fußstapfen, die die Liga 2008 zu bieten hatte, in Ruhe aufgebaut werden können, so wie Adler in Leverkusen. Aber Rensing erst wie Hoeneß zum einzig ernsthaften Anwärter auf die Nachfolge von Lehmann auszurufen, ihn wie Klinsmann immer mit der Formel “Er wird die Zeit bekommen, die er braucht” in Sicherheit zu wiegen, und ihn dann kurz vor dem Spiel des Jahres kaltschnäuzig abzuservieren, das ist planlose seelische Grausamkeit. Es ist dieses ewige Hüh und Hott, dieses Weltklasse sein wollen und über Nacht Nachwuchs aus dem Hut zaubern müssen, das nicht funktionieren kann. Guerrero weg. Kroos weg. Schlaudraff weg. Podolski in tiefster Melancholie. Schweinsteiger in der Stagnation. Und der schon erwähnte Janssen blüht unter Jol in der Rückrunde auf, wird jeden Tag ein bißchen besser. So wie Aogo, Pitroipa, Guerrero. Vermutlich kommt im neuen Jahr Enke. Und Rensing wird der Kompagnon von Lell. Nachwuchsarbeit 2010.
Die Bayern haben es geschafft, in den letzten Jahren zwei der drei besten deutschen Trainer (Schaaf wäre ebenso wenig kompatibel wie Frings) zu vergraulen. Hitzfeld ist gegangen, weil ihm Kim Il McRummenigge vorgerechnet hat, dass Fußball keine Mathematik ist. Magath ist gegangen, weil er die geballte Fußballkompetenz an der Säbener Straße nur mit geballter Faust in der Tasche ertragen konnte, und weil er ein wenig von dem vielen schönen Festgeld gerne in neue Spieler investiert hätte.
Wenn es jetzt ausgerechnet dem seriösen, geduldigen Funkel und dem Chancengleichheitsverfechter Bruchhagen und der verletzungsgeplagten Eintracht gelänge, den Bayern auch noch den Zahn in der Meisterschaft zu ziehen, könnte man von einer perfekten Woche sprechen. Aber in der Allianz-Arena sind die Bayern ja eine nicht nur von den eigenen Fans gefürchtete Heimmannschaft.
Ein Torwarteproblem »
Zu viele der Guten, und keiner dabei, der eindeutig Ansprüche erheben könnte. Seit 35 Jahren eine beinahe organische Erbfolge: Auf Maier folgte Schumacher, auf Schumacher folgte Illgner, auf Illgner kam Köpke, nach Köpke folgte Kahn, nach Kahn gab es Lehmann. Klingt das irgendwie bekannt? Es gab kleinere Reibereien, Eike Immel und Uli Stein wurden ausgebootet, Köpke hätte rein nach Leistung schon 1992 die Nummer Eins werden müssen, Lehmann statt Kahn war eine (richtige) Entscheidung mit viel Zündstoff . Aber wenn es Streit gab, dann zwischen zwei Torhütern und nicht zwischen sechsen: Enke, Neuer, Wiese, Adler, Hildebrand und Rensing. Also wer ist vorne?
Hildebrand sicher nicht, ich sehe ihn im Moment nicht als Nationaltorhüter, nur weil er besser ist als Haas. Ich denke, es kann Hoffenheim ganz gut tun in der Rückrunde, nicht immer mindestens drei Tore schießen zu müssen, um sicher zu gewinnen. Und Hildebrand ist Meister geworden, das ist eine große psychologische Hilfe für die Neulinge, gerade zum Schluß hin.
International am erfahrensten ist merkwürdigerweise Dauer CL-Vorrundenteilnehmer Wiese, obwohl er so etwas jungenhaftes hat(te). Er ist besser geworden im Herauslaufen, auch im Umgehen kitzliger Fragen nach seinen Ansprüchen. Wenn Bremen es mal – wegen Wiese – bis in ein CL-Halbfinale schaffen würde, wäre er ganz vorne dran. So wird es schwierig.
Enke ist von seiner Persönlichkeit her derjenige, der eine Abwehr am besten dirigieren kann. Er ist in einer ähnlich undankbaren Situation wie Köpke bei Nürnberg. Weltklasseleistungen hinter einer desolaten Abwehr zählen merkwürdigerweise weniger als Topleistungen mit einer guten Viererkette. Hätte er sich nicht verletzt, wäre Enke jetzt der erste Anwärter auf die Nummer Eins. Ihn gegen Norwegen nach nur zwei Pflichtspielen Wettkampfpraxis nicht zu berufen, ist keine Grundsatzentscheidung. Enke bei Bremen wäre ein ganz heißer Kandidat für die Nummer eins bei Herrn Löw, aber die Fischköppe sind ja tatsächlich völlig vernarrt in Wiese.
Rensing hat den schlechtesten Notenschnitt aller Bundesligatorhüter in der Hinrunde, dafür mit Hoeneß, Beckenbauer, Kahn und Klinsmann gleich vier prominente Fürsprecher und die große Bühne Champions League. Würde mich interessieren, wen der eminent kluge Mehmet Scholl präferiert. Sicherlich nicht Rensing, oder? Dafür, dass er im Jahr eins nach Kahn spielt, schlägt Rensing sich beachtlich. Er hat allerdings nicht die Begabung von Neuer und Adler. Wie der große alte Mann der Torwarttrainerzunft Friedrich Rückert dereinst anmerkte: Was man nicht erfliegen kann, muss man sich erhinken. Soll heißen, wenn Rensing so schuftet wie Kahn, und wenn Wiese, Enke, Neuer und Adler patzen, kann er es schaffen. Ein Modell, das viele große Karrieren ermöglicht hat.
Adler ist auf der Linie der Beste, der Einzige, der an Kahn und Köpke rankommt bei den Reflexen. Aber er hat seine Chance nach Enkes Verletzung nicht wirklich genutzt – Rußland hui, England pfui – und ist im Moment immer für einen Klops gut. Außerdem hat er fast keine internationale Erfahrung mit dem Verein. Möglicherweise bliebe das mit Leverkusen auch so, wenn die ihre Rückrundenkrise so richtig ausleben. Dann wiederum wäre Adler ein Kandidat bei Bayern und dann…
Neuer hat seine Krise schon gehabt, und obwohl er mit Fährmann sehr starke Konkurrenz hatte und auf Schalke gerade alles im Dreieck flippt, ist er Notenzweiter hinter Eilhoff, der auch ein Kandidat für Bremen wäre. Neuer ist der Stärkste von allen in der Spieleröffnung, weshalb er sich auf Dauer auch durchsetzen wird, gelegentliche “Flutschfinger” hin oder her. Er hat in der CL ein, zwei wirklich gute Spiele gemacht, Spiele gewonnen, wie man so sagt. Das gegen Porto bleibt im Gedächtnis. Das Spiel von hinten raus war 2006 das entscheidende sachliche Argument für Lehmann und gegen Kahn, abgesehen von persönlichen Animositäten aller Art. Neuer entwickelt diese Richtung weiter (ist ja auch Lehmann-Fan). Wenn Löw so spielen lassen will wie in der ersten Halbzeit gegen Rußland, ist ein Torwart, der 70-Meter Abschläge/würfe genau in die Gasse spielen kann, erste Wahl.
Das mit Pander hinten links war Galgenhumor, Lahm ist absolut konkurrenzlos. Bayern hin oder her, er ist ein toller Fußballer. Aber Höwedes innen halte ich für eine realistische Option bis 2010. Und ein gesunder Pander dann vielleicht links im offensiven Mittelfeld.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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