Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Immer wieder Mittwoch »

Schade, dass es keine englischen Wochen in der Bundesliga mehr gibt, das waren immer kleine Sahnehäubchen nach eines harten Tages Nacht. Diesmal, wegen der WM, die bekanntlich nichts anderes war als eine groß angelegte Intrige von Sepp Blatter und dem KNVB, um den Bayern die ihnen zustehenden Titel zu stehlen und deren Fuhrpark zu demolieren, war es aufregend wie früher. Viele frühe Tore, vier Spiele wurden erst in der Schlußminute entschieden, ein paar rote Karten gab es auch. Flutlicht schafft den Rahmen für die besonderen Momente.

Bis auf die zu zaghaften Hoffenheimer gewannen immer die Richtigen. Grafite ist wieder da, weil McClaren sein System verändert hat, der Club wuppt seit dem 3-2 in Wolfsburg letztes Jahr wieder mal ein Punktspiel in der Nachspielzeit. Pino will es wissen in dieser Saison, schon den Elfer beim HSV hat er sicher verwandelt. Nie war er so wertvoll wie heute. Die Mannschaft sieht gut aus, steht gut, läuft viel, hat das Glück des Tüchtigen und wieder eine funktionierende Abwehr.

Für St. Pauli trifft Asamoah und dreht das Spiel. Gazprom schlägt die Breisgauer Sonnenkollektoren, schöner noch als das Tor von Huntelaar war die Vorarbeit von Matip.  Mainz bleibt vorne dran, weil Tüftel-Tuchel wieder einmal die richtige Taktik hatte. Das ist nicht nur Laufstärke und Euphorie bei Mainz. Außer bei Mourinhos Siegesritt durch die Champions League habe ich selten ein Team erlebt, das taktisch so gut eingestellt ist und so variabel reagieren kann wie die Mainzer. Hannover spielt sich die Alptraum-Saison von der Seele und Dortmund spielt so gut, dass die Fans auf der Südtribüne grinsend den Kopf schütteln.

Bayern spielt jetzt nacheinander gegen die Teams auf Platz 1 und 2, danach kann man sehen, ob sich die Tabelle eingependelt hat, oder ob man schon auf Außenseiter wetten darf.

Hurra, endlich WELTmeisterschaft »

Die Vorrunde ist zuende, Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Von den 48 Vorrundenspielen habe ich fünf mit dem exakten Ergebnis und achtzehn von der Tendenz her richtig, darunter auch den Sieg der Slowakei gegen Italien, den ich mit 2-1 prognostiziert hatte. Bei den Achtelfinalkandidaten liege ich bei sieben Mannschaften mit der Platzierung in der Gruppe richtig, darunter auch mein chilenischer Geheimtipp auf Platz zwei, fünf weitere kamen zwar weiter, aber auf einem anderen Platz als erwartet. Auch Deutschland und Ghana tauschten die Plätze, ich hatte die Afrikaner als Gruppensieger eingestuft.

Die große Enttäuschung waren die afrikanischen Teams, nicht so sehr Südafrika, die wirklich eine brockenschwere Gruppe erwischt hatten, sondern vor allem Nigeria und Kamerun. Die Gastgeber und die beiden anderen konnten einen Vorsprung nicht verteidigen (gegen Mexiko, Griechenland, Dänemark) und schieden alle drei aus. Algerien war in der Gruppe C viel zu schüchtern. Die Elfenbeinküste hatte das Pech, in einer Gruppe mit den Vereinigten Betonwerken aus Portugal und Brasilien gelandet zu sein. Dass Portugal gegen niemand ausser Nordkorea Tore schießt, ist ein schlechter Witz. Ghana ist jetzt der afrikanische Hoffnungsträger und anders als vor vier Jahren ist die Hoffnung gar nicht mal so klein.

Was bei den Afrikanern auffiel, sind die taktischen Fortschritte. 1990 spielte Kamerun im englischen Stranfraum noch Jojo, anstatt das entscheidende 3-1 zu machen, heute sieht das vom Spielansatz bei allen sehr solide, sehr lehrbuchmäßig aus, manchmal auch langweilig. Das Überraschungsmoment, der gelegentlich genialisch aufblitzende Wahnsinn schlummert im Verborgenen. Die Skandalnudeln dieser WM kamen bisher aus Frankreich, Nordkorea und Italien. Auch das ist ein Hinweis auf zunehmende Professionalisierung in Afrika. Wichtig wäre eine gute Ausbildung für afrikanische Trainer. Die monats- oder jahresweise Verpflichtung von Europäern bringt nichts. Wenn bei europäischen Spitzenvereinen immer der kommunikative Aspekt des Trainer betont wird (muss Deutsch/Spanisch/Englisch) sprechen, gilt das erst recht für die besondere Situation in Afrika. Es wird aber noch dauern, bis die jetzige Spielergeneration ins Traineralter kommt. Auch da ist Drogba jemand, der die Dinge verändern kann. Er ist einer, “der als Spieler immer schon wie ein Trainer gedacht hat”, ein afrikanischer Sammer.

Bei der WM 2006 standen zehn europäische Mannschaften im Achtelfinale, diesmal sind es nur noch sechs, die sich nach dem Achtelfinale gegenseitig auf drei eliminiert haben werden. Sehr schön. Durch die großen und kleinen Überraschungen (Frankreich, Italien raus, Uruguay und USA Erster, England Zweiter, Japan, Südkorea, Chile dabei) wird aus der Vierergruppe Uruguay/USA/Südkorea/Ghana einer ins Halbfinale kommen. 2006 war das leider eine rein europäische Angelegenheit. Die belächelten Südamerikaner der zweiten Kategorie und die Gastgeber von 2002 haben aufgeholt, die Afrikaner hoffen auf Ghana. So wie ich.

Meine Tipps fürs Achtelfinale:

Uruguay – Südkorea  2-1 n.V.
Die Urus spielen endlich so wie ihre Hymne klingt, wie eine Ouvertüre von Mozart, und nicht mehr wie Rammstein. Bessere Abwehr schlägt gute Abwehr, für Südkorea war es trotzdem ein Riesenerfolg. 500000 früh um drei beim Public Viewing in Seoul, das ist nicht mehr zu toppen.

USA – Ghana 0-2
Die Ghanaer erzielen ihre ersten beiden Tore aus dem Spiel heraus, der Prince schlägt Donovan. Ghana kann im ersten K.O.-Spiel mehr zulegen, den USA geht nicht der Teamsprit, aber die fußballerische Substanz aus.

Deutschland – England 2-4 n.V.
Das einzige Ergebnis, mit dem die Engländer bei einer WM gegen Deutschland gewinnen können. Raus mit Applaus für Löws sich weiterhin stetig dezimierende Truppe. Aber vielleicht kommt ja alles ganz anders. Aus dem Hintergrund müßte Lahm schießen, Lahm schießt…

Argentinien – Mexiko 3-2
Was die Deutschen für England, sind die Argentinier für Mexiko: ein Alptraum mit 22 Beinen. Argentinien war beste Team der Vorrunde und wird trotz seiner Rumpelabwehr einfach wieder ein Tor mehr schießen.

Holland – Slowakei 5-4 n.V.
Die Holländer haben sich noch nicht verausgabt und kommen weiter. Sie müssen dabei an ihre Grenzen gehen. Robert Vittek macht Tor vier bis sieben und beschließt, nach Nürnberg zu wechseln, um dort die zehnte Meisterschaft klar zu machen.

Brasilien – Chile 3-4 n.E.
Sie haben richtig gehört: Dunga-Fußball darf auf die Dauer nicht belohnt werden. Und wer sonst als eine chilenische Mannschaft mit einem argentinischen Trainer kann diesen Job erledigen. Es wird 0-0 stehen nach 120 Minuten und dann kommt die große Stunde des chilenischen Torwarts Claudio Bravissimo.

Paraguay – Japan 1-3 n.V.
Japan hat im Turnier zugelegt, Paraguay hat abgebaut. Paraguay spielte insgesamt nicht schlecht, Japan spielte gegen Dänemark toll. Und Honda wollen wir noch ein bißchen länger sehen.

Spanien – Portugal 5-0
Ich hoffe, dass der Turnierfavorit endlich einmal spielt, was er kann und die Maurermeister vom Algarve wieder nach Hause schickt. Cristiano Ronaldo ist ein langweiliger Schönling, der von Mourinho alsbald abgeschoben werden wird.

Neuer Endspieltipp: Ghana – Argentinien. Mit den United People of Africa im Rücken könnte es klappen.

Müde Mythen »

Jedes Tournier hat seinen Außenseiter, der groß und unerwartet und unbekümmert aufspielt. 1986 war das Danish Dynamite mit Preben Elkjaer-Larsen, 1990 Kamerun mit Roger Milla. Gestern gab es unglückliche Dänen und ratlose Kameruner zu sehen oder im Live-Ticker zu lesen. Das Eigentor der Dänen hat den spielentscheidenden Pannen dieses Turniers eine weitere hinzu gefügt, wobei Holland ganz sicher verdient gewonnen hat. Das erste Spiel ist immer ein Nervenspiel und vielleicht tut es Oranje gut, den Zauberfußball nicht gleich aus dem Fußgelenk zu schütteln. Robbens Ausfall wird dieser Mannschaft weniger schaden als dem FC Bayern.

Kamerun stand sich selbst im Weg und die Japaner nutzten ihre einzige echte Chance, um das Spiel beherzt für sich zu entscheiden. Die Gastgeber von 2002 beide mit Auftaktsiegen. War wohl doch nicht alles nur Heimvorteil und Schiedsrichterglück damals. Dass Kamerun gute Spieler hat, steht ausser Zweifel, ich denke, es liegt an der halbherzigen Taktik von Le Guen. Ich frage mich, wie sie spielen würden, wenn sie von Magath, Mourinho oder  jemand trainiert würden, der ihnen das Selbstbewußtsein gibt, ihre offensiven Stärken auszuspielen. Nervig war der Reporter in der ARD (Simon?), der genauso wie abends der Kollege bei RTL bei Italien – Paraguay unentwegt Deutschland als leuchtendes Vorbild erwähnte. Glauben wir ausnahmsweise mal dem CIA Factbook, das Kamerun auf Platz 95 der Volkswirtschaften listet. Wahrscheinlich gibt der DFB für die Operation Vierter Stern mehr aus als Kamerun für Schulbildung. pro Jahr. Sind sie eben ins Turnier gestolpert, kein Grund naseweis zu werden. Ein holperiger Start sagt nichts über den Turnierverlauf aus. Viele Wege führen ins Finale, wo sich auch Mannschaften wiederfanden, die ihr Auftaktspiel verloren, zum Beispiel Argentinien 1990 gegen Kamerun.

Hinter Mailand beginnt das Paradies »

Fast alle reden vom Defensivkünstler Mourinho, leise Zweifel sind angebracht. Nicht nur das Pokalfinale hat gezeigt, dass die Bayern im Moment nicht zu stoppen sind, wenn man sie spielen läßt. Florenz hat das beim Stand von 3-1 gelernt, Manchester United beim Stand von 3-0. Natürlich wird Inter es nicht mit rauschhaftem Offensivfußball wie Barcelona oder Powerpressing wie Manchester versuchen, sie werden sich aber bestimmt nicht neunzig Minuten einigeln. Die Taktik in Chelsea und Barcelona war der Auswärtstorregel in den Rückspielen geschuldet.

Diesmal gibt es kein Rückspiel, genau wie 2006 in Dortmund, als fast alle schon vor dem Halbfinale über die italienischen Defensivkünstler maulten. Italien beschäftigte die deutsche Defensive gerade so viel, dass nach vorne nicht viel ging, in der Verlängerung wechselte Lippi zwei Offensive (Iaquinta und del Piero für Camoranesi und Perrota) und letztlich den Sieg ein. Die Italiener spielen defensiv, weil sie es können, besser als alle anderen. Weil sie vom antiken Rom über Palladio, Verdi und Antonioni ein beinahe 3000 Jahre altes Formverständnis entwickelt haben und genau wissen, dass Form auch in der Kunst des Weglassens besteht. Im Weglassen zirzensischer Offensivkünste beispielsweise. Dass Mourinho Portugiese ist, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Italienisch kann man lernen.

Aufsteiger erobern die Herzen selten dadurch, dass sie die beste Abwehrreihe stellen. Auch die zurecht gelobten Mainzer waren in dieser Disziplin nur unter den besten zehn Vereinen. Geläufiger ist das Modell Hoffenheim, eine halbe oder ganze Saison hui, und danach braucht man eine ganze Weile, die Anordnung der Körper im Raum zu erlernen, Disziplin im Foucaultschen Sinne. Inters gelehrige Abwehrreihe spielt Viererkette rückwärts und im Schlaf, das Team kann aber jederzeit zwei Gänge höher schalten. In der Champions League erzielten sie 15 Tore, trafen in jedem Spiel außer in den beiden Spielen in Barcelona. Bayern traf 21 mal, davon vier mal gegen Maccabi Haifa und spielte gegen Florenz und Manchester viermal wie ein Aufsteiger mit dem hui des Tüchtigen.

Diesmal wäre ein 2-3 auswärts zu wenig.

Jemand hatte die Absicht, eine Mauer zu errichten »

Und dieser Jemand heißt José Mourinho. Wenn man seinen Siegesspurt gestern Abend gesehen hat, wünscht man sich beinahe einen Bayern-Sieg, bloß um diesen Mann vor sich selbst zu schützen. Was wird er machen, wenn er gewinnt? Eine Büste von sich in Madrid aufstellen lassen? Rom anzünden? Portugal kaufen? Eine andere spannende Frage: Soll man, muss man, darf man für die Bayern sein in diesem Spiel? Weil es um den vierten Platz geht? Weil es gehen Italiener geht? Darf man sich wenigstens ein frühes Tor wünschen, damit Inter Fußball spielen muss?

Die zweite Halbzeit dieses Spiels war ein Leckerbissen für alle, die gerösteten Beton an mediterranen Gemüsen mögen. Barcas Uhrwerk gegen die Neunerkette in Weiß, die ein hohes Maß an Schwarmintelligenz und Hingabe bewies. Sind schon ausgekochte Taktikferkel, diese Menschen südlich der Alpen. Wer auf einem Stiefel Fußball spielt, weiß, wie er die Räume eng macht. Da half auch das überbreite Spielfeld in Nou Camp nichts. Auch da steht das Tor in der Mitte, und in der Mitte wartete die neunköpfige Hydra. Barca hat es im Hinspiel verloren, da hat Inter gezeigt, dass sie ein Spiel auch machen können, nicht bloß zerstören. Gegen Chelsea übrigens auch schon. Wobei, das Handspiel vor dem nicht gegebenen 2-0 war eine sehr harte Entscheidung, der Ball ging aus zwei Metern an den Körper. Nebenbei bemerkt, es stehen die beiden Mannschaften im Finale, die im Viertel- und Halbfinale zuerst Heimrecht hatten. Das galt bisher immer als Nachteil. Liegt es an der besseren Defensivarbeit, oder ist es doch ein Vorteil, mit einem Vorsprung anzureisen?

Und heute Abend der HSV. Wenn das in Hoffenheim Absicht war, dann sollten sie in Fulham wenigstens ein 1-1 holen.

Dr. Mourinho zieht Barca den Zahn »

Es ist nichts Besonderes, dass italienische Mannschaften taktisch besser eingestellt sind als ihre Gegner. Aber wenn sie dann auch noch gut spielen, muss selbst der beste Fußballer der Welt seine Grenzen akzeptieren. Schon das Rückspiel gegen Chelsea war ein taktischer Geniestreich von Mourinho, gestern hielt Inter die Passmaschine von Barcelona mit einer Ausnahme im Leerlauf und drehte ein Halbfinale, das nun beste Aussichten auf das Endspiel gibt. Nur das Auswärtstor hält Barca noch im Geschäft.

Meinen Live-Tweet zu ManU – Bayern vom 7. April habe ich hier unter diesem Datum noch einmal im Zusammenhang eingestellt.