Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Verdient, wenn auch irregulär »

Verdient, wenn auch irregulär. So bezeichnet der kicker das 1-1 der Bremer gegen Nürnberg in seinem Spielbericht. Das trifft es ziemlich genau. Die Schiedsrichter dürfen trotzdem gerne genau hinsehen. Krasse Fehlentscheidungen haben den Club in den letzten beiden Auswärtsspielen mindestens vier Punkte gekostet. Er ist aber nicht deswegen noch in Tuchfühlung mit dem Relegationsplatz, sondern aus eigenem Unvermögen. Das 0-0 gegen Augsburg und das 0-2 gegen Stuttgart, beide zuhause, bedeuteten mindestens drei leichtfertig vergeudete Punkte, alle anderen Ergebnisse spiegeln den Leistungs- bzw. Entwicklungsstand in der Hinrunde recht gut wieder. Zwanzig Punkte sind eine Punktlandung im Rahmen der Möglichkeiten.

Gegen die bärenstarken Frankfurter und die heimstarken Hannoveraner durfte man verlieren, gegen letztere vielleicht nicht grad 1-4, aber sei’s drum. Freiburg und vor allem Mainz sind im Moment noch einen Schritt weiter als der Club, wobei der Auftritt in Freiburg neben dem Pokalaus in Havelse der lahmarschigste Auftritt von allen war. Siege gegen den HSV, Gladbach, Wolfsburg, Düsseldorf und Hoffenheim zeigen, dass der Club sowohl potenzielle Abstiegskonkurrenten als auch Vereine mit ganz anderen finanziellen Möglichkeiten sportlich in Schach halten kann. Am Limit spielten die Nürnberger gegen Dortmund und Bayern und konnten dabei spielerisch und taktisch mithalten. Mit den beiden 1-1 ist der Club der einzige Verein, der gegen die beiden Großen in der Hinrunde punkten konnte. Gladbach holte einen Punkt in München und verlor 0-5 gegen den BVB, Leverkusen gewann gegen Bayern und verlor 0-3 in Lüdenscheid. Alle anderen verloren mindestens einmal.

Leise hoffnungsvoll stimmt, dass der Club in der Rückrunde meist immer ein bißchen stärker ist als in der ersten Saisonhälfte. Viele Spieler zeigen aufsteigende Tendenz: Gebhardt sowieso, aber auch Polter, Feulner, Cohen und Mak sahen gut aus in den letzten Wochen. Die Heimbilanz ist mit 12 Punkten positiv. Dass die Mannschaft die sechstbeste Abwehr hat, liegt nicht zuletzt an Raphael Schäfer, der seine vielleicht beste Hinrunde beim Club gespielt hat. Wegen ihm und weil Pinola richtig fit ist, ist die mannschaftliche Geschlossenheit noch größer als im Vorjahr. Dass es defensiv so gut läuft, hätte ich nach dem Weggang von Wollscheid nicht gedacht. Wenn jetzt auch noch Madlung kommt, wäre das kein Schaden. Und wegen Schieber könnte man ja mal anfragen. Der lernt bestimmt sehr viel in Dortmund, aber seine beste Saison hatte er beim Club.

Vor einem Jahr hatte man in der Noris 18 Punkte und der Vorsprung auf den Relegationsplatz betrug zwei Punkte. Vor zwei Jahren hatten sie 22 Punkte und sieben Punkte Vorsprung. Diesmal sind es acht Punkte auf Platz 16 und sechs Punkte auf Platz fünf. Mal sehen, was geht.

Leihfix statt Verleihnix am Valznerweiher »

Am Tag des Derbys Club – Bayern verstieg sich Christof Kneer (SZ) zu der Aussage: “Dieser Tage sind die Bayern mit diversen Ausleihgeschäften gar eine Art Entwicklungshelfer für den fränkischen Rivalen.” Es stimmt zwar, dass Breno und Ottl in der schwierigen Saison 2009/10 einen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet haben und Ekici in der Vorsaison auch ganz gut war. Allerdings ist Bayern nur einer von vielen Vereinen, mit denen Nürnberg klug und planvoll Geschäfte macht. Hegeler, Risse und Reinartz kamen auf Leihbasis aus Leverkusen, Schieber und Didavi aus Stuttgart, Choupo-Moting vom HSV. Sie waren allesamt wichtige Ergänzungen, manchmal sogar Leistungsträger. Mit dem Risiko, jedes Jahr wesentliche Spieler zu verlieren, weiß der Club umzugehen. Es ist zwar ärgerlich, wenn Choupo-Moting und Risse als unabkömmlich zum Hausverein zurückbeordert werden, um dann alsbald an Mainz, einen Mitkonkurrenten um Platz 8 bis 15 weitergereicht zu werden, aber der Club leiht ja nicht nur Spieler aus.

Durch die Verkäufe von Diekmeier (HSV), Wollscheid (Leverkusen), Kluge (Schalke) und Gündogan (Dortmund) sowie schon vorher Kießling (Leverkusen), Vittek (OSC Lille) und Saenko (Spartak Moskau) hat sich der Club – ohne Entwicklungshilfe – nahezu schuldenfrei gemacht. Mit Eßwein, Chandler, Pekhart, Cohen, Nilsson, Simons, Frantz, Maroh sowie natürlich Schäfer und Pinola hat er einen soliden Stamm fest unter Vertrag, Feulner und Balitsch waren echte Schnäppchen. Längst hat es sich herumgesprochen, dass man in Nürnberg als junger Spieler überdurchschnittlich gute Entwicklungschancen hat. Mendler, Mak und Wießmeier sind Spieler, die vor dem nächsten Schritt stehen, Bunjaku ist ein Knipser auf Abruf.

Zuletzt waren es eher die Bayern-Verantwortlichen als die Clubfans, die nach einem Derby Grund hatten, vor Wut zu schäumen. Nach dem 1-1 2011 wurde van Gaal entlassen, das 3-0 im Jahr 2007 mit einem Tor des Ex-Löwen Markus Schroth war ein beeindruckendes Willkommensgeschenk für den gerade reaktivierten Trainer Hitzfeld.

Feulner spielte übrigens bis 2004 auch für die Bayern, ehe er über Köln, Mainz und Dortmund zum Club kam. Wer Kneer auf Teufel komm raus zustimmen will, wird in diesem Werdegang einen Beweis für seine These sehen.

Umzingelt von den gleichgeschalteten Medien »

Der Jünter hat ja so recht. Gestern Abend rund um den Boxhagener Platz gab es keine einzige Kneipe, die sich dem Formierungsdruck hätte entziehen können und bei der Sky-Konferenz geblieben wäre. Es gab nur noch das Spitzenspiel mit Franz “Die Mumie” Beckenbauer als Co-Kommentator. Also stürzten sich meine Kollegin, die Schalke-Fan ist, und ich in das gelb-schwarz-rote Getümmel. Es war tatsächlich ein gutes Spiel und es ist fraglich, ob gegen die sich stets listig-gezielt verstärkenden Borussen (Perisic, Leitner, Reus, Gündogan) in absehbarer Zeit an der Säbener Straße ein Kraut gewachsen sein wird. Man kann den Schalkern den Torwart abwerben und den Leverkusenern den Trainer, aber irgendwann stößt jedes Festgeldkonto an seine Grenzen.

Ein surreale Note erhielt der Abend immer dann, wenn ich beim kicker die anderen Zwischenstände checkte. Ich meine damit nicht, dass der HSV 4-0 in Hoffenheim auf die Glocke kriegt, das ist lediglich ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu neuer europäischer Größe. Sagen Arnesen und Fink. Also keine Panik bitte, nicht immer alles schlecht reden. Ein Hamburger Stadtderby in der Relegation liegt in greifbarer Nähe.

Traumverloren waren vor allem die Zwischenstände aus Nürnberg, die ich behutsam an meine Begleiterin durchgab. Nicht nur gelang gegen die Freunde aus dem Pott den höchsten Saisonsieg. In ihren Kommentaren nach dem Spiel sprachen Dieter “Die neue Sachlichkeit” Hecking und Huub “Sorgenfalte” Stevens unisono davon, Nürnberg hätte sich in einen Rausch gespielt. Mit Rausch (Friedel) verbindet sich einer der bittersten Abstiege der ruhmreichen Geschichte, insofern freut diese Einschätzung doppelt, auch wenn ich an diesem Abend nicht einmal vor dem Bildschirm dabei sein konnte.

Es ist die besondere Qualität der Nürnberger unter Hecking und Bader und dem angenehm zurückhaltenden Präsidium, auch bei längeren Durststrecken nicht in Panik oder Larmoyanz zu verfallen. Ein Verein, der in seinen wilden Jahren Schalke und Köln locker den Rang an innerer Chaotik ablief, ist realitätstüchtig geworden, und spielt trotzdem keinen Verwaltungsfußball. Die Mannschaft ist immer in der Lage, auch mal gegen einen besser aufgestellten Verein ein richtig gutes Spiel rauszuhauen. Das 3-0 in Leverkusen, das 1-0 gegen Gladbach und jetzt das 4-1 gegen Königsblau. Nachdem am Montag im kicker ein längerer Bericht über Julian Schieber zu finden war, der zögert in Stuttgart seinen Vertrag zu unterschreiben, könnte ein wichtiger Neuzugang demnächst vielleicht schon vermeldet werden. Schieber wäre genau der spielintelligente Brecher, den Hecking für seine Dreieroffensive bräuchte. Wollscheids Abgang ist mit Nilsson, Maroh und Klose bereits präventiv abgefedert worden. Zumindest die durchwachsene Heimbilanz mit bisher nur sechs Siegen sollte in der nächsten Saison ausgebaut werden. Man muss ja nicht gleich wieder Pokalsieger werden.

Sag mir was Schmutziges, Liebling »

Einszunull.

Willkommen zur 49. Bundesligasaison. Es waren die beiden schmutzigen 1-0, die dem ersten Spieltag das Sahnehäubchen aufsetzten. Das 1-0 von Nürnberg erlebte ich im Olympiastadion. Es war das erste Saisonauftaktspiel, das ich live erleben konnte. Kann schon sein, dass der Sieg für den Club unverdient war, die Niederlage für Hertha jedenfalls war verdient. Wer bei seiner Rückkehr so wenig zustande bringt, der fängt sich dann halt eins ein kurz vor Schluß. Nürnberg präsentierte eine gelungene Mischung aus Borussia Dortmund (Technik) und Tai Chi (Geschwindigkeit). Und immer, wenn sie so schnell kombinierten wie in der letzten Saison, war Hertha überfordert. Das war im ganzen Spiel insgesamt 43 Sekunden lang der Fall. Eine Chance in der ersten, eine Chance in der zweiten Halbzeit und das 1-0.

Torschütze Pekhart ist ein interessanter Mann. Nicht ganz so groß wie Peter Crouch, aber stets in der Lage den tödlichen Pass zu spielen. Er fällt ein bißchen theatralisch, aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass man bei einem 1,94-Mann spontan denkt: Hab dich nicht so. Bemerkenswert auch die Deckungsarbeit der Nürnberger, die alle defensiven Kopfballduelle gewannen. Schäfer hatte zwei Bälle zu halten. Der neue Mann Klose fügte sich gut ein. Feulner lancierte überraschenderweise nicht gleich wieder einen Hattrick wie gegen Bielefeld, dribbelte sich ein paar Mal fest, ansonsten aber weder Angst noch Bange ums Mittelfeld aufkommen ließ. Cohen zeigte mehr Kampfgeist als die gesamte Hertha. Hegeler gab 28 Sekunden nach seiner Einwechslung die Vorlage zum Siegtreffer,  Mendler spielte gut mit. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob hier wirklich Not gegen Elend am Start war, oder ob diese Club-Abwehr auch Mannschaften mit einer Offensive in Schach halten kann. Dass vier der sieben wichtigsten Spieler (Schieber, Wolf, Eciki, Gündogan) weg gegangen sind  – Schäfer, Pinola und Simons sind noch da – war dem Club nicht anzu merken. Und in der Hinterhand Mak, Herr Nilsson, Maroh, Frantz, Esswein und Bunjaku, ein sehr ausgeglichener Kader. Die Mannschaft hatte Ordnung und Spielanlage, in Zukunft alles dreimal so schnell, dann war das der Anfang einer wunderbaren Spielzeit.

Wir saßen in einem gemischten Block, sehr viele Clubfans im Stadion, sogar der Oberrang des Fanblocks war gut gefüllt. Neben uns ein Ostberliner, ins Stadion gekommen, um Hertha eine faire Chance zu geben. Er war restlos enttäuscht.  Die Herzen der Berliner zu gewinnen, wird weiter eine Herausforderung für den Aufsteiger. Sportlich muss dieses Spiel nicht viel heißen. Vielleicht tun sie sich auswärts anfangs sogar leichter. Unterschätzen sollten sie den im Umbau befindlichen HSV trotzdem nicht. Die haben von  Barcelüdenscheid zwar ihre Auftaktlektion bekommen, trotzdem sah das schon wieder sehr nach Mannschaft aus. Nach überforderter Mannschaft, aber immerhin.

Das zweite 1-0 des Spieltags trug sich in München zu. Die stets schonungslos analysierende Süddeutsche titelt: “Aufbruch in den Krisensommer”. Das steht zwar im Wirtschaftsteil, bezieht sich aber womöglich auch auf das FestgeldConto Bayern München, dessen Ratings am Sonntag Abend in den Keller rauschten.  Zuletzt konnte glaube ich Kaiserslautern das Auftaktspiel in München gewinnen, die wurden dann mit Rehhagel Meister. Der kicker schreibt ebenso schonungslos: “Nachdem zwei große Möglichkeiten nicht in die überfällige Führung des FCB mündeten, sorgte ein Missverständnis in der Bayern-Abwehr für die Entscheidung.” Ein Mißverständnis namens Neuer, was wirklich ein Jammer für den begabten und sympathischen Buerer Bua, aber nicht minder absehbar ist. Der Club verlor 2007/08 sein Auftaktspiel nach einem Patzer des neuen Keepers Blazek zu Hause gegen Schalke mit 0-2. Blazek blieb immer ein Fremdkörper und der Club stieg ab. So schlimm muss es für Bayern nicht kommen, es gibt ja Hertha und Köln, aber  jetzt geht es nach Wolfsburg. Die Wölfe von Dompteur Magath mit einem Bärenhunger auf Tore ausgestattet. Das könnte schwierig werden, auch wenn Grafite nicht mehr da ist.

Bremen spielt wieder Fußball, ist das nicht schön.

Männer ohne Nerven »

Früher, da ging es echt übel ab auf dem Reichsparteitagsgelände. Die Nazis waren an der Macht, und immerzu wurde die Volksgemeinschaft mit “Kraft durch Freude” zusammengelockt. Am Samstag war alles ganz anders. Da holten Cohen, Simons & Co. verdient einen Punkt gegen das Festgeld Conto Bayern München, und der sportliche Erfolg stand unter dem Motto “Freude durch Kraft”. Es waren nicht die zwei verlorenen Punkte, die das Fäßchen Hoeneß zum Überlaufen brachten, sondern die einsame Entscheidung, den soliden Butt durch den flatterhaften Kraft zu ersetzen. Wäre van Gaal zu diesem Zeitpunkt nicht in Katar gewesen, wer weiß, man hätte ihn wohl schon im Winter in die Wüste geschickt. Das sympathische Jahrhunderttalent Kraft hat das FCB schon wenigstens acht Punkte gekostet – drei die Hannover gemacht hat, drei die Bayern dort nicht gemacht hat, und zwei in Nürnberg – und das war’s dann auch schon mit dem Ärachen van Gaal. Jonkers und Gerland haben jetzt die schwierige Aufgabe, ihre Männer elegant auf Platz sechs durchzuschleusen, damit sie nicht in der verhaßten Europa League enden, in der ein CL-Sieger wie Porto groß aufspielt.

Soll man sich den Club in der Europa League wünschen? Ich weiß nicht so recht. Die Mannschaft wird wieder wesentliche Spieler verlieren, selbst bei einem Abstieg von Stuttgart gibt es lukrativere Adressen für Schieber. Gündogan und ich fürchte Wollscheid könnten auch verschwinden. Soll man wegen eines Auswärtssiegs bei BATE Borisov den Klassenerhalt aufs Spiel setzen? Wenn wir mal unterstellen, dass sie aus den letzten fünf Spielen noch sieben Punkte holen (darunter einen kleinen, aber gemeinen Punkt in Dortmund), dann hätten sie fünfzig am Ende. Der gemeine Clubfan wäre sicherlich nicht traurig, wenn die Mannschaft nächste Saison elfmal statt neunmal zu Hause gewinnt, und fünfmal statt dreimal auswärts. Oder wieder schon am 25. Spieltag den Klassenerhalt sicherstellt. Diesmal wurden bereits Schalke und Stuttgart bezwungen, Köln und St. Pauli begeisternd besiegt, van Gaal wurde mit einem typischen Eigler-Tor verabschiedet. Gegen Freiburg, Gladbach, Kaiserslautern muss man es zu Hause besser machen, gegen Dortmund und Bremen darf man. Also noch viel Luft nach oben im neuen Jahr und dann am besten gleich Platz vier in 2012 anpeilen und gegen Borisov die CL-Quali schaffen. Für ein Auswärtsspiel in Barcelona kann man 2013 wieder mit dem Relegationsplatz kokettieren.

Froh und dankbar muss man sein, dass der Club mit diesem nervenzerfetzenden Abstiegskampf nichts mehr zu tun hat. Selbst Hoffenheim, die vor Wochen noch von Platz fünf sprachen, kann es noch erwischen. Es ist wie in einem Zombiefilm. Die Totgesagten wie Gladbach und Kaiserslautern kehren zurück, dem Schicksal scheinbar Entronnene wie Stuttgart und Bremen werden von den lebenden Leichen mit in den Abgrund gezogen.

Weit weg von jedem Abgrund ist das erfahrene Vizekusen, das sich auf Platz zwei behaglich eingerichtet hat und dem BVB beharrlich näher kommt. Fünf Punkte und fünf Spiele, könnte eng werden. Dieses Mal könnte Bayer sogar in München gewinnen, das FCB musste schon gegen Mainz und Dortmund Federn lassen. Der BVB hat einen Punkt in Hamburg gerettet, aber Bayer hat sein Spiel eben noch vollständig gedreht und zeigt eine erstaunliche Nervenstärke. Allen voran der immer besser werdende Kießling, der es schafft, Aggressivleader zu sein, ohne dauernd jemand seinen Ellenbogen ins Auge zu stemmen. Dortmund muss noch gegen zu allem entschlossene Bremer, brennende Gladbacher und leichtfüßige Nürnberger spielen. Mal sehen, ob den Duracell-Häschen auf den letzten Metern der Saft ausgeht. Leverkusen wirkt insgesamt reifer, obwohl keiner so ekstatisch jubelt wie die Dortmunder. Und Klopp ist in dieser Saison mehr gelaufen als das gesamte Mittelfeld von Wolfsburg.

Die Fehler im Erfolg »

Letzte Woche war zu lesen, der Club lasse sich Zeit mit einem neuen Vertrag für Andy Wolf, heute schreibt der kicker über den bevorstehenden Abschied von Mintal am Saisonende. Die beiden sind neben Pinola und Schäfer zwei der vier Pokalsieger von 2007. Im Anschluß nach dem Titel ging Schäfer – lange geplant – zum VfB Stuttgart, der Club stieg ab. Schäfer kam zurück, weil er in Schwaben im falschen Film war, der Club stieg auf  und spielt heute neben Dortmund und Mainz den schönsten Fußball der Liga. Pinola wollte gehen und die fränkischen Sozialromantiker starteten eine einmalige Solidaritätsaktion, Pinola blieb. Als er in der Hinrunde gesperrt war, verlor der Club dreimal in Serie. Trotz Gündogan und Schieber ist Pinola bisher mein Spieler der Saison.

Der Club sollte alles tun, um Wolf und Mintal zu halten. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil sie für das Gefüge und die Dynamik der Mannschaft unerläßlich sind. Mintal ist zwar nicht so schnell wie die jungen Hüpfer, Wolf ist technisch nicht so gut wie Wollscheid oder Maroh, aber keiner weiß, wer von den Jungen bleibt und wie lange ihre absehbaren Durchhänger dauern werden. Und wenn sie bleiben, brauchen sie noch ein paar Jahre, um so stabil zu werden wie glorreichen Vier. Wolf spielt seine beste Saison, ist torgefährlich wie nie und Mintal hat weder das Toreschießen noch das Lückenfinden verlernt. Wie Podolski ist er ein Guter-Laune-Fußballer. Wenn Hecking ihm die vermitteln kann, wird er auch wieder knipsen, egal wieviel er läuft. Bevor er sich in der Zweiten Liga die Ochsentour antut, sollte Mintal den Entwicklungszyklus der nächsten beiden Jahren lieber in Nürnberg mitmachen.

Apropos Fehler im Erfolg. Gestern dachte ich, die Jecken machen Überstunden, als ich das in der WAZ über Magath gelesen habe. Aber offenbar reißt die Schalker Geschäftsführung gerade mit dem Arsch wieder ein, was sie in den letzten knapp zwei Jahren aufgebaut hat. Was wollen die eigentlich? Eine Bundesligatorfabrik ohne Abwehr? Schalke hat 29 Tore geschossen, Stuttgart 43 und steht auf einem Abstiegsplatz. Und was ist der Maßstab für eine Mannschaft im Umbruch? Das Kasperletheater beim HSV? Die kapriziösen Bayern? Die wackeligen Bremer? Die ausgebrannten Wolfsburger? Leverkusen arbeitet seit Jahren im obersten Bereich der Seriosität und ist von Schalke so weit weg wie Omas Sparstrumpf von der Bayerischen Landesbank. Und für Dortmund wird das Jahr nach dem Rausch der Maßstab sein, was richtige Entscheidungen angeht.

Schalke steht im Pokalfinale und hat in diesem Wettbewerb gegen Nürnberg und Bayern richtig gute Spiele gemacht. In der CL waren sie zu Hause sowieso erste Sahne und auch wenn sie in der Liga immer wieder zum Abgewöhnen spielen, eine Mannschaft ist im Entstehen, das ist deutlich zu sehen. Magath hat tatsächlich den göttlichen Raul nach Gelsenkirchen-Buer gelockt, nach Ebbe Sand spielt wieder ein ganz Großer der Zunft in Königsblau. Und wie er spielt. Was für ein Coup. Ablösefrei. Zinédine Zidane in Osnabrück. Mit Papadopolous, Gavranovic und Escudero tummeln sich schon die nächsten hoffnngsvollen Talente auf der großen Bühne, Kluge war ein Super-Transfer, Jefferson “Airplane” Farfan wird langsam Weltklasse. Muss man sich da über Charisteas und Karimi  und Magaths knorrigen Humor streiten? Schalke braucht jetzt noch zehn Punkte aus neun Spielen, um sicher die Liga zu halten und hat alle Möglichkeiten, die Saison zu veredeln. Ich bin mir sicher, in der nächsten Transferperiode bleibt die Mannschaft im Kern zusammen. Wenn Magath bleibt. Aber Magath muss bleiben.

Traumwandler in rot und schwarz »

Nein, nicht Ekici, nicht Schieber, nicht Cohen sind in der kicker-Elf des Tages, sondern Wolf und Wollscheid. Der Wolfi bereits zum dritten Mal in dieser Saison, beide Nürnberger Innenverteidiger waren zuletzt zeitgleich mit der Schlacht auf der Alten Veste (Gustav Adolf gegen Wallenstein) in der Auswahl.

Zeichen und Wunder: Wieder zu Null gespielt, wieder späte, wunderschöne Tore. Wenn die Mannschaft sich weiter so verjüngt, werden die Begleitkinderchen beim Hereinlaufen irgendwann Windeln tragen, damit es überhaupt noch einen Altersunterschied gibt. Nebenbei: Wie wäre es denn einmal mit Rentern? Leute mit mehreren Jahrzehnten Vereinsmitgliedschaft, die mit Max Morlock noch geschussert haben. Das wäre doch mal was. Dauert der Ein- und Ausmarsch halt ein paar Minuten länger.

Es sind jetzt noch 33 Punkte zu vergeben. Wenn die Mannschaft die Vorgabe von 44 Punkten erreicht, dann bliebe unter dem Strich die entspannteste Saison seit Menschengedenken, der reifere Fußball im Vergleich zum Pokaljahr und eine große Zahl junger Spieler, die nicht alle auf einmal verschwinden können. Selbst ein Schieber würde es sich zweimal überlegen, ob er in Wolfsburg unter Rudi Assauer und Udo Lattek beim Aufbau einer Mannschaft, die um die Champions League mitspielen kann,  beteiligt sein will, auch wenn die fünfmal so viel zahlen. Aber mit dem Endstand 44 würde der Club nur noch neun Punkte aus elf Spielen holen. Das wäre verwunderlich und gar nicht schön. Wenn sie ihre restlichen fünf Heimspiele gewönnen, stünden sie bei 50 Punkten und hätten zwei mehr als im Pokaljahr. Damals spielten sie nach dem Einzug ins Endspiel bisweilen vogelwild und wurden mit 48 Punkten Sechster.  Wenn sie alle Spiele gewinnen, auch die schweren Brocken in Dortmund und mittlerweile Köln, dann wären das 68 Punkte, was für den Altmeister von 1968 durchaus Stil hätte. Mit dieser Punktzahl wurde Schalke hinter Stuttgart 2007 Zweiter. *Seufz*.

Gegen jene Schalker geht es als Nächstes. Ich habe den Verdacht, Magath setzt voll auf Champions League, verwirrt die Scouts mit taktischen Transfers (Charisteas, Karimi) und plant heimlich das ganz große Ding. Also keine schlechten Voraussetzungen für den nächsten Auswärtscoup, schließlich ist vom Viertelfinale noch was offen.  Zu einer ausgeglichenen Auswärtsbilanz fehlen noch mindestens zwei Siege und vier Unentschieden. Vielleicht setzt auf Schalke Gündogan ja dann schon wieder die Offensivakzente.

Es geht voran »

Zwei Punkte nach drei Spielen sind auf den ersten Blick nicht besonders viel, trotzdem ist der Saisonanfang bei Nürnberg sehr ordentlich. Dass es gegen Freiburg nichts wird, war abzusehen. Die Breisgauer waren an zwei Abstiegen der Nürnberger unmittelbar beteiligt, 1994 war es Schicksal, weil die Finke-Elf im Jahr danach Bundesligageschichte schreiben mußte, 1999 zementierte der Club seinen Nimbus als ewiger Depp im Fernduell mit Frankfurt, Berger, Fjörtoft, usw.

Letztes Jahr lag der Club gegen Freiburg nach drei Minuten 0-1 hinten und bot eine Orgie der Einfallslosigkeit, schlimmer noch als die drei 0-4-Klatschen in Leverkusen, Dortmund, Hamburg. Diesmal waren sie die bessere Mannschaft, die sich leider selbst ein Bein stellte. Sowohl gegen den Sportclub als auch gegen Mönchengladbach beganndie Elf stark, nach dem Gegentor fiel den Spielern dann nichts mehr ein. Den Lernbaustein “Rückstand aufholen” konnten sie am vergangenen Samstag gegen den HSV ihrem Entwicklungsprozess hinzufügen.

Das Stadion formerly known as Volkspark liegt im Grünen in der Nähe von Stellingen, was in der Nähe von Hagenbecks Tierpark liegt. Überall gibt es Graffitis, die “USP verkünden. Eine S-Bahn-Unterführung ist wohl ein Unique Selling Point für irgendwas, aber vielleicht steht das Kürzel auch für Ultras St. Pauli oder Uwe Seeler Pinneberg, wer weiß das schon, im kompliziertem hanseatischen Zeichengeflecht. Am Südende des Alten Elbtunnels gibt es auf dem kleinen Aussichtsplatz, von dem aus man so schön auf die Landungsbrücken und das Stadtpanorma kucken kann, einen Aufkleber: Lieber in Bremen sterben als in Hamburg leben und in der Simon-von-Utrecht-Straße, im tiefsten St. Pauli, steht ein Zweizeiler an der Wand: Schanze, Pauli schwarz und blau? Verpiss dich schnell, du Rautensau. So viel Inbrunst in diesen einfachen Worten. Am Tag, bevor St. Pauli in Köln verlor, hatten Unbekannte die Tore auf dem Trainingsgelände von Pauli in ebendiesem schwarz und blau angemalt. Dem Gladbach-Fan, den ich am Wochenende kennenlernte, geht es so wie mir: Ich mag beide Hamburger Vereine, die Einheimischen müssen sich irgendwann entscheiden und mögen die metrosexuellen Mätzchen der Auswärtigen nicht.

Ob mit oder ohne Raute: Gegen die intelligent und aufopferungsvoll verteidigenden Nürnberger fiel dem HSV nichts ein. Nur bei einer Standardsituation stand die Clubabwehr wieder gnädig Pate, aber dann kam der Antritt von Schieber und der Elfer von Pinola, freundlicherweise auf unserer Seite des Stadions. Die riesige Betonschüssel hat eine knusprige Akustik, ein neues Stadion, das aussieht wie ein altes, was gar kein Nachteil ist. Instant Patina. Der Club, der in 14 Spielen der Vorsaison torlos blieb, hat jetzt in jedem Spiel getroffen und kann drei verschiedene Torschützen verzeichnen. Den letzten Punkt beim HSV gab es 2006 mit einem 0-0, in der – ich sag das jetzt völlig wertneutral – Pokalsiegsaison. Der letzte Sieg ist ein 1-0 aus 1992, Torschütze Wück, der damals unsinnig früh Verkaufte.

Nicht nur die gute Abwehrleistung erinnert an die beste Zeit unter Meyer. Es gibt eine klare Struktur, schön heraus gespielte Konter, Leidenschaft, ob Wolf, Judt oder Almog Cohen, der unermüdlich ins Pressing ging, dazu Schieber, der nicht nur von der Frisur her an Vittek erinnert. Wenn Andy Wolf mit der kicker-Note 3 und Per Nilsson mit der 2 den Champions-League-Torschützenkönig-Triple-Meister-Van-the-Man van Niestelrooy mit einer 4,5 nach Hause schicken, dann kann in dieser Saison noch viel passieren. Vielleicht sogar ein Auswärtssieg ohne Gegentor. Da würde sich Leverkusen doch geradezu anbieten. Da gab es 2002 als letzten Dreier ein 2-0 für den Club.

Fehlende Nachwuchsarbeit beim Club »

Während alles mit wachsender Vorfreude gen Südafrika blickt, vollzieht sich so ganz nebenbei, quasi “im Rücken der Akteure” (Marx) die Vorbereitung für die neue Saison. Der Club beginnt zum Beispiel am 3. Juli mit dem Training, an diesem Sonntag finden die letzten beiden Viertelfinalspiele statt.

Bernd Altmann aus Erlangen hat in einem Leserbrief an den kicker am 25. Mai die Leihspielerstrategie beim Club und die mangelnde Nachwuchsarbeit kritisiert. Am Donnerstag darauf gab es eine Übersicht zu den Transfers in der Dritten Liga, und gleich drei Spieler werden den Club verlassen: Trettenbach von den A-Junioren und Valentini aus der Zweiten gehen zu Aalen, Kulabas geht zu Heidenheim. Kulabas ist mit den Amateuren in der Regionalliga hinter Aufsteiger Saarbrücken Zweiter geworden und hat in 30 Spielen 15 Tore geschossen. Pagenburg, der nie eine echte Chance bekommen hat, soll bei Erfurt mittlerweile wieder abgegeben werden, Reinhardt, der eine wirklich gute Pokalsaison gespielt hat, wurde danach ausgebootet und mittlerweile nach Augsburg abgeschoben, Engelhardt vegetiert beim KSC vor sich hin.

Wenn Kießling zu Leverkusen geht, Cacau zu Stuttgart, Kluge zu Schalke, weil sie dort bessere Perspektiven haben oder mehr verdienen, kann der Club nichts machen. Schäfers Rückkehr ist insofern ein absoluter Glücksfall. Aber die selbst ausgebildeten Leute an unterklassige Vereine weiterzureichen ergibt keinen Sinn. Nachwuchsarbeit ist die einzige langfristige Perspektive, auch wenn Leute wie Schieber oder Okotie sicherlich interessant sind, und Bader mit Frantz, Gündogan und Diekmeier sein altes Händchen wieder gefunden hat.

%d Bloggern gefällt das: