Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Von 0-1 bis 0-1 »

Vor zwei Jahren gegen Spanien im Finale 0-1, jetzt im Halbfinale 0-1, und das soll jetzt ein Fortschritt sein?

Der große Favorit hat die Überraschungsmannschaft verdient besiegt, und ohne Löws Personalentscheidungen bekritteln zu wollen: Es lag auch an der Routine. Ein Neuer mit 50 Länderspielen hält den Kopfball von Puyol vielleicht, ein Özil, der nicht sechsmal mit Khedira zusammengespielt hat, sondern 60 Mal – wenn auch niemals gefühlte 600 Mal wie Xavi, Iniesta und Xabi Alonso – irrt vermutlich nicht wie eine verlorene Seele über den Platz, auf der Suche nach dem freien Mann und dem Pass in die Schnittstelle. Gegen Argentinien ist die deutsche Nationalmannschaft über sich hinaus gewachsen, gestern hat sie die Realität wieder eingeholt. Podolski spielte äußerst dezent, Boateng und auch Lahm fanden beinahe nur defensiv statt, die eingewechselten Jansen, Kroos, Gomez konnten alle keine Impulse setzen. Schweinsteiger war defensiv groß, hätte sich aber entgegen der taktischen Vorgabe irgendwann zum offensiven Spielmacher aufschwingen müssen. Alles blieb irgendwie fahrig, ungenau halbherzig. Wieder so ein Spiel, bei dem man sich insgeheim fragt, ob es mit Ballack anders gelaufen wäre. Die Stelle desjenigen, der das 1-0 macht, auch wenn es mal nicht so läuft, ist im Moment vakant. Klose bekam keinen einzigen vernünftigen Ball.

Aber Spanien, das Team mit den zwei, drei, elf Gehirnen, ist nicht der Maßstab. Der Maßstab ist die EM 2004. Vor zehn Jahren wurde der altteutonische Stil beim 0-3 gegen Portugal endgültig beerdigt und es war schauerlich. 2002 konnte man sich noch einmal gegen kleine(re) Gegner ins Finale pflügen, 2004 herrschte in drei Vorrundenspielen vollkommene Ratlosigkeit. In gewisser Weise war das 0-0 gegen Lettland sogar noch sc hlimmer als die Niederlage gegen Figo und seine Generation vier Jahre zuvor. Danach wurde der DFB entmüllt. Auch wenn er heute mit krächzender Stimme wie ein Untoter aus dem Off bei RTL Banalitäten als Expertisen verkauft, die Rolle des Populisten Klinsmann kann man für die organisatorischen Neuerungen gar nicht hoch genug einschätzen. 2008 gab es erste, zarte Pflänzchen der Hoffnung, bei der EM gegen Polen, Portugal und die Türkei, außerdem das Quali-Spiel gegen Rußland. 2010 hat endgültig einen neuen Standard geschaffen, an dem sich die Mannschaft und ihr Trainerstab in Zukunft messen lassen darf.

Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.

Lyon chancenlos – Van Gaal war der Königstransfer »

Das war wirklich eine reife Leistung der Bayern, nicht nur von Olic, der die lange Liste von vorschnell verkauften HSV-Spielern anführt, um die man eine Mannschaft hätte bauen können. Und für den gab es nicht einmal Ablöse. Egal, wie der Gegner am 22. Mai heißen wird, es wird ein großes Endspiel werden. Dass die Bayern nicht mehr daher kommen wie ein überkandidelter Schluck Wasser, der sich für Weizenbier oder Champagner hält, liegt vor allem an Louis van Gaal. Als Trainer hatten die Herren Verschmitzt und Verkniffen (Magath und Hitzfeld) durchaus ihre Qualitäten, aber es brauchte jemand von außerhalb, der in der Lage war, die vielen Köche aus der Vorstandsetage dazu zu bringen, den Löffel abzugeben, rein bildlich gesprochen jetzt. Bei van Gaal legt sogar Kim Il McRummenigge die Ohren an und verkneift sich seine Seitenhiebe auf die eigenen Leute, die er für motivationsfördernd hielt. Von dem Surflehrer aus Kalifornien wollen wir gar nicht reden, van Gaal ist sein eigener Buddha.

Am Schluß der Vorführung kam die Hoffnung auf, die Bayern könnten nach dieser Gala Bochum unterschätzen, das sicherlich nicht so wutschnaubend von Minute Eins an anrennen wird wie die Lyoner es versuchten. Aber der letzte Pass, die letzte Übersicht, sie waren nicht da. Und so haben die Bayern nach der bisherigen Gegentorflut in beiden Halbfinals zu Null gespielt. Das ist die eigentliche Sensation.

Lob des Butt »

Es ist schon bemerkenswert, wie der große Kühle aus dem Norden beim Ringelpietz mit Auswechseln stets die Nerven behält. Als Ersatz verpflichtet, ging er brav mit Käptn Klinsman auf Buddhafahrt, überstand das Katstrophendebüt in Barcelona, für das er nichts konnte, und war einer der Spieler, die im Schlußspurt noch den Platz in der Champions League sicherten. Nach Heynckes kam der dritte Trainer in zwölf Monaten, der erneut Rensing den Vorzug gab. Und jetzt debütierte die Nummer 2 am vergangenen Samstag im richtungsweisenden Spiel gegen den Meister als Nummer 1. Butt war in den entscheidenden Situationen hellwach, er hat den Bayern das Spiel nicht gewonnen, aber er war besser als nur fehlerfrei: ein ruhiger Rückhalt der nach wie vor bestenfalls durchschnittlichen Hintermannschaft. Butt hat als hervorragender Vertreter seines Fachs Respekt verdient, Bayern hin oder her. Wenn er jetzt noch anfängt, Elfmeter zu schießen, wäre er glatt ein Mann für Yogi Löw, dessen Leistungsprinzip immer mehr nach Erich Ribbeck aussieh. Vielleicht retten sich seine Jungs gegen Italien ja 2010 ins Elfmeterschießen, sofern sie gegen Finnland nicht verlieren. Dann kommt es zum Showdown Butt gegen Buffon.

Löwe und Raute kriseln vor sich hin »

Gestern machte das Zappen mal so richtig Spaß. Im Bayerischen Rundfunk bei “Blickpunkt Sport” räsonierten drei eigentlich recht sachkundige und schlitzohrige Bayern-Fanclub-Mitglieder darüber, wieviele Kubikmeter verbrannte Erde Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße hinterlassen hat, und ob es jetzt der größere Fehler war, Ze Roberto gehen zu lassen oder Lucio zu verkaufen. Der eine Fan war strikt gegen Neueinkäufe, der andere dachte laut: “Wannda Vandavart na kemma dat…Oda da Wesley Schneijder.”

Jean-Marie Pfaff  war da und machte vor, wie Rensing richtig aus dem Tor rausläuft, wenn eine Flanke aufs kurze Eck kommt. Die Fanclubvertreter waren eher pro Rensing, ob der Hoeneß Uli mit seiner Tirade gegen Neuer, Enke und wie sie alle heißen, dem unsympathischen Jahrhunderttalent nicht eine schwere Bürde auferlegt hat, stand übrigens nicht zur Debatte. Auch nicht, dass Angehörige des Fanclubs Schickeria nach dem Spiel in Mainz wieder randaliert hatten. Vor zwei Jahren hatten sie bei Würzburg einen Bus mit Clubfans überfallen und einer Frau das Auge ausgeschlagen.

Zeitgleich mit Pfaffs Bewegungsübungen verloren die Sechziger im Kalbsrollbraten  von Fröttmaning 1-3 gegen den KSC. Dieses Spiel hat insofern fußballgeschichtliche Bedeutung, als Christian Timm 1 (in Worten: ein) Tor erzielt hat. Die Löwen mußten gerade den Abgang von Bender Nummer 2 nach Leverkusen verkraften und sind mit 13 Punkten auf Platz drei, nein mit drei Punkten auf Platz 13 so weit weg eigenen Anspruch wie die Lokalrivalen eine Etage weiter oben. Dass die Sechzger aufsteigen wäre allerdings fast ein so großes Wunder wie ein Tor von Christian Timm. Bei den Bayern könnte es nach einer Trotzreaktion zu Platz drei reichen.

PS: Union Berlin hat sich von seinem anrüchigen Sponsor getrennt. Das wird die Aufstiegschancen nicht schmälern.

Ist Kuranyi selbst schuld? »

Im kicker schreibt Thiemo Müller heute, Kuranyi sei allein schuld an seiner Misere. Wenn Müller damit sagen will, selbst schuld, wer daran glaubt, beim DFB gehe es nur nach Leistung, hat er recht. Ansonsten war Kuranyis Abgang beim Spiel gegen Rußland eine sehr gesunde Reaktion auf das zynische Katz-und-Maus-Spiel, das die Trainer Klinsmann und Löw mit ihm betrieben haben. Es war mies, Kuranyi nicht zur WM 2006 mitzunehmen. Es war ein schlechter Witz, Gomez die EM 2008 als Einspielzeit zu gewähren, auch gestern blieb er wieder blaß. Möglicherweise ist er wie Kirsten einer, der mit der Nationalmannschaft nicht richtig warm wird. Ballack bricht heute, ebenfalls im kicker, eine Lanze für Kuranyi. Und jedes Tor des Schalkers wird die Diskussion intensivieren. Dass Podolski in der Nationalelf nichts verloren hat, ginge es nach Ballack, hat der Kapitän zwischen den Zeilen auch zu erkennen gegeben. Mal sehen, was passiert, wenn Helmes den Anschluß nicht findet, Gomez weiter mannschaftsdienlich und torlos spielt, Podolski in den Kölner Querelen hängenbleibt und Kießling wie bisher kein Knipser wird. Kommt dann Odonkor wieder? Kuranyi ist seit Jahren der stetigste Stürmer, obwohl er in Schalke die Fans von Anfang an gegen sich hat. Wenn das keine Charakterstärke ist, was ist es dann?

Finale Grande »

Endlich mal wieder ein Meister, der den schönsten Fußball spielt. Vor drei Jahren jammerte Christoph Biermann auf Spiegel-Online über die allgemeine Begeisterung beim Wolfsburg-Bashing. Dann traf das Two-Hit-Wonder Makiadi im entscheidenden Abstiegskrimi einmal und legte einmal auf, dann kam Magath. Voilà und Gratulation. Das Interview auf dem Rathausbalkon in München war ein echtes Schmankerl. Ich fürchte, in Gelsenkirchen gibt es gar kein Rathaus geschweige denn einen Balkon.

Ansonsten lauter gute Ergebnisse, Bayern auf Platz zwei ist völlig in Ordnung. Jetzt darf van Gaal eine Taktik ausklügeln, bei der man in der KO-Runde weder auf AC Milan, Barca oder englische Mannschaften trifft. Hertha, als Vizemeister der Herzen nach Baden gefahren, kehrt aus dem Wildparkshredder zerzaust in die Heimat zurück. Aber CL wäre des Guten zu schnell gewesen. Erst mal Omonia Nikosia überstehen, bevor ManU kommt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: dass es der HSV geschafft hat oder dass es Dortmund nicht geschaft hat. Ein gnädiges Ende nach alptraumhaften Wochen für Jol und seine wackere Truppe, nicht immer heißt der Gegner Bremen. Dortmund traute sich nicht, gegen gerettete Gladbacher voll auf Sieg zu spielen und wurde bestraft. Das 14. Unentschieden war eins zu viel für Europa. Trotzdem ist der BVB unter Klopp auf einem guten Weg. Bergdölmo ist nur noch ein böser Traum.

Hoffenheim landet vor Schalke, Bremen und Leverkusen. Hätte es die irrsinnige Hinrunde nicht gegeben, wäre allein schon das ein Grund, Kapriolen zu schlagen. Sollte Ibisevic wieder auf die Beine kommen und die gute Transferarbeit fortgesetzt werden, war das der Anfang einer wunderbaren Bundesligakarriere. Und Hildebrand kommt langsam in Form.

Im Keller krallt sich Cottbus den Relegationsplatz. Das freut mich erst einmal, noch mehr, wenn morgen der Club noch Zweiter wird. Jedenfalls geht es weder gegen Hans Meyer noch Fucking Bielefeld und Jörg “Untot” Berger, die als 18. nach unten gehen. Der Feuerwehrmann kam diesmal zu spät. Vielleicht in Ostwestfalen einfach mal “Burning down the House” von den Talking Heads auflegen und eine Runde chillen.

Der Rest war stille Begleitmusik, abgesehen von der Entlassung Funkels. Mehr als er kann man aus dieser Mannschaft mit dieser Verletzungsserie nicht herausholen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es so etwas schon einmal gegeben hat, auch die legendäre Vier-Kreuzbandrisse-Saison von Dortmund kommt da nicht ran. Und jetzt will man europäisch spielen und weiß nicht, mit wechem Trainer. Das klingt alles verflucht nach launischer Diva. Vielleicht darf Stepi noch einmal ran, oder das sympathische Jahrhunderttalent Jürgen K. Die Direktflugauswahl nach Kalifornien soll in FRA ja recht gut sein. Mir hat der Kommentar im kicker zu Klinsmann recht gut gefallen, der sich gar nicht darauf einläßt, Medienschelte zurückzuweisen, sondern dem Guru schlicht und sachlich einige seiner Fehler noch einmal aufzählt. Als verkanntes Trainergenie hatte der Jürgen tatsächlich Ähnlichkeit mit seinem ewig mißverstandene Kollegen, dem Lothar.

PS: Sage keiner, die Bremer hätten es heute versaut. Hätte Bayern in Wolfsburg einen Punkt geholt, wären sie heute mit diesem Punkt Vorsprung Meister geworden. Nicht nur der SVW ist bei den Wölfen in dieser Saison 1-5 untergegangen.

Der Zauberlehrling (Säbener Remix) »

Hat der alte Meistertrainer

Sich im Sommer weg begeben

Und nun sollen seine Spieler

Auch mit mir zu Titeln streben

Trainingsplan und Taktik

Mach ich aus dem Bauch

Mit mentaler Stärke

Tu ich Wunder auch

Balle, balle

Schweini Ecke

Daß zum Zwecke

Toni schieße

Und mit reichem, vollem Schwalle

Tor auf Torflut sich ergieße

.

Rensing komm, du alter Besen

Nimm die neue Trikotage

Bist schon lange Knecht gewesen

Spielst jetzt in der Beletage

Auf zwei Beinen stehe

Nicht zu weit vorm Tor

Eil heraus und gehe

gegen jeden vor

Kralle, kralle

Edler Recke

Manche Ecke

Unterlaufen

Hier und da ein Stellungsfehler

Gegentor zum Haare raufen

.

Seht, da läuft die Viererkette

Wahrlich, sie läuft hinterher

Und mit Blitzesschnelle wieder

Fällt ein Kontertor nicht schwer

Lell und Demichelis

Tanzbären unter sich

Und auch Lahm und Lucio

Gar nicht meisterlich

Butt und Buddha

Leistungszentrum

Täglich wird

Laktat gegessen

Doch, ich merk es, wehe, wehe

Habe Jogi Löw vergessen

.

Ach, der Sport, der schien so simpel

Den man aus dem Ärmel schüttelt

Ihn kapiert nicht jeder Gimpel

Barca hat uns durchgerüttelt

Immer neue Flanken

Brachten sie herein

Meiner Spieler Füsse

Waren schwer wie Stein

Nein, nicht länger

Kurz zu passen

Musst ich lassen

Meisterstücke

Vielleicht frag ich Arsene Wenger

Welcher Spieler, wo die Lücke

.

O du Ausgeburt der Hölle

Klose konnte nicht mehr laufen

Vielleicht würd ich auf die Schnelle

Doch noch einen Neuen kaufen

Ein verstockter Spieler

Der nicht hören will

Poldi, oh mein Poldi

Bist ja gar so still

Willst am Ende

Mich verlassen

Will dich fassen

Will dich halten

Denn als Stammplatzbankverwalter

Bist du einer von den Alten

.

Seht, da kommt van Bommel wieder

Und er foult sogleich mit Verve

Sorgt für Mittelfeldbambule

Krachend trifft der Stollen Schärfe

Wahrlich, brav getroffen

Sechser Nummer zwei

Auf ihn konnt ich hoffen

Der Ze lief für drei

Fummel, fummel

Franck der Dribbler

Freistoßschnibbler

Spielte viel zu eigensinnig

Völlig fertig gegen Schalke

Null zu eins, ich glaub, jetzt spinn ich

.

Und sie spielen, mies und mieser

Wird die Stimmung auf den Rängen

Welcher Trainer? Nur nicht dieser

Management folgt ihrem Drängen

Schwupp, da kommt der Meister

Jupp, die Not ist groß

Unsren Zauberlehrling

Sind wir endlich los

Auf der Strecke

Klinsi Klinsi

Sei’s gewesen

Fußballlehrer

Heißt nicht Ball und Pass und Ecke

Sondern ist bekanntlich schwerer

Käptn Klinsmann in schwerer See »

Selbst wenn Barca im Hinspiel nullnull gespielt hätte, wären sie weitergekommen, ich finde, das macht den Klassenunterschied noch einmal deutlich. Und die Radioreportage von Andre Siems und Edgar Endres war grenzwertig. Siems auf dem Anti-Italien-Verschwörungstrip, Endres sprach mehrüber die pfeifenden Fans als über das Spiel.

Dass die Südkurve den Trainer auspfeift kam wahrscheinlich zuletzt mit Jupp Heynckes vor, und gellt in der prachtvollen Quartalsverluste-Arena besonders prächtig. Jetzt muss Uli Hoeneß halt das Festgeldkonto abräumen und auf elegante Weise Kim Il McRummenigge beseitigen, damit Otti den Doppelverdiener machen kann. Dann käme Frei zu den Bayern und die Welt wäre beinahe gerettet.

Dass sich Klinsmann die taz auch noch aufbürdet, zeigt, wie sehr er von der Rolle ist.  Am Osterdienstag wäre die Sache vergessen gewesen. Die Klinsmann- und Bayernfreundliche taz hat jetzt das Problem, eine Klage abzuschmettern, mit der sie nie gerechnet hat.

Stille Momente perfekten Glücks »

“Oh wie ist das schön, oh wie ist das schön..” wäre deplatziert, liegt ein historisches 1-5 doch gerade erst einmal vier Tage zurück. Aber Barcas Auftritt war schon das Sahnestückchen der bisherigen Saison. Wäre da nicht der legendäre Bayerndusel, die Partie wäre wohl 8-0 ausgegangen. Und die tragischen Fälle Lell und Rensing zeigen, wie sehr alles falsch läuft bei den Bayern. Unter Hitzfeld war Lell ein hoffnungsvolles, wenn auch mäßig begabtes Eigengewächs. Trainingsfleißig wie Dieter Eilts und bescheiden wie Rudi Völler hätte er vielleicht ein solider Rechtsverteidiger werden können, so gut wie Arne Friedrich, unauffällig und unverzichtbar. Unter Klinsmann wurde durch die Verpflichtung des sympathischen Jahrhunderttalents Maximo-Otto Lells Karriere bei den Bayern auf sehr ruppige Art offiziell für beendet erklärt. Wer dem behäbigen Italiener mit seinen unsäglichen Flanken aus dem Halbfeld weichen muss, sollte lieber Tischtennis spielen oder Sportsocken verkaufen.  Lell heute ins Offensivspiel von Messi laufen zu lassen, hatte etwas von Menschenopfer. Ja, Lahm war verletzt und Lucio auch und van Buyten erhielt aus guten Gründen Dispens. Aber wo war eigentlich der für links unlängst erst verpflichtete Marcell Jansen? Auch keine Granate im Defensivbereich, aber wenigstens läuferisch hätte er Messi nahe kommen können. Und beinahe jeder, der in der Bundesliga hinten links spielt, hat taktisch mehr drauf als Lell in dieser Position. Hätte man da nicht wie die Gladbacher in der Winterpause noch jemand holen müssen? Wahrscheinlich schafft Klinsmann es nicht, sechs gleichwertige Ersatzspieler ins Team zu integrieren und bei Laune zu halten. Deshalb tauchte im Camp Nou der Name Badstuber im Bayernkader auf.

Nehmen wir an, die Bayern hätten mit dem neuen Trainer und dem neuen Konzept diese Saison als Jahr des Übergangs ausgerufen. Dann hätte der junge Rensing bei seinem Weg in die größten Fußstapfen, die die Liga 2008 zu bieten hatte, in Ruhe aufgebaut werden können, so wie Adler in Leverkusen. Aber Rensing erst wie Hoeneß zum einzig ernsthaften Anwärter auf die Nachfolge von Lehmann auszurufen, ihn wie Klinsmann immer mit der Formel “Er wird die Zeit bekommen, die er braucht” in Sicherheit zu wiegen, und ihn dann kurz vor dem Spiel des Jahres kaltschnäuzig abzuservieren, das ist planlose  seelische Grausamkeit. Es ist dieses ewige Hüh und Hott, dieses Weltklasse sein wollen und über Nacht Nachwuchs aus dem Hut zaubern müssen, das nicht funktionieren kann. Guerrero weg. Kroos weg. Schlaudraff  weg. Podolski in tiefster Melancholie. Schweinsteiger in der Stagnation. Und der schon erwähnte Janssen blüht unter Jol in der Rückrunde auf, wird jeden Tag ein bißchen besser. So wie Aogo, Pitroipa, Guerrero. Vermutlich kommt im neuen Jahr Enke. Und Rensing wird der Kompagnon von Lell. Nachwuchsarbeit 2010.

Die Bayern haben es geschafft, in den letzten Jahren zwei der drei besten deutschen Trainer (Schaaf wäre ebenso wenig kompatibel wie Frings) zu vergraulen. Hitzfeld ist gegangen, weil ihm Kim Il McRummenigge vorgerechnet hat, dass Fußball keine Mathematik ist. Magath ist gegangen, weil er die geballte Fußballkompetenz an der Säbener Straße nur mit geballter Faust in der Tasche ertragen konnte, und weil er ein wenig von dem vielen schönen Festgeld gerne in neue Spieler investiert hätte.

Wenn es jetzt ausgerechnet dem seriösen, geduldigen Funkel und dem Chancengleichheitsverfechter Bruchhagen und der verletzungsgeplagten Eintracht gelänge, den Bayern auch noch den Zahn in der Meisterschaft zu ziehen, könnte man von einer perfekten Woche sprechen. Aber in der Allianz-Arena sind die Bayern ja eine nicht nur von den eigenen Fans gefürchtete Heimmannschaft.

Deutscher Meister HSV? »

Einiges spricht dafür. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hat sich der HSV einem Konkurrenten taktisch deutlich überlegen gezeigt. Ausserdem hat er schon reichlich Rückstände gedreht in dieser Saison, gleich am Anfang bei den Bayern oder auch im Hinspiel gegen Leverkusen. Für mich ist diese Fähigkeit entscheidend auf dem Weg zur Meisterschaft unter Wettbewerbsbedingungen. Soll heissen, wenn nicht die ganze Liga wie das Kaninchen auf die Bayern starrt. Der HSV hat den Verlust von van der Vaart und de Jong sowie zahlreiche Verletzungen gut weggesteckt und wirkt sehr kompakt. Das Spiel gegen Wolfsburg wird die Probe aufs Exempel.

Glücklicherweise sind die Zeiten totaler Unterwürfigkeit gegen die Bayern vorbei. Es war sehr feinsinnig von Christoph Daum, der den Bayern “keine Niederlage mehr bis Saisonende”  gewüscht hat. Mit dreizehn Unentschieden hätten die Bayern 51 Punkte, das reicht locker für Platz acht, vielleicht ja sogar sechs. Wegen Hoffenheim merkt keiner so richtig, was für eine klasse Saison der 1. FC Köln spielt. Ich bin gespannt auf die Saison mit Poldi.

Im Moment haben die Bayern vier Punkte Rückstand und gegen den HSV und Hertha schon verloren. Aus eigener Kraft kommen sie an die beiden nicht mehr ran. Und wandern mit The Next Uri Geller langsam in den Keller? Die Verpflichtung Klinsmanns war auch deswegen rätselhaft, weil er keine Qualifikation spielen musste. Der Faktor Zeit in einer Saison spielt eine nicht unerhebliche Rolle, nervlich wie körperlich. Löw, den ich für einen sehr guten Trainer halte (Klinsmanns Nachfolger bei den Bayern?), sieht gerade, dass eine WM-Quali mehr ist als nur ein Sommermärchen. Es gibt Durchhänger, Konkurrenzkämpfe, Angstgegner und den täglichen Kleinkram, zum Beispiel Spieler, die sich pümktlich zu Testspielen verletzt abmelden. Klinsmann lernt gerade, dass man nicht zwölf Monate lang immer nur den Überflieger geben kann. Andererseits muss man die Bayern verstehen. Im Januar 2008 war klar, dass Hitzfeld nicht verlängern würde. Für die ganz großen Namen (Wenger, Mourinho) sind die Bayern nicht mehr attraktiv genug, und die unbekannten Fachleute wie Jol und Rutten haben keinen Glamourfaktor, auf den man an der Säbener Straße Wert legt. Klinsmanns Verpflichtung war der Versuch, shock and awe in die Bundesliga zu transferieren. Und weil der Boulevard brav Massnahmen gehypt hat, für die Berti Vogts vor zehn Jahren bei Leverusen verspottet wurde und weil Ribery ein Ausnahmespieler ist, hat das auch eine Zeit lang funktioniert.  Jetzt wird es langsam eng und die Zahlen sprechen gegen die Bayern. Wer in allen Bundesligaheimspielen mindestens ein Gegentor kassiert, hat in der CL schlechte Karten. Es warten mit Wolfsburg, Hoffenheim, Bremen und vor allem Cottbus noch vier richtig schwere Auswärtsspiele auf die Bayern. Wenn man das Experiment mit Klinsmann gewagt hat, warum rief man dann gleichzeitig den Gewinn der CL als Saisoniel aus?

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