Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Das Drama des begabten Kindes »

Mario Götze ist nicht der erste hoffnungsvolle deutsche Spieler, der mit einem Wechsel zum FC Bayern München seine Karriere ruiniert, auf Null abgebremst oder zumindest aus der Bahn gesteuert hat.  Jan Schlaudraff (Saison 2007-08 / 8 Bundesligaspiele / 150 Spielminuten), Alexander Baumjohann (2008-09 / 3 / 90), Mitchell Weiser (2012-15 / 16 / 914), Jan Kirchhoff (2013-14 / 7 / 82), Sebastian Rode (2014-16 / 38 / 1359) heißen die Opfer der letzten Jahre. Alle hatten vor ihrem Engagement bei Bayern eine tragende Rolle in ihren Vereinen oder dort sehr jung eine sehr gute Saison gespielt.

Keiner von ihnen würde zugeben, dass der Wechsel zum „Branchenprimus“ ein Fehler war. Zumeist murmeln die Kandidaten auf diese Frage meist mehr oder weniger verkniffen etwas davon, dass sie auf höchstem Niveau arbeiten durften und unglaublich viel dazu gelernt haben. Richtig ist, dass sie nach der langen Bankdrückerei nicht nur mit einer super-super-super Gesäßmuskulatur zu ihrem nächsten Arbeitgeber wechseln. Auch eine berufliche Perspektive als Gebietsleiter im Außendienst für diejenigen ergonomischen Sitzmöbel, die man so ausgiebig kennenlernen durfte, ist nach dem Ende der sportlichen Laufbahn für den langfristig planenden Profi von heute ein echter Zugewinn. Mitchell Weiser ist im zarten Alter von 22 Jahren immerhin schon dreifacher Deutscher Meister.

Bei Mario Götze ist alles ein bißchen anders. Als Siegtorschütze in einem WM-Finale ist er eine lebende Legende, kein hoffnungsvolles Talent. Ohne die Fähigkeiten der anderen hier Genannten zu schmälern ist es fair zu sagen, dass Götze mit außergewöhnlicher Begabung ausgestattet ist. Gleichzeitig ist Götze alles, bloß kein Star zum Anfassen. Ihn kann ich mir gut vorstellen, wie er frisch gefönt im weißen Tennispullover mit V-Ausschnitt aus dem Wellnessbereich des privaten Tennisclubs geschlendert kommt. Der Parkplatzboy fährt den Lamborghini vor, Götze drückt ihm 100 Euro in die Hand und sagt: Stimmt so. Das mag völlig falsch sein, genauso wie es falsch sein kann, dass Cristiano Ronaldo ein testosterongesteuerter Möchtegernmarshall ist, auch wenn er sich so hinstellt, wenn er einen Freistoß tritt. Götzes Tor gegen Argentinien ist jedenfalls paradigmatisch für seine Spielweise und die Spielweise der Nationalmannschaft, der er angehört. Helmut Rahns Schuß aus dem Hintergrund war der Glücks- und Verzweiflungsschuß der kriegsgeprägten Generation der fünfziger Jahre. Der ehrliche Malocher, Sohn eines Bergmanns, Kind des Ruhrgebiets und des Wirtschaftswunders, haute ihn irgendwie rein, so wie man in den Jahren davor irgendwie über die Runden gekommen war. Gerd Müllers Tor gegen Holland verdichtet die siebziger Jahre in einem Augenblick: Popo raus, irgendwie im Liegen, Vorlage von Bonhof, einem Gladbacher. Das alles unter dem Dach dieses atemberaubenden Stadions, das ein so wirkungsmächtiger Gegenentwurf zu jeder Art von Großmannssucht war.  Andy Brehme steht für den Stil der Ära Matthäus: Spielfreude durch Kraftmeierei. Loddar, Ruuudi und die anderen waren keine Rumpler, vor allem nicht bei der WM 1990. Aber vielleicht doch eher Atlético als Real, eher Hansdampf als filigran. Und 2014 dann Götze, dessen Vater kein Bergmann ist, sondern als Professor im modernisierten Ruhrgebiet irgendwas mit Medien macht. Bei seinem Kabinettstückchen in Rio machte Mario Götze nicht nur alles richtig, sondern auch bezaubernd schön. Außer Maradona fällt mir keiner ein, der in so einem Spiel so ein Tor hätte schießen können.

Wirklich schade, dass dieser Götze (2012-16 / 114 / 7377) bei Bayern nur eine Randfigur ist. Oder war das gewollt? Ist Götze auf der Bank für Bayern wertvoller als bei Dortmund in der Startelf? Im Wirtschaftsleben ist diese Strategie nichts besonderes. Ständig werden Patente aufgekauft, damit sie von der Konkurrenz nicht kommerziell verwertet werden können. Warum nicht also aus einer funktionierenden Mannschaft das Ausnahmetalent herauslösen, um es bestens dotiert als Randfigur versauern zu lassen? Bayern kann für einen Spieler, den man nicht braucht und den man nicht will, mehr Geld ausgeben als andere Vereine für ihren gesamten Kader. Matthias Sammer formulierte das Selbstverständnis der Bayern im Februar 2015 so: „Wir kommen jetzt in die ganz heiße Saisonphase, das muss uns bewusst sein, da müssen wir den Maschinenmodus und nicht den Gefühlsmodus anwerfen. […] Jetzt zählt kein Gefühl, wir müssen gnadenlos gierig sein und wieder in diesen gnadenlosen Rhythmus kommen.“ Auch wenn Sammer ernsthaft erkrankt ist und ich ihm baldige Genesung wünsche, bin ich froh, dass derartig unmenschliche Formulierungen seltener zu hören sind, seit er bei Bayern nicht mehr in der ersten Reihe steht.

Selbst schuld, könnte man zu Götze jetzt sagen, er ist ja nicht verschleppt worden. Er wollte zu den Bayern, genau wie Baumjohann, Weiser, Rode und die anderen. Aber ganz langsam zeigen die Spieler der neuen Generation, dass sie es nicht als den Höhepunkt ihrer Laufbahn empfinden, bei München außen vor zu sein. Auch auf dem Branchenprimuskocher wird nur mit Wasser gekocht. Gianluca Gaudino (2014-15 / 8 / 373) wurde 2015 in die super-super-super Regionalliga degradiert und ließ sich Anfang 2016 für eineinhalb Spielzeiten nach St. Gallen ausleihen. Pierre Emil Højbjerg war schon zweimal ausgeliehen und will endgültig weg, genau wie Rode, der es aus dem Kreise der oben genannten Teilzeitprofis immerhin auf eine vierstellige Minutenzahl in zwei Spielzeiten brachte. Vereinstreue wird schnell als Anachronismus denunziert, ein Korb für einen größeren Verein als mangelnder Ehrgeiz. Benedikt Höwedes, der nicht schon dreimal Deutscher Meister war, bezeichnet sich im kicker-Interview am Donnerstag als „ein bißchen Fußballromantiker“, weil er den für ihn optimalen Bedingungen auf Schalke den Vorzug gibt vor als beispielsweise einer lieblos abgenudelten Meisterfeier mit lauwarmen Bier auf einem viel zu engen Balkon.  Dabei sollte man als Spieler doch vor allem eins wollen: spielen.

Götzes Rückkehr zu Dortmund ist ein Ding der Unmöglichkeit – die erdige Fankultur in Lüdenscheid mag keine global player, die überall zuhause sind. Also soll Götze jetzt aus München abserviert werden, möglichst so, dass er keine allzu große Delle in der Transferbilanz hinterläßt. Um so erfreulicher, dass Götze darauf offenbar keine Lust hat und dabei auch noch Unterstützung von Joachim Löw erfährt. Der FC Bayern inszeniert sich gerne als große Familie, in der Causa Götze erinnert er an eine Rockerdisco mit Kim Il McRummenigge als Rausschmeißer. Wenn Götze so dringend gehen soll, warum nicht ablösefrei? Dortmund drei Jahre lang zu schwächen, das sollte doch 35 Millionen wert gewesen sein.

Und täglich grüßt die Extrawurst »

17. Mai 2006 Champions League Finale zwischen Arsenal und Barcelona. In der 18. Minute foult Arsenals Torhüter Jens Lehmann den durchgebrochene Eto’o und sieht Rot. Arsenal verliert ein grandioses Endspiel mit 2-1. Knapp zwei Monate später WM-Endspiel in Berlin. Nach einem Kopfstoß gegen den Italiener Materazzi sieht Zinedine Zidane in der 110. Minute Rot. Frankreich verliert im Elfmeterschießen.

Auch wenn es die Vorstellungskraft der meisten Bundesliga-Schiedsrichter überschreitet: Es ist möglich und dem Spiel sogar förderlich, Regelverstöße von allen Spielern zu bestrafen, egal, ob sie in vermeintlich großen oder kleinen Mannschaften spielen. Die Welt geht nicht unter, wenn es Chancengleichheit gibt zwischen Favoriten und Außenseitern. Warum also ist es nicht möglich, Spiele des FC Bayern regelkonform zu leiten und stattdessen das Team aus München in penetranter Weise zu bevorzugen und die gegnerische Mannschaft zu benachteiligen? Und warum wird diese gängige Praxis von den meisten Sportjournalisten devot oder achselzuckend zur Kenntnis genommen?

Jeder im Stadion in Leverkusen hat gestern Abend gesehen, dass Thiago zwingend hätte Rot sehen müssen. Jeder im Stadion hat am vergangenen Samstag in Dortmund gesehen, dass Xabi Alsonso in der 88. Minute ein Foul an Aubameyang beging, indem er ihm auf den Fuß trat. Das hatte er im Spiel vorher schon dreimal gemacht, weil er läuferische Defizite hat. Jeder im Stadion formerly known as Volkspark hat am 4. Spieltag gesehen, dass Neuer einen Konterversuch in der Nachspielzeit per Handspiel an der Mittellinue unterband und Gelb anstatt Rot sah. Jeder im Berliner Olympiastadion hat am 17. Mai 2014 gesehen, dass Mats Hummels in der 65. Minute ein reguläres Tor für Dortmund im Pokalfinale gegen die Bayern erzielte.

Tom Bartels, der Erste Bayern-Schwadroneur der ARD*, wußte gestern zu vermelden, dass noch nie eine Mannschaft dreimal hintereinander Pokalsieger geworden ist. Es gibt auch keine andere Mannschaft, die in engen, in kritischen Spielen in nationalen Wettbewerben von den Schiedsrichtern so zuvorkommend bedient wird wie die Bayern. Das gleicht sich im Lauf der Saison nicht aus, das ist ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil, der die psychologische Ausgangssituation der Bayern gegenüber allen anderen Wettbewerbern drastisch verbessert, will sagen, den Wettbewerb systematisch verzerrt. Im Großen wie im Kleinen. Nehmen wir den 2. Spieltag der Saison 2010/11. Am ersten Spieltag verlieren die Bayern zuhause gegen Gladbach nach Fehler von Neuer. Der Torwart aus Schalke hat einen nennenswerten Teil der Fangemeinde gegen sich, nach seinem Patzer ist der Unmut größer geworden. Auch gegen Wolfsburg patzt er in der 39. Minute. Der reguläre Treffer von Helmes wird aber nicht anerkannt, warum, weiß keiner.  Bayern gewinnt durch ein Tor von Luiz Gustavo in der letzten Minute mit 1-0, und Neuer kriegt die Kurve. Es sind diese kleinen Extras, diese Mischung aus Nachsicht, Servilität und Regelblindheit, die am 27. Spieltag zehn Punkte Vorsprung bedeuten können, oder den erfolgreichen Einbau eines  Schlüsselspielers zu Beginn der Saison. Neuer hätte auch scheiten können, so wie Hildebrand in Valencia oder Özil bei Real Madrid. Das ist sein Berufsrisiko, das ein Schiedsrichter nicht zu mindern braucht. Genau wie es das Risiko der Vereinsführung ist, einen Transfer zu vergeigen.

Luiz Gustavo, der Siegtorschütze gegen Wolfsburg, ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut es sich leben läßt im Bayern-Kokon. Der Brasilianer stieg 2008 mit Hoffenheim in die Bundesliga auf. In 82 Spielen für Hoffenheim sah er einmal Rot und viermal Gelb-Rot. Auch für einen defensiven Mittelfeldspieler eine äußerst rustikale Bilanz. Am 1. Januar 2011, in der Winterpause, wechselte Gustavo zu den Bayern. In den 67 Spielen dort sah er weder Rot noch Gelb-Rot. Zur Saison 2013/14 wechselte er nach Wolfsburg und sah in 29 Spielen dreimal Gelb-Rot. In den 26 Spielen der laufenden Saison ist er ohne Rot und Gelb-Rot ausgekommen. Ein Jahr lang hat Dieter Hecking gebraucht, um dem Ex-Bayern-Spieler beizubringen, dass für ihn jetzt Regeln gelten, um die er sich im roten Trikot nicht zu kümmern brauchte. Es ist nicht die superbe Technik, die man im Training an der Säbener Straße beigebracht bekommt, nicht das Bayern-Gen, die Bierruhe, das Mia san Mia, es ist die speziell für die Bayern geschaffene Komfortzone, die es für die anderen Vereine im Profifußball nicht gibt, die aus dem Risikofaktor Luiz Gustavo eine verläßliche Größe machte.

Wer sich sicher sein kann, dass er sich in Zweikämpfen die eine oder andere Grobheit mehr rausnehmen kann, wer weiß, dass für ihn spezielle Privilegien gelten, wer es gewohnt ist, dass ihm regelmäßig kleine Aufmerksamkeiten zuteil werden, der tritt auch entsprechend auf. Es gibt keinen anderen Verein, in dem ein Spieler, der wie Ribéry pünktlich wie ein Quartalssäufer zur Flasche zum Revanchefoul greifen würde, jedesmal ungeschoren davon käme. Der „emotionale Typ“, der wenigstens schon vier mal glatt Rot hätte sehen müssen, weiß, warum es bei den Bayern so schön ist. In keiner anderen großen europäischen Liga würde man ihm diese regelmäßigen Ausraster durchgehen lassen. Ich bin kein Fan von Cristiano Ronaldo, aber zum Fußballer Europas fehlt Ribéry tatsächlich das Format. Dass er ein guter Tempodribbler ist, steht außer Frage, aber wenn man Zidane vom Platz stellen kann, dann auch Ribéry. Und Thiago. Und Neuer. Ohne großes Tamtam einfach mal die Regeln anwenden.

Denn wenn es nach den Regeln geht, tun sich die Bayern schwerer, als es ihnen und ihren Claqueuren lieb sein kann, dann ist von der vermeintlichen Überlegenheit nichts zu sehen. Botaeng sieht Rot, Schalke punktet in München. Tobias Welz liefert keine überragende, aber fehlerfreie Leistung zu Beginn der Rückrunde ab, Bayern verliert 4-1 gegen Wolfsburg. Peter Gagelmann kriegt im kicker die Note 2, Dortmund vernascht Bayern im Pokalendspiel mit 5-2.  Auf internationalem Parkett das gleiche Bild. Der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca beim Finale dahoam war ordentlich, aber nicht überragend, ebenso wie Howard Webb beim 0-1 im Halbfinale gegen Real vor knapp einem Jahr. Man muss keine Sternstunde haben als Schiedsrichter, man muss nicht über sich hinaus wachsen, um ein Spiel der Bayern ohne krasse Fehlentscheidung zu ihren Gunsten zu leiten. Man braucht Courage und den Willen, genau hinzuschauen, mehr nicht. Dann ist man in der Lage, das Undenkbare zu tun, und die Bayern nach den gleichen Regeln zu behandeln, die für den Rest der Liga gelten.

Dass die Bayern verläßlich ihre Extrawurst serviert bekommen, liegt auch am Umgang vieler Journalisten mit dieser Vorzugsbehandlung. Außer Günter Netzer (bei Länderspielen) gibt es keinen relevanten Experten, der nicht ein ehemaliger Bayern-Spieler ist, so sehr ich Stefan Schnoor auch schätze. Kahn, Scholl, Hamann, Matthäus, Beckenbauer, Effenberg, Helmer – für ein Land, das so reich gesegnet ist mit redseligen Ex-Profis, eine erstaunlich einseitige Auswahl. Ich war hocherfreut, als Erik Meijer neulich bei Sky auftauchte. Vielleicht ist es diese geballte Bayern-Präsenz, die es für Tom Bartels (und andere) unmöglich macht, einen einfachen Sachverhalt korrekt wiederzugeben. Bei einem Kopfballduell schlug Dante gestern seinem Gegenspieler, ich glaube, es war Spahic, ins Gesicht. Ob es eine Tätlichkeit war oder eine Versehen, ist unklar, aber es war ein Schlag ins Gesicht. Bartels beschreibt die Szene so: „Da hat sich der Leverkusener im Zweikampf mit Dante weh getan.“ Weh getan? Warum so schüchtern? Ist es Majestätsbeleidigung, einen Schlag ins Gesicht als solchen zu bezeichnen? Spieler machen Fehler, pausenlos. Nicht nur das. Spieler – das ist nicht unwesentlich für die Idee der Chancengleichheit – werden von ihren Gegenspielern zu Fehlern gezwungen. Handlungsschnelligkeit, Ballsicherheit und Matchplan führen zu Abspielfehlern, Stellungsfehlern und Fouls. Und diese Fehler nutzt man aus. Weil man gewinnen will. Xabi Alonso kommt zu spät gegen Aubameyang, es gibt Elfmeter für Dortmund. Thiago fehlt in seinem zweiten Spiel nach einem Jahr Pause die Kondition, Bayern muss 40 Minuten in Unterzahl spielen. Diese Fehler sollte man als Kommentator einfach mal benennen und nicht wie Bartels in eine reflexhafte Rechtfertigungslitanei verfallen, wann immer ein Bayern-Spieler einen Fehler macht. Dann spricht sich das eventuell bis zu den Schiedsrichtern herum, und dann, vielleicht, wird das Premiumprodukt Bundesliga kein mehrstimmiges Bayernweihfestspiel mehr, sondern ein sportlicher Wettkampf mit offenem Ausgang.

*nicht des ZDF [korrigiert 2015-04-09, 12.14 Uhr]

Wo warst du, als…? »

Den gestrigen historischen Fußballabend verbrachte ich in einer wunderbaren Bar in Friedrichshain. Als fairer Sportsmann trank ich zur Unterstützung des Schiedsrichters Corona-Bier und aß ein paar Tacos. Nach dem 1-0 schenkten die Barleute kostenlosen Tequila an ihre etwa 30 Gäste aus, pro Tor ein Tequila versprachen sie uns,und ich sagte vorwitzigerweise „Wenn ihr das macht, seid ihr am Ende pleite“. 20 Minuten später, also nach Khediras 5-0 entschieden sie sich sinnvollerweise für einen Pauschalrum für alle Tore und gaben in Halbzeit Zwei noch einen obendrein.

Nicht nur für unsere us-amerikanischen Freunde Bündnispartner Interessenkonkurrenten Touristen waren die Geschehnisse unerklärlich. Einer merkte vorwitzig an: Wir haben nur 1-0 verloren, und in der Tat geben die USA oder Costa Rica oder Bosnien-Herzegowina wertvolle Hinweise auf die Gründe für diesen Spielverlauf.

Sicherlich haben der Ausfall von Neymar und Thiago Silva Brasilien erheblich geschwächt. Stellen wir uns vor, Müller wäre im Viertelfinale aus dem Turnier gefoult worden und Lahm wäre gelbgesperrt gewesen. Anders als die Brasilianer wäre das deutsche Team trotzdem nicht so auseinandergefallen. Man hätte vielleicht verloren, aber sich nicht binnen sieben Minuten komplett aufgegeben. Was uns zu den USA, Costa Rica und BiH bringt, die alle als Team überragend funktioniert haben. Brasilien ließ sich auf den Personenkult um Neymar ein, befeuerte ihn sogar noch. Wenn dieses Spiel mit einem anderen vergleichbar ist, dann mit dem WM-Finale 1998. Dort gab es mit Frankreich auch einen erfreulichen und verdienten Sieger, und der vermeintliche Superstar Ronaldo war genauso platt und enttäuschend wie seine Mitspieler. Auch diesmal wurschtelten sich die Brasilianer mehr schlecht als recht durch das gesamte Turnier und konnten nie – anders als die Spanier in ihrer Epoche – eine schlüssige Spielidee präsentieren. Die Methode Gewonnen, egal wie, reicht für ein Halbfinale, hat auch bei Deutschland schon zu manchem Halbfinale gereicht, reicht aber nie für einen Titel.

Ein weiterer Grund für den Spielverlauf ist das 4-4 gegen Schweden, vielleicht der heilsamste Schock unter Löw überhaupt. In der 60. Minute dachte ich daran, dass das 4-4 in der 70. Minute seinen Anfang genommen hatte. und war gespannt. Dann machte Schürrle das 6-0 und zerstreute alle Bedenken. Wer das 1-0 gegen Brasilien macht, denkt sich: ein 1-0 wird nicht reichen. Besser noch eins nachlegen. Und das 2-0 entwickelte eine unglaubliche Sogwirkung. In den besonderen fünf Minuten erzielte Deutschland das gleiche Tor dreimal. Pass auf halblinks in die Schnittstelle, rechts quergelegt, alle Brasilianer irren eurythmisch durch den Strafraum, drin isser. Wenn Deutschland gewollt hätte, hätte dieses Spiel zweistelling ausgehen können. Glücklicherweise wollten sie nicht, glücklicherweise spielte Brasilien in Würde weiter und kam zu seinem Ehrentreffer, der vielleicht besser Würdetreffer heißen sollte.

Der Hauptgrund aber ist, dass es Löw und Flick und Köpke und Bierhoff gelungen ist, ein funktionierendes Team zu bauen. Es war zu beobachten, dass diesem Turnier der große Favorit fehlt. Ergänzend könnte man sagen, dem deutschen Team fehlt die Überfigur. Und zwar nicht, weil sie alle im Mittelmaß verschwinden, sondern weil jeder in der Lage ist, ein besonderes Spiel zu liefern. Gegen Portugal überragte Müller, gegen Ghana war Klose zur Stelle, gegen die USA holte sich  Schweinsteiger seinen Stammplatz zurück. Gegen Algerien war es Neuer, gegen Frankreich Hummels, gestern Kroos. Wer weiß, wer am Sonntag zur Stelle sein wird. Dieses Team bietet eine besondere Mischung aus Coolness und Leidenschaft, die viel Freude macht. Müller im Interview gestern zum Beispiel, ohne einen Anflug von Hochmut oder Selbstgefälligkeit. Einen Effenberg oder Matthäus nach einem 7-1, egal gegen wen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ergebnisfußball? Mit solchen Ergebnissen gerne.

Bleibt noch der Sonntag. Der berühmte letzte Schritt. Nachdem alle meine Favoriten vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben, tue ich Holland sicher keinen Gefallen, wenn ich sie zum Finalgegner ausrufe. Aber alles andere wäre eine große Überraschung. Was das Teambuilding angeht, gilt auch für Oranje. Die notorischen Streithansel des Weltfußballs sind taktisch souverän, haben fünf, sechs Leute, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen können. Ihr Trainer ist ein schlauer, alter Sack Fuchs.  Auch sie haben ihre Spieler für besondere Momente. Van Persie gegen Spanien, Depay gegen Australien, Huntelaar gegen Mexiko, Krul gegen Costa Rica. Und natürlich Robben.  Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der so darauf brennt Weltmeister zu werden wie diesen Arjen Robben. Seine Ansprache vor der Verlängerung gegen Costa Rica ist genauso historisch wie Kloses 16. Tor. Und van Gaal, der vermeintliche Sturkopf, ließ ihn gewähren.

1974 hat eine Mannschaft Brasilien 2-0 rauschhaft an die Wand gespielt. Den Titel geholt haben am Ende die Anderen.

 

 

 

 

Nürnberg wird Baazi »

Bester Absteiger aller Zeiten irgendwie. So viel Lob für so viel schönen Fußball. So viele Chancen. So viele blöde Gegentore. Da kann man sich natürlich fragen: War es unter Wiesinger so viel schlechter, abgesehen vom Pokalspiel gegen Sandhausen und dem HSV-Spiel? Und was passiert, wenn Verbeek seine erste Klatsche kriegt? Kommt dann Wiesinger zurück? Macht Mintal es alleine? Tom Brunner? Dieter Nüssing? Alex Ferguson? Lothar Matthäus?

Ich war für Wiesingers Verbleib, finde aber, Verbeek macht sich bisher recht gut. Völlig ruhig, ein wenig schelmisch, und vielleicht ein harter Hund, aber das war Meyer auch auf seine Weise. Nachdem Menotti nicht zu kriegen war, müssen wir den besten poststrukturalistisch verzauselten Übungsleiter nehmen, den wir kriegen können. Eine Handschrift ist ja schon zu erkennen, und das 0-3 gegen Freiburg war ein Quantensprung im Vergleich zum 0-5 gegen den HSV. Baazi Voetbal Total.

Gegen Gladbach haben die Clubberer das zweite und dritte Tor versäumt und sind dann wieder kalt erwischt worden. Auch wenn der Schuß von Drmic an die Latte vermutlich drin, der Einsatz von Xhaka gegen Drmic ein Elfmeter war, hat es der Club selbst versaubeutelt. Erstens sollte man Arango nicht frei zum Schuß kommen lassen, zweitens sind Eigentore in hohem Maße störend auf dem Weg zum Auswärtspunkt und drittens entstanden beide Tore aus unnötigen Freistößen in der Nähe des eigenen Strafraums. Einmal war Stark der Übeltäter, einmal Pogatetz. Dass Schiedsrichter Dingert diese hauchzarten Berührungen als Foul pfeift und Xhakas Blutgrätsche nicht, ist erstaunlich, dass die Gladbacher theatralisch fallen, ist doof, aber trotzdem hilft es nicht, zu jammern. Rein rechnerisch kann der Club in der Hinrunde sogar noch die 20-Punkte-Hürde knacken. Wohl dem, der ein solides Unentschieden-Polster hat. So lange Frankfurt, Freiburg, Augsburg, der HSV und Hoffenheim alle auch verlieren, ist es nicht so schlimm, Platz 15 ist nur drei Punkte weg. Auf ein Neues gegen Wolfsburg, die haben jetzt viermal hintereinander gewonnen, sind also der ideale Aufbaugegner.

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Morgen erscheint mein neuer Roman „Immer schön gierig bleiben“.

Am 16.11. lese ich um 20 Uhr im Max & Moritz, Beletage, Oranienstraße 162, 10969 Berlin. Die Lesung findet statt im Rahmen von „Stadt, Land Buch“, dem Lesefestival des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Landesverband Berlin-Brandenburg).

Am 29.11. lese ich um 20 Uhr in der Fantasy/SF-Buchhandlung „Otherland“, Bergmannstraße 25, 10961 Berlin. Mitveranstalter ist die Krimibuchhandlung Hammett, Friesenstraße 27, 10965. Dort kann man mein Buch bestellen.

 

 

 

Schöne Bescherung – Bader kriegt einen Trainergutschein »

Schwupp, da war der Trainer weg. Hübsch eingefädelt vom Strippenzieher Allofs, dieser Wechsel. Pünktlich zum Fest beschenkt sich der Manager des VfL Wolfsburg selbst und  sein Kollege Martin Bader beim 1. FC Nürnberg bleibt muss sich mit einem Gutschein über „1 Cheftrainer, neu oder gebraucht“ auf dem Gabentisch begnügen.

Ob Hecking sich damit einen Gefallen tut, ich habe meine Zweifel. Wolfsburg hegt seit der Meisterschaft 2009 äußerst ambitionierte, um nicht zu sagen, überkandidelte Ziele. Und die 40 Punkte plus X, die er in Franken regelmäßig eingefahren hat, werden beim leider stets tragisch verhinderten Champions-League-Teilnehmer für eine erfolgreiche Saison nicht ausreichen. Könnte sein, dass Hecking sich ähnlich verzockt hat wie sein einstiger Zögling Schlaudraff mit seinem Wechsel zu den Bayern. Hoffentlich hat sich der Club nicht nur eine Ablöse, sondern auch die Verpflichtung von Alexander Madlung und Sebastian Polter bei diesem Deal gesichert.

Muss eigentlich nur noch geklärt werden, wer Hecking nachfolgt. Peter Neururer wird zwar immer genannt, wenn der Club einen Trainer sucht, aber der leistet als Fachkommentator bei Sport 1 einen so hervorragenden Job, dass ich ihn mir gar nicht auf der Trainerbank vorstellen möchte. Jedenfalls nicht beim Club. Lothar „Weltbürger“ Matthäus, der mittlerweile fast so oft geheiratet hat wie der Club abgestiegen ist,  würde den Verein in kürzester Zeit zwar bekannter machen als Justin Bieber und Lady Gaga zusammen. Jedoch lassen sich die umfassenden familiären Verpflichtungen des Rekordnationalspielers mit einer derartig verantwortlichen Position nicht vereinbaren.

Markus Babbel muss Hoffenheim erst einmal verdauen und einen Trainer, der sich nur für die Bayern in Stellung bringen möchte, mag ich nicht.  Ralf Rangnick wäre toll, aber gegen die Aufgabe, RB Leipzig in die Dritte Liga und RB Salzburg zum Fußballspielen zu bringen, nimmt sich das Ziel, den Club zur Deutschen Meisterschaft zu führen, viel zu simpel aus. Huub Stevens passt mit seinem mürrischen, wortkargen Pessimismus zwar hervorragend zur fränkischen Lebensart, aber ob er sich wirklich noch einmal motivieren kann, nachdem er mit Raul gearbeitet hat, wer weiß.

Mein Favorit ist nach wie vor Klaus Toppmöller, dessen Bundesligakarriere nicht durch Unvermögen, sondern durch Robert Hoyzer zerstört wurde. Toppi hat mit Frankfurt und Leverkusen Fußball spielen lassen, der noch schöner war als das, was Klopp seinen Duracell-Häschen beigebracht hat. Und fürs erste wären in Nürnberg mit dreimal Vize alle auch ganz zufrieden. Toppmöller ist sehr erfahren, hat ein Händchen für junge Spieler, liebt die Offensive und weiß, wie man die Bayern düpiert. Im Moment ist er vertragslos.

Aber vielleicht springt Hans Meyer für ein halbes Jahr ein, oder Andy Köpke hat eine Ausstiegsklausel beim DFB. Oder Dieter Eckstein kommt. Der Publikumsliebling betreut zur Zeit den DJK/SV Mitteleschenbach in der A-Klasse Frankenhöhe und wäre quasi die klassische Eigengewächslösung. Abwarten und Tee trinken. Apropos Tee – wo steckt eigentlich Felix Magath?

Goldene Generationen, silberne Trophäen »

Wenigstens zweimal irrte Wolf-Christoph Fuss ganz gewaltig bei seinen Wortbeiträgen zu Bayern-Chelsea. Zum einen rief er das 1-0 von Thomas Müller zum wichtigsten Tor in der Geschichte von Bayern München aus. Selbst wenn das Ergebnis Bestand gehabt hätte, bleibt das wichtigste Tor natürlich Schwarzenbecks 1-1 im ersten Finale gegen Atletico Madrid. Uli Hoeneß war zwar am Samstag Abend lädiert, stellte aber zurecht fest, dass Bayern nach dieser Niederlage weiterexistieren wird. Schwarzenbecks Gewaltschuß in höchster Verzweiflung war der Auftakt für eine Ära, die am Samstag vielleicht zu Ende gegangen ist.

Fussens anderer Irrtum: Er sagte, diese Bayern-Generation brauche den europäischen Titel, um zu einer Goldenen Generation zu werden. Umgekehrt ist es richtig. Ein Titel wäre nötig, um die graue Theorie von der Goldenen Generation vergessen zu machen. Als die westdeutsche Auswahlmannschaft 1970 in Mexiko 3-4 gegen Italien verlor, waren das begabte Nachwuchstalente, die eine epische Niederlage erlitten hatten. Zwei Jahre später waren sie Europameister, wieder zwei Jahre später Weltmeister. Eine Goldene Generation waren Beckenbauer, Müller und Netzer nie, obwohl nie so viele Ausnahmekönner in schwarz-weiß gemeinsam auf dem Platz standen. Die selbstoptomierten Laktaktjünglinge der Jetztzeit müssen erst noch zeigen, was sie drauf haben.

Goldene Generationen, das sind Mannschaften, die zu wenig aus sich gemacht haben. Zum Beispiel die Portugiesen, die 2004 den Heimvorteil bei der EM ebensowenig nutzen konnten wie Lahm, Schweinsteiger und die anderen ihren Heimvorteil gegen Chelsea. Ein Kranz aus Vorschußlorbeer macht die Beine schwerer als jeder Medizinball. Auch die Engländer 1996 waren eine Goldene Generation, die mit leeren Händen nach Hause ging. Holland 1988, Frankreich 1998, Spanien 2010, das westdeutsche Team 1990 waren große Mannschaften mit einem unverwechselbaren Stil und großartigen Leitfiguren: van Basten, Zidane, Xavi, Matthäus.

Am Samstag war Chelsea die bessere Mannschaft. Elf Leute waren auf dem Platz, die sich in jeden Ball warfen, die trotz der technischen und läuferischen Überlegenheit der Bayern nicht verzagten, die immer an sich glaubten, die immer in der Lage waren, Nadelstiche zu setzen, die nervenstark zurückkamen, und die in Drogba und Cech auch die überraggenden Einzelspieler des Abends in ihren Reihen hatten. Natürlich war es auch Glück, aber hart erarbeitetes Glück. Das Glück der Kaltblütigen. Diese Blues waren nicht die erste Mannschaft, die dank einer tollkühnen Defensivleistung einem zunehmend einfallslosen Gegner, der optisch überlegen war, Paroli bot. Weitere Beispiele sind das Rückspiel der Dortmunder bei Manchester United auf dem Weg zu ihrem CL-Sieg 1997 und das WM-Endspiel von 1974. Hätte Bayern in dieser CL-Saison auch nur eine Minute so gespielt wie Holland 1974, man hätte sich überschlagen vor Glück in den Sportredaktionen.

Was am Samstag zu sehen war, war ein sehr engagiertes, sehr gleichmäßiges Anrennen über 120 Minuten. Brav und redlich jederzeit, unsterblich oder wenigstens mit dem Gran Größenwahn der letzten vierzig Jahre, nein. Mag sein, dass Bayern wie auch schon bei den fünf  Niederlagen in Folge gegen Dortmund die besseren Einzelspieler hatte. Aber irgend jemand – Chef Schweinsteiger, Chefchen Lahm, Mister Jupp, Präsident Hoeneß, Übervater Beckenbauer – hätte dem Einzelspieler Robben nach dem Auftritt in Dortmund freundlich, aber bestimmt klar machen müssen, dass er für diesen Verein nie mehr einen Elfmeter schießen wird. Dass er es doch tat, zeigt ein weiteres Mal, dass die Mannschaft nicht wirklich ausgereift ist, keine innere Balance und zu wenig Typen hat. Schwarzenbeck war nicht der beste Vorstopper der Bundesliga, geschweige denn ein überragender Fußballspieler. Aber geradeaus schießen in höchster Not, dass konnte er gerade noch so, genau wie „Bulle“ Roth zwei Jahre später gegen St. Etienne. Bei einem Timoschtschuk oder einem Boateng ist man froh, wenn sie möglichst fehlerfrei spielen, Herzblut kann man in diesem Umfeld von ihnen ebenso wenig erwarten wie von Gomez. Olic wäre so ein Kandidat. Aber die heimliche Leitfigur für den Finaleinzug 2010 kam zu spät aufs Feld und geht jetzt zu Wolfsburg. Auch Klose wurde gegangen.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen.  Ich freue mich, dass die Bayern verloren haben und will mir den Kopf nicht über ihre Mannschaftsauf- und -zusammenstellung zerbrechen. In meiner fußballhungrigen und -sachkundigen Familie geht seit Jahren die Diskussion, ob es schöner ist, wenn die Bayern früh scheitern oder erst spät, am besten in allerletzter Sekunde. Ich favorisiere die Variante „früh“, weil sie sonst unverhältnismäßig viel Medienaufmerksamkeit für sich beanspruchen können. Aber die Ereignisse vom Samstag, das Finale 1999 sowie das 2-5 im Pokal haben eine Menge von dem Zauber vermittelt, den die Variante „spät“ für sich beanspruchen kann.

Außerdem freue ich mich sehr, dass der grandiose Drogba endlich seinen Titel geholt hat. Er kam mit der Elfenbeinküste 2006 in der Todesgruppe mit Argentinien und Holland etwas zu schlecht weg und musste 2008 noch einmal durchs Tal der Tränen. Der großartigste Fußballer, den Afrika je hervor gebracht hat, hat sich mit seiner Leistung in den Fußball-Olymp katapultiert.

Was mich stört ist dieses vielstimmige und eintönige Gejammer vom großen Pech, die Legendenbildung vom unverdienten Sieg Chelseas. Beckenbauer ist hier eine lobenswerte Ausnahme. In den Stunden der Niederlage schwingt er sich zu beinahe yodahafter Weisheit und jodelhafter Weißbierruhe auf. Seien wir schonungslos, seien wir schnörkellos: Bayern ist nicht gut genug. Sie haben das CL-Finale 2010 verloren und auf dem Weg dorthin genug Dusel für drei weitere Spielzeiten verbraucht. Sie haben 2011 ihre hervorragende Ausgangsposition gegen Inter zu Hause vergeigt und dortselbst das Pokalhalbfinale unter einfallslosem Anrennen gegen Schalke verloren, ferner auch mit großem Abstand zwei deutsche Meisterschaften und ein Pokalfinale gegen die beidfüßigen Duracellhäschen vom Borsigplatz. Auch am Samstag fehlte ihnen die Größe für den großen Wurf, allen Statistiken zum Trotz. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob sich daran etwas ändern würde. Koan Titel ned dahoam. Goldene Worte, herrliche Zeiten.

Der Osten rockt »

Rostock aufgestiegen, Chemnitz aufgestiegen, Aue fast aufgestiegen, Cottbus fast aufgestiegen (und im Pokal-Halbfinale), Erfurt fast aufgestiegen, Union nicht abgestiegen, Babelsberg sportlich nicht abgestiegen, Neuling Rasenball Leipzig auf Platz vier in der Regionalliga, Magdeburg dortselbst nicht abgestiegen und das Sahnehäubchen gab’s am Dienstag, als Dynamo Dresden in Osnabrück erst in die Verlängerung und dann in die Zweite Liga stürmte. Schahin schießt schwarz-gelb ins Glück, und das ist kein Schreibfehler. Das zweite Spiel gegen Osnabrück war richtig geil. Ein KO-Spiel, wie es sein soll, bis auf die Brandsätze auf der Tribüne. Kein einziger Ostverein aus den Ligen zwei bis vier ist abgestiegen.

Bin sehr gespannt, wie das weitergeht. Man darf die Freiburger, Hannoveraner, Nürnberger und Dortmunder für ihren Spar- und Jugendstil gerne loben, aber heimlich still und leise haben die in den neunziger Jahren auch durch eigene Unbedarftheit so arg gebeutelten Vereine aus dem Beitrittsgebiet eine Menge dazu gelernt. In Dresden sind Calmund und Kirsten mit vollem Herzen dabei, in Rostock hat Beinlich binnen eines Jahres Perspektiven entwickelt und Hansa kann wieder aus seiner hervorragenden Jugendarbeit schöpfen. Union hat sich wieder einmal durchgebissen und will/wird sich gezielt weiterentwickeln. Alle drei Vereine haben neue Stadien. Mittlerweile gibt es in Liga Zwei fünf Ostvereine, alle haben das Zeug zum Aufstieg, Hansa oder Dynamo traue ich auch einen Durchmarsch zu. Chosebuz und die anderen treffen auf die großen Namen längst vergangener Zeit, die Münchner Löwen, die Fortuna aus Düsseldorf, den Frankfurter Adler, die Fürther, Eintracht Braunschweig, den Meidericher SV und naürlich St. Pauli. Zugegeben, es wird einige heikle Spiele mehr in der Zweiten Liga geben, aber die Fans werden nicht so blöd sein, mit dem Arsch einzureißen, was sie mit ihren schönen Gesängen erreicht haben. Fortsetzung folgt.

PS: Ich bin so froh, dass Favre und die Gladbacher das noch gewuppt haben. Möge der Kelch Effenberg an den Borussen und allen anderen Mannschaften des deutschen Profifußballs vorüber gehen. Vielleicht kann der Papiertiger ja zusammen mit Lothar Matthäus Tonga auf einen zweistelligen Platz in der FIFA-Weltrangliste hieven, es wäre eine „reizvolle Aufgabe“ und eine „große Herausforderung“. Gladbachs nächste Saison wird so werden wie die abgelaufene beim Club. Passenden Trainer gefunden (Favre/Hecking), Relegation gewonnen (Bochum/Augsburg), wichtigsten Spieler gehalten (Reus/Pinola) und ab geht die Luzie.

Einmal Blinzeln und wieder sind drei Trainer weg »

Unverschämtheit. Voll rücksichtslos, diese Personalpolitik. Was wird jetzt aus meinen wunderschönen Skibbe-Glossen? Plötzlich ist da jetzt dieser Daum und…Moment…vielleicht wendet sich ja doch alles zum Guten. Eine von  den Daum-Glossen im Archiv wird bestimmt noch verwertbar sein. Jetzt fehlen noch Bernd Schuster, Klaus Toppmöller, Jürgen Röber und natürlich Peter Neururer. Und für Lodda wird es auch langsam Zeit.

Ein Tor für die Geschichtsbücher »

Samstag 29. Januar 2011, 16.40 Uhr, EasyCredit-Stadion Nürnberg. Freistoß für den 1. FC Nürnberg gegen HSV. Hegeler schlenzt, Rost boxt, der Ball prallt an die Latte, Simons legt quer, Cohen staubt ab, 2-0 für den Club.

Dieses Tor ist nicht deshalb so bedeutsam, weil es den ersten Sieg gegen den HSV seit fünf Jahren und 26 Punkte bedeutete. Man muss sich klarmachen, wo der 1988 in Be’er Sheva geborene Mittelfeldspieler sein Tor erzielte. Das vormalige Franken-Stadion wurde in den zwanziger Jahren als Städtisches Stadion errichtet und befindet sich mitten auf dem erweiterten Reichsparteitagsgelände, ungefähr 200 Meter vom Zeppelinfeld. Des Führers Hauptrednertribüne ist gleich um die Ecke. In diesem Stadion fand im Rahmen der Parteitage der Tag der Hitler-Jugend statt, 1935 sprach Hitler hier von den flinken Windhunden, dem zähen Leder und dem harten Kruppstahl.

Dieses Areal, auf dem die Nazis zum Bacchanal des Bösen in Viererreihen aufmarschieren ließen, ist heute eine merkwürdige Geschichtslandschaft: Bob Dylan spielte hier 1978, die US Army stellte zwischen den überwachsenen Brocken des tausendjährigen Reichs ein paar Field Goals auf, und GIs übten hier die Shotgun Formation und andere Elemene des American Football. Soldier Field war der Spitzname, und eine Picknickwiese für die Familien gab es auch. Das Dokumentationszentrum ist sehenswert, vor allem die tätige Mithilfe der Kommunalverwaltung bei der Arbeit an den Reichsparteitagen an diesem Ort zu sehen, ist wichtig. Wenn man beim Burger King an der Regensburger Straße um die Ecke lugt, sieht man noch deutlich die Silhouette des Nazi-Adlers auf den hellen Steinen. Und jetzt ein Israeli.

Ein Jude, der das Zeug hat, in der Stadt, in der Julius Streicher 20 Jahre lang die Cohn, Hirsch, Huber und Müller Woche für Woche mit Hass überzog, zum Publikumsliebling zu werden. Bisher waren israelische Fußballer in der Bundesliga nur mäßig erfolgreich. Antideutsche Verschwörungstheoretiker würden sagen: Das liegt am Postfaschismus und der ewigen Feindschaft hierzulande, die Juden natürlich spüren. Ich würde sagen: Es liegt daran, dass Israelis nicht ganz so gern und gut Fußball spielen wie andere, auch dehalb, weil Basketball dort die Sportart Nummer eins ist.

Heimlich, still und leise hat sich eine Menge verändert zwischen Deutschen und Israelis in den letzten fünfzehn Jahren. Mitten im Aufbruchsgetümmel im Nahen Osten gibt es Regierungskonsultationen. Schon vor ein paar Jahren bezeichnete Ehud Olmert, zunehmend genervt von der Planlosigkeit der Bush-Administration, Deutschland als wichtigsten Verbündeten Israels.  Mag sein, dass das nur an der Staatsräson und am Kampf gegen den Terror liegt. Einige tausende Israelis leben dauerhaft in Berlin, mit und ohne zweitem, deutschem Pass. Mag sein, dass die Israelis nur kommen, weil im Moment eben alle nach Berlin wollen, und die Stadt schon immer ein bißchen weniger deutsch, weniger Nazi und post-Nazi war wie der Rest des Landes.

Die Verpflichtung von Almog Cohen folgt weder der Staatsraison noch einem sprichwörtlich guten Ruf, den Nürnberg bei Juden hätte. Wenn es eine Stadt gibt, die im historischen Vergleich zu Berlin am anderen Ende des Spektrums steht, dann ist es Nürnberg. Das kleinbürgerlich-protestantische Milieu bescherte den Nazis Spitzenwerte bei den Wahlen vor 1933, dass Streicher seit 1925 genau dort sein schmutziges Handwerk betrieb, dass genau dort bereits vor der Machtergreifung Reichsparteitage gefeiert wurden, ist kein Zufall. Mittlerweile positioniert man sich angenehm zurückhaltend als Stadt der Menschenrechte, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, eher mit nachdenklich gesenktem Haupt. Auch an die welthistorisch bedeutenden Prozesse im Gerichtsgebäude, Menetekel für Kriegsverbrecher von Pinochet bis Rumsfeld, wird seit Dezember 2010 erinnert.

Der ortsansässige 1. FCN, der im Jahr der Nürnberger Gesetze gegen Schalke erster deutscher Pokalsieger wurde – damals hieß das Ding nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten „Tschammerpokal“ –  hat chronische Geldprobleme. Er muss dort nach Spielern suchen, wo der Tross der Scouts und Berater nicht so oft vorbeikommt, in den Randzonen des Fußballs. Der Koreaner Cha Bum Kun war vor vielen Jahren so ein Glücksgriff aus dem Niemandsland, mittlerweile wollen alle ihren Kagawa oder Park, ihren Lucio oder Emerson sowieso. Es ist ein weiterer absurder Aspekt an der noch recht kurzen Almog-Cohen-Saga, dass ausgerechnet der Lodda, auf den ersten Blick nicht die Inkarnation des Weltbürgertums, zum ersten deutschen Trainer in Israel wurde und dann auch noch Erfolg hatte. Er empfahl Cohen an Manager Bader. Cohen kam, er spielte, seit vier Partien ist er in der ersten Elf.

In der Sky-Reportage am Samstag bezeichnete der Reporter Cohen als „Giftzwerg“, was als Kompliment gemeint war. Auch der ansonsten immer hart auf Höhe der Grasnarbe daherschwadronierende Poschmann verglich beim Viertelfinale gegen Schalke den kleinen Kämpfer mit Gattuso. Cohen ist unglaublich laufstark und er antizipiert gut. Gegen Hamburg stibitzte er ein paar Mal den Ball vom Fuß des Gegners, weil die Hanseaten bar jeder Handlungsschnelligkeit waren an diesem Tag. Wie Gattuso spielt Cohen ausgesprochen fair, läßt aber ansonsten eher Zweikampfstatistiken sprechen als dass er ständig das Gespräch sucht. Die Heckingsche Variante des Tiki-Taka hat er voll verinnerlicht und ähnlich wie Pinola oder neuerdings Wollscheid bringt er die Aggressivität ins Spiel, die den braven Bubis in der Endphase Ära Oenning gefehlt hat.

Wie sehr sich die Dinge verändert haben zeigt der Umstand, dass Cohen bisher weder kopfschüttelnd beäugt noch dutzendfach analysiert wurde. Die Gehirnpolizei fährt nicht auf und untersucht „Giftzwerg“ am nächsten Tag nach seinem antisemitischen Gehalt. Es gibt keine betroffenen Leitartikler, die fragen, ob ein Israeli ausgerechnet in Nürnberg ausgepfiffen, gefoult, bejubelt oder vom Platz gestellt werden darf. Wenn die Clubfans ihrer bisherigen Praxis folgen – auch für den Senegalesen Souleyman Sane und die unsäglich unbegabten isländischen Zwillinge Arnar und Bjarki Gunnlaugsson hatten sie die richtigen Wimpel dabei –  werden wir demnächst israelische Flaggen in der Nordkurve sehen und Hava Nagila hören, wenn’s Almoggerla die Ecken tritt.

Das war schon viel besser als gegen Barcelona »

Aber Inter war in allen wesentlichen Belangen überlegen. Die Szene vor dem 2-0 war so ähnlich wie die in der 8. Minute des Pokalendspiels. Pizarro tanzte van Buyten aus, aber Butt konnte diesen Schuß noch parieren. Milito war dieses Extraquäntchen besser, dass du dann auch noch brauchst, um den Ball rein zu machen.

Oder Robbens einziger sehenswerter Torschuss, beinahe ein Duplikat seines 3-1 in Bremen, aber Julio Cesar war dieses Extraquäntchen besser als Wiese und verhinderte das Tor.

Oder der andere Innenverteidiger Demichelis, der sich vor dem 1-0 düpieren ließ. Die Tore waren keine Zufallsprodukte, Inter war immer im Spiel und nehmen wir an, Müller hätte sein Ding nach der Pause gemacht, es hätte auch 4-1 ausgehen können.

Klar, Ribery war nicht dabei, aber ob der sich nicht genauso fest gefressen hätte in dieser Abwehr wie Robben und Olic. Ich denke schon. Es ist ein schmaler Grat zwischen Robbens diversen You-Tube-Toren in den KO-Runden und dem eigensinnigen Dribbler Robben gestern, der den Moment fürs Abspiel regelmäßig verpaßte.

1999 gegen Manchester United standen Kahn, Matthäus, Jeremies, Effenberg, Zickler und Jancker in der Startelf, insgesamt ein selten ausgesuchter Kreis von überschätzen, überspielten und einfallslosen Sportlemuren. Für die Bayern 2010 musste man sich seit dem Spiel in Turin jedenfalls nicht mehr fremd schämen.

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