Hinter Mailand beginnt das Paradies »
Fast alle reden vom Defensivkünstler Mourinho, leise Zweifel sind angebracht. Nicht nur das Pokalfinale hat gezeigt, dass die Bayern im Moment nicht zu stoppen sind, wenn man sie spielen läßt. Florenz hat das beim Stand von 3-1 gelernt, Manchester United beim Stand von 3-0. Natürlich wird Inter es nicht mit rauschhaftem Offensivfußball wie Barcelona oder Powerpressing wie Manchester versuchen, sie werden sich aber bestimmt nicht neunzig Minuten einigeln. Die Taktik in Chelsea und Barcelona war der Auswärtstorregel in den Rückspielen geschuldet.
Diesmal gibt es kein Rückspiel, genau wie 2006 in Dortmund, als fast alle schon vor dem Halbfinale über die italienischen Defensivkünstler maulten. Italien beschäftigte die deutsche Defensive gerade so viel, dass nach vorne nicht viel ging, in der Verlängerung wechselte Lippi zwei Offensive (Iaquinta und del Piero für Camoranesi und Perrota) und letztlich den Sieg ein. Die Italiener spielen defensiv, weil sie es können, besser als alle anderen. Weil sie vom antiken Rom über Palladio, Verdi und Antonioni ein beinahe 3000 Jahre altes Formverständnis entwickelt haben und genau wissen, dass Form auch in der Kunst des Weglassens besteht. Im Weglassen zirzensischer Offensivkünste beispielsweise. Dass Mourinho Portugiese ist, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Italienisch kann man lernen.
Aufsteiger erobern die Herzen selten dadurch, dass sie die beste Abwehrreihe stellen. Auch die zurecht gelobten Mainzer waren in dieser Disziplin nur unter den besten zehn Vereinen. Geläufiger ist das Modell Hoffenheim, eine halbe oder ganze Saison hui, und danach braucht man eine ganze Weile, die Anordnung der Körper im Raum zu erlernen, Disziplin im Foucaultschen Sinne. Inters gelehrige Abwehrreihe spielt Viererkette rückwärts und im Schlaf, das Team kann aber jederzeit zwei Gänge höher schalten. In der Champions League erzielten sie 15 Tore, trafen in jedem Spiel außer in den beiden Spielen in Barcelona. Bayern traf 21 mal, davon vier mal gegen Maccabi Haifa und spielte gegen Florenz und Manchester viermal wie ein Aufsteiger mit dem hui des Tüchtigen.
Diesmal wäre ein 2-3 auswärts zu wenig.
Ohne Övrebö habt ihr keine Chance »
Der Club hatte eine und machte sie rein, fertig war ein Unentschieden für die engagierten und kompakten Defensivkünstler in rot-schwarz. Und dieser kostbare Punkt wird noch schöner, weil er glücklich war, weil man sich hinterher nicht anhören musste, gegen diese Bayern an diesem Tag wäre mehr drin gewesen. Eine Chancenauswertung von 100%, eine geschlossene Mannschaftsleistung mit einem unermüdlichen Pinola und einem eiskalten Breno, und ein Raphael Schäfer, der die eine, die tausendprozentige Gelegenheit von Mario Gomez perfekt entschärfte. Und kein Schiri, der einfach mal so ein Abseitstor durchgehen ließ, wie gegen Dortmund, wie gegen Florenz.
Ich weiss nicht, was mich bei der Champions League mehr wundert: Dass der Bruchpilot Övrebö tatsächlich noch einmal pfeifen durfte, oder dass die Bayern ernsthaft vom Titel reden. Sie stehen da, wo sie in den Jahren seit 2001 meistens standen, im Achtelfinale mit dem Auswärtsauftritt im Rückspiel. Und nach dieser einfallslosen Offensivleistung vom Mittwoch erscheint es unwahrscheinlicher denn je, dass sie diese Saison auch nur in die Nähe des Endspiels kommen.
Wenn man sich die angeblich so tolle Siegesserie einmal ansieht, stellt man schnell fest, dass die meisten Gegner entweder schwach oder mitten in einer Krise waren. Dass man gegen Haifa, Hannover, Gladbach, Hertha, Mainz und Fürth gewinnt, sollte eigentlich kein Anlass sein, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Hier stehen auch die drei Zu-Null-Spiele der Serie zu Buche. Die grossen Namen Juventus, Hoffenheim, Bremen und Wolfsburg standen zum Zeitpunkt der Begegnung gerade mehr oder weniger neben sich: Juve ist überaltert und der arme Buffon humpelte sichtlich durch seinen Strafraum, Hoffenheim hat zu viele Verletzte, Bremen den bekannt schlechten Start und Wolfsburgs Abwehr ist schlechter als die von Hertha. Drei eher durchschnittliche, gute eingestellte Mannschaften mit aufsteigender Tendenz reichten, um die Bayern ins Straucheln zu bringen: die laufstarken Dortmunder, die taktisch klugen Florentiner Hörnchen und die mutig verteidigenden Clubberer. Bis 10. April heissen die Gegner auswärts Florenz, Leverkusen, Frankfurt und zweimal Schalke, zuhause geht es gegen den Angstgegner HSV und die bestens aufgelegten Stuttgarter.
Der wie immer beflissene Marcel Reif beeilt sich heute im Tagesspiegel zu versichern, die Bayern können sich nur selbst um den Erfolg bringen, und das Spiel in Nürnberg sei der Beweis dafür gewesen. Ich habe das Gefühl, dass van Niestelrooy, Cacau, Gilardino, Köhler, Kuranyi, Kroos und die anderen den Bayern diese Aufgabe nicht konkurrenzlos überlassen werden.
Can’t sleep, ‘cos my bed’s on fire… »
…Ai, ai, ai, yaaaaaa, trainer killer aha
Das finde ich überhaupt nicht gut, dass die Bochumer Koller gerade jetzt gefeuert haben. Zur Erinnerung: Hecking verläßt kurzfristig Hannover, Bergmann übernimmt, am nächsten Spieltag gewinnt Hannover überraschend und verdient in Nürnberg. Jetzt ist Marcel Koller weg, und am Freitag spielt Bochum in Nürnberg. Trainerwechsel mitten in der Saison haben wenn überhaupt nur einen Kurzzeiteffekt, aber muss dieser Kurzeffekt immer gegen Nürnberg greifen? Nicht immer ist es so leicht wie gegen die Bayern 2007. Magath wurde nach einem 0-0 zu Hause gegen Bochum entlassen, Hitzfeld übernahm und verlor in Nürnberg sein erstes Spiel mit 3-0.
Am Samstag haben die Bayern zu Hause 2-1 gewonnen, van Buyten mit seinem Tor zum 2-1 und seinem 1-0 in Tel Aviv gegen Haifa tut alles, um seine Kritiker Lügen zu strafen. Bei seinem Kopfball hat Wolf gefehlt. Pinola war zu klein, auch wenn er sonst kein schlechter Innenverteidiger ist. Bei der Flanke von Robben fehlte er dafür auf links. So kostete der depperte Kopfstoß von Wolf im Freundschaftsspiel gegen Bohemians Prag einen Punkt. Beim 1-1 von Nürnberg sah die Bayern-Hintermannschaft allerdings mit van Buyten wieder vogelwild wie eh und je aus. Und wichtige Tore hat der Belgier ja schon immer gemacht, 2007 im Viertelfinale beim 2-2 in Milan alle beide in den letzten 12 Minuten. Im Rückspiel in München verlor Bayern 0-2 und van Buyten hatte die Note fünf. Mal sehen, wie das Experiment “Abwehrchef” weiter geht. Mal sehen, wie das Experiment “Gomez” weitergeht. Mehmet Scholl braucht dringend Hilfe.
Wenn Eric Maxim Choupo-Moting und Jan-Ingwer Callsen-Bracker zusammen ein Bier trinken gehen, reservieren sie vorher angeblich einen Tisch für acht Personen. Aber der Jubel nach dem 1-1 war schon ein Bild fürs Fanalbum. Vidosic (22) umarmt Choupo-Moting (20), der Dritte im Bunde ist der Vorlagengeber Gündogan (18). Nürnberg ist eine der wenigen Mannschaften, die sich in der Zweiten Liga schneller entwickeln als manch anderer, der immer oben spielt. Das ist diese unglaubliche Erfahrung beim Absteigen, die ihnen zu Gute kommt.
Der Dicke und sein Belgier »
Ich liebe Länderspielpausen, auch wenn die Schreibabstinenz war gar nicht so lange geplant war. Aber manchmal sind Nebensachen tatsächlich Nebensachen. Und so viel ist auch gar nicht passiert, vor allem bei der Nationalmannschaft. Özil wurde kräftig gehypt, während Schweinsteiger eigentlich einmal eine Pause verdient hätte. Gegen Dortmund war er zwar gut, aber gegen diese Dortmunder hätten auch Lell, Ottl und Rensing gut ausgesehen. Mehmet Scholl bereitet schon die nächste Generation hoffnungsvoller Nachwuchstalente auf Lionel Messi vor. Vier Tore gegen Barcelona kassieren fühlt sich auch nicht viel anders an als vier Tore gegen Sandhausen kassieren. Bin gespannt, wie Abwehrchef van Buyten sich in Israel gegen einen international aufstrebenden Gegner präsentiert, obwohl vier Tore, da müßte er schon einen richtig schlechten Tag haben. Bergomi sieht die Bayern heute im kicker in der CL höchstens im Viertelfinale. Sollten sie die Gruppenphase überstehen, müßten sie im Winter nachlegen, sonst reicht es wahrscheinlich nicht einmal dafür. Wenn alles nach Plan geht, werden sie in dieser Gruppe bestenfalls Zweiter, das hieße im Achtelfinale Rückspiel auswärts.
Bin auch gespannt, was der große Reformator Uli Hoeneß sagt, wenn sein Belgier sich für die EM in Polen und der Ukraine (oder war es Deutschland, Norwegen, Aserbeidschan?) erst durch eine Qualirunde quälen muss, um dann in der Hauptrunde chancenlos richtig eingeschenkt zu bekommen. Spieler aus Schwellenländern wie Belgien, Paraguay (Santa Cruz) oder Iran (Ali Karimi und Ali Daei) sind demnächst das reine Gift für einen geordneten Spielbetrieb. Oder gibt es da noch eine Zusatzklausel: Keine Qualifikationsrunde müssen bestreiten Länder, von denen der FC Bayern Nationalspieler unter Vertrag hat. Demnächst spielen bei den Bayern eh zehn Holländer und Ribery. Ob T-Com dann seine corporate identity aufhellen läßt? Oder spielt Oranje zukünftig in rot?
Shalom, Champions League »
Denn Maccabi Haifa hat sich souverän qualifiziert. Und muss hoffentlich nicht auf Zypern spielen.
Red Bull mit blauem Auge »
Maccabi Haifa gewinnt in Salzburg. Und Debrecen (sind das die mit den guten Würsten?) gewinnt in Sofia. Also haben wenigstens zwei Außenseiter Chancen auf die Gruppenphase. Nur auf meine Traumpaarung warte ich vergeblich: Sheriff Tiraspol gegen Marshall McLuhan. Kanadier dürfen nämlich nicht mitmachen.
Die neue Champions League »
Endlich einmal eine sinnvolle Reform. Wer die Auslosungen zu den Playoffs in der Champions League gesehen hat, wird feststellen, dass der elitäre Klub der Dauerteilnehmer durchlässiger werden wird.
RB Salzburg, Maccabi Haifa, FC Kopenhagen, APOEL Nikosia, FK Ventspils, FC Zürich, Levski Sofia, VSC Debrecen. Von diesen acht Vereinen sind in der neuen Runde vier dabei. Und wenn Celtic Glasgow (die Stadt mit dem südafrikanischen Weltmeisterschaftsklima) Arsenal knackt, dann wären zum ersten Mal seit es die CL gibt, nur drei englische Teams dabei. Insgesamt wird alles viel europäischer und meisterlicher. Ich drücke Maccabi Haifa die Daumen, die gegen die Österreicher eine reelle Chance haben.
Für die Europa League sind Hapoel Tel Aviv (gegen FK Teplice) und Bnei Yehuda Tel Aviv (gegen PSV Eindhoven) noch im Rennen. Hapoel hat eine gute Chance, Bnei Yehuda wird über sich hinauswachsen müssen. Und Hertha kann sich nach dem Duell mit Bröndby vermutlich ganz auf die Liga konzentrieren. Aber dann könnte ja Stuttgart einspringen, falls es in den CL-Playoffs gegen Timisoara nicht reichen sollte.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
0
- 



