Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Kimmich? – Don’t Believe The Hype »

Thomas Hummel (SZ) vergleicht Joshua Kimmich nach dem 1-0 gegen Nordirland allen Ernstes mit Philipp Lahm. Christian Gödecke und Danial Montazeri (SPON) behaupten imBrustton der Überzeugung, Deutschland habe „wieder einen Rechtsverteidiger“. Auf Twitter überschlagen sich die Kommentatoren. Warum nur?

Glauben wir ausnahmsweise mal der UEFA, die in ihrer Statistik folgende Zahlen liefert. Benedikt Höwedes spielte in 195 Spielminuten 68 Pässe und hatte eine Passquote von 90 Prozent, Kimmich spielte in 93 Minuten 66 Pässe mit einer Quote von 88 Prozent. Nun könnte man meinen, Kimmich sei doppelt so aktiv gewesen wie Höwedes, allerdings beschränkte sich Kimmichs Beitrag zum Aufbauspiel in der zweiten Halbzeit darauf, Sechs-Meter-Rückpässe auf Khedira zu spielen. Und das gegen eine nordirische Mannschaft, die sich in der gesamten Spielzeit keine einzige Chance herausarbeitete. Höwedes musste sich gegen die Ukraine und Polen zweier Mannschaften erwehren, die die deutsche Defensive ständig unter Druck setzten, trotzdem hatte er gegen Polen kurz vor Schluß sogar die Chance zum (unverdienten) 1-0. Kimmichs Auftritt am Dienstag war ordentlich, aber ihn herauszuheben in einer Mannschaft, in der Özil endlich der erhoffte Taktgeber war, und alle, bis auf Hector, Neuer, Boateng und Müller besser spielten als vorher – die ersten drei so gut wie zuvor, letzterer bescheiden wie zuvor – entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Ich glaube gar nicht, dass man damit vor allem den neuen Posterboy des FC Bayern abfeiern will, gut, die FCB-Twitterer wollen vermutlich genau das. Ansonsten es ist wohl eher der dringende Wunsch an Joachim Löw, die Verjüngung der Mannschaft voran zu treiben, der aus dieser unproportionierten Lobhudelei spricht. Schweinsteigers Einwechselung gegen die Ukraine war eine gelungene emotionale Pointe, aber halt auch ein wenig Retro.

An weniger prominenter Stelle liest sich die Bewertung von Kimmich schon etwas anders. In der Einzelkritik zum Nordirland-Spiel heißt es auf SPON zu Kimmich: „Der Rechtsverteidiger ist vor allem für die Offensive ein Gewinn. Viel angriffslustiger als Benedikt Höwedes auf dieser Position, war er in zahlreiche Offensivaktionen verwickelt. Machte das gut, brachte endlich Flanken ins deutsche Spiel ein. Was er defensiv kann, das wird man an anderer Stelle sehen.“ Im Testspiel gegen die Slowakei sah man, wie Kimmich mit Haut und Haar absoff. Vom kicker bekam er dafür eine 5,5, Boateng, Hector und Rudy jeweils eine 3,5. Im CL-Hinspiel gegen Juventus versaubeutelte Kimmich die 2-0-Führung des FCB in Turin beinahe im Alleingang. Er hatte es Thomas Müllers Treffer zum 2-2 im Rückspiel zu verdanken, dass danach keiner von seinen Patzern sprach.  Gegen Gegner, die sich ein bißchen mehr zutrauen als Nordirland hat er also eine äußerst durchwachsene Bilanz. Was bei einem 21-Jährigen durchaus passiert. Vor lauter Lob überschlagen muss man sich trotzdem nicht.

Dass Thomas Müller einen Patzer von Kimmich bei dieser EM postwendend wieder ausbügelt, ist nach dem bisherigen Verlauf des Turniers nicht zu erwarten. Es ist kein Fluch, der Müller befallen hat, und kein Pech, er wirkt einfach überspielt, ausgebrannt. Der Raumsucher sucht seinen Esprit. Auch David Alaba, dem Gesicht des österreichischen Scheiterns, ist die Leichtigkeit abhanden gekommen. Müllers letzte nennenswerte Aktion in der abgelaufenen Saison war das Kopfballtor gegen Juventus.  Es wäre keine Denkmalsschändung in dieser an Denkmälern so reichen Mannschaft, wenn der Bundestrainer Müller eine Pause gönnen würde. Das nächste Hoffungsträgerlein in Gestalt von Leroy Sané steht schon bereit. Auch der kriegte in der Regenschlacht von Augsburg eine 3,5. Und er kann es über rechts.

Sich einen runterhoolen – eine alte abendländische Tradition »

Elf Anmerkungen zum bisherigen Verlauf der EM (Spiel 1 bis 10, ohne Gruppe F):

1.) Es noch gar nicht so lange her, da wurde hierzulande der Untergang des Abendlands beschworen, weil in deutschen Innenstädten Korane verteilt wurden. Die Reaktionen auf die völkervertrimmenden Krawalle in Frankreichs Innenstädten fallen im Verhältnis dazu reichlich verhalten aus. Ist halt alte abendländische Tradition, sich in überbordender Männlichkeit gegenseitig die Fresse zu polieren. Die russischen Hooligans haben sich vor Gericht ebenso in Luft aufgelöst wie einst die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein. Mit dem schlimmen Wort von der Lügenpresse hat das natürlich nichts zu tun, es handelt sich lediglich um bedauerliche Recherchefehler.

2.) Die Vorberichte im ZDF zum Eröffnungsspiel fielen dadurch auf, dass die Equipe Tricolor keinen Gegner hatte. Kein Wort über Rumänien, auch nicht über den Trainer Anghel Iordanescu, der  immerhin zweimal den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewann. Stattdessen tatsächlich bewegte Bilder vom WM-Halbfinale 1982 mit Marius Trésor, aber kein rumänischer Studiogast. Warum nicht Dorinel Munteanu, als Trainer mit Galati rumänischer Meister 2011? Ansonsten teilweise recht gute Spielberichte (Claudia Neumann) und auch eine sehr realistische Kommentierung der Leistung der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine (Gerd Gottlob). Selbst Tom Bartels war erträglich. Dazu noch ein O-Ton: Die Welt: Wie läuft eine Turniervorbereitung für Sie? Béla Réthy: Da gilt es, so viel wie möglich über die Teams zu recherchieren und wichtige Daten zusammenzutragen. Ich kann es kaum erwarten.

3.) Die Chance, als Gruppendritter weiter zu kommen, ermuntert die meisten Mannschaften, offensiver zu spielen. Man hat nicht den Wahnsinnsdruck, mit einer Auftaktniederlage gleich alles versaut zu haben. Ausnahmen wie Spanien 2010 bestätigen diese Regel. Bisher fallen die sogenannten Fußballzwerge in keinster Weise negativ auf. Es ist eben nicht die dritte, sondern die erweiterte zweite Reihe, die dabei ist: WM-Dritte wie Rumänien und die Türkei und große Fußball-Nationen, die in letzter Zeit wenig gerissen haben wie Ungarn, Tschechien und Portugal. Man weiß bis zum Schluß der Vorrunde nicht, gegen wen es geht. Hat Charme, dieser Modus.

4.) Das beste Spiel – bevor die Gruppe F an den Start ging – war Belgien gegen Italien, aber gleich danach kam für mich Wales gegen die Slowkei. Zwei gleichstarke Gegner, die alles probierten. Dazu der verdiente Sieger Wales, der in der Lage war, nach dem Ausgleich sehr schnell taktisch und spielerisch zu reagieren. Alle Spiele sind sehr fair, auch ein Zeichen dafür, wie viel besser das technische Niveau geworden ist.

5.) Die Engländer haben eine Mannschaft zum Liebhaben: Alli, Sterling und die anderen jungen Wilden sind mit heißem Herzen und spielerischer Leichtigkeit dabei. Aber mit dieser Chancenverwertung werden sie nicht weit kommen. Die ultimative Kränkung wäre es, wenn eine der anderen Mannschaften von den Inseln weiterkommt und die Three Lions nicht. Wales is waiting.

6.) Der Turnierstart der deutschen Mannschaft war besser als erwartet. Und dann auch noch zu Null, nach dem fröhlichen Scheibenschießen in den letzten zwei Jahren. Zu sehen gab es sehr viel Glück, einen sehr guten Neuer und schon ziemlich viele Ideen in der Offensive. Özil kommt in der allgemeinen Einschätzung zu schlecht weg. Er hat gerackert für drei und Schweinsteiger das 2-0 präzise aufgelegt. Nach all dem Hype um Odonkor wegen einer guten Flanke 2006 hat Özil mehr Respekt verdient. Ich hätte mir gewünscht, dass Boateng Kapitän ist, das wäre mal eine Ansage gewesen. Und Schweinsteiger hat immerhin schon Luft für sieben Minuten. Das läßt hoffen für die 1113. Minute in einem KO-Spiel.

7.) Eine seltsame Stimmung liegt über dem Turnier. Die EU steht möglicherweise vor ihrem Zerfall, mit zwei Teilnehmern – Türkei und Russland – gibt es massive Konflikte, allenthalben dräut und droht ein terroristischer Anschlag. Die Leute feiern, aber selten war es bei einem Turnier so deutlich zu spüren, dass Fußball eine Nebensache. Eine EM am Vorabend. Aber von was?

8.) Am besten trat neben den aus dem Nichts wieder erstarkten Italienern bisher Kroatien auf. Technisch überragend, in den Zweikämpfen giftig, aber nicht brutal, immer in der Lage, das Spiel zu machen. Und gespickt mit hervorragenden Einzelspielern: Srna, Mandzukic, Modric.

9.) Die Schiedsrichterleistungen sind bisher überwiegend gut. Bis auf den übersehenen Ellbogen von Giroud beim 1-0 gegen Rumänien gab es praktisch keine Fehlentscheidungen. Noch beeindruckender: Es scheint, die Schiedsrichter haben sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt – wenige Karten, viel laufen lassen, sehr viel reden. Das gab es noch nie: Die Spielleiter verpassen einem Turnier ihre spielübergreifende Handschrift.

10.) Ibrahimovic hat den Ausgleich der Schweden erzwungen, aber ingesamt kommt es mir so vor, als sei das Modell 1 Superstar und 10 Wasserträger ein Auslaufmodell. Rooney ist ein mannschaftsdienlicher Kükenhirte geworden, Bale zerstreut erfolgreich seinen Kultstatus, Schland und Kroatien kommen ohne Superstar gut zurecht. Mal sehen, wie sich CR7 hineinfindet in seine Rolle als leader of the pack einer neuen Generation.

11.) Die Franzosen sind deutlich verbessert im Vergleich zu den letzten Turnieren. Sie tragen ihre Last der Erwartungen bisher mit mehr Esprit als die Brasilianer vor zwei Jahren. Aber Les Bleus werden ohne Zidane für mich immer unvollkommen sein. Wie ein Orchester ohne Violinen, ein Wald ohne Vögel, ein Essen ohne Gewürze. Trotz Lahm und Klose, Xavi und Iniesta, Buffon und Pirlo, bleibt Zizou die überragende Persönlichkeit der letzten 20 Jahre. Diese französische Mannschaft könnte aus seinem Schatten treten.

Und täglich grüßt die Extrawurst »

17. Mai 2006 Champions League Finale zwischen Arsenal und Barcelona. In der 18. Minute foult Arsenals Torhüter Jens Lehmann den durchgebrochene Eto’o und sieht Rot. Arsenal verliert ein grandioses Endspiel mit 2-1. Knapp zwei Monate später WM-Endspiel in Berlin. Nach einem Kopfstoß gegen den Italiener Materazzi sieht Zinedine Zidane in der 110. Minute Rot. Frankreich verliert im Elfmeterschießen.

Auch wenn es die Vorstellungskraft der meisten Bundesliga-Schiedsrichter überschreitet: Es ist möglich und dem Spiel sogar förderlich, Regelverstöße von allen Spielern zu bestrafen, egal, ob sie in vermeintlich großen oder kleinen Mannschaften spielen. Die Welt geht nicht unter, wenn es Chancengleichheit gibt zwischen Favoriten und Außenseitern. Warum also ist es nicht möglich, Spiele des FC Bayern regelkonform zu leiten und stattdessen das Team aus München in penetranter Weise zu bevorzugen und die gegnerische Mannschaft zu benachteiligen? Und warum wird diese gängige Praxis von den meisten Sportjournalisten devot oder achselzuckend zur Kenntnis genommen?

Jeder im Stadion in Leverkusen hat gestern Abend gesehen, dass Thiago zwingend hätte Rot sehen müssen. Jeder im Stadion hat am vergangenen Samstag in Dortmund gesehen, dass Xabi Alsonso in der 88. Minute ein Foul an Aubameyang beging, indem er ihm auf den Fuß trat. Das hatte er im Spiel vorher schon dreimal gemacht, weil er läuferische Defizite hat. Jeder im Stadion formerly known as Volkspark hat am 4. Spieltag gesehen, dass Neuer einen Konterversuch in der Nachspielzeit per Handspiel an der Mittellinue unterband und Gelb anstatt Rot sah. Jeder im Berliner Olympiastadion hat am 17. Mai 2014 gesehen, dass Mats Hummels in der 65. Minute ein reguläres Tor für Dortmund im Pokalfinale gegen die Bayern erzielte.

Tom Bartels, der Erste Bayern-Schwadroneur der ARD*, wußte gestern zu vermelden, dass noch nie eine Mannschaft dreimal hintereinander Pokalsieger geworden ist. Es gibt auch keine andere Mannschaft, die in engen, in kritischen Spielen in nationalen Wettbewerben von den Schiedsrichtern so zuvorkommend bedient wird wie die Bayern. Das gleicht sich im Lauf der Saison nicht aus, das ist ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil, der die psychologische Ausgangssituation der Bayern gegenüber allen anderen Wettbewerbern drastisch verbessert, will sagen, den Wettbewerb systematisch verzerrt. Im Großen wie im Kleinen. Nehmen wir den 2. Spieltag der Saison 2010/11. Am ersten Spieltag verlieren die Bayern zuhause gegen Gladbach nach Fehler von Neuer. Der Torwart aus Schalke hat einen nennenswerten Teil der Fangemeinde gegen sich, nach seinem Patzer ist der Unmut größer geworden. Auch gegen Wolfsburg patzt er in der 39. Minute. Der reguläre Treffer von Helmes wird aber nicht anerkannt, warum, weiß keiner.  Bayern gewinnt durch ein Tor von Luiz Gustavo in der letzten Minute mit 1-0, und Neuer kriegt die Kurve. Es sind diese kleinen Extras, diese Mischung aus Nachsicht, Servilität und Regelblindheit, die am 27. Spieltag zehn Punkte Vorsprung bedeuten können, oder den erfolgreichen Einbau eines  Schlüsselspielers zu Beginn der Saison. Neuer hätte auch scheiten können, so wie Hildebrand in Valencia oder Özil bei Real Madrid. Das ist sein Berufsrisiko, das ein Schiedsrichter nicht zu mindern braucht. Genau wie es das Risiko der Vereinsführung ist, einen Transfer zu vergeigen.

Luiz Gustavo, der Siegtorschütze gegen Wolfsburg, ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut es sich leben läßt im Bayern-Kokon. Der Brasilianer stieg 2008 mit Hoffenheim in die Bundesliga auf. In 82 Spielen für Hoffenheim sah er einmal Rot und viermal Gelb-Rot. Auch für einen defensiven Mittelfeldspieler eine äußerst rustikale Bilanz. Am 1. Januar 2011, in der Winterpause, wechselte Gustavo zu den Bayern. In den 67 Spielen dort sah er weder Rot noch Gelb-Rot. Zur Saison 2013/14 wechselte er nach Wolfsburg und sah in 29 Spielen dreimal Gelb-Rot. In den 26 Spielen der laufenden Saison ist er ohne Rot und Gelb-Rot ausgekommen. Ein Jahr lang hat Dieter Hecking gebraucht, um dem Ex-Bayern-Spieler beizubringen, dass für ihn jetzt Regeln gelten, um die er sich im roten Trikot nicht zu kümmern brauchte. Es ist nicht die superbe Technik, die man im Training an der Säbener Straße beigebracht bekommt, nicht das Bayern-Gen, die Bierruhe, das Mia san Mia, es ist die speziell für die Bayern geschaffene Komfortzone, die es für die anderen Vereine im Profifußball nicht gibt, die aus dem Risikofaktor Luiz Gustavo eine verläßliche Größe machte.

Wer sich sicher sein kann, dass er sich in Zweikämpfen die eine oder andere Grobheit mehr rausnehmen kann, wer weiß, dass für ihn spezielle Privilegien gelten, wer es gewohnt ist, dass ihm regelmäßig kleine Aufmerksamkeiten zuteil werden, der tritt auch entsprechend auf. Es gibt keinen anderen Verein, in dem ein Spieler, der wie Ribéry pünktlich wie ein Quartalssäufer zur Flasche zum Revanchefoul greifen würde, jedesmal ungeschoren davon käme. Der „emotionale Typ“, der wenigstens schon vier mal glatt Rot hätte sehen müssen, weiß, warum es bei den Bayern so schön ist. In keiner anderen großen europäischen Liga würde man ihm diese regelmäßigen Ausraster durchgehen lassen. Ich bin kein Fan von Cristiano Ronaldo, aber zum Fußballer Europas fehlt Ribéry tatsächlich das Format. Dass er ein guter Tempodribbler ist, steht außer Frage, aber wenn man Zidane vom Platz stellen kann, dann auch Ribéry. Und Thiago. Und Neuer. Ohne großes Tamtam einfach mal die Regeln anwenden.

Denn wenn es nach den Regeln geht, tun sich die Bayern schwerer, als es ihnen und ihren Claqueuren lieb sein kann, dann ist von der vermeintlichen Überlegenheit nichts zu sehen. Botaeng sieht Rot, Schalke punktet in München. Tobias Welz liefert keine überragende, aber fehlerfreie Leistung zu Beginn der Rückrunde ab, Bayern verliert 4-1 gegen Wolfsburg. Peter Gagelmann kriegt im kicker die Note 2, Dortmund vernascht Bayern im Pokalendspiel mit 5-2.  Auf internationalem Parkett das gleiche Bild. Der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca beim Finale dahoam war ordentlich, aber nicht überragend, ebenso wie Howard Webb beim 0-1 im Halbfinale gegen Real vor knapp einem Jahr. Man muss keine Sternstunde haben als Schiedsrichter, man muss nicht über sich hinaus wachsen, um ein Spiel der Bayern ohne krasse Fehlentscheidung zu ihren Gunsten zu leiten. Man braucht Courage und den Willen, genau hinzuschauen, mehr nicht. Dann ist man in der Lage, das Undenkbare zu tun, und die Bayern nach den gleichen Regeln zu behandeln, die für den Rest der Liga gelten.

Dass die Bayern verläßlich ihre Extrawurst serviert bekommen, liegt auch am Umgang vieler Journalisten mit dieser Vorzugsbehandlung. Außer Günter Netzer (bei Länderspielen) gibt es keinen relevanten Experten, der nicht ein ehemaliger Bayern-Spieler ist, so sehr ich Stefan Schnoor auch schätze. Kahn, Scholl, Hamann, Matthäus, Beckenbauer, Effenberg, Helmer – für ein Land, das so reich gesegnet ist mit redseligen Ex-Profis, eine erstaunlich einseitige Auswahl. Ich war hocherfreut, als Erik Meijer neulich bei Sky auftauchte. Vielleicht ist es diese geballte Bayern-Präsenz, die es für Tom Bartels (und andere) unmöglich macht, einen einfachen Sachverhalt korrekt wiederzugeben. Bei einem Kopfballduell schlug Dante gestern seinem Gegenspieler, ich glaube, es war Spahic, ins Gesicht. Ob es eine Tätlichkeit war oder eine Versehen, ist unklar, aber es war ein Schlag ins Gesicht. Bartels beschreibt die Szene so: „Da hat sich der Leverkusener im Zweikampf mit Dante weh getan.“ Weh getan? Warum so schüchtern? Ist es Majestätsbeleidigung, einen Schlag ins Gesicht als solchen zu bezeichnen? Spieler machen Fehler, pausenlos. Nicht nur das. Spieler – das ist nicht unwesentlich für die Idee der Chancengleichheit – werden von ihren Gegenspielern zu Fehlern gezwungen. Handlungsschnelligkeit, Ballsicherheit und Matchplan führen zu Abspielfehlern, Stellungsfehlern und Fouls. Und diese Fehler nutzt man aus. Weil man gewinnen will. Xabi Alonso kommt zu spät gegen Aubameyang, es gibt Elfmeter für Dortmund. Thiago fehlt in seinem zweiten Spiel nach einem Jahr Pause die Kondition, Bayern muss 40 Minuten in Unterzahl spielen. Diese Fehler sollte man als Kommentator einfach mal benennen und nicht wie Bartels in eine reflexhafte Rechtfertigungslitanei verfallen, wann immer ein Bayern-Spieler einen Fehler macht. Dann spricht sich das eventuell bis zu den Schiedsrichtern herum, und dann, vielleicht, wird das Premiumprodukt Bundesliga kein mehrstimmiges Bayernweihfestspiel mehr, sondern ein sportlicher Wettkampf mit offenem Ausgang.

*nicht des ZDF [korrigiert 2015-04-09, 12.14 Uhr]

Bayern wieder taktisch unterlegen »

Es wäre zu leicht, die Niederlage der Bayern gegen Gladbach an Neuers Fehler fest zu machen. In erster Linie war es eine kluge und leidenschaftliche Mannschaftsleistung der Gladbacher, die den Sieg in München brachte. Nach zehn Minuten fiel den Bayern nichts mehr ein, Gladbach war läuferisch besser und handlungsschneller, außerdem nahmen sie die Zweikämpfe an, manchmal etwas ruppig zwar, das brutalste Foul des Spiels aber kam aber von Schweinsteiger und blieb ungeahndet.

Apropos ungeahndetes Foul. Es ist schon merkwürdig, dass die Bayern die beiden  Spiele verloren haben, in denen es keine Fehlentscheidungen zu ihren Gunsten gegeben hat. Natürlich haben sie nicht jedes ihrer Spiele wegen einer Fehlentscheidung gewonnen, aber es gab einige, die auf der Kippe standen (zuletzt Hannover, Bremen), und bei denen Schiedsrichtergeschenke den Ausschlag gaben. Beim 1-4 in Wolfsburg und gestern gab es keine Großzügigkeiten des Referees, und am Ende gewann das taktisch klügere Team. Vermutlich wird Rummenige Guardiola demnächst zurechtweisen: Fußball ist kein Stierkampf.

Die Bilanz der Bayern gegen Wolfsburg, Gladbach und Schalke (Platz 2,3 und 5)  ist mit drei Unentschieden, zwei Niederlagen und einem Sieg äußerst durchwachsen und spricht nicht für ein grandioses Saisonfinale. Die Kantersiege gegen Paderborn und den unsäglichen HSV sind kein Maßstab, auffällig ist die große Abhängigkeit von Robben in dieser Saison. Der spielte tatäschlich häufig Weltklasse, aber sonst halt keiner.

Es kann schon sein, dass sie wieder Meister werden, Wolfsburg und Leverkusen haben zu viele Punkte liegen lassen, aber wer will schon acht Spieltage erleben, bei denen die Verfolger immer näher kommen und die Bayern ins Ziel wanken? Und ob es in der Champions League zu mehr reicht als zum Halbfinale, mals sehen. Auch in Donezk waren sie einfallslos, zuhause half ihnen dann ein Platzverweis nach drei Minuten in die Spur.

Apropos Champions League. Mit Jens Keller qualifizierte sich Schalke zweimal in Serie für diesen Wettbewerb. Dann wurde er entlassen. Unter Di Matteo muss die Mannschaft um die Europa League bangen. Vielleicht sollten Horst Heldt und Martin Bader auf die Fanfreundschaft zwischen dem Club und Schalke noch eine Managerfreundschaft setzen. Sie scheinen bei ihrer Personalpolitik Brüder im Geiste zu sein.

 

 

Wo warst du, als…? »

Den gestrigen historischen Fußballabend verbrachte ich in einer wunderbaren Bar in Friedrichshain. Als fairer Sportsmann trank ich zur Unterstützung des Schiedsrichters Corona-Bier und aß ein paar Tacos. Nach dem 1-0 schenkten die Barleute kostenlosen Tequila an ihre etwa 30 Gäste aus, pro Tor ein Tequila versprachen sie uns,und ich sagte vorwitzigerweise „Wenn ihr das macht, seid ihr am Ende pleite“. 20 Minuten später, also nach Khediras 5-0 entschieden sie sich sinnvollerweise für einen Pauschalrum für alle Tore und gaben in Halbzeit Zwei noch einen obendrein.

Nicht nur für unsere us-amerikanischen Freunde Bündnispartner Interessenkonkurrenten Touristen waren die Geschehnisse unerklärlich. Einer merkte vorwitzig an: Wir haben nur 1-0 verloren, und in der Tat geben die USA oder Costa Rica oder Bosnien-Herzegowina wertvolle Hinweise auf die Gründe für diesen Spielverlauf.

Sicherlich haben der Ausfall von Neymar und Thiago Silva Brasilien erheblich geschwächt. Stellen wir uns vor, Müller wäre im Viertelfinale aus dem Turnier gefoult worden und Lahm wäre gelbgesperrt gewesen. Anders als die Brasilianer wäre das deutsche Team trotzdem nicht so auseinandergefallen. Man hätte vielleicht verloren, aber sich nicht binnen sieben Minuten komplett aufgegeben. Was uns zu den USA, Costa Rica und BiH bringt, die alle als Team überragend funktioniert haben. Brasilien ließ sich auf den Personenkult um Neymar ein, befeuerte ihn sogar noch. Wenn dieses Spiel mit einem anderen vergleichbar ist, dann mit dem WM-Finale 1998. Dort gab es mit Frankreich auch einen erfreulichen und verdienten Sieger, und der vermeintliche Superstar Ronaldo war genauso platt und enttäuschend wie seine Mitspieler. Auch diesmal wurschtelten sich die Brasilianer mehr schlecht als recht durch das gesamte Turnier und konnten nie – anders als die Spanier in ihrer Epoche – eine schlüssige Spielidee präsentieren. Die Methode Gewonnen, egal wie, reicht für ein Halbfinale, hat auch bei Deutschland schon zu manchem Halbfinale gereicht, reicht aber nie für einen Titel.

Ein weiterer Grund für den Spielverlauf ist das 4-4 gegen Schweden, vielleicht der heilsamste Schock unter Löw überhaupt. In der 60. Minute dachte ich daran, dass das 4-4 in der 70. Minute seinen Anfang genommen hatte. und war gespannt. Dann machte Schürrle das 6-0 und zerstreute alle Bedenken. Wer das 1-0 gegen Brasilien macht, denkt sich: ein 1-0 wird nicht reichen. Besser noch eins nachlegen. Und das 2-0 entwickelte eine unglaubliche Sogwirkung. In den besonderen fünf Minuten erzielte Deutschland das gleiche Tor dreimal. Pass auf halblinks in die Schnittstelle, rechts quergelegt, alle Brasilianer irren eurythmisch durch den Strafraum, drin isser. Wenn Deutschland gewollt hätte, hätte dieses Spiel zweistelling ausgehen können. Glücklicherweise wollten sie nicht, glücklicherweise spielte Brasilien in Würde weiter und kam zu seinem Ehrentreffer, der vielleicht besser Würdetreffer heißen sollte.

Der Hauptgrund aber ist, dass es Löw und Flick und Köpke und Bierhoff gelungen ist, ein funktionierendes Team zu bauen. Es war zu beobachten, dass diesem Turnier der große Favorit fehlt. Ergänzend könnte man sagen, dem deutschen Team fehlt die Überfigur. Und zwar nicht, weil sie alle im Mittelmaß verschwinden, sondern weil jeder in der Lage ist, ein besonderes Spiel zu liefern. Gegen Portugal überragte Müller, gegen Ghana war Klose zur Stelle, gegen die USA holte sich  Schweinsteiger seinen Stammplatz zurück. Gegen Algerien war es Neuer, gegen Frankreich Hummels, gestern Kroos. Wer weiß, wer am Sonntag zur Stelle sein wird. Dieses Team bietet eine besondere Mischung aus Coolness und Leidenschaft, die viel Freude macht. Müller im Interview gestern zum Beispiel, ohne einen Anflug von Hochmut oder Selbstgefälligkeit. Einen Effenberg oder Matthäus nach einem 7-1, egal gegen wen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ergebnisfußball? Mit solchen Ergebnissen gerne.

Bleibt noch der Sonntag. Der berühmte letzte Schritt. Nachdem alle meine Favoriten vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben, tue ich Holland sicher keinen Gefallen, wenn ich sie zum Finalgegner ausrufe. Aber alles andere wäre eine große Überraschung. Was das Teambuilding angeht, gilt auch für Oranje. Die notorischen Streithansel des Weltfußballs sind taktisch souverän, haben fünf, sechs Leute, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen können. Ihr Trainer ist ein schlauer, alter Sack Fuchs.  Auch sie haben ihre Spieler für besondere Momente. Van Persie gegen Spanien, Depay gegen Australien, Huntelaar gegen Mexiko, Krul gegen Costa Rica. Und natürlich Robben.  Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der so darauf brennt Weltmeister zu werden wie diesen Arjen Robben. Seine Ansprache vor der Verlängerung gegen Costa Rica ist genauso historisch wie Kloses 16. Tor. Und van Gaal, der vermeintliche Sturkopf, ließ ihn gewähren.

1974 hat eine Mannschaft Brasilien 2-0 rauschhaft an die Wand gespielt. Den Titel geholt haben am Ende die Anderen.

 

 

 

 

Die Mannschaft lebt, Charlie Brown »

Nachdem ich gestern in der Süddeutschen Zeitung ARD und ZDF Beweihräucherung der deutschen Mannschaft vorgeworfen habe, kann ich jetzt Boris Büchler schlecht wegen vermeintlich hyperkritischer Fragen an Per Mertesacker kritisieren. Büchler ist einer der Lichtblicke beim Umgang mit Interviewpartnern. Aber ich kann Mertesackers Reaktion bei diesem kleinen Scharmützel verstehen. Seine Gegenfrage: „Wollen Sie, dass wir toll spielen und dann wieder rausfliegen?“ war großartig.

Mir fällt jetzt leider nicht ein, welcher Trainer gesagt hat, dass man auf dem Platz dauernd denken muss, dauernd überlegen muss, was man tut, damit man gewinnt, und wenn man aufhört zu denken, verliert man das Spiel. Klingt irgendwie nach dem Kopfarbeiter Guardiola, aber vielleicht war es auch jemand anderes. Löw? Ancelotti? Tuchel? Die deutsche Mannschaft jedenfalls hat genug von rauschhaften Siegen. Wer sich in einen Rausch spielt, denkt nicht nach. Alles läuft von allein, jeder Schuß ein Treffer. Alle jubeln, alles schick. Wenn dann das erste Spiel kommt,  nachdem der Rausch verflogen ist, weiß man nicht mehr weiter, dann fliegt man raus, geht an seiner Einfallslosigkeit zugrunde. Wie gegen Spanien 2010 und gegen Italien 2006. Deshalb auch die beinahe betretenen Reaktionen der Spieler nach dem Spiel gegen Portugal. Sind wir schon wieder so weit? Geht das schon wieder los?

Rausch ist keine Strategie. In den beiden schwierigen Spielen gegen Ghana und Algerien haben Löw und seine Spieler nach einer Antwort suchen müssen und jeweils die passende gefunden. Gegen Ghana setzten Schweinsteiger und Klose die entscheidenden Impulse, gegen Algerien war es der Superjoker Schürrle, der seit vielen Spielen immer da ist, wenn man ihn braucht. Es ist schön zu sehen, wie sich die drei „Engländer“ Özil, Schürrle und Mertesacker weiterentwicklen, auch wenn ihre Vereine keine ganz große Saison hatten.

Nach dem Ausscheiden von Mustafi spielte die alte Doppelsechs Khedira/Schweinsteiger und Lahm war endlich wieder außen. Also die Grundausrichtung von 2012. Entscheidend daran ist der zwischenzeitliche Lernprozess. Wenn sie mit dieser Startelf angefangen hätten, die Platzhirsche Khedira und Schweinsteiger durchgeschleppt hätten, bloß weil sie immer schon so gespielt haben, dann wäre das zu wenig durchdacht gewesen. Gedankenlos. Jetzt, nach vier Spielen mit vier verschiedenen Aufstellungen, spricht tatsächlich alles dafür, Lahm nach außen zu ziehen, schon allein, weil Kramer ja auch noch da ist. Der gab als WM-Debütant eine sehr entschlossene Figur ab, patzte hinten nicht und tummelte sich ab und zu auch vorne.

Dieses hart umkämpfte, klug herausgespielte und glückliche 2-1 gegen wirklich grandiose (und im Abschluß zu schlampige) Algerier hat einen sportlich viel höheren Stellenwert als die beiden überlegen geführten Spiele gegen England und Argentinien 2010. England ist seit 1996 ein Schatten früherer Tage, Argentinien stand vor vier Jahren im ganzen Turnier neben sich. Das führt zu der Frage, wie die Fußballöffentlichkeit hierzulande die Gegner einschätzt (erster Impuls immer noch: Die hauen wir weg) und welche Art von Spiel sie glücklich machen würde. Wer erwartet denn heutzutage noch Kantersiege in einem Achtelfinale? Bei dieser WM gab es zwei Spiele mit zwei Toren Unterschied, zweimal Elfmeterschießen, eine Verlängerung und die Beinahe-Verlängerung bei Holland – Mexiko. Wäre ein Achtelfinale wie gegen Schweden 2006 besser gewesen? Zwei schnelle Tore und dann 80 Minuten lang Ergebnis verwalten gegen einen überforderten Gegner? Dann doch lieber in jedem Spiel gefordert werden.

Natürlich ist es nervenzerfetzend, wenn Neuer viermal im Eins gegen Eins klären muss, aber im Vergleich zu Balotellis 2-0 im Halbfinale 2012 kommt die Mannschaft mit überfallartigen Kontern mittlerweile viel besser zurecht. Außerdem ist eine hochstehende Viererkette mit dem beidhändigsten Libero der Welt natürlich viel aufregender gegen eine tolle Kontermannschaft, als sich am eigenen Strafraum bis zum Stehkragen einzubunkern. Nebenbei: Wenn die Deutschen sich nicht Chance auf Chance erspielt hätten, hätte M’Bohli keine Weltklasseleistung zeigen müssen.

Erfreuliche Kleinigkeiten: Özil glänzt nicht, aber er hat in der zweiten Halbzeit einen defensiven Zweikampf nach dem anderen gewonnen und das entscheidende Tor gemacht. Schweinsteiger kann über 90 Minuten eine WM-taugliche Leistung abrufen. Löw hat im Rahmen der Möglichkeiten seinen Kader klug zusammengestellt. Man kann natürlich die Frage stellen, warum ein so erfahrener und defensiv polyvalanter Spieler wie Gonzalo Castro nicht dabei ist, aber das gestörte Verhältnis des DFB zu Spielern von Bayer Leverkusen würde den Rahmen sprengen.

Gegen Frankreich müssen sie sich wieder etwas einfallen lassen. Ich hoffe Lahm spielt außen, es ist eine andere, bessere Mannschaft, wenn er außen spielt. Schön, das mal in einem Spiel als Kontrast gesehen zu haben. Als Sechser macht er wenig falsch, als Außenverteidiger ist er eine Klasse für sich. Sieben-Titel-Götze dürfte sich hoffentlich aus der ersten Elf gespielt haben. Ich hoffe, Hummels ist wieder dabei und Müller bleibt fit. Und dann – auf zur nächsten Denksportaufgabe.

Digitale Minimalisten »

Eins oder Null, welch einen Unterschied das machen kann, hat Bayer Leverkusen jetzt in zwei Auswärtsspielen innerhalb von vier Tagen eindrucksvoll bewiesen. Gegen die überhitzten Duracell-Häschen aus Lüdenscheid waren sie gallig, in San Sebastian abgebrüht. Leverkusen beherrscht nicht nur den gepflegten Offensivwirbel, sondern hat auch die Entschlossenheit, ein dreckiges 1-0 zu machen, wenn es sein muss. Und es ist kein Zufall, dass ein Abwehrspieler, Toprak, das Tor für das Achtelfinale gemacht hat. Ein Malocher, ein Abräumer, ein Defensiver. Auch das zeichnet große Mannschaften aus. Puyol 2010 im Halbfinale, als die DFB-Elf ziemlich lange ziemlich gut verteidigt hatte. Oder 1998 Laurent Blanc gegen Paraguay im Achtelfinale mit dem Golden Goal. Reingehämmert, -gewürgt, -gebolzt irgendwie. Spanien und Frankreich konnten auch anders damals, und Leverkusen ist spielerisch noch nicht am Limit. Sie haben kein Genie mehr wie Emerson, keinen Grandseigneur wie Ze Roberto und keine technisch versierte Kampfmaschine wie Lucio in ihren Reihen, sie wachsen und entwickeln sich gemeinsam, ganz still und leise unter Anleitung des klugen Sami Hyypiä.

Obwohl die mannschaftliche Geschlossenheit die große Stärke ist, möchte ich Simon Rolfes ausdrücklich herausgeheben. Er spielt die beste Saison seiner Laufbahn und ist nicht nur nominell der Mannschaftskapitän, sondern das heimliche Kraftzentrum in dieser Hinserie. Notendurchschnitt 2,92, dazu zwei Tore in der Liga und drei in der Champions League. Das ist zahlenmäßig nicht viel, aber es waren entscheidende Tore, die der Mannschaft die Möglichkeit verschafften, sich das Spiel anzueignen und zu gewinnen. Gegen Hannover das 1-0, gegen Augsburg das 1-1, gegen San Sebastian im Hinspiel das 1-0 mit dem Halbzeitpfiff, gegen Donezk den Elfmeter zum 2-0. Dass die Mannschaft sein 1-1 in Manchester nicht besser nutzen konnte, lag nicht an ihm. Selbst beim desaströsen 0-5 gegen Manchester hatte Rolfes die Note 3,0 im kicker. Er ist stabil, aggressiv, findet fast immer eine spielerische Lösung und für einen defensiven Mittelfeldspieler torgefährlich genug, um unberechnbar zu sein.

Dass man Rolfes nach dem Ausfall von Khedira öffentlich nicht einmal in Erwägung gezogen hat, zeigt, dass Bundestrainer Löw kein Problem mit Kießling, sondern mit Leverkusen hat. Auch Leno, der im Gegensatz zu ter Stegen, Adler und Zieler CL spielt, bekommt viel zu wenig Anerkennung für seine konstant überragenden Leistungen. In der Bundesliga hat er einen Notenschnitt von 2,53 und ist damit notenbester Torwart (Weidenfeller 2,68, Neuer 3,03). In der CL steht Leno bei 2,60 (Neuer 2,50, Weidenfeller 3,25). Rolfes würde diesem mit Schönspielern überreichlich gut besetzten DFB-Kader gut zu Gesicht stehen. Die Özil, Götze und Reus brauchen Leute, die ihnen den Rücken freihalten, die auch mal einen nach klassischer Manier reinwürgen, wenn die Ästheten vorne wieder mal in Schönheit ausscheiden. Ein guter Sechser ist er nebenbei auch.

Grrr, Grrr, Gratuliere »

Gestern ist der neue Spielplan veröffentlicht worden, damit ist die Saison 2012/13 endgültig vorbei. Deshalb auch an dieser Stelle: Gratulation an den FC Bayern München zu den sportlichen Erfolgen, vor allem aber für die Art und Weise, wie die schwarze oder sagen wir besser rote Bestie aus der Säbener Straße in der abgelaufenen Saison gespielt hat. Der absolute Höhepunkt waren für mich die beiden Spiele gegen Barca. Wie gerne habe stillvergnügt gefeixt, als die Bayern vor ein paar Jahren unter Trainer Klinsmann in Halbzeit Eins im Hinspiel 4-0 hergespielt wurden. Diesmal war das 7-0 in beiden Spielen nicht nur in der Höhe verdient, sondern ein spielerischer und taktischer Augenschmaus. Und die Grundprämisse dieses Blogs  – guter Fußball hat Respekt verdient – gilt auch für die Bayern.

Die Hochachtung fällt mir natürlich auch deswegen leicht, weil sich das spielende Personal grundlegend gewandelt hat, weil die Bayern 2012/13 nicht nur ein teurer Haufen Ballzombies, sondern eine wirkliche Mannschaft waren, darunter überwiegend Leute, für die man sich nicht fremd schämen muss.

Schauen wir uns den Kader aus dem CL-Finale 2001 gegen Valancia an: Sagnol und Zickler machten nicht wirklich Lust auf Fußball. Linke und Andersson waren schrecklich brav. Effenberg war schrecklich, stets die wandelnde Karikatur eines Kleinbürgers. Bei Sky im Anzug sieht er aus, als käme er gerade von seiner eigenen Konfirmation. Und dass Jancker einmal Sturmspitze in München gewesen ist, wirkt für Nachgeborene ähnlich unwirklich wie die Berliner Mauer. Auch Scholl und Lizarazu konnten an diesem Lemurenstelldichein nichts retten, das sich irgendwie und mit dem Elfmetertöter Kahn zum Titel würgte.

Heute gibt es in der Abwehr „Olala“ Alaba und Lahm. Lahm sieht zwar auch so aus, als käme er gerade von seiner eigenen Konfirmation, aber was für eine Klasse stellt er dar. Dann gibt es den wieder genesenen Schweinsteiger, dessen Potenzial zur tragischen Figur trotz des Finales dahaoam noch nicht ausgereizt ist. Es gibt Robben, der sein Herz im Gesicht trägt, egal, ob er schmollt, seine Nebenleute beschimpft oder in Tränen des Glücks auf den Rasen sinkt wie in Wembley. Und es gibt Thomas Müller, dem man ähnlich wie Augenthaler nicht wirklich vorwerfen kann, im falschen Verein zu sein, so gut passt er zu den Roten. Er hat das erste Tor im ersten Saisonspiel gegen Fürth gemacht und von er war derjenige, der der Mannschaft eine Seele gegeben hat. Nicht der Dribbler Fronck, der Stratege Kroos, der spielende Knipser Mandzukic. Thomas Müller ist einfach nur groß.

Für einen Moment dachte ich, es wird noch besser, als der von mir lang erwartete Verkauf von Gomez konkret zu werden schien. Aber mit der Verpflichtung von Götze ist man offenbar in die alten Muster zurück gefallen. Hauptsache jung und teuer. Das wird für Götze bei Bayern ähnlich zäh wie für Podolski oder für Sahin bei Real.

Es hat einfach alles gepasst in der Triplesaison: Die neuen Spieler – Dante, Martinez, Mandzukic – alle Volltreffer, Heynckes ein Ausnahmekönner, der so arbeiten durfte, wie er wollte, Schweinsteiger fit, Gomez verletzt, Boateng fokussiert, Neuer unauffällig, Sammer dezent, Dortmund doppelbelastet.

Das Triple wird hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Vielleicht muss Pep Guardiola – natürlich in fließendem Deutsch – Ende August erklären, warum es gegen Nürnberg eine Heimniederlage gegeben hat. Mintal als Co-Trainer toppt alles, auch Thomas Müller. Locker.

Manuel Neuer, das Problem Nummer Eins »

Am Samstag gegen Nürnberg hat er mal wieder spielentscheidend gepatzt, Manuel Neuer, der vermeintlich beste Torwart seiner Generation. Klar, Feulners Schuß hatte Effet, aber das kommt gelegentlich vor, sogar bei Gegnern, bei denen die Bayern drei Punkte fest eingebucht haben. Der Katastrophenfehler, der Thomas Kraft im April 2011 im Spiel in Nürnberg unterlief, als er von Christian Eigler gleichfalls zum 1-1-Endstand übertölpelt wurde, kostete den jungen Torhüter den Stammplatz und seinen Trainer Louis van Gaal den Job. Neuer wird Feulners Flatterball nichts kosten, genauso wenig wie die beiden kapitalen Böcke gegen Gladbach in seiner Gurkensaison 2011/12. Wer 25 Millionen Euro gekostet hat und von Kim Il McRummenigge mit öffentlichen Liebesbekundungen bedacht wird, steht über aller Kritik. Außerdem wollte vor dem Juni 2012 niemand den wie selbstverständlich anvisierten EM-Titel gefährden, indem er die Nummer Eins der Nationalmannschaft in Frage stellte.

Neuer hat zweifellos überragende Fähigkeiten, bei den Bayern aber ruft er sie aber viel zu selten ab. Seine Leistungskurve geht nach unten, seit er von Schalke weg ist. Dort hatte er beim kicker als Saisonnoten 2,61 (2006/07), 3,10 (2007/08), 2,91 (2008/09), 2,90 (2009/10) und 2,79 (2010/11). In der ersten Saison bei Bayern landete Neuer mit 3,13 auf Platz 16 im Torhüter-Ranking, sogar die bei Bayern ausgebooteten Michael Rensing (Köln) und Kraft (Hertha) standen vor ihm.

In der laufenden Saison hat Neuer die Note 3,00. Vor ihm stehen unter anderem Oliver Baumann (Freiburg), Raphael Schäfer (Nürnberg), der beim DFB ohne Hausmacht agierende Roman Weidenfeller (Dortmund) – und René Adler vom HSV, mit 2,17 auf Platz 2 hinter dem Überflieger Kevin Trapp (Frankfurt). Adlers eindrucksvolles Comeback zeigt, was es bewirken kann, wenn ein Torhüter Leistungsträger ist. Der HSV mit seiner angezählten sportlichen Leitung Frank Arnesen/Thorsten Fink wurde vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat Nummer Eins gehandelt. Falls es einen einzelnen Spieler gibt, dem der Liga-Dino sein Sechs-Punkte-Pölsterchen zum Relegationsplatz verdankt, dann ist das Adler. Seit er beim HSV ist, wird die Mannschaft schrittweise besser. Bei Neuer ist man seit seinem Premierenpatzer gegen Igor de Camargo froh, wenn er nicht negativ auffällt. Neuer ohne Chance, so der Minimalkonsens, wenn es mal klingelt.

Ein einziges Spiel hat er den Bayern gerettet, das war das zweite Halbfinale in der Champions League gegen Madrid. Es folgten Rummenigges Elogen. Daniel Klewer hat dem Club gleich zweimal ein Elfmeterschießen gewonnen, im Achtelfinale gegen Unterhaching und im  Viertelfinale gegen Hannover, auf dem Weg zum Pokalsieg 2007. Ist er deswegen eine Kultfigur beim Club? Selbstverständlich. Aber der letzte Weltklassetorwart in der Noris war Andy Köpke. Klewer hat seinen Job gemacht, genau wie die vielen Amateurtorhüter, die auch schon mal ein Elfmeterschießen entschieden haben, vielleicht sogar gegen einen großen Verein. Klewer hat am Ende einen Titel geholt, Neuer nicht.

Neuer hätte zum Beispiel den Kopfball von Didier Drogba halten können, der das 1-1 im Champions League Endspiel 2012 bedeutete. Eigentlich unhaltbar, gewiss. Aber 2006 in der Verlängerung des WM-Endspiels entschärfte Gigi Buffon ein ähnliches Kaliber von Meister Zidane persönlich, ehe dieser dann mit einem weiteren Kopfstoß den vielen Gründen für seine Unsterblichkeit einen neuen hinzufügte. Der kicker schreibt: „Sekunden darauf hatte Zidane nach Sagnols butterweicher Flanke die Riesenkopfball-Chance, doch Buffon ließ den französischen Torschrei mit einem Superreflex verstummen.“ Diese Parade, nicht das anschließende Elfmeterschießen stellte Buffons Extraklasse unter Beweis. Auch Neuer hätte einen unhaltbaren Kopfball halten können, hat er aber nicht. Dafür hat er sich im Pokalendspiel 2012 gegen Dortmund von Lewandowski tunneln und einige Wochen zuvor im entscheidenden Bundesligaspiel vom gleichen Spieler mit einem Hackentrick übertölpeln lassen.  Klar, die Feldspieler der Bayern standen in allen drei Situationen neben sich, aber das war beim HSV zwei Jahre lang nicht anders – bis Adler kam.

Rufen wir uns die Voraussetzungen für Neuers kometenhaften Aufsteig noch einmal ins Gedächtnis. Nach der WM 2006 war Jens Lehmann die alleinige Nummer Eins im Tor der DFB-Elf. Als legitimer Kronprinz galt Timo Hildebrand, der seine Ansprüche mit der Meisterschaft im Tor des VfB Stuttgart 2007 unterstrich und danach mit dem Abstecher nach Valencia seine Karriere erst einmal gegen den Baum fuhr. 2008 beendete Lehmann seine Karriere im DFB-Team, Robert Enke und René Adler kämpften fortan um Platz Eins. Im November 2009 nahm sich Enke das Leben. Ein halbes Jahr später erlitt Adler einen Rippenbruch. Mit der Erfahrung von drei Halbzeiten in der A-Mannschaft wurde Neuer Stammtorhüter für die WM 2010. Er erledigte diese Herausforderung einerseits mit Bravour, andererseits mit der Diskretion eines Novizen. Den Kopfball von Puyol im Halbfinale 2010 muss man auch nicht halten, darf man aber. So wie Iker Casillas das gegen Arjen Robben im Endspiel irgendwie hingezwirbelt hat.

Im Halbfinale gegen Italien 2012 wurde Neuer wie auch im Verein Opfer seiner Vorderleute, so zumindest die offizielle Version. Ich finde, wenigstens Balotellis Kopfball zum 1-0 hätte er wegfausten müssen, anstatt auf der Linie zu kleben. Muss er eben Badstuber umnieten. Oder Balotelli und Badstuber. Das 2-0 hätten zugegebenermaßen weder Buffon noch Adler noch Köpke noch Casillas gehalten.

Die Bundesliga bringt in jeder Saison mindestens einen überdurchschnittlichen jungen Torhüter hervor: Ron-Robert Zieler, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno. Mittlerweile herrscht, anders als im Mai 2010 kein Mangel. All diese Torhüter zerreißen sich auf dem Platz für ihre Mannschaft, auch wenn sie in der nächsten Woche vielleicht ihren Vertrag brechen. Neuer wirkt immer so, als spielte er für sich allein. Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn er weiter patzt, Adler weiter punktet und der wieder genesene und bei Schalke gut gestartete Hildebrand die internationale Bühne nutzen kann. Das Leistungsprinzip sollte beim DFB nicht nur dann angerufen werden, wenn es darum geht, verdiente Spieler abzuschieben. Wie wäre es mit einem ergebnisoffenen Wettbewerb zwischen Torwart 1a und Torwart 1b? Das hat doch 2006 sehr gut funktioniert.

Vielleicht hat ja Matthias Sammer ein Einsehen mit Neuer und verkauft ihn und Mario Gomez gleich mit. Sammer hat die beiden 25-Millionen-Einkäufe, die ständig besser gemacht werden, als sie spielen, nicht zu verantworten. Neuer hhätte anderswo die Chance, ein ganz Großer zu werden. Oder einfach nur besser als in den letzten 17 Monaten.

Hauen uns die Nockerln heute von den Hockerln? »

Obacht, denn die Österreicher sind so brandgefährlich wie schon lange nicht mehr. Es sieht wieder nach Fußball aus, nicht wie die Skulpturen im Schloß Schönbrunn, was da auf dem Rasen geboten wird. Gerade haben sie die Niederlande besiegt. Na gut, werden da manche sagen, gegen die Niederlande gewinnen im Moment alle, sogar wir. Aber trotzdem. Umbruch und Aufbruch sind das Motto der Stunde beim Nachbarn, auch in einer Alpenrepublik gibt es Leute, die den gepflegten Flachpass spielen können. Und dann gibt es diesen Trainerfuchs Koller. Österreich kämpft sich zum VfL Bochum des Weltfußballs empor. Es könnte also heute Abend heikel werden.

Mittelfristig plädiere ich dafür, mit zehn Offensiven und einem Torwart zu spielen, Neuer, Adler, ter Stegen, egal, alle außer Wiese. Die Abwehr können wir uns schenken. Dann gibt es keine Stellungsfehler und verwundbaren Schnittstellen mehr, sondern 90 Minuten lang erspielte Chancen, ein paar Glanzparaden, am Ende steht es dann 7-4 für uns. Oder 12-8. Wie damals im Schulhof, als es nur Offensivgenies gab. Und wir unsere Laktatwerte mit Sunkist manipulierten.

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