Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Ästhetisch ansprechend, aber meist spannungsarm »

Mählich plätschert diese Bundesligasaison vor sich hin. Viele Entscheidungen scheinen bereits gefallen. Fürth hat am Wochenende leider wieder einmal den ersten Heimsieg verpasst. Mittlerweile spielen sie zwar mit Herz in der Hand und Arsch in der Hose, aber immer noch vollkommen planlos. Zumindest ist man auf den Zweitligaabstieg gut eingestellt. Durchaus möglich, dass sie in den kommenden Jahren wieder vorne mitspielen und sich dann auch ein bundesligataugliches Management gönnen.

Vorne darf Bayern tun und lassen, was es will. Dass der chronisch selbsternannte Europa-Aspirant HSV ein paar vor den Latz gekriegt hat, ließ mich dann doch mal kurz grimmig aufschmunzeln. Es gibt keinen Verein in der Liga, bei dem Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander liegen wie bei den Hamburgern. Sie spielen zwar nicht mehr gegen den Abstieg, sind aber von ausgereiften Teams wie Mainz oder Hannover immer noch ein, zwei Entwicklungsschritte entfernt. Von Schalke oder Leverkusen gar nicht zu reden.

Der Kampf um Platz 4, 5 und 6 enthält wenigstens noch einen gewissen Grad Restspannung. Den Schalkern wäre der vierte Platz zu wünschen. Leichtfertig haben sie das CL-Viertelfinale gegen Galatasaray hergeschenkt. Man kann im Achtelfinale ausscheiden, darf es aber nicht, wenn man nach einem 1-1 auswärts daheim 1-0 führt. Trotzdem hätten die meisten Vereine gerne diese immer wieder beschworene Schalker “Krise”. Bitte nicht wieder Heynckes als Trainer auf Schalke.

Leverkusen hat sich in dieser Saison klammheimlich verbessert. Die sehr guten deutschen Spieler, die gerade dort beschäftigt sind (Bender, Castro, Kießling, Rolfes), müssen wieder einmal erfahren, dass die Chancen schlechter sind, Nationalspieler zu werden, wenn man bei Leverkusen spielt. Ob Nowotny oder Kirsten, Friedrich oder Adler, der DFB legt bei Leverkusener Spielern strengere Maßstäbe an als bei anderen Vereinen. Dass Löw gerne wendige Stürmer hat, glaubt man übrigens gleich, wenn man sieht, dass Hanke und Helmes (ex-Leverkusen) nie eine echte Chance bekommen haben. Aber macht ja nichts. Sollen Kießling und Co nächste Saison eben gut erholt die Champions League aufmischen.

Frankfurt war vor dem Spiel in Fürth auf Platz 7, jetzt ist es punkt- und torverhältnismäßig gleichauf mit Schalke. Eine ganz enge Kiste. Mainz hält super mit, Gladbach schwächelt, Hannover greift nochmal an. Und leise, leise schleicht sich der Club nach oben. Seit dem Pflichtsieg in Augsburg ist das Team aller Abstiegssorgen ledig, und unter Wiesinger reift die Mannschaft von Spiel zu Spiel. Das 3-0 gegen Schalke mit dem Dusel in der ersten Halbzeit habe ich live gesehen. Das hatte zwar noch nicht die Kaltschnäuzigkeit der 2007er-Pokalmannschaft, aber vieles gefällt mir beim Club im Moment. Die drittbeste Abwehr zum Beispiel. Pinola fällt als Grobmotoriker zwar technisch ab im Vergleich zu Balitsch, Klose, Nilsson, Chandler, aber dass er wichtig ist, dass er in diesem meist zu braven Team Feuer erzeut, ist zu sehen. Zusammen mit Esswein gibt er über links ein bärenstarkes Außenduo. Soll er einen neuen Vetrag kriegen? Auf jeden Fall, aber Bader und Wiesinger müssen bald einen Nachfolger organisieren.

Pekhart ist auch super. Er erinnert mich – mit Verlaub – an Marco van Basten. Noch ist er nicht so genial gut, aber für einen “Wandspieler” (vulgo Mittelstürmer) hat er eine hervorragende Spielübersicht und eine superbe Technik. Er ist elegant, sehr fair und wird immer torgefährlicher. Neben Klose ist er vermutlich der, der am ehesten abgeworben werden wird. Insofern wäre dem Club eine Teilnahme am europäischen Wettbewerb zu wünschen. Die Mannschaft wirkt gefestigt genug, um die Doppelbelastung besser zu verkraften als im Abstiegsjahr 2008. Voraussetzung ist natürlich, dass Wiesinger bleibt, aber das klappt schon.

Schöne Bescherung – Bader kriegt einen Trainergutschein »

Schwupp, da war der Trainer weg. Hübsch eingefädelt vom Strippenzieher Allofs, dieser Wechsel. Pünktlich zum Fest beschenkt sich der Manager des VfL Wolfsburg selbst und  sein Kollege Martin Bader beim 1. FC Nürnberg bleibt muss sich mit einem Gutschein über “1 Cheftrainer, neu oder gebraucht” auf dem Gabentisch begnügen.

Ob Hecking sich damit einen Gefallen tut, ich habe meine Zweifel. Wolfsburg hegt seit der Meisterschaft 2009 äußerst ambitionierte, um nicht zu sagen, überkandidelte Ziele. Und die 40 Punkte plus X, die er in Franken regelmäßig eingefahren hat, werden beim leider stets tragisch verhinderten Champions-League-Teilnehmer für eine erfolgreiche Saison nicht ausreichen. Könnte sein, dass Hecking sich ähnlich verzockt hat wie sein einstiger Zögling Schlaudraff mit seinem Wechsel zu den Bayern. Hoffentlich hat sich der Club nicht nur eine Ablöse, sondern auch die Verpflichtung von Alexander Madlung und Sebastian Polter bei diesem Deal gesichert.

Muss eigentlich nur noch geklärt werden, wer Hecking nachfolgt. Peter Neururer wird zwar immer genannt, wenn der Club einen Trainer sucht, aber der leistet als Fachkommentator bei Sport 1 einen so hervorragenden Job, dass ich ihn mir gar nicht auf der Trainerbank vorstellen möchte. Jedenfalls nicht beim Club. Lothar “Weltbürger” Matthäus, der mittlerweile fast so oft geheiratet hat wie der Club abgestiegen ist,  würde den Verein in kürzester Zeit zwar bekannter machen als Justin Bieber und Lady Gaga zusammen. Jedoch lassen sich die umfassenden familiären Verpflichtungen des Rekordnationalspielers mit einer derartig verantwortlichen Position nicht vereinbaren.

Markus Babbel muss Hoffenheim erst einmal verdauen und einen Trainer, der sich nur für die Bayern in Stellung bringen möchte, mag ich nicht.  Ralf Rangnick wäre toll, aber gegen die Aufgabe, RB Leipzig in die Dritte Liga und RB Salzburg zum Fußballspielen zu bringen, nimmt sich das Ziel, den Club zur Deutschen Meisterschaft zu führen, viel zu simpel aus. Huub Stevens passt mit seinem mürrischen, wortkargen Pessimismus zwar hervorragend zur fränkischen Lebensart, aber ob er sich wirklich noch einmal motivieren kann, nachdem er mit Raul gearbeitet hat, wer weiß.

Mein Favorit ist nach wie vor Klaus Toppmöller, dessen Bundesligakarriere nicht durch Unvermögen, sondern durch Robert Hoyzer zerstört wurde. Toppi hat mit Frankfurt und Leverkusen Fußball spielen lassen, der noch schöner war als das, was Klopp seinen Duracell-Häschen beigebracht hat. Und fürs erste wären in Nürnberg mit dreimal Vize alle auch ganz zufrieden. Toppmöller ist sehr erfahren, hat ein Händchen für junge Spieler, liebt die Offensive und weiß, wie man die Bayern düpiert. Im Moment ist er vertragslos.

Aber vielleicht springt Hans Meyer für ein halbes Jahr ein, oder Andy Köpke hat eine Ausstiegsklausel beim DFB. Oder Dieter Eckstein kommt. Der Publikumsliebling betreut zur Zeit den DJK/SV Mitteleschenbach in der A-Klasse Frankenhöhe und wäre quasi die klassische Eigengewächslösung. Abwarten und Tee trinken. Apropos Tee – wo steckt eigentlich Felix Magath?

Umzingelt von den gleichgeschalteten Medien »

Der Jünter hat ja so recht. Gestern Abend rund um den Boxhagener Platz gab es keine einzige Kneipe, die sich dem Formierungsdruck hätte entziehen können und bei der Sky-Konferenz geblieben wäre. Es gab nur noch das Spitzenspiel mit Franz “Die Mumie” Beckenbauer als Co-Kommentator. Also stürzten sich meine Kollegin, die Schalke-Fan ist, und ich in das gelb-schwarz-rote Getümmel. Es war tatsächlich ein gutes Spiel und es ist fraglich, ob gegen die sich stets listig-gezielt verstärkenden Borussen (Perisic, Leitner, Reus, Gündogan) in absehbarer Zeit an der Säbener Straße ein Kraut gewachsen sein wird. Man kann den Schalkern den Torwart abwerben und den Leverkusenern den Trainer, aber irgendwann stößt jedes Festgeldkonto an seine Grenzen.

Ein surreale Note erhielt der Abend immer dann, wenn ich beim kicker die anderen Zwischenstände checkte. Ich meine damit nicht, dass der HSV 4-0 in Hoffenheim auf die Glocke kriegt, das ist lediglich ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu neuer europäischer Größe. Sagen Arnesen und Fink. Also keine Panik bitte, nicht immer alles schlecht reden. Ein Hamburger Stadtderby in der Relegation liegt in greifbarer Nähe.

Traumverloren waren vor allem die Zwischenstände aus Nürnberg, die ich behutsam an meine Begleiterin durchgab. Nicht nur gelang gegen die Freunde aus dem Pott den höchsten Saisonsieg. In ihren Kommentaren nach dem Spiel sprachen Dieter “Die neue Sachlichkeit” Hecking und Huub “Sorgenfalte” Stevens unisono davon, Nürnberg hätte sich in einen Rausch gespielt. Mit Rausch (Friedel) verbindet sich einer der bittersten Abstiege der ruhmreichen Geschichte, insofern freut diese Einschätzung doppelt, auch wenn ich an diesem Abend nicht einmal vor dem Bildschirm dabei sein konnte.

Es ist die besondere Qualität der Nürnberger unter Hecking und Bader und dem angenehm zurückhaltenden Präsidium, auch bei längeren Durststrecken nicht in Panik oder Larmoyanz zu verfallen. Ein Verein, der in seinen wilden Jahren Schalke und Köln locker den Rang an innerer Chaotik ablief, ist realitätstüchtig geworden, und spielt trotzdem keinen Verwaltungsfußball. Die Mannschaft ist immer in der Lage, auch mal gegen einen besser aufgestellten Verein ein richtig gutes Spiel rauszuhauen. Das 3-0 in Leverkusen, das 1-0 gegen Gladbach und jetzt das 4-1 gegen Königsblau. Nachdem am Montag im kicker ein längerer Bericht über Julian Schieber zu finden war, der zögert in Stuttgart seinen Vertrag zu unterschreiben, könnte ein wichtiger Neuzugang demnächst vielleicht schon vermeldet werden. Schieber wäre genau der spielintelligente Brecher, den Hecking für seine Dreieroffensive bräuchte. Wollscheids Abgang ist mit Nilsson, Maroh und Klose bereits präventiv abgefedert worden. Zumindest die durchwachsene Heimbilanz mit bisher nur sechs Siegen sollte in der nächsten Saison ausgebaut werden. Man muss ja nicht gleich wieder Pokalsieger werden.

Konsolidierung auf leisen Sohlen »

Schade, dass Wollscheid geht, aber die mindestens 5,5 Millionen Euro, die der Club von Leverkusen erhält, sind mehr als nur ein schwacher Trost. Der notorische Pleitekandidat, der es in den neunziger Jahren bis zum Punktabzug wegen Verstoß gegen die Lizenzauflagen brachte, ist kurz davor, schuldenfrei zu werden. Das Nachwuchsleistungszentrum wurde bei der letzten Zertifizierung von der DFL mit drei von drei möglichen Sternen bewertet. Mit Plattenhardt, Chandler und Wollscheid aus der U23 sowie Mendler und Wießmeier wurden gleich fünf Spieler über den Umweg der eigenen Nachwuchsmannschaften bei den Profis eingebaut. Und die Späher um Manager Bader werden zu Beginn der neuen Saison bestimmt den einen oder anderen weiteren Überraschungskandidaten aus dem Hut zaubern. Die Zeit, in der der Club das Wärmestübchen für alternde Stars von Uli Hoeneß bis Jan Koller war, scheint endgültig vorbei.

Der Verein hat einen Stil gefunden, der zu seinen Möglichkeiten passt. Dazu gehört immer wieder eine Saison, die vorwiegend in der unteren Tabellenhälfte stattfindet, dazu gehören Durststrecken wie die mit acht sieglosen Spielen gerade eben, dazu gehören auch Verkäufe von Schlüsselspielern, wobei Ekici und vor allem Gündogan im stärksten Mittelfeld der Liga sich ähnlich schwer tun wie Schäfer bei seinem annus horribilis in Stuttgart. Aber auch eine Rückkehroption gibt es im Nürnberger Modell. Nicht erst, seit Andy Köpke an den Valznerweiher zurückkehrte. Sogar Vittek hat nach seiner tollen WM 2010 laut vom Club geträumt.

Natürlich wird nicht jeder Nobody so groß einschlagen wie Wollscheid. Und die permanente Leihökonomie, die Didavi und Hegeler wahrscheinlich zu ihren Stammvereinen zurückwandern läßt, ist ist nicht ohne Risiken. Außerdem wird Schlüsselspieler Simons zum Ende der Saison wahrscheinlich aufhören. Trotzdem hat der Club ganz andere Möglichkeiten als früher. Bunjaku, Mak, Nilsson, Judt sind alles keine Überfliger, können aber Leute aus der ersten Elf adäquat ersetzen. Und die Entscheidung, Maroh nicht an Cottbus abzugeben, hat sich als richtig erwiesen. Man braucht heute drei gleichwertige Innenverteidiger, Lüdenscheid ist hier das Musterbeispiel. Maroh muss sich “Black Magic Woman” (Santana) und “Der dritte Mann” (Anton Karas) auf den iPod laden und sich in Geduld üben, um dann in der neuen Saison zusammen mit Klose zu voller Form aufzulaufen.

Nebenbei: Nachdem das 1-0 in Berlin die Spielnote 5,5 erhielt, hat der Club am Samstag wieder ein 1-0, diesmal mit einer glatten 5, gegen Kaiserslautern nach Hause geschaukelt. 15 Punkte mit 14 Toren, das ist auch eine neue Qualität,  auch wenn es gerne immer wieder spektakulär, torreich und offensiv sein darf.

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Auf www.robalef.de sind die neuesten Kritiken zu Kleine Biester zu finden, außerdem war am vorletzten Samstag die Gala zu 20 Jahren Wahrheit.

Viertelbilanz, Teil 2 »

Und hier die weltweisen Anmerkungen zu den Mannschaften auf Platz 10 bis 18.

Hertha BSC: Dank des bodenständigen Babbel und des sympathischen Preetz präsentiert sich Hertha vollkommen flausenfrei und wird den Abstiegskampf weiträumig umfahren können. Der Warnschußarrest in Liga Zwei hat funktioniert. Größte Überraschung: Platz 10 nach acht Spieltagen. Wichtigste Frage: Geht Babbel zu den Bayern, wenn Heynckes dort gescheitert ist?

1. FC Nürnberg: Mit dem 3-3 gegen Mainz hat die Mannschaft bereits die zweite Bewährungsprobe nach dem 1-1 gegen Angstgegner Bremen bestanden und einen Rückstand nervenstark gedreht. Bader hat wieder fantastisch eingekauft. Klose Stammspieler, die neuen Pekhart und Feulner mit wichtigen Toren, jetzt kommt auch noch Mak. Angesichts der Theorie: “Wer Rückstände dreht, wird Meister” und der Ausgeglichenheit des Kaders – sogar Schäfer ist adäquat ersetzbar – wäre Nürnberg eigentlich Meisterschaftsfavorit Nummer Eins. Aber an Spieltag Acht gibt es noch keinen Grund, überzuschnappen. Größte Überraschung: Niemand vermißt Ekici und Gündogan. Wichtigste Frage: Halten die Fans dem psychischen Druck Stand, als Geheimfavorit in die letzten 26 Spieltage zu gehen?

1. FC Köln: Guru Solbakken hat dem Treibauf EffZee die Innere Mitte geschenkt. Auch Podolski meditiert brav über die Epistel: Der Laufweg ist das Ziel. Trotz der dauernden Leistungsschwankungen wird Köln eine erfreuliche Saison spielen und seine Fans auch zu Hause nur noch selten gegen sich aufbringen. Größte Überraschung: Novakovic und Podolski. Wichtigste Frage: Wie wird Solbakken eigentlich korrekt ausgesprochen? Sulbbäcken? Saalbuken? Skolbloggen?

VfL Wolfsburg: Als Untoter schleicht der Meister von 2009 durch die Niederungen der Liga. Für Erfolge zu wenig, für den Abstieg zu viel. Ein Mandzukic allein macht noch keinen Spitzenverein. Magath wird noch die ganze Hinrunde brauchen, um die bösen Geister zu verscheuchen. Benaglio hat er bereits wieder in die Spur gekriegt, Nervensäge Diego abserviert. In der Rückrunde wird es dann deutlich freundlicher aussehen. Größte Überraschung: Das 2-3 im Pokal gegen RB Leipzig, bei dem ich erfreulicherweise live dabei war. Wichtigste Frage: Kriegt Magath auch Helmes wieder hin?

1. FSV Mainz 05: Dafür, dass die drei wichtigsten Spieler weg sind, spielt Mainz eine überragende Saison. Sie sollen froh sein, dass sie die Europa League verpaßt haben, es wird auch so schon schwer genug. Tuchel erweist sich weiterhin als überragender Tüftler und Bastler. Größte Überraschung: Alle Experten, die Mainz eine weitere Spitzensaison prophezeit haben. Wichtigste Frage: Wann hat sich die Mannschaft im neuen Stadion eingewöhnt (vier Spiele, drei Heimniederlagen)?

SC Freiburg: Im Rahmen der Möglichkeiten bisher sehr solide Arbeit. Im Rahmen der Freiburger Selbstversorger-Fruchtfolge steht diesmal wieder eine durchwachsene Saison im Kalender. Marcus Sorg hat sich unspektakulär eingefügt, niemand verliert trotz des holprigen Starts die Nerven. Es könnte auf den Relegationsplatz hinauslaufen. Größte Überraschung: Die Abhängigkeit von Cissé ist kleiner geworden. Wichtigste Frage: Wann erreichen die Neuverpflichtungen Bundesliga-Niveau?

1. FC Kaiserslautern: Entschlossene Grimmigkeit herrscht am Betzenberg: Käptn Kuntz und Steuermann Kurz trotzen der schweren See mit stoischer Ruhe. In der Rückrunde werden die Neulinge endlich auch wirklich an Bord sein. Es würde mich sehr wundern, wenn Kuntz nicht wieder ein überragendes Näschen gehabt hätte. Augsburg und der HSV garantieren, dass Kaiserslautern mindestens auf dem Relegationsplatz verbleiben wird. Größte Überraschung: Die mehr als dürftige Abwehrleistung. Wichtigste Frage: Wer schießt die Tore?

FC Augsburg: Es wird ein toller, aber nur einjähriger Ausflug in die Bundesliga, aber dieser Kader ist nicht erstligatauglich. In Nürnberg hat Augsburg 90 Minuten lang Fußball verweigert. Wenn sich ein Torwart beim Abschlag Zeit läßt, ist das gelegentlich nervig. Wenn er das ab Spielsekunde dreißig tut wie Jentzsch gegen den Club, ist das ein Offenbarungseid. Größte Überraschung: Mit dem Kasperletheater um Thurk wechselt die Puppenkiste das Genre. Jos und Michael, nehmt euch ein Beispiel an Robin und Michael. Wichtigste Frage: Gelingt mit Luhukay der sofortige Wiederaufstieg?

HSV: Seit Dick Advocaat* in Gladbach verbrannte Erde hinterlassen hat, ist kein Verein mehr so derartig umgepflügt worden wie der HSV von Frank Arnesen. Und es sieht alles verdammt nach Hertha in der Saison 2009/10 aus. Wichtige Spieler weg, eine völlig verpeilte Transferpolitik einschließlich der Trainerfrage, niederschmetternde individuelle Fehler, zu hohe Ansprüche. Wenn es blöd läuft für die Hanseaten, spielt der HSV nächste Saison unten und St. Pauli oben. Lustig. Größte Überraschung: Hrubesch wurde immer noch nicht verpflichtet. Wichtigste Frage: Reicht die Zeit, wenn der HSV Beiersdorfer erst in der Winterpause zurückholt?

*und nicht wie fälschlich behauptet, Martin Jol, der ein Supertrainer war. (Danke, Johannes. Das kommt davon, wenn man nur einmal im Monat bloggt.)

Und nicht verpassen:

Rob Alefs neuer Kriminalroman “Kleine Biester” erscheint im November 2011.

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Ein Tor für die Geschichtsbücher »

Samstag 29. Januar 2011, 16.40 Uhr, EasyCredit-Stadion Nürnberg. Freistoß für den 1. FC Nürnberg gegen HSV. Hegeler schlenzt, Rost boxt, der Ball prallt an die Latte, Simons legt quer, Cohen staubt ab, 2-0 für den Club.

Dieses Tor ist nicht deshalb so bedeutsam, weil es den ersten Sieg gegen den HSV seit fünf Jahren und 26 Punkte bedeutete. Man muss sich klarmachen, wo der 1988 in Be’er Sheva geborene Mittelfeldspieler sein Tor erzielte. Das vormalige Franken-Stadion wurde in den zwanziger Jahren als Städtisches Stadion errichtet und befindet sich mitten auf dem erweiterten Reichsparteitagsgelände, ungefähr 200 Meter vom Zeppelinfeld. Des Führers Hauptrednertribüne ist gleich um die Ecke. In diesem Stadion fand im Rahmen der Parteitage der Tag der Hitler-Jugend statt, 1935 sprach Hitler hier von den flinken Windhunden, dem zähen Leder und dem harten Kruppstahl.

Dieses Areal, auf dem die Nazis zum Bacchanal des Bösen in Viererreihen aufmarschieren ließen, ist heute eine merkwürdige Geschichtslandschaft: Bob Dylan spielte hier 1978, die US Army stellte zwischen den überwachsenen Brocken des tausendjährigen Reichs ein paar Field Goals auf, und GIs übten hier die Shotgun Formation und andere Elemene des American Football. Soldier Field war der Spitzname, und eine Picknickwiese für die Familien gab es auch. Das Dokumentationszentrum ist sehenswert, vor allem die tätige Mithilfe der Kommunalverwaltung bei der Arbeit an den Reichsparteitagen an diesem Ort zu sehen, ist wichtig. Wenn man beim Burger King an der Regensburger Straße um die Ecke lugt, sieht man noch deutlich die Silhouette des Nazi-Adlers auf den hellen Steinen. Und jetzt ein Israeli.

Ein Jude, der das Zeug hat, in der Stadt, in der Julius Streicher 20 Jahre lang die Cohn, Hirsch, Huber und Müller Woche für Woche mit Hass überzog, zum Publikumsliebling zu werden. Bisher waren israelische Fußballer in der Bundesliga nur mäßig erfolgreich. Antideutsche Verschwörungstheoretiker würden sagen: Das liegt am Postfaschismus und der ewigen Feindschaft hierzulande, die Juden natürlich spüren. Ich würde sagen: Es liegt daran, dass Israelis nicht ganz so gern und gut Fußball spielen wie andere, auch dehalb, weil Basketball dort die Sportart Nummer eins ist.

Heimlich, still und leise hat sich eine Menge verändert zwischen Deutschen und Israelis in den letzten fünfzehn Jahren. Mitten im Aufbruchsgetümmel im Nahen Osten gibt es Regierungskonsultationen. Schon vor ein paar Jahren bezeichnete Ehud Olmert, zunehmend genervt von der Planlosigkeit der Bush-Administration, Deutschland als wichtigsten Verbündeten Israels.  Mag sein, dass das nur an der Staatsräson und am Kampf gegen den Terror liegt. Einige tausende Israelis leben dauerhaft in Berlin, mit und ohne zweitem, deutschem Pass. Mag sein, dass die Israelis nur kommen, weil im Moment eben alle nach Berlin wollen, und die Stadt schon immer ein bißchen weniger deutsch, weniger Nazi und post-Nazi war wie der Rest des Landes.

Die Verpflichtung von Almog Cohen folgt weder der Staatsraison noch einem sprichwörtlich guten Ruf, den Nürnberg bei Juden hätte. Wenn es eine Stadt gibt, die im historischen Vergleich zu Berlin am anderen Ende des Spektrums steht, dann ist es Nürnberg. Das kleinbürgerlich-protestantische Milieu bescherte den Nazis Spitzenwerte bei den Wahlen vor 1933, dass Streicher seit 1925 genau dort sein schmutziges Handwerk betrieb, dass genau dort bereits vor der Machtergreifung Reichsparteitage gefeiert wurden, ist kein Zufall. Mittlerweile positioniert man sich angenehm zurückhaltend als Stadt der Menschenrechte, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, eher mit nachdenklich gesenktem Haupt. Auch an die welthistorisch bedeutenden Prozesse im Gerichtsgebäude, Menetekel für Kriegsverbrecher von Pinochet bis Rumsfeld, wird seit Dezember 2010 erinnert.

Der ortsansässige 1. FCN, der im Jahr der Nürnberger Gesetze gegen Schalke erster deutscher Pokalsieger wurde – damals hieß das Ding nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten “Tschammerpokal” -  hat chronische Geldprobleme. Er muss dort nach Spielern suchen, wo der Tross der Scouts und Berater nicht so oft vorbeikommt, in den Randzonen des Fußballs. Der Koreaner Cha Bum Kun war vor vielen Jahren so ein Glücksgriff aus dem Niemandsland, mittlerweile wollen alle ihren Kagawa oder Park, ihren Lucio oder Emerson sowieso. Es ist ein weiterer absurder Aspekt an der noch recht kurzen Almog-Cohen-Saga, dass ausgerechnet der Lodda, auf den ersten Blick nicht die Inkarnation des Weltbürgertums, zum ersten deutschen Trainer in Israel wurde und dann auch noch Erfolg hatte. Er empfahl Cohen an Manager Bader. Cohen kam, er spielte, seit vier Partien ist er in der ersten Elf.

In der Sky-Reportage am Samstag bezeichnete der Reporter Cohen als “Giftzwerg”, was als Kompliment gemeint war. Auch der ansonsten immer hart auf Höhe der Grasnarbe daherschwadronierende Poschmann verglich beim Viertelfinale gegen Schalke den kleinen Kämpfer mit Gattuso. Cohen ist unglaublich laufstark und er antizipiert gut. Gegen Hamburg stibitzte er ein paar Mal den Ball vom Fuß des Gegners, weil die Hanseaten bar jeder Handlungsschnelligkeit waren an diesem Tag. Wie Gattuso spielt Cohen ausgesprochen fair, läßt aber ansonsten eher Zweikampfstatistiken sprechen als dass er ständig das Gespräch sucht. Die Heckingsche Variante des Tiki-Taka hat er voll verinnerlicht und ähnlich wie Pinola oder neuerdings Wollscheid bringt er die Aggressivität ins Spiel, die den braven Bubis in der Endphase Ära Oenning gefehlt hat.

Wie sehr sich die Dinge verändert haben zeigt der Umstand, dass Cohen bisher weder kopfschüttelnd beäugt noch dutzendfach analysiert wurde. Die Gehirnpolizei fährt nicht auf und untersucht “Giftzwerg” am nächsten Tag nach seinem antisemitischen Gehalt. Es gibt keine betroffenen Leitartikler, die fragen, ob ein Israeli ausgerechnet in Nürnberg ausgepfiffen, gefoult, bejubelt oder vom Platz gestellt werden darf. Wenn die Clubfans ihrer bisherigen Praxis folgen – auch für den Senegalesen Souleyman Sane und die unsäglich unbegabten isländischen Zwillinge Arnar und Bjarki Gunnlaugsson hatten sie die richtigen Wimpel dabei -  werden wir demnächst israelische Flaggen in der Nordkurve sehen und Hava Nagila hören, wenn’s Almoggerla die Ecken tritt.

Fehlende Nachwuchsarbeit beim Club »

Während alles mit wachsender Vorfreude gen Südafrika blickt, vollzieht sich so ganz nebenbei, quasi “im Rücken der Akteure” (Marx) die Vorbereitung für die neue Saison. Der Club beginnt zum Beispiel am 3. Juli mit dem Training, an diesem Sonntag finden die letzten beiden Viertelfinalspiele statt.

Bernd Altmann aus Erlangen hat in einem Leserbrief an den kicker am 25. Mai die Leihspielerstrategie beim Club und die mangelnde Nachwuchsarbeit kritisiert. Am Donnerstag darauf gab es eine Übersicht zu den Transfers in der Dritten Liga, und gleich drei Spieler werden den Club verlassen: Trettenbach von den A-Junioren und Valentini aus der Zweiten gehen zu Aalen, Kulabas geht zu Heidenheim. Kulabas ist mit den Amateuren in der Regionalliga hinter Aufsteiger Saarbrücken Zweiter geworden und hat in 30 Spielen 15 Tore geschossen. Pagenburg, der nie eine echte Chance bekommen hat, soll bei Erfurt mittlerweile wieder abgegeben werden, Reinhardt, der eine wirklich gute Pokalsaison gespielt hat, wurde danach ausgebootet und mittlerweile nach Augsburg abgeschoben, Engelhardt vegetiert beim KSC vor sich hin.

Wenn Kießling zu Leverkusen geht, Cacau zu Stuttgart, Kluge zu Schalke, weil sie dort bessere Perspektiven haben oder mehr verdienen, kann der Club nichts machen. Schäfers Rückkehr ist insofern ein absoluter Glücksfall. Aber die selbst ausgebildeten Leute an unterklassige Vereine weiterzureichen ergibt keinen Sinn. Nachwuchsarbeit ist die einzige langfristige Perspektive, auch wenn Leute wie Schieber oder Okotie sicherlich interessant sind, und Bader mit Frantz, Gündogan und Diekmeier sein altes Händchen wieder gefunden hat.

Saisonrückblick: Die Nachlese zum Nachlesen »

Bayern ist ein verdienter und würdiger Meister. Van Gaal holte Rensing aus dem Tor und machte auch danach fast alles richtig. Nebenbei bemerkt eine ähnliche Situation wie bei Klewer und Blazek bei Nürnberg nach dem Pokalgewinn. Damals überging Meyer die heimliche Nummer Eins Klewer und die Mannschaft fand nicht zusammen. Rensing durfte spielen, er patzte, er wurde abgelöst, und Butt konnte ohne Dauerkritiker allmählich zu einem sicheren Rückhalt werden.

Schalke ist wieder da. Spielerisch kann man noch einiges verbessern, 53 Tore sind schon ziemlich mager, 3-3 gegen Hamburg, 3-1 gegen Gladbach, 3-0 gegen Bochum und 4-1 in Frankfurt, sonst nie mehr als zwei Tore, davon sechsmal ohne eigenes Tor. Aber sie haben die CL ohne Pander und Jones erreicht, und ohne ein einziges Mal darüber zu jammern. Aber in Bremen wurde Magath ja auch nicht gleich Meister.

Bremen zeigt dem HSV wie man kaufmännisches Geschick mit sportlichem Erfolg verbindet. Am meisten erstaunt hat mich am Ende der couragierte Fritz. Man konnte sehen, warum er einst Nationalspieler war. Und natürlich spielten sie phasenweise wieder am schönsten. Hoffen wir, dass Özil seine Sinnkrise endgültig abgeschlossen hat, im Pokal-Finale brilliert und bei der WM konstant spielt. Einen wie ihn könnten die Schalker übrigens gut brauchen, Magath hätte ihn wohl für unverkäuflich erklärt.

Bayer Leverkusen verabschiedet heute Abend den genialen Bernd Schneider. Er ist einer von hundert Gründen, warum das Gerede von der Retortenmannschaft endlich verschwunden ist. Wie bei Schalke wurde auch hier erfolgreich ein Stabilisierungsprozess eingeleitet. Ich sage jetzt nicht, dass Bayer demnächt Meister wird, aber diese Mannschaft hat noch gewaltig Luft nach oben – und einen Trainer, der zu ihr paßt.

Borussia Dortmund, auch die ein echter Aufsteiger. Klopps Vertrauen in die Jugend zahlt sich aus. Zorc hatte einen Lauf bei seinen Transfers, an erster Stelle Barrios. Wenn Kehl noch einmal ganz gesund wird, kann es auch für mehr reichen. Schade, dass der Defensivstratege nie mehr richtig wieder auf die Beine gekommen ist.

Der VfB Stuttgart im Jahr eins nach Gomez kann zufrieden sein. Sie hätten auch unter Gross nicht zwei solche Halbserien gespielt, niemand macht das, Leverkusen, die Ungeschlagenen lange Zeit, auch nicht. Aber auch hier frage ich mich, ob das schon das Ende der Fahnenstange ist. Der VfB produziert reihenweise Nachwuchstalente, Gross ist ein umsichtiger Mann und Heldt hat in seinen jungen Jahren schon viel erreicht als Manager. Neben Stuttgart sehe ich oben auch Schalke und Leverkusen als die Mannschaften, die ihr Potenzial optimal ausschöpften, Bremen blieb dahinter zurück, Bayern und Dortmund spielten über dem Limit.

Der HSV ist neben den Absteigern sicherlich der größte Verlierer der Saison. Im kicker habe ich im Abschiedstext zu Bernd Schneider gerade gelesen, dass Labbadia ihn letztes Jahr im Pokalfinale neunzig Minuten hat schmoren lassen. Das ist extrem instinktlos und ein weiteres Indiz dafür, dass dem großen Motivator Labbadia ein Sinn für Spielerseelen fehlt, den selbst Leute wie Weisweiler, Happel und Magath haben/hatten, die nicht unbedingt Kumpeltypen sind/waren. Die Meisterschaft war illusorisch, aber wie Europa League und Pokal abgeschenkt wurden, war schon extrem arm. Daran konnte auch Ausnahmespieler van Niestelrooy nichts ändern.

Wolfsburg hat die Meisterschaft erstaunlich gut verkraftet. Was auch an der mutigen Entscheidung lag, Köstner zum Chef zu machen. Es war kein Glanz auf dieser Saison, Dzeko war zu sehr Einzelkämpfer. Dadurch dass mit Leverkusen, Schalke und Dortmund gleich drei Hinterbänkler durchstarteten, war Europa zu weit weg.

Mainz hat eine überragende Saison gespielt. Van Gaal hin, Magath her, Thomas Tuchel ist Trainer der Jahres. Als Neuling mit einem Aufsteiger taktisch so ausgefuchst zu agieren, Favoriten zu Hause reihenweise aufs Kreuz zu legen und dann noch ahnsehnlichen Fußball mit Herz und Hirn zu spielen, ist sensationell. Eine echte Bereicherung, alles andere als ein niedlicher Exot, dieser Karnevalsverein.

Eintracht Frankfurt unter Skibbe hat sich ebenfalls erstaunlich entwickelt. Rein punktemäßig war es nicht viel besser als in den letzten Jahren, aber es sieht schon anders aus. Besonders gefallen hat mir Köhler, solche Haken hat in der Liga zuletzt Mehmet Scholl geschlagen. Ohne Verletztenseuche könnten es demnächst sogar 47 Punkte oder mehr werden.

Das zweite Jahr ist für einen Aufsteiger immer das Schwerste, so auch für Hoffenheim. Allerdings kämpfte die TSG von Anfang an gegen die irrsinnigen Erwartungen. Ibisevic erzielte nach seinem Kreuzbandriß 12 Tore und wird jetzt mehr oder weniger als Versager abgestempelt. In der Hinrunde war Hoffenheim Siebter. Ich hoffe, Rangnick kriegt die Kurve und kann in Ruhe weiterarbeiten.

Gladbach, noch ein Gewinner der Saison. Endlich ein Trainer, der paßt, endlich spielen sie ab und zu wenigstens schönen Fußball. Eine No-Name-Truppe hat einem großen Verein eine Menge Anerkennung zurück gebracht. Und Dante hat bei mir schon wegen seiner Frisur einen Stein im Brett. Schade, dass Neuville so wenig spielen konnte. Löw würde sagen: In unserem Frisurenprofil ergänzt er sich nicht optimal mit Dante.

Köln im ersten Jahr nach Daum und im ersten Jahr mit Podolski durchwachsen, also im Rahmen seiner Möglichkeiten. Auch hier eine Riesenkluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Köln ist immer noch eine potenzielle Fahrstuhlmannschaft, es wird noch ein Weilchen dauern, bis der ambitonierte Präsident Overath zufrieden ist. Dass Soldo ein Jahr Klüngel überstanden hat, ohne geistig Schaden zu nehmen, spricht für ihn.

Freiburg behält die Nerven, behält den Trainer und hält die Liga. Für keinen waren die Fußstapfen des Vorgängers so groß wie für Robin Dutt, er hat die Herausforderung bestanden. Dieses Freiburger Team ist noch keine Kultmannschaft wie das große Team mit Cardoso, Heinrich, Schmadtke, noch keine Breisgau-Brasilianer. Sie werden immer gegen den Abstieg spielen, und ab und zu einen Etablierten hinter sich lassen.

Hannover: Ende gut, aber nicht alles gut. Der Tod von Robert Enke bleibt die große Katatrophe dieser Spielzeit. Rechtzeitig kehrten Kampfgeist und Spielfreude zurück, es freut mich, dass 96 der Gang in die Zweite Liga erspart bleibt. Auch für Slomka, der auf Schalke unter Wert verabschiedet wurde. Wenn Hanke so weiter trifft, waren die letzten beiden Spiele der Auftakt zu einer wunderbaren neuen Saison.

Der Club macht es wieder einmal spannend. Sollte die Relegation erfolgreich sein, könnte man das sportliche Modell perfektionieren. 10 Leihspieler, 10 Juniorennationalspieler, Schäfer, Wolf, Pinola, fertig ist der Klassenerhalt. Bader hat gezockt und bis jetzt noch nicht verloren, aber nächstes Jahr bitteschön vielleicht noch ein paar mehr Spieler jenseits der 25 mit mehrjährigen Verträgen. Und eine faire Chance für Mintal.

Auf Wiedersehen, VfL Bochum. Selbst die vier Trainer, selbst das 1-0 in Nürnberg hat nicht gereicht. Wer im Endspiel zu Hause so auftritt, der muss sich mindestens ein Jahr lang im Stahlbad Zweite Liga regenerieren. Vielleicht hätte man Koller nicht feuern sollen, was hilft es dem gemeinen Fan, dass Wosz Kult ist und die letzten beiden Spiele so ausgehen.

Last and least – der Problembär aus Berlin. Nicht Hoeneß, sondern Gegenbauer ist der Verantwortliche für das Desaster. Und angesichts der Tatsache, dass es keinerlei Opposition gegen ihn gibt, ist auch in Liga Zwei wenig Gutes zu erwarten. Es war klar, dass nach der Überfliegersaison ein Krisenjahr kommt. Und anstatt den erfahrenen Krisenmanager Hoeneß in Würde zu verabschieden, legt man das Schicksal in die Hände eines Trainers, der das Team gerade mal zwei Jahre betreut hatte. Und der arme Preetz – sympathisch, unerfahren, überfordert – wußte nicht, wie ihm geschieht.

Horror, Furor, Error – Die Mumie kehrt zurück »

Herzlich willkommen im WM-Jahr 2010. Während die Welt dem Turnier in Südafrika entgegenzweifelt, bastelt man am Valznerweiher augenscheinlich an einem Remake des Klassikers “Fahrstuhl zum Schafott”.

Wer glaubt, der Autor dieser Zeilen wäre so wortkarg gewesen, weil ihm die Leistungen des 1. FC Nürnberg die Sprache verschlagen haben, täuscht sich. Die Gründe liegen außerhalb des fußballerischen Bereichs. Natürlich hätte ich gerne eine Siegesserie nach dem 3-2 in Wolfsburg gesehen, aber mit und ohne Oenning wird es eine ganz enge Kiste für den Club, das war nach diesem eigentlich verfrühten Aufstieg völlig klar.

Nachdem es der Trainer nicht geschafft hat, trotz guter Voraussetzungen die Mannschaft in den letzten vier Spielen zu wenigstens einem Sieg zu bringen, bin ich ausnahmesweise auch mit der Entlassung einverstanden. Eigentlich finde ich immer, Trainerwechsel in der Saison bringen nichts. Aber wer in der 12. Minute gegen Freiburg 0-1 in Rückstand gerät und danach in 348 Minuten nicht mal ein Tor zustande bringt, der braucht wohl tatsächlich neuen taktisch-motivatorischen Beistand. Nur an Raphael Schäfers Sperre kann es nicht gelegen haben.

Jetzt also Dieter Hecking, nicht gerade ein Trainer, der in Hannover die Stürmer aus dem Ärmel geschüttelt und die Viererkette neu erfunden hat. Und weil das mit Jan Koller – erfahren, gefühlte 200 Länderspiele, ein Ruf wie Donnerhall – beim letzten Abstieg so gut geklappt hat, darf jetzt der nächste Altstar die Nachwuchstalente in rot-schwarz mit seiner Routine führen. Rheuma-Kai ist mit seinem statischem Herumstehen und der geringen Laufbereitschaft die ideale Ergänzung zu Charisteas, der immerzu rennt und immerzu schreckliches Pech hat. Vor meinem geistigen Auge entstehen da Ballstaffetten, die an die Pantomimen am Ende von Antonionis “Blow-Up” denken lassen. Ein Angriffsspiel, so völlig ohne Ball, dass man nicht einmal das Plopp hören kann.

Für die Defensive kommt Breno, in dem Manager Bader wohl einen verkannten Abwehr-Kroos vermutet, außerdem vermutlich Ottl, der tatsächlich in den Wirren der Bayern-Transfer-Strategie verloren ging, und dort eine Chance verdient gehabt hätte anstelle des irrlichternden Demichelis.

Aber auch der achte Abstieg wird kein Selbstläufer. Wichtig ist es, auf Schalke, in Hannover und gegen Frankfurt gleich einmal für eine gewisse mentale Verunsicherung zu sorgen. Eine rote Karte für den sensiblen Breno, ein verschossener Elfmeter von Rheuma-Kai oder ein schwerer Abspielfehler Ottls, und die Mannschaft bekommt sogleich ein Gesicht. Ein langes Gesicht.

Eigentlich hätte zu dieser Kader-Auffrischung Matthäus viel besser als Trainer gepaßt. Wenn man schon Bayern-Mumien plündert, sollte man die Königspyramide nicht unverschont lassen. Vielleicht geht ja noch was mit Rensing.

Ihre Meinung zu Bild, Herr Heesters? »

“Ich kenne noch die Zeiten ohne BILD – fürchterlich langweilig!” meint der bekannte Greisklassenspieler, und wer weiß: Hätte schon der Völkische Beobachter Deutsche Möpse auf Seite eins gezeigt, vielleicht hätte das Deutsche Reich in Stalingrad sogar gewonnen. Aber nein, das gehört sich nicht. Einen Mann, der in Dachau absichtlich falsch gesungen hat, um den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, verspottet man nicht. Er spottet jeder Beschreibung.

Erwartungsgemäß ist die heutige Ausgabe von Bild völlig langweilig, als auch dort Michael A. Roth pflichtschuldig als Nürnberg-Napoleon tituliert wird. Zum Glück gibt es in diesem Land Meinungsvielfalt, welche in einer ausdifferenzierten Presselandschaft zum Ausdruck kommt. Thomas Winkler gelangt in der taz zu einer ganz eigenständigen Sichtweise: Napoleon mag nicht mehr. Und weil auch die Sportberichterstattung der heiligen Dreifaltigkeit von These, Antithese und Synthese folgt, geht die FAZ in ihrem Erkenntnishunger noch einen Schritt weiter: In Nürnberg nennen sie ihn „Napoleon vom Valznerweiher“. Die Eingeborenen selbst also dürfen hier zu Wort kommen, grad so wie sie Ralf Kohl vom Sportclub in Freiburg alle nur Kanzler riefen, damals in den Neunzigern. So, wie Johannes Rau vom VfB Stuttgart von allen nur noch Altbundespräsident gerufen werden wird, sollte es einem Spielberichterstatter grade mal langweilig sein.

Es ist wie es ist: Mike Krüger wird bis zum Jüngsten Tag “Blödelbarde” sein – bitte immer ohne Artikel schreiben – und “Rock-Röhre” meint immer nur Tina Turner. Dass man Schwierigkeiten hat, bei Michael A. Roth keine albernen Gedanken zu hegen, liegt nicht nur an seinen 1,63, die ihn 2 cm kleiner machen als das Kopfballungeheuer Maradona, sondern auch an seinem Fränkisch. Wer Fränkisch hört, denkt als erstes an Lothar Matthäus und als zweites an Michael Glos. Vor einem dritten Gedanken schreckt der Zuhörer zurück, und wer die Stellenanzeigen für Gebärdendolmetscher aufmerksam liest, wird immer wieder den Satz finden: Franken werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt. Das hat seine Gründe.

Es wird noch viele, viele Erwin Pelzigs brauchen, um der Welt zu zeigen, zu welchen Hintergründigkeiten und Subtilitäten das Fränkische fähig ist. Klaus Bittermann, in dessen Edition Tiamat so schöne Bücher erschienen sind wie Futebol. Fußball. Die brasilianische Kunst des Lebens von Alex Bellos, ist zum Beispiel in Kulmbach geboren. Dass der Herausgeber der Critica Diabolis im Main-Spessart-Kreis einen Doppelgänger hat, macht es nicht leichter, Vertrauen zum Fränkischen zu fassen. Auch Thomas Gottschalk ist in Bamberg geboren, Henry Kissinger in Fürth.

Zugegeben, die Verpflichtung von Jeff Vliers, der 1979 ganze 48 Tage im Amt war, wird immer ein dunkles Kapitel der ersten Amtszeit von Roth bleiben. Aber zu seinen Personalentscheidungen gehörten auch Magath, Wolf, Meyer und nicht zuletzt Manager Bader. Seit der am 1. Januar 2004 in Nürnberg anfing, kann von Allmacht keine Rede mehr sein. Bereits vorher, als Roth an Augenthaler festhielt und damit den Wünschen der Fans nachkam, war von Größenwahn nichts zu sehen.  Neun Trainer in Roths erster Amtszeit von 1979 bis 1984 ließen sich bei Bedarf immer gegen ihn ins Spiel bringen, aber die Jahre zwischen dem ersten Aufstieg in die Bundesliga 1979 und dem Aufstieg der Höher-Truppe 1985 mit Eckstein, Köpke, Reuter waren fast noch schlimmer als das Jahrzehnt Zweite Liga davor. Nichts stimmte im Verein, der Anspruch nicht, das Sportliche nicht. Roth brachte die Finanzen in Ordnung und hatte dann genug vom Traditionsverein. In den knapp 15 Jahren seit 1994 wurden es dann noch einmal 14 Trainer, wenn man die eine Woche von Interimstrainer Lieberwirth nach der Entlassung von Wolfgang Wolf mitrechnen will. Aber natürlich will man, denn je mehr Trainerentlassungen, desto mehr Napoleon.

Auch an Roths Anzügen nimmt die Meinungsschneidergilde gerne Maß. Wenn er, wie gelegentlich kolportiert wird, in jedem seiner Anzüge einen Zettel hat, auf dem steht, wann er das gute Stück zum letzten Mal getragen hat, dann sollten sich daran nur Leute stören, die Peter Neururer für eine Stilikone halten.

Roths größter Auftritt kam beim letzten Auswärtsspiel gegen Eintracht Frankfurt im April 2008, als Feuerwerkskörper aus dem Nürnberger Fanblock beinahe zu einem Spielabbruch geführt hätten. Roth stellte sich auf das Spielfeld, und auch die Blödesten der Blöden respektierten den Mann, dem sie Mintal, den DFB-Pokal und die Existenz des Vereins zu verdanken hatten. Nürnberg gewann 3-1. In der taz schrieb Frank Hellmann: Als Gagelmann das Spiel wieder angepfiffen hatte, stellte sich Roth für eine geschlagene Stunde vor seine Fans – mit der Gefahr, dass der nächste Feuerwerkskörper ihn getroffen hätte. Ob er keine Angst gehabt habe? “Ich habe doch den größten Teil meines Lebens schon hinter mir”, beschied der 72-Jährige – und lachte. Quel homme.


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