Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis... [weiterlesen]


Viertelbilanz, Teil 2 »

Und hier die weltweisen Anmerkungen zu den Mannschaften auf Platz 10 bis 18.

Hertha BSC: Dank des bodenständigen Babbel und des sympathischen Preetz präsentiert sich Hertha vollkommen flausenfrei und wird den Abstiegskampf weiträumig umfahren können. Der Warnschußarrest in Liga Zwei hat funktioniert. Größte Überraschung: Platz 10 nach acht Spieltagen. Wichtigste Frage: Geht Babbel zu den Bayern, wenn Heynckes dort gescheitert ist?

1. FC Nürnberg: Mit dem 3-3 gegen Mainz hat die Mannschaft bereits die zweite Bewährungsprobe nach dem 1-1 gegen Angstgegner Bremen bestanden und einen Rückstand nervenstark gedreht. Bader hat wieder fantastisch eingekauft. Klose Stammspieler, die neuen Pekhart und Feulner mit wichtigen Toren, jetzt kommt auch noch Mak. Angesichts der Theorie: “Wer Rückstände dreht, wird Meister” und der Ausgeglichenheit des Kaders – sogar Schäfer ist adäquat ersetzbar – wäre Nürnberg eigentlich Meisterschaftsfavorit Nummer Eins. Aber an Spieltag Acht gibt es noch keinen Grund, überzuschnappen. Größte Überraschung: Niemand vermißt Ekici und Gündogan. Wichtigste Frage: Halten die Fans dem psychischen Druck Stand, als Geheimfavorit in die letzten 26 Spieltage zu gehen?

1. FC Köln: Guru Solbakken hat dem Treibauf EffZee die Innere Mitte geschenkt. Auch Podolski meditiert brav über die Epistel: Der Laufweg ist das Ziel. Trotz der dauernden Leistungsschwankungen wird Köln eine erfreuliche Saison spielen und seine Fans auch zu Hause nur noch selten gegen sich aufbringen. Größte Überraschung: Novakovic und Podolski. Wichtigste Frage: Wie wird Solbakken eigentlich korrekt ausgesprochen? Sulbbäcken? Saalbuken? Skolbloggen?

VfL Wolfsburg: Als Untoter schleicht der Meister von 2009 durch die Niederungen der Liga. Für Erfolge zu wenig, für den Abstieg zu viel. Ein Mandzukic allein macht noch keinen Spitzenverein. Magath wird noch die ganze Hinrunde brauchen, um die bösen Geister zu verscheuchen. Benaglio hat er bereits wieder in die Spur gekriegt, Nervensäge Diego abserviert. In der Rückrunde wird es dann deutlich freundlicher aussehen. Größte Überraschung: Das 2-3 im Pokal gegen RB Leipzig, bei dem ich erfreulicherweise live dabei war. Wichtigste Frage: Kriegt Magath auch Helmes wieder hin?

1. FSV Mainz 05: Dafür, dass die drei wichtigsten Spieler weg sind, spielt Mainz eine überragende Saison. Sie sollen froh sein, dass sie die Europa League verpaßt haben, es wird auch so schon schwer genug. Tuchel erweist sich weiterhin als überragender Tüftler und Bastler. Größte Überraschung: Alle Experten, die Mainz eine weitere Spitzensaison prophezeit haben. Wichtigste Frage: Wann hat sich die Mannschaft im neuen Stadion eingewöhnt (vier Spiele, drei Heimniederlagen)?

SC Freiburg: Im Rahmen der Möglichkeiten bisher sehr solide Arbeit. Im Rahmen der Freiburger Selbstversorger-Fruchtfolge steht diesmal wieder eine durchwachsene Saison im Kalender. Marcus Sorg hat sich unspektakulär eingefügt, niemand verliert trotz des holprigen Starts die Nerven. Es könnte auf den Relegationsplatz hinauslaufen. Größte Überraschung: Die Abhängigkeit von Cissé ist kleiner geworden. Wichtigste Frage: Wann erreichen die Neuverpflichtungen Bundesliga-Niveau?

1. FC Kaiserslautern: Entschlossene Grimmigkeit herrscht am Betzenberg: Käptn Kuntz und Steuermann Kurz trotzen der schweren See mit stoischer Ruhe. In der Rückrunde werden die Neulinge endlich auch wirklich an Bord sein. Es würde mich sehr wundern, wenn Kuntz nicht wieder ein überragendes Näschen gehabt hätte. Augsburg und der HSV garantieren, dass Kaiserslautern mindestens auf dem Relegationsplatz verbleiben wird. Größte Überraschung: Die mehr als dürftige Abwehrleistung. Wichtigste Frage: Wer schießt die Tore?

FC Augsburg: Es wird ein toller, aber nur einjähriger Ausflug in die Bundesliga, aber dieser Kader ist nicht erstligatauglich. In Nürnberg hat Augsburg 90 Minuten lang Fußball verweigert. Wenn sich ein Torwart beim Abschlag Zeit läßt, ist das gelegentlich nervig. Wenn er das ab Spielsekunde dreißig tut wie Jentzsch gegen den Club, ist das ein Offenbarungseid. Größte Überraschung: Mit dem Kasperletheater um Thurk wechselt die Puppenkiste das Genre. Jos und Michael, nehmt euch ein Beispiel an Robin und Michael. Wichtigste Frage: Gelingt mit Luhukay der sofortige Wiederaufstieg?

HSV: Seit Dick Advocaat* in Gladbach verbrannte Erde hinterlassen hat, ist kein Verein mehr so derartig umgepflügt worden wie der HSV von Frank Arnesen. Und es sieht alles verdammt nach Hertha in der Saison 2009/10 aus. Wichtige Spieler weg, eine völlig verpeilte Transferpolitik einschließlich der Trainerfrage, niederschmetternde individuelle Fehler, zu hohe Ansprüche. Wenn es blöd läuft für die Hanseaten, spielt der HSV nächste Saison unten und St. Pauli oben. Lustig. Größte Überraschung: Hrubesch wurde immer noch nicht verpflichtet. Wichtigste Frage: Reicht die Zeit, wenn der HSV Beiersdorfer erst in der Winterpause zurückholt?

*und nicht wie fälschlich behauptet, Martin Jol, der ein Supertrainer war. (Danke, Johannes. Das kommt davon, wenn man nur einmal im Monat bloggt.)

Und nicht verpassen:

Rob Alefs neuer Kriminalroman “Kleine Biester” erscheint im November 2011.

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Saubermann Sammer und der Sittenverfall »

Dieser Sammer kann einem wirklich auf den Geist gehen mit seinem permanenten Gerede von Vorbild und Jugend und Werte blablablub. Heute schwadroniert er im kicker vom Sittenverfall und nimmt die bösen Trainer aufs Korn, die angeblich ihre Verträge nicht einhalten.

Bei Martin Jol könnte man vom Wegfall der Geschäftsgrundlage sprechen, die mithin eine alsbaldige Vertragsauflösung ermöglicht. Jol wurde geholt, um Titel zu holen. Als der HSV beste Voraussetzungen dafür hatte, entschloß sich das Management, doch lieber Geld zu verdienen und verkaufte Kompany für geschätzte 6 Mio Euro und de Jong für bestätigte 19 Millionen Euro an Manchester City. Hätte der HSV mit den beiden gegen Bremen nur zwei Gegentore kassiert? Wäre eine UEFA-Cup-Sieg 25 Millionen Euro wert gewesen? Das sind nach 5 Jahren Glück, Glanz, Ruhm 5 Millionen Euro pro Jahr also 13700 Euro pro Tag. Zu viel? Für den Briefkopf? Für den Fan? Aus dem Verkauf von van der Vaart hat Jol zu Saisonbeginn noch das Beste gemacht, aber das permanente 0-2-Aufholen in den ersten Spielen zeigte schon, dass der Mannschaft das ganz große Format fehlt. Für drei Hochzeiten war die Substanz nach der Winterpause dann endgültig zu dünn.Und Jol hat im Stillen wohl begriffen, dass der HSV den wirtschaftlichen Erfolg höher einschätzt als den sportlichen.

Hans Meyer hat wie der Pokal seine eigenen Gesetze. Wer glaubt, einen 66jährigen Kommunisten mit einem kapitalistischen Vertragswerk binden zu können, der muss zur Nachschulung in den MEW-Lektüre-Kurs. Beim Club hatte Meyer zunächst die Verabredung getroffen, dass beide Seiten die Zusammenarbeit ohne finanzielle Forderungen vom einen Tag auf den anderen beenden können. Meyer wurde Pokalsieger. Danach erhielt er einen zeitlich befristeten Vertrag, der Club stürzte ab. Meyer wurde entlassen, es folgten Streitereien vor dem Arbeitsgericht, die des Trainers Nimbus bei den fränkischen Fans zum Glück nicht schmälern konnten.

Wäre jemand wie Daum für Köln zu haben gewesen ohne Ausstiegsklausel? Wurde der Messias nicht in einer herzzerreißenden Zeremonie ohne Wenn und Aber inthronisiert? Wäre Podolski ohne Daum zurück gekommen? Hat Magath die für ihn gemachten Vorgaben nicht zu hundert Prozent erfüllt? Professioneller als Magath in den letzten zwei Jahren kann man nicht arbeiten. Wenn jetzt die Langzeittrainer Ferguson, Wenger und Schaaf als leuchtende Beispiele genannt werden, sollte man auch einmal sehen, welche unumstrittenen Kompetenzen diese Leute haben. Mir ist nicht ein Fall bekannt, bei dem das Bremer Präsidium oder sonstige fußballfernen Honoratioren des Vereins Schaaf öffentlich in die Parade gefahren wären. Glaubt denn jemand, Ferguson ließe sich vom CEO des Trikotsponsors AIG in sportlichen Frage hineinreden? Nicht einmal von Obama, obwohl AIG faktisch längst verstaatlicht ist.  Sowohl Magath als auch Daum sahen sich einem permanenten Störfeuer innerhalb ihres fachlichen Bereichs ausgesetzt. Wenn man langfristig mit einem starken Trainer zusammen arbeiten will, sollte man vielleicht einfach Ruhe geben (wie es sich in Wolfsburg angeboten hätte), oder die Mannschaft selbst trainieren, was ich Overath jederzeit zutraue. Aber der müsste natürlich erst mal seinen Trainerschein machen, weil Vorbild, Jugend, Extrawurst, Sittenverfall.

Ich bin nicht gegen die Einhaltung von Verträgen, gerade bei jungen Spielern, die von allen möglichen Seiten beeinflußt werden und bestimmte Konsequenzen in der Lebensplanung weniger gut einschätzen können als alte Säcke wie Jol etc. Dass Demba Ba nicht einfach so mal weg kann, dass Gomez noch zwei Jahre beim VfB geblieben ist, dass Diego nicht im Winter zu Juve ging und am Ende der Saison DFB-Pokal-Sieger wurde, das ist schon nicht verkehrt. Es sollte einmal ein Verein kommen, der den tief im Selbstfindungsprozeß verstrickten Spieler (…will Barca…)  so lange vor die Wahl Tribüne oder Amateure stellt, bis die vertraglich vereinbarte Leistungswilligkeit wieder her gestellt ist, dann würde diese Lotterie und Lotterei schnell zu Ende sein. Das macht man natürlich nicht, weil 35 Millionen auf dem Konto besser sind als der in der Dritten Liga zum Krüppel getretene Topscorer, aber mir hat die Zivilcourage der HSV-Oberen bei van der Vaarts erstem Abwanderungsversuch 2007 gut gefallen. Wenn sie 2008 nicht umgefallen wären, hätten sie jetzt einen Titel und Martin Jol wäre noch da.

Apropos umfallen: Saubermann Sammer hat im November 2008 Dieter Eilts geschaßt, nachdem dieser die Quali zur U21-EM erreicht hatte. Eilts’ Vertrag wäre noch bis Juni 2009 gelaufen, bis nach der EM, um genau zu sein. Grund für die Entlassung waren “unterschiedliche Auffassungen”. Ja, holla, potztausend, das nenne ich vorbildlich.

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Fabian Ernst über seine Erfolge in der Türkei heute im kicker: “Das Double soll keine Eintagsfliege bleiben.”

Ich hoffe, David Cronenberg macht die Verfilmung.

Finale Grande »

Endlich mal wieder ein Meister, der den schönsten Fußball spielt. Vor drei Jahren jammerte Christoph Biermann auf Spiegel-Online über die allgemeine Begeisterung beim Wolfsburg-Bashing. Dann traf das Two-Hit-Wonder Makiadi im entscheidenden Abstiegskrimi einmal und legte einmal auf, dann kam Magath. Voilà und Gratulation. Das Interview auf dem Rathausbalkon in München war ein echtes Schmankerl. Ich fürchte, in Gelsenkirchen gibt es gar kein Rathaus geschweige denn einen Balkon.

Ansonsten lauter gute Ergebnisse, Bayern auf Platz zwei ist völlig in Ordnung. Jetzt darf van Gaal eine Taktik ausklügeln, bei der man in der KO-Runde weder auf AC Milan, Barca oder englische Mannschaften trifft. Hertha, als Vizemeister der Herzen nach Baden gefahren, kehrt aus dem Wildparkshredder zerzaust in die Heimat zurück. Aber CL wäre des Guten zu schnell gewesen. Erst mal Omonia Nikosia überstehen, bevor ManU kommt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: dass es der HSV geschafft hat oder dass es Dortmund nicht geschaft hat. Ein gnädiges Ende nach alptraumhaften Wochen für Jol und seine wackere Truppe, nicht immer heißt der Gegner Bremen. Dortmund traute sich nicht, gegen gerettete Gladbacher voll auf Sieg zu spielen und wurde bestraft. Das 14. Unentschieden war eins zu viel für Europa. Trotzdem ist der BVB unter Klopp auf einem guten Weg. Bergdölmo ist nur noch ein böser Traum.

Hoffenheim landet vor Schalke, Bremen und Leverkusen. Hätte es die irrsinnige Hinrunde nicht gegeben, wäre allein schon das ein Grund, Kapriolen zu schlagen. Sollte Ibisevic wieder auf die Beine kommen und die gute Transferarbeit fortgesetzt werden, war das der Anfang einer wunderbaren Bundesligakarriere. Und Hildebrand kommt langsam in Form.

Im Keller krallt sich Cottbus den Relegationsplatz. Das freut mich erst einmal, noch mehr, wenn morgen der Club noch Zweiter wird. Jedenfalls geht es weder gegen Hans Meyer noch Fucking Bielefeld und Jörg “Untot” Berger, die als 18. nach unten gehen. Der Feuerwehrmann kam diesmal zu spät. Vielleicht in Ostwestfalen einfach mal “Burning down the House” von den Talking Heads auflegen und eine Runde chillen.

Der Rest war stille Begleitmusik, abgesehen von der Entlassung Funkels. Mehr als er kann man aus dieser Mannschaft mit dieser Verletzungsserie nicht herausholen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es so etwas schon einmal gegeben hat, auch die legendäre Vier-Kreuzbandrisse-Saison von Dortmund kommt da nicht ran. Und jetzt will man europäisch spielen und weiß nicht, mit wechem Trainer. Das klingt alles verflucht nach launischer Diva. Vielleicht darf Stepi noch einmal ran, oder das sympathische Jahrhunderttalent Jürgen K. Die Direktflugauswahl nach Kalifornien soll in FRA ja recht gut sein. Mir hat der Kommentar im kicker zu Klinsmann recht gut gefallen, der sich gar nicht darauf einläßt, Medienschelte zurückzuweisen, sondern dem Guru schlicht und sachlich einige seiner Fehler noch einmal aufzählt. Als verkanntes Trainergenie hatte der Jürgen tatsächlich Ähnlichkeit mit seinem ewig mißverstandene Kollegen, dem Lothar.

PS: Sage keiner, die Bremer hätten es heute versaut. Hätte Bayern in Wolfsburg einen Punkt geholt, wären sie heute mit diesem Punkt Vorsprung Meister geworden. Nicht nur der SVW ist bei den Wölfen in dieser Saison 1-5 untergegangen.

Stille Momente perfekten Glücks »

“Oh wie ist das schön, oh wie ist das schön..” wäre deplatziert, liegt ein historisches 1-5 doch gerade erst einmal vier Tage zurück. Aber Barcas Auftritt war schon das Sahnestückchen der bisherigen Saison. Wäre da nicht der legendäre Bayerndusel, die Partie wäre wohl 8-0 ausgegangen. Und die tragischen Fälle Lell und Rensing zeigen, wie sehr alles falsch läuft bei den Bayern. Unter Hitzfeld war Lell ein hoffnungsvolles, wenn auch mäßig begabtes Eigengewächs. Trainingsfleißig wie Dieter Eilts und bescheiden wie Rudi Völler hätte er vielleicht ein solider Rechtsverteidiger werden können, so gut wie Arne Friedrich, unauffällig und unverzichtbar. Unter Klinsmann wurde durch die Verpflichtung des sympathischen Jahrhunderttalents Maximo-Otto Lells Karriere bei den Bayern auf sehr ruppige Art offiziell für beendet erklärt. Wer dem behäbigen Italiener mit seinen unsäglichen Flanken aus dem Halbfeld weichen muss, sollte lieber Tischtennis spielen oder Sportsocken verkaufen.  Lell heute ins Offensivspiel von Messi laufen zu lassen, hatte etwas von Menschenopfer. Ja, Lahm war verletzt und Lucio auch und van Buyten erhielt aus guten Gründen Dispens. Aber wo war eigentlich der für links unlängst erst verpflichtete Marcell Jansen? Auch keine Granate im Defensivbereich, aber wenigstens läuferisch hätte er Messi nahe kommen können. Und beinahe jeder, der in der Bundesliga hinten links spielt, hat taktisch mehr drauf als Lell in dieser Position. Hätte man da nicht wie die Gladbacher in der Winterpause noch jemand holen müssen? Wahrscheinlich schafft Klinsmann es nicht, sechs gleichwertige Ersatzspieler ins Team zu integrieren und bei Laune zu halten. Deshalb tauchte im Camp Nou der Name Badstuber im Bayernkader auf.

Nehmen wir an, die Bayern hätten mit dem neuen Trainer und dem neuen Konzept diese Saison als Jahr des Übergangs ausgerufen. Dann hätte der junge Rensing bei seinem Weg in die größten Fußstapfen, die die Liga 2008 zu bieten hatte, in Ruhe aufgebaut werden können, so wie Adler in Leverkusen. Aber Rensing erst wie Hoeneß zum einzig ernsthaften Anwärter auf die Nachfolge von Lehmann auszurufen, ihn wie Klinsmann immer mit der Formel “Er wird die Zeit bekommen, die er braucht” in Sicherheit zu wiegen, und ihn dann kurz vor dem Spiel des Jahres kaltschnäuzig abzuservieren, das ist planlose  seelische Grausamkeit. Es ist dieses ewige Hüh und Hott, dieses Weltklasse sein wollen und über Nacht Nachwuchs aus dem Hut zaubern müssen, das nicht funktionieren kann. Guerrero weg. Kroos weg. Schlaudraff  weg. Podolski in tiefster Melancholie. Schweinsteiger in der Stagnation. Und der schon erwähnte Janssen blüht unter Jol in der Rückrunde auf, wird jeden Tag ein bißchen besser. So wie Aogo, Pitroipa, Guerrero. Vermutlich kommt im neuen Jahr Enke. Und Rensing wird der Kompagnon von Lell. Nachwuchsarbeit 2010.

Die Bayern haben es geschafft, in den letzten Jahren zwei der drei besten deutschen Trainer (Schaaf wäre ebenso wenig kompatibel wie Frings) zu vergraulen. Hitzfeld ist gegangen, weil ihm Kim Il McRummenigge vorgerechnet hat, dass Fußball keine Mathematik ist. Magath ist gegangen, weil er die geballte Fußballkompetenz an der Säbener Straße nur mit geballter Faust in der Tasche ertragen konnte, und weil er ein wenig von dem vielen schönen Festgeld gerne in neue Spieler investiert hätte.

Wenn es jetzt ausgerechnet dem seriösen, geduldigen Funkel und dem Chancengleichheitsverfechter Bruchhagen und der verletzungsgeplagten Eintracht gelänge, den Bayern auch noch den Zahn in der Meisterschaft zu ziehen, könnte man von einer perfekten Woche sprechen. Aber in der Allianz-Arena sind die Bayern ja eine nicht nur von den eigenen Fans gefürchtete Heimmannschaft.

Deutscher Meister HSV? »

Einiges spricht dafür. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hat sich der HSV einem Konkurrenten taktisch deutlich überlegen gezeigt. Ausserdem hat er schon reichlich Rückstände gedreht in dieser Saison, gleich am Anfang bei den Bayern oder auch im Hinspiel gegen Leverkusen. Für mich ist diese Fähigkeit entscheidend auf dem Weg zur Meisterschaft unter Wettbewerbsbedingungen. Soll heissen, wenn nicht die ganze Liga wie das Kaninchen auf die Bayern starrt. Der HSV hat den Verlust von van der Vaart und de Jong sowie zahlreiche Verletzungen gut weggesteckt und wirkt sehr kompakt. Das Spiel gegen Wolfsburg wird die Probe aufs Exempel.

Glücklicherweise sind die Zeiten totaler Unterwürfigkeit gegen die Bayern vorbei. Es war sehr feinsinnig von Christoph Daum, der den Bayern “keine Niederlage mehr bis Saisonende”  gewüscht hat. Mit dreizehn Unentschieden hätten die Bayern 51 Punkte, das reicht locker für Platz acht, vielleicht ja sogar sechs. Wegen Hoffenheim merkt keiner so richtig, was für eine klasse Saison der 1. FC Köln spielt. Ich bin gespannt auf die Saison mit Poldi.

Im Moment haben die Bayern vier Punkte Rückstand und gegen den HSV und Hertha schon verloren. Aus eigener Kraft kommen sie an die beiden nicht mehr ran. Und wandern mit The Next Uri Geller langsam in den Keller? Die Verpflichtung Klinsmanns war auch deswegen rätselhaft, weil er keine Qualifikation spielen musste. Der Faktor Zeit in einer Saison spielt eine nicht unerhebliche Rolle, nervlich wie körperlich. Löw, den ich für einen sehr guten Trainer halte (Klinsmanns Nachfolger bei den Bayern?), sieht gerade, dass eine WM-Quali mehr ist als nur ein Sommermärchen. Es gibt Durchhänger, Konkurrenzkämpfe, Angstgegner und den täglichen Kleinkram, zum Beispiel Spieler, die sich pümktlich zu Testspielen verletzt abmelden. Klinsmann lernt gerade, dass man nicht zwölf Monate lang immer nur den Überflieger geben kann. Andererseits muss man die Bayern verstehen. Im Januar 2008 war klar, dass Hitzfeld nicht verlängern würde. Für die ganz großen Namen (Wenger, Mourinho) sind die Bayern nicht mehr attraktiv genug, und die unbekannten Fachleute wie Jol und Rutten haben keinen Glamourfaktor, auf den man an der Säbener Straße Wert legt. Klinsmanns Verpflichtung war der Versuch, shock and awe in die Bundesliga zu transferieren. Und weil der Boulevard brav Massnahmen gehypt hat, für die Berti Vogts vor zehn Jahren bei Leverusen verspottet wurde und weil Ribery ein Ausnahmespieler ist, hat das auch eine Zeit lang funktioniert.  Jetzt wird es langsam eng und die Zahlen sprechen gegen die Bayern. Wer in allen Bundesligaheimspielen mindestens ein Gegentor kassiert, hat in der CL schlechte Karten. Es warten mit Wolfsburg, Hoffenheim, Bremen und vor allem Cottbus noch vier richtig schwere Auswärtsspiele auf die Bayern. Wenn man das Experiment mit Klinsmann gewagt hat, warum rief man dann gleichzeitig den Gewinn der CL als Saisoniel aus?

Hertha und der HSV – Alte Dame trifft Dino »

So langsam finde ich Gefallen an dem Verein der wie ein Dampfer heißt. Das liegt nicht nur an Spielern wie Friedrich, der mit seiner Vertragsverlängerung eindrucksvoll meine Theorie des Authochthonen unterstützt. Einen besseren Käptn hatte Hertha seit Michael Preetz nicht mehr. Auch ein Zeichen dafür, dass es langfristig besser wird mit der alten Dame. Jetzt hat Friedrich mit Simunic zusammen in Babelsberg sogar ein paar als Hertha-Fans kostümierte Rassisten zur Ordnung gerufen. Schade, dass der Rassismus in den Stadien nach wie vor klein geredet wird. Da ist dann meist von “ein paar Idioten” die Rede. Als ob die “Urwaldrufe” und der Antisemitismus nicht ihren festen Platz im Schmähprogramm haben. Früher, bei Hertha gegen St. Pauli, da grüßten die Berliner stets mit “Arbeitslose, Arbeitslose”, was in der Paulikurve mit “Steuerzahler, Steuerzahler” quittiert wurde. In der Krise gibt es keinen Platz mehr für solches Brauchtum. Soll man die Fans der Frankfurter Eintracht als “Bankrotteure, Bankrotteure” beschimpfen, nur weil ihr Stadion nach einem Geldinstitut heißt? Und darf die Erwiderung lauten: “Eure Armut kotzt uns ans.”? Bei Barcelona wohl eher: “Eure Anmut macht uns an.” Herthas bester Mann ist Lucien Favre. Er ist kein Ballokrat wie Sammer oder Löw, kommt nicht aus dem Bild-und-Bayern-Sumpf wie Klinsmann oder Hitzfeld, ist nicht telephil wie Klopp oder Meyer, lacht bei dummen Journalistenfragen manchmal einfach los, was ein geradezu zidanehaftes Lächeln auf sein superseriöses Gesicht zaubert. Er hat dafür gesorgt, dass La Marco, die Diva aller Strafraumdiven so klein mit Haarband über den Platz trabt. Wem das gelingt, der kann auch Meister werden.

Kürzlich wurde der HSV als “ewiger Ausbildungsverein” tituliert. Seit der Saison mit den fünf B – Barbarez, Beinlich, Bouhlarouz und van Buyten gingen, der Beinaheabstieg kam – hat sich die Transferpolitik der Hamburger merklich verbessert. Der Abgang von de Jong wird sich nicht weiter negativ auswirken. Mit Jarolim haben sie einen sehr guten Defensivmann, Jol arbeitet unablässig am Einbau neuer großer Talente (Aogo, Guerrero). Mit dem Tausch Petric gegen Zidan ist dem HSV der Coup des Jahres gelungen. Ausbilden muss man einen Spieler, der auf Anhieb wichtige Tore am Fließband schießt, nicht mehr, nur taktisch einbinden. Und dann für das Zehnfache verkaufen. Warum Olic zu den Bayern geht, ist mir absolut schleierhaft. Nachdem Ribéry die zweite Reihe auf der ganzen Breite des Platzes für sich beansprucht, würde ein hängender Stürmer ihm nur auf den Füßen stehen. Der HSV hat sich klugerweise offiziell kein Zeitlimit gesetzt für das Erreichen höchster Weihen. Die sportliche Führung ist gerade beeindruckend bestätigt worden. Ich finde, die basisdemokratischen Ansätze wie bei Fortuna Köln sehr interessant sind, aber ausgerechnet dem BL-Gründungsmitglied schlechtes Management vorzuwerfen, wirkt ein wenig übertrieben. So viel kann man beim HSV nicht falsch gemacht haben.

Pokalgeflüster: +++ bis auf Hoffenheim, Dortmund und Hertha sind die ersten acht der Liga unter sich +++ Wetten, dass das ZDF Bayern gegen Wehen überträgt, “damit sich auch einmal ein Zweitligist vor großem Fernsehpublikum präsentieren kann.” +++ Leverkusen und Bremen bärenstark, auch die Schalker besser als ihre Presse während der Winterpause +++