Habe nun acht… »
…Spieltage gesehen, und nach einem knappen Viertel der Saison ist es Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Teil Zwei folgt dann am Donnerstag.
Bayern München: Die Mannschaft tut alles, um die Frage offen zu lassen, ob Manuel Neuer auch in München Spiele gewinnen kann. Die Viererkette ist besser als im Vorjahr. Hätte das zweite Gegentor nach dem zweiten Neuer-Patzer in Wolfsburg gegolten, hätte Manchester City seine beiden Elfmeter bekommen, wäre nicht alles Heynckes, Freude, Eierkuchen. Meister wird die Mannschaft, die Rückstände dreht. Die Bewährungsproben kommen noch. Größte Überraschung: Kokspetze Hoeneß entdeckt plötzlich, dass es einen Rechtsstaat gibt. Wichtigste Frage: Wird Robben, wenn er weiter mault, an van Gaal ausgeliehen?
Werder Bremen: Endlich wieder Werder-Fußball, wie wir ihn schätzen. Mertesackers Weggang wurde kompensiert, Arnautovic trotz Roter Karte resozialisiert, Defensive mit Offensive austariert. Ohne lästige Demütigungen in der Champions League hat Werder in der Bundesliga noch Luft nach oben. Größte Überraschung: Fritz ist ein guter Kapitän. Wichtigste Frage: Bleibt Pizarro gesund?
Borussia Mönchengladbach: Wie schon am Ende der Saison an dieser Stelle erwartet, spielen die Gladbacher nach der erfolgreichen Relegation eine sagenhafte Saison. Mit ter Stegen haben sie den besten Torwart der Liga (Bayern-Scouts aufgepaßt). Favre hat die schlummernden Potenziale geweckt. Eberl ist über Nacht vom Krisenmax zum Visionär gereift. Größte Überraschung: Mike Hanke ist ein Leistungsträger, schießt keine Tore und hält trotzdem die Klappe. Wichtigste Frage: Reicht es für Platz vier?
Schalke 04: Huub, Huub hurra. Rangnick hat enormen Mut bewiesen, jetzt ist es für Schalke besser gekommen, als man hoffen durfte. Stevens redet kokett von Platz zwei, aber trotz aller Verehrung der alten Helden mal ehrlich: Der Sturm mit Huntelaar und Raul ist eigentlich sogar noch ein bißchen stärker als der mit Sand und Mpenza. Größte Überraschung: Jermaine Jones ist wieder mit dabei und hat eine Frisur gefunden, die zu seinen Tattoos paßt. Wichtigste Frage: Wie bringt Stevens Fährmann in die Spur?
Hannover 96: Der Slomka-Express rollt weiter. Weniger abhängig von Ya Konnan, mit dem Schnäppchen des Jahrzehnts Pander als brandgefährlichem Überraschungsgast auf links. Wer Bremen 3-1 besiegt und dafür vom kicker die Spielnote 1,5 erhält, darf sich auf eine weitere große Saison freuen. Größte Überraschung: Kein Einbruch wegen der Europa-League, schon die Spiele gegen Sevilla waren erste Sahne. Wichtigste Frage: Wann bringt Jörg Schmadtke die Kunst des Inneren Lächelns endlich als Yoga-DVD raus?
Borussia Dortmund: Trotz des Verlusts von Sahin und der Verletzung von Barrios wirkt der Kader wieder sehr kompakt. Kleine Abnutzungserscheinungen sind vertretbar. Mit Perisic wurde wieder sehr gut eingekauft. Die Lüdenscheider brauchen noch ein wenig Anlaufzeit, dann werden sie noch weiter nach vorne kommen. Größte Überraschung: Der Punkt gegen Arsenal. Wichtigste Frage: Ob sie wenigstens ein Spiel in der Champions League gewinnen werden?
VfB Stuttgart: Das sieht jedenfalls nicht nach Horror-Hinrunde aus. Heimlich, still und leise malochen sich die Schwaben nach vorne. Und der notorische Überflieger Labbadia beweist nach der guten Rückrunde erneut Steherqualitäten. Mit den wiedergenesenen Bremern und den Schalkern mit Stevens wird ein internationaler Platz trotzdem schwer. Größte Überraschung: Boulahrouz ist in der Form seines Lebens. Wichtigste Frage: Wird Cacau fit?
1899 Hoffenheim: Stanislawskis guter Einstand zeigt, dass Provinz und Kiez im Grunde wesensverwandt sind. Eine gewisse Heimeligkeit sind beiden nicht abzusprechen. Trotz des Punktgewinns gegen Bayern an diesem Wochenende ist Hoffenheim vier Plätze zurückgefallen. Es ist eng im oberen Drittel. Größte Überraschung: Andi Beck hat seinen Vertrag verlängert. Wichtigste Frage: Wen wird Dietmar Hopp in dieser Winterpause heimlich verkaufen?
Bayer Leverkusen: Anders als die Schönspieler von der Säbener Straße hat Leverkusen die ersten Rückschläge (Pokal, CL, Schönspieler von der Säbener Straße) bereits verdaut. Dutt erweist sich als ebenso lernwillig und teamfähig wie Ballack. Dass Rangnick in der Lage war, offen über seine Schwäche zu reden und das Handtuch vor dem totalen Zusammenbruch schmeißen, verdankt die Liga wie so vieles andere übrigens Ballack. Er hat es geschafft, ein Weltklassespieler zu sein, und dabei dem Scheitern nicht auszuweichen. Größte Überraschung: Die Entschlossenheit, sich nach oben durchzukämpfen. Wichtigste Frage: Ballack wird seine Kritiker eines Besseren belehren. Aber wie?
Im November 2011 erscheint “Kleine Biester”, der neue Kriminalroman von Rob Alef.
Fischkopf mit Trauerrand »
Um die Bremer muss man sich langsam wirklich Sorgen machen. Dass sie gegen eine technisch versierte, gut eingespielte, taktisch hochintelligente Mannschaft, die mit hervorragenden Einzelspielern nur so gespickt ist, zu Hause verlieren, das kann ja mal passieren. Aber dass sie es dann auch noch gegen Enschede versemmeln, kurz nachdem der Club drei Punkte entführte, das ist schon eine ganz fette “pad”, wie Kröte im Niederländischen heißt, die sie da schlucken mußten. Wobei pad süßsauer ja so ähnlich schmecken soll wie Matjes. Alles Gewohnheitssache.
Sollte Werder an diesem Wochenende auch in Stuttgart verlieren, treten natürlich wieder die auf den Plan, die erst sagen a) Schaaf sei verbraucht und dann, sollte er entlassen werden, hinzufügen, das seien b) die üblichen Gesetze der Branche. Der Medienbranche, müßte das ganz genau heißen. Schaaf wird ebenso wie Allofs hoffentlich noch viele Jahre weiterarbeiten.
Nachdem die Bremer in der letzten, auch schon als völlig verkorkst ausgerufenen Saison, immerhin noch in die CL-Quali und bis ins DFB-Pokal-Endspiel brachten, werden die Erfolge dieses Jahr äußerst überschaubar bleiben. Gründe dafür gibt es einige. Naldo fehlt in der traditionellen Wackelabwehr besonders schmerzlich, ebenso wie der zuletzt wieder präziser spielende Fritz. Die nicht mehr ganz jungen Nachwuchshoffnungen Hunt und Bargfrede sind zu schwankend in ihren Leistungen, auch Mertesacker schwächelt nach der WM. Marin ist zu sehr Dribbler und Frings, defensiv hervorragend, zu langsam, um regelmäßig ein Spiel zu machen. Arnautovic ist sicherlich ein Spieler mit großen Talenten, aber so einen Querkopf perfekt einzubauen, braucht eine funktionierende Mannschaft. Man könnte sich mal überlegen, ob es sinnvoll ist, aus der ganzen Welt die Problemkinder des Fußballsports nach Bremen zu holen, um dort im gesunden Reizklima einer Hansestadt ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln.
Nachdem die Abwehr noch nie das Prunkstück war, tut es jetzt doppelt weh, wenn dauernd Großchancen versemmelt werden, mal von Almeida, mal von Arnautovic, mal vom vor dem Tor überhasteten Marin. Nur Pizarro ist da sehr zuverlässig. Die Bremer könnten jetzt die Gunst der Stunde nutzen und in aller Ruhe eine vernünftige Defensive aufbauen. Mit ihrem schönen Offensivspiel ist dieses Jahr eh nichts mehr zu gewinnen. Als erstes sollten sie einen soliden Linksverteidiger finden. Eichner wär in der Winterpause wohl zu haben und würde als mannschaftsdienlicher, bodenständiger Typ sehr gut in das wetterfeste Profil der Bremer passen. Auch Madlung kann wesentlich mehr, als ihm sein jetziger Verein augenscheinlich zutraut. Im Gegensatz zu Mertesacker ist er außerdem äußerst torgefährlich für einen Innenverteidiger. Einen zweiten sehr guten Sechser fände man vielleicht in Leverkusen. Die haben auf der Position ein deutliches Überangebot.
Für Stuttgart könnte es trotz der Schierigkeiten reichen. Die scheinen mir noch nicht wirklich stabil mit dem neuen Trainer Keller. Die Europa League sollte da nicht blenden.
Das Wunder von Mailand – Werder nur 0-4 »
“Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt“, dichtete Kurt Tucholsky dereinst, obwohl er gar nicht in der Sportredaktion tätig war. Nach dem 3-0 für Inter habe ich auch abjeblendt, besser konnte es gestern für Werder nicht mehr werden. Ohne Frings, Naldo und Pizarro und mit einem immer noch wackeligen Mertesacker war da nichts zu wollen. Diese Prödls, Silvestres und wie sie alle heißen, irrten durch den eigenen Strafraum wie chloroformierte Hummeln. Klar, es gibt auch noch ein Rückspiel, aber wenn sie nicht beide Spiele gegen Enschede gewinnen, wird es sehr schwer für die Grün-Weißen. Es wird eine gefährliche Saison. Warum, wer Diego und Özil verkauft und Allofs als Manager hat, keinen einzigen vernünftigen Abwehrspieler verpflichtet, bleibt ein Rätsel.
Schalke dagegen kommt so langsam auf Touren, vor allem Huntelaar ist ein echter Volltreffer, er paßt gut zu diesem Verein mit seiner körperbetonten und mannschaftsdienlichen Spielweise. Wie Asamoah, aber torgefährlich. Jede Menge Glück hatten sie auch, aber wer 73 Minuten lang die Nerven behält, wird mit solchen Stürmern irgendwann belohnt. Besonders freut es mich, dass Jones wieder auf dem Damm ist. Nur Pander scheint die Kurve nicht mehr zu kriegen, das ist sehr schade.
Es hat nur noch gefehlt, dass Thorsten Fink mit Autogrammwünschen an die Bayern herangetreten wäre. Selten war ein Trainer nach einer Niederlage gegen so still vergnügt und ehrfurchtsvoll wie der Matchwinner des CL-Finales von 1999. Bayern ringt einen international zweitklassigen Gegner in der 89. Minute nieder. Das ist schon der zweite Befreiungsschlag nach dem 2-0 gegen Rom. Danach gab es dann ein 0-0 gegen Köln. Mit diesem Ergebnis wären die Bayern in Dortmund vermutlich hoch zufrieden. So lange einer der Innenverteidiger van Buyten heißt, muss man mit dem Gewinn der CL nicht ernsthaft rechnen. Man stelle sich vor, der gegen Eto’o.
Wer wird Hertha 2011? »
Die Mannschaft, die nach einem Dampfer benannt ist, sorgt in der Zweiten Liga für Furore, wie das früher in der Sportberichterstattung so schön nichtssagend immer hieß, und nicht Raserei, sondern rasender Beifall bedeutet. Aber wer besetzt die Planstelle des Überraschungsabsteigers?
Da richten sich viele Augen erwartungsfroh nach Gelsenkirchen und hoffen, der Totalsanierer Magath möge den Karren gegen die Wand fahren. Aber zu früh gefreut. Nach der denkbar knappen Niederlage in Nürnberg am kommenden Wochenende im Duell zweier starker Mannschaften wird es vorbei sein mit der Schwächelei beim S04, und ab Mitte Oktober wird aufgeholt. Dass es bei Magath nicht nur darum geht, vermeintlich alternde Weltstars zu verpflichten, zeigen Matip, Schmitz, Höwedes, Rakitic und Moritz, die im Personalpuzzle alle eine wichtige Rolle spielen, von Neuer gar nicht zu reden. Dass er nicht bloß verbrannte Erde hinterläßt, zeigen die Wolfsburger, die bis auf Diego für Misimovic und Kjaer mit Magaths Kader und System spielen.
Auch die Bremer werden sich mit Mertesacker und Pizarro wieder nach oben wurschteln. Wahrscheinlich haben Schaaf und Allofs eine Wette laufen, mit wieviel Punkten Rückstand die Jagd auf Platz 3 gestartet werden darf. Wenn sie sich im Winter endlich mal einen richtigen Außenverteidiger leisten, könnte es auch mal Platz 2 oder 1 werden.
Dann gibt es noch den HSV und natürlich die Bayern. Selten konnte ich Marcel Reif so beipflichten wie zu seiner Bemerkung im Tagesspiegel “…wie wohl auch der FC Bayern nicht auf Platz acht bleiben wird.” Er meint das natürlich ganz anders, aber selbst wenn für Bayern noch Luft nach unten ist, wird es für ein Derby mit Ingolstadt nicht ganz reichen. Bei den Hamburgern zeigt sich Armin “Tullius Destructivus” Veh einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst, die Champions League ist auch dieses Jahr so weit weg wie Övelgönne von der Reeperbahn, aber der HSV bleibt erstklassig. Der Name bedeutet übrigens Übel gegönnt, zu Happels Zeiten hieß das kleine Fischerdorf noch Pressing.
Mein Favorit für den Abstieg aus dem Kreis der Schönen und Verschuldeten ist der VfB Stuttgart. Erstens sind mit Lehmann, Kehdira und Delpierre die drei wichtigsten Spieler weg bzw. verletzt (wie Simunic, Voronin und Pantelic bei Hertha). Zweitens haben sie eine wenig hilfreiche Europa League an der Backe, die es schwierig macht, sich auf den Abstiegskampf zu konzentrieren (wie Hertha). Drittens ist Stuttgart drauf und dran, eine geteilte Stadt zu werden (Niemand hat die Absicht, einen Bahnhof zu errichten). Viertens hat die Mannschaft nach der hervorragenden Rückrunde ein Motivationsproblem (Hertha wurde Vierter). Fünftens ist Horst Heldt weg (wie Dieter Hoeneß). Sechstens ist ein Exspieler mit wenig Erfahrung in Gestalt von Fredi Bobic für ihn gekommen (wie Preetz bei Hertha). Siebtens haben beide Vereine beständig Mühe, ihr Leistungsvermögen richtig einzuschätzen. Der einzige Unterschied heißt Christian Gross, aber der alleine wird nicht reichen.
Es war nicht alles schlecht, damals in Soccer City »
Aber Mertesacker stand völlig neben sich, neben dem Gegenspieler, neben dem Ball, neben allem eigentlich. Erspielte, als sei er verletzt. Beim 4-4 von Bremen gegen Valencia in Europa League vor ein paar Monaten bekam er die Note 5 und David Villa schoß drei Tore. Das verheißt nichts Gutes, Villa ist ganz in der Nähe.
Podolski bewegte sich zwischen der 20. und 70. Minute an der linken Seite, als sei er beim Pilzesuchen, den Kopf nach unten und auf keinen Fall übertrieben schnell. Ich hielt schon Ausschau nach einem Geißbock am Spielfeldrand, so sehr erinnerte das phasenweise an sein Gekicke bei Köln.
Schweinsteiger war gut und wächst insofern auch in die Ballackrolle hinein, als die Fußballnation jetzt bis Sonntag Hausaltäre für seinen unteren Gesäßmuskel einrichten muss. Lahm war gut, Friedrich wird immer besser. Es tut ihm offenbar gut, das Kapitel Hertha demnächst abschließen zu können. Badstuber blieb gleich draußen, auch bei Müller ist die Luft ein bißchen raus. Jerome Boateng spielte solide, ließ nur einmal böse vernaschen. Özil behielt trotz der vergebenen Großchance die Nerven, Cacau spielte fleißig und ideenreich, sitzt aber gegen England wieder draußen. Khedira machte den Schattenmann für den Prince, den er aber trotzdem nie ganz ausschalten konnte. Neuer mit Licht (Eins-gegen-Eins) und Schatten (Flanken), aber da, wenn es drauf ankam.
Apropos Prince, es war ein sehr faires Spiel mit einem sachlichen und klar agierenden Schiedsrichter, mal wieder viel Lärm um nichts. Und jetzt gegen England. Mein Nachbar zu Linken meinte gestern spontan: Also Elfmeterschießen. Jedenfalls sollte man sich von den bisherigen Leistungen der Engländer nicht blenden lassen, gegen Deutschland machen sie immer ihre besten Spiele. Eigentlich halte ich einen einzigen Stürmer für eine seelische Grausamkeit, aber mit der offensiven Dreierreihe sollte man am Grundgefüge nicht viel ändern. Als Alternative zu Mertesacker gäbe es Boateng oder Aogo.
Nicht minder erfreulich als das deutsche Weiterkommen ist die Tatsache, dass Ghana auch im Achtelfinale steht und gegen die USA jedenfalls bessere Chancen hat als vor vier Jahren gegen Brasilien. Irgendwann müssen sie mal einen Treffer aus dem Spiel heraus erzielen, im Elfmeterschießen darf Gyan nur einmal.
Ottl für Ballack »
Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob es Absicht von Boateng war oder nicht. Ob Boateng ein rachsüchtiger Volldepp ist oder Bruchteile von Sekunden zu spät kam. Verletzungen passieren, mit und ohne Einwirkung des Gegners, siehe Reinhardt und Frantz in der Relegation. Niemand käme auf die Idee, einem Platzwart Vorsatz zu unterstellen. Im Disput vorher wird Ballack nicht nur Komplimente gemacht haben. Das ist das Risiko eines jeden Aggressiv-Leaders, dass er andere Spieler aggressiv macht. Und Ballack war auch nie ein Kind von Traurigkeit, wenn es darum ging, auf dem Platz auszuteilen.
Seine Verletzung ist trotzdem ganz bitter. Er hat das Ideal des Spitzensportlers in Deutschland ebenso nachhaltig verändert wie Elvis die Unerhaltungsmusik und -kultur weltweit. Leute wie Lahm, Mertesacker oder auch Enke haben eine Dimension von Selbstkritikfähigkeit in den Sport gebracht und Ballack war ihr Wegbereiter. Die Trauerfeier für Enke und die immer wieder offen vorgetragene Kritik an Vereinen und Journalisten wäre ohne Ballacks kluges Antiheldentum nicht möglich gewesen. Natürlich füllt nicht jeder Fußballer diesen Freiraum aus. Podolski könnte mit seinen verbalem Äußerungen genauso gut aus den siebziger oder neunziger Jahren stammen, und Thon ist und bleibt ein Dampfplauderer vor dem Herrn. Aber war die Leverkusener Saison 2002 trotz der drei Niederlagen nicht ein fußballerischer Höhepunkt? Und sind viele pflichtgemäß (von den Bayern) gehamsterte und (von Juventus) ergaunerte Titel im Rückblick nicht völlig belanglos? Ballack hat alle Tücken der öffentlichen Selbstdarstellung, den hyperengagierten KimIl McRummenigge und die englische Boulevardpresse abgewettert und dabei immer Klartext geredet. Er verkörpert, dass zum großen Sport auch große Verlierer gehören. Seine Tränen 2008 im CL-Finale gegen Liverpool passen in eine Reihe mit dem Entsetzen der Ungarn 1954, Uwe Seelers hängenden Schultern 1966 oder Foremans KO in Zaire 1974. Weniger souverän waren beispielsweise Vogts und Kohler 1998, die nach dem grandiosen Sieg der Kroaten Verschwörungsphantasien hegten und ziemlich kleine Verlierer waren.
Es ist völlig primitiv, Ballacks Ausscheiden nur an den sportlichen Erfolgsaussichten zu messen und weltfremd zu behaupten, Deutschlands Chancen seien ohne Ballack sogar besser, wie es Peter Ahrens auf Spiegel-Online versucht. Dabei hätte sein Motto “Volle Kraft voraus!” hervorragend zur Bauserie Hrubesch / Briegel / Matthäus / Brehme gepaßt, kommt also knapp 20 bis 30 Jahre zu spät.
Warum aber Ottl nachnominieren? Zum einen ist der DFB mit spät nominierten Nobodys nicht schlecht gefahren. 1986 wurde man mit Norbert Eder (7 Einsätze) immerhin Zweiter. Auch hier eine große Niederlage, die einen noch Größeren unsterblich machte. Es muss sich noch zeigen, ob Schweinsteiger in der Nationalmannschaft einen ähnlich entscheidenden Schritt nach vorne machen kann wie im Verein. Aber für ihn wäre es kein Nachteil, einen Spieler an seiner Seite zu haben, mit dem er eingespielt ist. Ottl ist seit 1996 bei den Bayern, Schweinsteiger seit 1998. Ottl hat 24 europäische und fast 80 Bundesligaspiele bestritten. Sein Pech ist, dass er Leute wie Schweinsteiger, Demichelis und van Bommel vor der Nase hat. In Nürnberg hat er sich in kürzester Zeit akklimatisiert und im permanenten Abstiegskampf Nervenstärke bewiesen. Zwischen ihm und Schweinsteiger ist die Hierarchie geklärt. Es wäre fatal, sollten sich die beiden Nachwuchsgrößen Khedira und Schweinsteiger auf Kosten des Anderen zu profilieren versuchen. Ob dem Club die Vertragsverhandlungen erleichtert werden, sollte Ottl als Weltmeister zurückkehren, darf bezweifelt werden. Aber immerhin: Es geht um Schland.
Die Live-Tweets zum Pokal-Finale »
Willkommen zum DFB-Pokalfinale 2010. Werder und Bayern von der ersten Sekunde an extrem präsent, Kampf um jeden Meter Rasen.
8. Riesenchance für Bremen. Pizarro tunnelt Lahm, glaube ich, Butt hält zweimal glänzend, Ein sehr guter Beginn von beiden.
11. Min. Das obligarischere Foul von van Bommel, gelb. – Freistoß Werder abgeblockt, die sehr gut gegenhalten.
Obligatorisches Foul muss es heißen, aber gelb gab es trotzdem. – Bayern versucht das Spiel zu machen, Bremen spielt Pressing.
16. Viele kleine Fouls, keiner will den Anderen ins Rollen kommen lassen. Bayern kommt bis zum Strafraum, Werder nur bis zur Mittellinie.
19. Butt und Wiese beide bisher sehr sicher. Ein 0-0 der besseren Sorte. Ribery tut sich schwer mit der Raumaufteilung.
20. Gelb für Olic, wenn die Fouls Akzente setzen sollen, hat sie Werder bisher ignoriert. Mittelfeldgeplänkel auf hohem Niveau.
24. Robben verdribbelt sich im Bremer Strafraum, kurz danach verpassen Olic und Müller eine scharfe Hereingabe von Ribery.
31. Bayern schnell und nicht besonders einfallsreich, Bremen beim letzten Pass zu fahrig, in der Defensive beinahe italienisch.
34. Handelfmeter für Bayern, Mertesacker gegen Olic, kann man geben. – 1-0 Robben, Wiese in der Ecke, aber unhaltbar.
Die spielen sogar “Tulpen aus Amsterdam” für Robben. Bei Tennis Borussia gibt’s nur Veilchen.
39. Ribery bisher fleißig, aber glücklos. Werder muss sich erst einmal sortieren. Bayern daddelt an der Mittellinie hin und her.
41. Der Kommentator sagt Statistiken auf, Sternzeichen würden mich jetzt gerade besonders interessieren. Das Tuva-Horoskop.
42. Großchance für Müller, weil Ribery seinem Gegenspieler davonläuft. Bremen momentan gut bedient. Hunt vergibt aus 12 Metern.
Halbzeit. Bayern nicht brilliant, aber überlegen, Bremen nicht in der Lage, das Mittelfeld schnell zu überbrücken.
Kahn analysiert, Katrin Müller-Hohenstein souffliert. Ich finde Scholl viel interessanter. Auf geht’s zur zweiten Halbzeit.
49. Auch den zweiten Elfer für Bayern hätte man geben können. Robben springt ein bißchen zu sehr ab.
51. 2-0 Olic staubt ab. Wieder sieht Mertesacker unglücklich aus.
55. Ribery verspringt unbedrängt der Ball. Nicht sein Spiel heute. Jetzt erzeugt er ein Abseits.
57. Freistoss Özil zu lang, Butt hält sicher, im direkten Gegenzug Robben knapp im Abseits.
60. Wird Bremen besser oder nehmen sich die Bayern ein Päuschen? Schon länger keine Großchance mehr.
63. 3-0 Den konnte selbst Ribery nicht versemmeln. Bremen wird eikalt ausgekontert.
64. Pizarro köpft, Butt hält, Ecke. Die führt zum Konter für Bayern. Fritz kriegt Gelb.
70. Jensen kommt für Borowski, Robben hat ihn aufgearbeitet.
73. Schaaf rupft sich die Barthaare einzeln aus. Eine zu harte Strafe nach dieser guten Saison.
76. Rensing knuddelt Gomez. – Und jetzt auch noch Rot für Frings. Bremen und Hansa Rostock kieloben.
80. Klose kommt für Olic. Van Gaal setzt jetzt alles auf eine Karte.
82. Klose tritt über den Ball, für einen Moment dachte ich, es ist Gomez.
84. 4-0 Schweinsteiger, das schönste Tor des Abends.
87. Gomez darf Kräfte für das CL-Finale sammeln. Da muss auf der Bank ein Spielzug in den anderen greifen.
89. Eins ist schon jetzt klar, eine Verlängerung wird es heute Abend nicht geben.
Schlusspfiff. Bayern meilenweit überlegen.
PS: Aber sie brauchten zwei Standards um ins Spiel zu kommen, das 3-0 und 4-0 waren belanglos. Bremen offensiv völlig desolat, defensiv sehr unglücklich.
Das linke Dings mit Frings »
Man kann über alles reden, auch über die Zukunft von Torsten Frings in der Nationalmannschaft. Abgesehen von Ballack (und Mertesacker und Klose?) hat niemand eine Stammplatzgarantie. Aber einen so erfahrenen Spieler zu demontieren und frühzeitig abzuservieren ist unverständlich und auch unfair.
Heute findet sich im kicker der Notendurchschnitt von Frings in den verschiedenen Wettbewerben der letzten Spielzeit: Nationalmannschaft 5,50, DFB-Pokal 2,63. Hat das eventuell mit der Wertschätzung des Trainers zu tun? Rolfes hatte in der gesamten Saison die besseren Werte, spielte im Verein aber nicht international, verlor das DFB-Pokalfinale gegen Bremen mit 1-0 und den persönlichen Vergleich mit Frings (Note 4 – Note 2,5).
Ich denke immer noch, mit Frings wäre das Halbfinale gegen Italien 2006 anders gelaufen. Ich sage nicht, Deutschland hätte gewonnen, aber Frings ist einer, den man für große Spiele braucht. Das vermurkste EM-Finale geht auch auf seine Kappe, aber das hat er ja offen zugegeben.
Khedira und Hitzlsperger müssen erst zeigen, dass sie ihre Form auch in der CL abliefern, sollten sie sich qualifizieren. Ballack ist verletzungsanfällig und auf Sicht kein Stammspieler bei Chelsea, Jones wurde von Löw schon erfolgreich wegegeekelt. Dass Ernst noch einmal eine Chance bekommt, glaubt keiner, ich auch nicht. Westermann wird wahrscheinlich in der Abwehr gebraucht. Das vermeintliche Überangebot an defensiven Mittelfeldspielern ist also gar keines.
Mir würde folgende Konstellation gefallen: Deutschland verliert in Moskau ohne Frings, dann beruft ihn Löw für die Relegation und Frings sagt nein. In der Defensive gut verschoben, aber trotzdem dumm gelaufen.
Bielefeld und Hannover – Kleine Brötchen, immer wieder »
Heimlich still und leise konsolidiert sich Bielefeld. Das Umfeld stimmt, der Anspruch auch. Frontzeck holt aus dem Kader das raus, was rauszuholen ist. Wichniarek ist die Lebensversicherung, und Katongo (Anlaufzeit) und Munteanu (von Magath nie gewollt) werden das eine oder andere Tor noch beisteuern. Außerdem ist Mijatovic wieder da. 27 Gegentore in der Hinrunde waren auch für einen heißen Abstiegskandidaten zu viel. Bielefeld wird sich weiter entwickeln und zuhause den einen oder anderen Großen rupfen. Rekordabsteiger bleibt das Alleinstellungsmerkmal eines gewissen (quidam) Vereins aus der Noris (Norica).
Hannover ist eines jener ehrgeizigen Fluginsekten, das an der Windschutzscheibe der Realität jäh und grausam zerschellt ist. Bloß, weil man ein Jahr nichts mit dem Abstieg zu tun hatte, sollte man nicht gleich Europa als Ziel ausgeben. Ich vermute, die Fans von Mannschaften wie Hannover, Frankfurt, Köln, Hertha (Nürnberg, 1860, Kaiserlsautern) wären völlig zufrieden, wenn ihr Team 17 ordentliche Heimspiele hinlegt und in den wichtigen Spielen (Derbys, Pokal) unvergeßliche Momente erzeugt. Europa, das ist nicht so sehr fanische Sehnsucht, sondern Politik, Markenpflege, Investitionsfaktor: beim VW-Verein Wolfsburg, beim Hauptstadtverein Hertha, beim Traditionsverein Dortmund. Und für viele Chefs ein Ziel, da scheinbar zwangsläufig ausgegeben werden muss. Wäre es nicht sinnvoller, den Tabellenplatzfetischismus, der einsetzt, wenn man die Saison mal als Neunter oder besser abgeschlossen hat, durch kleinere Zwischenziele zu ersetzen? Sollte man nicht erst einmal kein Heimspiel verlieren oder auswärts mindestens 18 Punkte holen, bevor man von Europa spricht? Oder einfach sechs Punkte mehr als im Vorjahr? Natürlich ist es toll, gegen Milan oder Benfica oder ein englisches Team zu spielen, aber selbst Bremen, ein seit vielen Jahrzehnten hervorragend geführter Verein, hat seine Durchhänger. Was bei Hannover auffällt, ist die eklatante Serie von Fehlgriffen bei den Innenverteidigern. Ob Kleine, Ismael, Fahrenhorst, Eggimann, als ob der lange Schatten Mertesackers jeden Neuling niederdrücken würde. Vielleicht sollte man hier nur noch Leute aus dem eigenen Nachwuchs einbauen, Mini-Mertesackers gewissermaßen. Außerdem sollte Kind mal überlegen, wie er es mit dem Manager hält. Entweder er macht es selbst und dann vermutlich nicht schlecht, oder er holt sich jemanden ins Haus, der so kompetent ist, dass er es im Zweifel besser weiß als der Häuptling. Weder Kaenzig noch Hochstätter hatten dieses Standing. Ob Hecking beides kann? Ich halte Magath in dieser Rolle für ein Ausnahmetalent. Hannover spielt die Relegation. Vielleicht ja gegen St. Pauli.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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