Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


Manuel Neuer, das Problem Nummer Eins »

Am Samstag gegen Nürnberg hat er mal wieder spielentscheidend gepatzt, Manuel Neuer, der vermeintlich beste Torwart seiner Generation. Klar, Feulners Schuß hatte Effet, aber das kommt gelegentlich vor, sogar bei Gegnern, bei denen die Bayern drei Punkte fest eingebucht haben. Der Katastrophenfehler, der Thomas Kraft im April 2011 im Spiel in Nürnberg unterlief, als er von Christian Eigler gleichfalls zum 1-1-Endstand übertölpelt wurde, kostete den jungen Torhüter den Stammplatz und seinen Trainer Louis van Gaal den Job. Neuer wird Feulners Flatterball nichts kosten, genauso wenig wie die beiden kapitalen Böcke gegen Gladbach in seiner Gurkensaison 2011/12. Wer 25 Millionen Euro gekostet hat und von Kim Il McRummenigge mit öffentlichen Liebesbekundungen bedacht wird, steht über aller Kritik. Außerdem wollte vor dem Juni 2012 niemand den wie selbstverständlich anvisierten EM-Titel gefährden, indem er die Nummer Eins der Nationalmannschaft in Frage stellte.

Neuer hat zweifellos überragende Fähigkeiten, bei den Bayern aber ruft er sie aber viel zu selten ab. Seine Leistungskurve geht nach unten, seit er von Schalke weg ist. Dort hatte er beim kicker als Saisonnoten 2,61 (2006/07), 3,10 (2007/08), 2,91 (2008/09), 2,90 (2009/10) und 2,79 (2010/11). In der ersten Saison bei Bayern landete Neuer mit 3,13 auf Platz 16 im Torhüter-Ranking, sogar die bei Bayern ausgebooteten Michael Rensing (Köln) und Kraft (Hertha) standen vor ihm.

In der laufenden Saison hat Neuer die Note 3,00. Vor ihm stehen unter anderem Oliver Baumann (Freiburg), Raphael Schäfer (Nürnberg), der beim DFB ohne Hausmacht agierende Roman Weidenfeller (Dortmund) – und René Adler vom HSV, mit 2,17 auf Platz 2 hinter dem Überflieger Kevin Trapp (Frankfurt). Adlers eindrucksvolles Comeback zeigt, was es bewirken kann, wenn ein Torhüter Leistungsträger ist. Der HSV mit seiner angezählten sportlichen Leitung Frank Arnesen/Thorsten Fink wurde vor Saisonbeginn als Abstiegskandidat Nummer Eins gehandelt. Falls es einen einzelnen Spieler gibt, dem der Liga-Dino sein Sechs-Punkte-Pölsterchen zum Relegationsplatz verdankt, dann ist das Adler. Seit er beim HSV ist, wird die Mannschaft schrittweise besser. Bei Neuer ist man seit seinem Premierenpatzer gegen Igor de Camargo froh, wenn er nicht negativ auffällt. Neuer ohne Chance, so der Minimalkonsens, wenn es mal klingelt.

Ein einziges Spiel hat er den Bayern gerettet, das war das zweite Halbfinale in der Champions League gegen Madrid. Es folgten Rummenigges Elogen. Daniel Klewer hat dem Club gleich zweimal ein Elfmeterschießen gewonnen, im Achtelfinale gegen Unterhaching und im  Viertelfinale gegen Hannover, auf dem Weg zum Pokalsieg 2007. Ist er deswegen eine Kultfigur beim Club? Selbstverständlich. Aber der letzte Weltklassetorwart in der Noris war Andy Köpke. Klewer hat seinen Job gemacht, genau wie die vielen Amateurtorhüter, die auch schon mal ein Elfmeterschießen entschieden haben, vielleicht sogar gegen einen großen Verein. Klewer hat am Ende einen Titel geholt, Neuer nicht.

Neuer hätte zum Beispiel den Kopfball von Didier Drogba halten können, der das 1-1 im Champions League Endspiel 2012 bedeutete. Eigentlich unhaltbar, gewiss. Aber 2006 in der Verlängerung des WM-Endspiels entschärfte Gigi Buffon ein ähnliches Kaliber von Meister Zidane persönlich, ehe dieser dann mit einem weiteren Kopfstoß den vielen Gründen für seine Unsterblichkeit einen neuen hinzufügte. Der kicker schreibt: “Sekunden darauf hatte Zidane nach Sagnols butterweicher Flanke die Riesenkopfball-Chance, doch Buffon ließ den französischen Torschrei mit einem Superreflex verstummen.” Diese Parade, nicht das anschließende Elfmeterschießen stellte Buffons Extraklasse unter Beweis. Auch Neuer hätte einen unhaltbaren Kopfball halten können, hat er aber nicht. Dafür hat er sich im Pokalendspiel 2012 gegen Dortmund von Lewandowski tunneln und einige Wochen zuvor im entscheidenden Bundesligaspiel vom gleichen Spieler mit einem Hackentrick übertölpeln lassen.  Klar, die Feldspieler der Bayern standen in allen drei Situationen neben sich, aber das war beim HSV zwei Jahre lang nicht anders – bis Adler kam.

Rufen wir uns die Voraussetzungen für Neuers kometenhaften Aufsteig noch einmal ins Gedächtnis. Nach der WM 2006 war Jens Lehmann die alleinige Nummer Eins im Tor der DFB-Elf. Als legitimer Kronprinz galt Timo Hildebrand, der seine Ansprüche mit der Meisterschaft im Tor des VfB Stuttgart 2007 unterstrich und danach mit dem Abstecher nach Valencia seine Karriere erst einmal gegen den Baum fuhr. 2008 beendete Lehmann seine Karriere im DFB-Team, Robert Enke und René Adler kämpften fortan um Platz Eins. Im November 2009 nahm sich Enke das Leben. Ein halbes Jahr später erlitt Adler einen Rippenbruch. Mit der Erfahrung von drei Halbzeiten in der A-Mannschaft wurde Neuer Stammtorhüter für die WM 2010. Er erledigte diese Herausforderung einerseits mit Bravour, andererseits mit der Diskretion eines Novizen. Den Kopfball von Puyol im Halbfinale 2010 muss man auch nicht halten, darf man aber. So wie Iker Casillas das gegen Arjen Robben im Endspiel irgendwie hingezwirbelt hat.

Im Halbfinale gegen Italien 2012 wurde Neuer wie auch im Verein Opfer seiner Vorderleute, so zumindest die offizielle Version. Ich finde, wenigstens Balotellis Kopfball zum 1-0 hätte er wegfausten müssen, anstatt auf der Linie zu kleben. Muss er eben Badstuber umnieten. Oder Balotelli und Badstuber. Das 2-0 hätten zugegebenermaßen weder Buffon noch Adler noch Köpke noch Casillas gehalten.

Die Bundesliga bringt in jeder Saison mindestens einen überdurchschnittlichen jungen Torhüter hervor: Ron-Robert Zieler, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno. Mittlerweile herrscht, anders als im Mai 2010 kein Mangel. All diese Torhüter zerreißen sich auf dem Platz für ihre Mannschaft, auch wenn sie in der nächsten Woche vielleicht ihren Vertrag brechen. Neuer wirkt immer so, als spielte er für sich allein. Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn er weiter patzt, Adler weiter punktet und der wieder genesene und bei Schalke gut gestartete Hildebrand die internationale Bühne nutzen kann. Das Leistungsprinzip sollte beim DFB nicht nur dann angerufen werden, wenn es darum geht, verdiente Spieler abzuschieben. Wie wäre es mit einem ergebnisoffenen Wettbewerb zwischen Torwart 1a und Torwart 1b? Das hat doch 2006 sehr gut funktioniert.

Vielleicht hat ja Matthias Sammer ein Einsehen mit Neuer und verkauft ihn und Mario Gomez gleich mit. Sammer hat die beiden 25-Millionen-Einkäufe, die ständig besser gemacht werden, als sie spielen, nicht zu verantworten. Neuer hhätte anderswo die Chance, ein ganz Großer zu werden. Oder einfach nur besser als in den letzten 17 Monaten.

Dutt-Basher, wir hören nichts »

Daniel Theweleit widmet sich in epischer Breite der Körpersprache von Uli Hoeneß, Peter Ahrens hat schon länger keine Breitseiten gegen Leverkusen mehr losgelassen. Kein Wunder, die Mannschaft von Trainer Robin Dutt steht in der Rückrundentabelle auf Platz Drei. Wenigstens der kicker benennt den Hauptverantwortlichen für den ersten Sieg gegen Bayern seit 2004 und lobt Trainer Robin Dutt für seine taktischen Feinjustierungen. Spielintelligent war Bayer schon in manch einer Saison zuvor, Trainer Robin Dutt hat es geschafft, dem Team die Leidenschaft für den entscheidenden letzten Schritt einzuimpfen, und er schöpft aus dem Fundus seiner polyvalenten Hochbegabten. Das Bohei um den Trainer, der nicht everybody’s Mediendarling sein will und der tragische Fall von Michael Ballack hat die Spieler zu einer verschworenen Mannschaft gemacht, die es mit scheinbar übermächtigen Gegnern aufnehmen kann. Drei Beispiele dafür.

Beim 1-0 holte Derdiyok einen schier aussichtlosen Ball zurück ins Spiel und Kießling stand da, wo ein Torjäger stehen muss. Dass Kießling das spielentscheidende Tor macht, war nach seinem grimmig-sachlichen Interview im kicker am Donnerstag und den Leistungen der letzten Wochen keine Überraschung für mich. Er hat wieder die Fitness, die er genau wie Rooney oder Asamoah für sein körperbetontes, laufintensives Spiel braucht. Und sein Torriecher war nie weg, er war nur verschnupft.

Leno entschärfte wieder einmal zwei unhaltbare Bälle und ist mit 2,70 nicht nur notenbester Torwart der Liga, sondern auch ein spielender Rückhalt seiner Mannschaft. Bayerns Krise ist auch eine Neuer-Krise. Der dümpelt mit 3,02 auf Platz 14 bei den Torhütern und hat den Bayern neun Punkte gegen direkte Konkurrenten um die Champions-League-Qualifikation gekostet. Ich habe mich gewundert, dass er in der kicker-Rangliste im Dezember 2011 unangefochten auf Platz Eins war, aber wahrscheinlich will man eine Neuer-Debatte vermeiden, um die EM-Chancen nicht zu gefährden. Neuer profitiert in seinem Leistungsloch davon, dass es anders als zu Zeiten von Kahn/Lehmann und Illgner/Köpke im Moment keinen echten Konkurrenten gibt, stattdessen so viele gute junge Torhüter wie noch nie mit zu wenig Spielerfahrung. Robert Enke ist tot, René Adler ist seit 2010 dauerverletzt.  Neuer ist zweifellos hochbegabt, aber er wirkt, selbst wenn er keine spielentscheidenden Fehler macht, an seinem jetzigen Arbeitsplatz immer wie Kevin allein zu Haus und ist offensichtlich im falschen Verein. Sogar der anonyme Bayern-Apologet von Lizas Welt erinnert sich im Moment lieber an Jean-Marie Pfaff. Lang ist’s her.

Im Spiel der beiden Rekordvizemeister warf sich ferner der ansonsten äußerst mäßig spielende Friedrich in die 1000prozentige Tormöglichkeit von Chancentod Gomez wie einst Kohler bei Lüdenscheid gegen Manchester United in der Champions League und bewahrte seine Mannschaft so vor einem Rückstand kurz vor der Pause. Apropos Champions League. Die Sache am Mittwoch wird kein Selbstläufer für Barcelona. Leverkusen hat schon manch einen Rückstand gedreht in dieser Saison. Dass alle Welt die Mannschaft abgeschrieben hat, kennt Trainer Robin Dutt zur Genüge und wird dieses Phänomen zu nutzen wissen.

Hannover macht Spass »

In dieser Woche jährt sich der Todestag von Robert Enke zum zweiten Mal. Man kann nur darüber spekulieren, ob es Ralf Rangnick (Burnout) und Christian Stoll (schwere Depression), dem Stadionsprecher von Werder Bremen und DFB leichter gefallen ist, ihre Situation öffentlich zu machen, weil Enkes Witwe Teresa und die Stiftung konsequent für mehr Akzeptanz von psychischen Erkrankungen arbeiten. Natürlich bekommt der Tod Enkes auch dadurch nachträglich keinen Sinn, vielmehr ist es wie meist erst die Katatrophe, die zum Umdenken zwingt.

Hannover 96 ist neben Gladbach und den unbedarft daherbolzenden Jüngern Pizarros die dritte positive Überraschung dieser Saison, wobei Gladbach eigentlich keine Überraschung ist. Während sich Freiburg, Mainz und Nürnberg nach Trainer- bzw. Spielerverlusten und massiven Verletzungsproblemen völlig neu sortieren müssen, sind die Roten noch stärker als in der letzten Saison. Und es sieht zwar noch nicht so gut aus wie Lüdenscheid in Galaform, aber mitreissend ist es fast immer. Ob das 2-1 gegen die Bayern, das 2-1 in Kopenhagen oder das 2-2 gegen Schalke. Immer steht eine Truppe wie Pech und Schwefel auf dem Platz. Immer kann die Mannschaft reagieren, Kampf und Herz, Taktik und Kopf ergänzen sich im Moment auf ansehnlichste Art und Weise. Das Schlüsselerlebnis war sicherlich die Qualifikation gegen Sevilla, eine kleine Meisterleistung.

Mit Pander haben sie den gefährlichsten Linksfuss der Liga, mit Schlaudraff den Mann mit dem raffiniertesten Außenrist seit Beckenbauer. Dazu Kämpfer wie Pinto und Cherundulo sowie Dauerläufer wie Schmiedebach und Stindl. Bis auf Zieler, Schlaudraff und Ya Konnan ist Hannover ein Team ohne Stars, das von Slomka optimal eingestellt ist. Sogar die schlechte Laune wegen Durststrecke von Torjäger Ya Konnan steckt man souverän weg, ist dadurch sogar noch schwerer auszurechnen. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass solides Wirtschaften und kluge Transferpolitik jetzt auch mit langfristigem Erfolg belohnt werden.

Dass man im Pokal gescheitert ist, mag im Hinblick auf die europäische Qualifikation ärgerlich sein, allerdings reicht ja jetzt auch Platz vier zur CL-Quali. Und Hannover hat noch Luft nach oben. Nachdem Titel gewinnt, wer Spiele dreht, traue ich den 96ern den Weg ins Finale der Europa League durchaus. Wenn dort Schalke der Gegner wäre, wüßte ich gerade nicht, wem ich den Titel mehr gönnen würde.

Ottl für Ballack »

Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, ob es Absicht von Boateng war oder nicht. Ob Boateng ein rachsüchtiger Volldepp ist oder Bruchteile von Sekunden zu spät kam. Verletzungen passieren, mit und ohne Einwirkung des Gegners, siehe Reinhardt und Frantz in der Relegation. Niemand käme auf die Idee, einem Platzwart Vorsatz zu unterstellen. Im Disput vorher wird Ballack nicht nur Komplimente gemacht haben. Das ist das Risiko eines jeden Aggressiv-Leaders, dass er andere Spieler aggressiv macht. Und Ballack war auch nie ein Kind von Traurigkeit, wenn es darum ging, auf dem Platz auszuteilen.

Seine Verletzung ist trotzdem ganz bitter. Er hat das Ideal des Spitzensportlers in Deutschland ebenso nachhaltig verändert wie Elvis die Unerhaltungsmusik und -kultur weltweit. Leute wie Lahm, Mertesacker oder auch Enke haben eine Dimension von Selbstkritikfähigkeit in den Sport gebracht und Ballack war ihr Wegbereiter. Die Trauerfeier für Enke und die immer wieder offen vorgetragene Kritik an Vereinen und Journalisten wäre ohne Ballacks kluges Antiheldentum nicht möglich gewesen. Natürlich füllt nicht jeder Fußballer diesen Freiraum aus. Podolski könnte mit seinen verbalem Äußerungen genauso gut aus den siebziger oder neunziger Jahren stammen, und Thon ist und bleibt ein Dampfplauderer vor dem Herrn. Aber war die Leverkusener Saison 2002 trotz der drei Niederlagen nicht ein fußballerischer Höhepunkt? Und sind viele pflichtgemäß (von den Bayern) gehamsterte und (von Juventus) ergaunerte Titel im Rückblick nicht völlig belanglos?  Ballack hat alle Tücken der öffentlichen Selbstdarstellung, den hyperengagierten KimIl McRummenigge und die englische Boulevardpresse abgewettert und dabei immer Klartext geredet. Er verkörpert, dass zum großen Sport auch große Verlierer gehören. Seine Tränen 2008 im CL-Finale gegen Liverpool passen in eine Reihe mit dem Entsetzen der Ungarn 1954, Uwe Seelers hängenden Schultern 1966 oder Foremans KO in Zaire 1974. Weniger souverän waren beispielsweise Vogts und Kohler 1998, die nach dem grandiosen Sieg der Kroaten Verschwörungsphantasien hegten und ziemlich kleine Verlierer waren.

Es ist völlig primitiv, Ballacks Ausscheiden nur an den sportlichen Erfolgsaussichten zu messen und weltfremd zu behaupten, Deutschlands Chancen seien ohne Ballack sogar besser, wie es Peter Ahrens auf Spiegel-Online versucht. Dabei hätte sein Motto “Volle Kraft voraus!” hervorragend zur Bauserie Hrubesch / Briegel / Matthäus / Brehme gepaßt, kommt also knapp 20 bis 30 Jahre zu spät.

Warum aber Ottl nachnominieren? Zum einen ist der DFB mit spät nominierten Nobodys nicht schlecht gefahren. 1986 wurde man mit Norbert Eder (7 Einsätze) immerhin Zweiter. Auch hier eine große Niederlage, die einen noch Größeren unsterblich machte. Es muss sich noch zeigen, ob Schweinsteiger in der Nationalmannschaft einen ähnlich entscheidenden Schritt nach vorne machen kann wie im Verein. Aber für ihn wäre es kein Nachteil, einen Spieler an seiner Seite zu haben, mit dem er eingespielt ist. Ottl ist seit 1996 bei den Bayern, Schweinsteiger seit 1998. Ottl hat 24 europäische und fast 80 Bundesligaspiele bestritten. Sein Pech ist, dass er Leute wie Schweinsteiger, Demichelis und van Bommel vor der Nase hat. In Nürnberg hat er sich in kürzester Zeit akklimatisiert und im permanenten Abstiegskampf Nervenstärke bewiesen. Zwischen ihm und Schweinsteiger ist die Hierarchie geklärt. Es wäre fatal, sollten sich die beiden Nachwuchsgrößen Khedira und Schweinsteiger auf Kosten des Anderen zu profilieren versuchen. Ob dem Club die Vertragsverhandlungen erleichtert werden, sollte Ottl als Weltmeister zurückkehren, darf bezweifelt werden. Aber immerhin: Es geht um Schland.

Saisonrückblick: Die Nachlese zum Nachlesen »

Bayern ist ein verdienter und würdiger Meister. Van Gaal holte Rensing aus dem Tor und machte auch danach fast alles richtig. Nebenbei bemerkt eine ähnliche Situation wie bei Klewer und Blazek bei Nürnberg nach dem Pokalgewinn. Damals überging Meyer die heimliche Nummer Eins Klewer und die Mannschaft fand nicht zusammen. Rensing durfte spielen, er patzte, er wurde abgelöst, und Butt konnte ohne Dauerkritiker allmählich zu einem sicheren Rückhalt werden.

Schalke ist wieder da. Spielerisch kann man noch einiges verbessern, 53 Tore sind schon ziemlich mager, 3-3 gegen Hamburg, 3-1 gegen Gladbach, 3-0 gegen Bochum und 4-1 in Frankfurt, sonst nie mehr als zwei Tore, davon sechsmal ohne eigenes Tor. Aber sie haben die CL ohne Pander und Jones erreicht, und ohne ein einziges Mal darüber zu jammern. Aber in Bremen wurde Magath ja auch nicht gleich Meister.

Bremen zeigt dem HSV wie man kaufmännisches Geschick mit sportlichem Erfolg verbindet. Am meisten erstaunt hat mich am Ende der couragierte Fritz. Man konnte sehen, warum er einst Nationalspieler war. Und natürlich spielten sie phasenweise wieder am schönsten. Hoffen wir, dass Özil seine Sinnkrise endgültig abgeschlossen hat, im Pokal-Finale brilliert und bei der WM konstant spielt. Einen wie ihn könnten die Schalker übrigens gut brauchen, Magath hätte ihn wohl für unverkäuflich erklärt.

Bayer Leverkusen verabschiedet heute Abend den genialen Bernd Schneider. Er ist einer von hundert Gründen, warum das Gerede von der Retortenmannschaft endlich verschwunden ist. Wie bei Schalke wurde auch hier erfolgreich ein Stabilisierungsprozess eingeleitet. Ich sage jetzt nicht, dass Bayer demnächt Meister wird, aber diese Mannschaft hat noch gewaltig Luft nach oben – und einen Trainer, der zu ihr paßt.

Borussia Dortmund, auch die ein echter Aufsteiger. Klopps Vertrauen in die Jugend zahlt sich aus. Zorc hatte einen Lauf bei seinen Transfers, an erster Stelle Barrios. Wenn Kehl noch einmal ganz gesund wird, kann es auch für mehr reichen. Schade, dass der Defensivstratege nie mehr richtig wieder auf die Beine gekommen ist.

Der VfB Stuttgart im Jahr eins nach Gomez kann zufrieden sein. Sie hätten auch unter Gross nicht zwei solche Halbserien gespielt, niemand macht das, Leverkusen, die Ungeschlagenen lange Zeit, auch nicht. Aber auch hier frage ich mich, ob das schon das Ende der Fahnenstange ist. Der VfB produziert reihenweise Nachwuchstalente, Gross ist ein umsichtiger Mann und Heldt hat in seinen jungen Jahren schon viel erreicht als Manager. Neben Stuttgart sehe ich oben auch Schalke und Leverkusen als die Mannschaften, die ihr Potenzial optimal ausschöpften, Bremen blieb dahinter zurück, Bayern und Dortmund spielten über dem Limit.

Der HSV ist neben den Absteigern sicherlich der größte Verlierer der Saison. Im kicker habe ich im Abschiedstext zu Bernd Schneider gerade gelesen, dass Labbadia ihn letztes Jahr im Pokalfinale neunzig Minuten hat schmoren lassen. Das ist extrem instinktlos und ein weiteres Indiz dafür, dass dem großen Motivator Labbadia ein Sinn für Spielerseelen fehlt, den selbst Leute wie Weisweiler, Happel und Magath haben/hatten, die nicht unbedingt Kumpeltypen sind/waren. Die Meisterschaft war illusorisch, aber wie Europa League und Pokal abgeschenkt wurden, war schon extrem arm. Daran konnte auch Ausnahmespieler van Niestelrooy nichts ändern.

Wolfsburg hat die Meisterschaft erstaunlich gut verkraftet. Was auch an der mutigen Entscheidung lag, Köstner zum Chef zu machen. Es war kein Glanz auf dieser Saison, Dzeko war zu sehr Einzelkämpfer. Dadurch dass mit Leverkusen, Schalke und Dortmund gleich drei Hinterbänkler durchstarteten, war Europa zu weit weg.

Mainz hat eine überragende Saison gespielt. Van Gaal hin, Magath her, Thomas Tuchel ist Trainer der Jahres. Als Neuling mit einem Aufsteiger taktisch so ausgefuchst zu agieren, Favoriten zu Hause reihenweise aufs Kreuz zu legen und dann noch ahnsehnlichen Fußball mit Herz und Hirn zu spielen, ist sensationell. Eine echte Bereicherung, alles andere als ein niedlicher Exot, dieser Karnevalsverein.

Eintracht Frankfurt unter Skibbe hat sich ebenfalls erstaunlich entwickelt. Rein punktemäßig war es nicht viel besser als in den letzten Jahren, aber es sieht schon anders aus. Besonders gefallen hat mir Köhler, solche Haken hat in der Liga zuletzt Mehmet Scholl geschlagen. Ohne Verletztenseuche könnten es demnächst sogar 47 Punkte oder mehr werden.

Das zweite Jahr ist für einen Aufsteiger immer das Schwerste, so auch für Hoffenheim. Allerdings kämpfte die TSG von Anfang an gegen die irrsinnigen Erwartungen. Ibisevic erzielte nach seinem Kreuzbandriß 12 Tore und wird jetzt mehr oder weniger als Versager abgestempelt. In der Hinrunde war Hoffenheim Siebter. Ich hoffe, Rangnick kriegt die Kurve und kann in Ruhe weiterarbeiten.

Gladbach, noch ein Gewinner der Saison. Endlich ein Trainer, der paßt, endlich spielen sie ab und zu wenigstens schönen Fußball. Eine No-Name-Truppe hat einem großen Verein eine Menge Anerkennung zurück gebracht. Und Dante hat bei mir schon wegen seiner Frisur einen Stein im Brett. Schade, dass Neuville so wenig spielen konnte. Löw würde sagen: In unserem Frisurenprofil ergänzt er sich nicht optimal mit Dante.

Köln im ersten Jahr nach Daum und im ersten Jahr mit Podolski durchwachsen, also im Rahmen seiner Möglichkeiten. Auch hier eine Riesenkluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Köln ist immer noch eine potenzielle Fahrstuhlmannschaft, es wird noch ein Weilchen dauern, bis der ambitonierte Präsident Overath zufrieden ist. Dass Soldo ein Jahr Klüngel überstanden hat, ohne geistig Schaden zu nehmen, spricht für ihn.

Freiburg behält die Nerven, behält den Trainer und hält die Liga. Für keinen waren die Fußstapfen des Vorgängers so groß wie für Robin Dutt, er hat die Herausforderung bestanden. Dieses Freiburger Team ist noch keine Kultmannschaft wie das große Team mit Cardoso, Heinrich, Schmadtke, noch keine Breisgau-Brasilianer. Sie werden immer gegen den Abstieg spielen, und ab und zu einen Etablierten hinter sich lassen.

Hannover: Ende gut, aber nicht alles gut. Der Tod von Robert Enke bleibt die große Katatrophe dieser Spielzeit. Rechtzeitig kehrten Kampfgeist und Spielfreude zurück, es freut mich, dass 96 der Gang in die Zweite Liga erspart bleibt. Auch für Slomka, der auf Schalke unter Wert verabschiedet wurde. Wenn Hanke so weiter trifft, waren die letzten beiden Spiele der Auftakt zu einer wunderbaren neuen Saison.

Der Club macht es wieder einmal spannend. Sollte die Relegation erfolgreich sein, könnte man das sportliche Modell perfektionieren. 10 Leihspieler, 10 Juniorennationalspieler, Schäfer, Wolf, Pinola, fertig ist der Klassenerhalt. Bader hat gezockt und bis jetzt noch nicht verloren, aber nächstes Jahr bitteschön vielleicht noch ein paar mehr Spieler jenseits der 25 mit mehrjährigen Verträgen. Und eine faire Chance für Mintal.

Auf Wiedersehen, VfL Bochum. Selbst die vier Trainer, selbst das 1-0 in Nürnberg hat nicht gereicht. Wer im Endspiel zu Hause so auftritt, der muss sich mindestens ein Jahr lang im Stahlbad Zweite Liga regenerieren. Vielleicht hätte man Koller nicht feuern sollen, was hilft es dem gemeinen Fan, dass Wosz Kult ist und die letzten beiden Spiele so ausgehen.

Last and least – der Problembär aus Berlin. Nicht Hoeneß, sondern Gegenbauer ist der Verantwortliche für das Desaster. Und angesichts der Tatsache, dass es keinerlei Opposition gegen ihn gibt, ist auch in Liga Zwei wenig Gutes zu erwarten. Es war klar, dass nach der Überfliegersaison ein Krisenjahr kommt. Und anstatt den erfahrenen Krisenmanager Hoeneß in Würde zu verabschieden, legt man das Schicksal in die Hände eines Trainers, der das Team gerade mal zwei Jahre betreut hatte. Und der arme Preetz – sympathisch, unerfahren, überfordert – wußte nicht, wie ihm geschieht.

Annus horribilis »

Sieht so aus, als wird die Saison 2009/2010 allmählich zum annus horribilis für den Fußball. Erst nahm sich Robert Enke das Leben, dann wurde ein europaweites neues System von Wettbetrügereien entdeckt.  Am Wochenende wurde das Nationalteam Togos in Angola überfallen und drei Mitglieder der Delegation wurden ermordet. Der Angriff der Rebellen in der Region Cabinda, die dadurch kurzzeitig so bekannt geworden ist wie New Wembley,  muss kein Argument gegen die WM in Südafrika sein. Jeder weiss, dass es innerhalb Afrikas riesige Unterschiede gibt, abgesehen von den Maghrebstaaten gibt es dort wahrscheinlich kein anderes Land, das in der Lage wäre eine WM zu stemmen. Trotzdem ist man natürlich peinlich pikiert, wenn die postkoloniale Gewalt in der heilen Welt des Fußballs einschlägt. Ob eine Absage des Turniers eine kluge Reaktion wäre, wage ich zu bezweifeln. Niemand weiß, wie die angolanische Bevölkerung und die Besucher aus ganz Afrika auf einen solchen Schritt reagieren würden. Wenn Tausende von enttäuschten Fans anfangen zu randalieren, erhöht sich das Risiko für weitere Tote. Es wäre eher zu wünschen, dass die Veranstalter eine würdige Form der Trauer finden mögen. Und ich hoffe auch, die Ausrüster von Drogba und den anderen Weltstars in Gruppe B verzichten darauf, die Regierung von Togo in Regress zu nehmen, weil ihre Klienten jetzt ein Vorrundenspiel weniger haben, und sich dadurch die Chancen, Torschützenkönig zu werden entsprechend reduzieren. Es wäre naheliegend, bei den hohen Investitionskosten für das Produkt – ich meine jetzt den Schuh – eine Kompensation für eine derartige Wettbewerbsverzwerrung zu fordern. Eine schöne humanitäre Geste, wenn sie es nicht tun.

Die nächste Unbill steht in Gestalt des üppigen Winters bereits ins Haus. Schalke gegen Nürnberg kann in der Hallenarena am Sonntag sicherlich stattfinden, aber wenn es bis Ende Februar wie progonostiziert kalt und schneereich bleibt, wird es sicherlich zu Spielabsagen kommen. Und mit der Relegation und dem CL-Finale am Samstag fehlen in dieser prall gefüllten Saison bereits zwei mögliche Spieltage. Einmal in dreißig Jahren verkürzt man die Winterpause, und dann macht Crazy Daisy alles zunichte. Bei den durchspielenden Engländer, die immer als Vorbilder für die deutschen Warmduscher genannt werden, fielen am Wochenende sieben von zehn Spielen aus. Dass der Terminkalender bis zum Anschlag ausgereizt ist, ist schon längst bekannt. Weder diese Tatsache, noch die verschiedenen Herztoten der letzten Jahre hindern daran, eine Klub-WM und zahlreiche Hallenturniere durchzuführen. Immer feste druff.

Zum Tod von Robert Enke »

Das einzig Erfreuliche am gestrigen Tag war Theo Zwanziger. Der Mann besitzt eine stille Lauterkeit, die es ihm ermöglicht, ohne falsches Pathos von der notwendigen Dauer zu reden, die Trauer braucht, und das Länderspiel gegen Chile völlig selbstverständlich abzusagen. Ich wage mir die gleiche Situation mit Mayer-Vorfelder nicht einmal vorzustellen. Zwanziger zur Seite saß Oliver Bierhoff, der 25 Jahre jünger aussah als sonst. Das Weinen machte seine Gesichtszüge weich und rundlich. Kein lässiger Macher, der da sprach, ein immer noch recht junger Mensch, der über den Tod eines noch jüngeren Kollegen zu reden hatte. Sofort kann man naürlich einwenden, dass das Spiel ja wohl nicht abgesagt worden wäre, wenn es die WM-Quali gewesen wäre, und hat nicht Schalke an Nine-Eleven auch gegen Panathinaikos gespielt, also alles Heuchelei. Aber manchmal gibt einem das Schicksal erst den Schlag und dann eine Atempause.

Weil der DFB menschliche Größe bewiesen hat, spare ich mir Mutmaßungen darüber, dass der Logik des Merchandising folgend nach der Vorstellung der neuen Trikots nun eigentlich sofort die Vorstellung des neuen Trauerflors folgen müßte. Auch ich bin traurig, dass Robert Enke tot ist.

Als Hannover am dritten Spieltag 2-0 in Nürnberg gewann, bekam Enke die Note drei. Er hatte gegen die meist planlosen Nürnberger wenig zu tun und tat dies fehlerfrei. In erster Linie war dies ein Sieg des Schlitzohrs Jiri Stajner. Ihm gönnte ich seine beiden Treffer, vor allem das zweite. Ein wenig freute ich mich auch für Robert Enke. Obwohl Hannover potenzieller Rivale im Abstiegskampf oder zumindest eine Mannschaft ist, gegen die man zu Hause gewinnen muss, mir war es wesentlich lieber, dass Enke dieses Erfolgserlebnis hatte, als sagen wir Müller aus Mainz oder Nikolov aus Frankfurt. Vielleicht, weil man jemandem, der seine kleine Tochter verliert, während Fußballdeutschland vom Sofa aus Anteilnahme (ver)übt, nichts Böses wünscht, sondern gerne etwas Gutes, und sei es auch nur einen unverhofften Auswärtsieg. Vielleicht auch, weil Enke auf eine unspektakuläre Art geradlinig war, realistisch seiner Leistung gegenüber ebenso wie den sportlichen Möglichkeiten in Hannover.

Wenn der Kapitän der Roten nach Spielen sein Pflichtstatement vor laufender Kamera abgab, dann war das niemals glatt oder routiniert. Weder spulte er den präfabrizierten Mediensprech herunter noch gab er die Rampensau. Hinter seiner hohen Stirn dachte er gründlich nach, bevor er etwas sagte. Dass er als Fußballprofi eine öffentliche Person war, ertrug er mit schlecht verhohlenem Widerwillen. Auf dem Platz in seinem hautengen Trikot sah er immer sehr schmal aus, als trüge er das Gewicht der Welt auf den Schultern.  Ein fragiler Athlet, ein zerbrechlicher Ausnahmetorwart. Wie gut es den 96-Fans getan haben muss, dass so jemand ihnen die Treue hielt, ohne dauernd Treueschwüre abzugeben, dass jemand, den man in ganz Europa mit Handkuss ins Tor gestellt hätte, aus voller Überzeugung Kopf einer Durchschnittsmannschaft war, kann erahnen, wer solch wunderbare Jahre mit Andy Köpke einst erleben durfte.

Sebastian Deisler hat in der Hochleistungsshow Bundesliga während seiner aktiven Zeit seine Verletzlichkeit, sein Grundrecht auf ein beschädigtes Leben, mit manchmal provozierender Unübersehbarkeit gelebt, bis es nicht mehr ging. Er bleibt die Ausnahme in der Liga der großen Investitionen, die stets auch große Vorbilder sein sollen.  Am besten Sieger, und wenn Verlierer, dann nur episch. Bitte keine Ehe-, Alkohol-, Führerschein- oder Akklimatisierungsprobleme, eine bei manchen Vereinen bis ins letzte Komma vorgegebene Sprachregelung für die corporate identity, und wie schnell hat man sein Geld nicht verdient, wenn mal einen schlechten Tag oder einen schlechten Monat hat. Selbstverständlich sind alle gegen Rassismus, aber keiner ist schwul.

In diesen Tagen war viel von der Freiheit die Rede, die wir vor 20 Jahren errungen haben, und das ist bestimmt auch nicht falsch. Aber was für eine Freiheit ist das, wenn jemand sich eher das Leben nimmt, als offen einzuräumen, dass er Depressionen hat? Sollte es hier und heute, ohne blaue Hemdchen und Herren in grau lackierten Trabis  so etwas wie Konformitätsdruck geben, der zum Tode führt? Mitten im ewigen Völkerfrühling sterben Menschen an inneren Erfrierungen? Vor zwei Wochen fuhr ich mit dem Zug nach Nürnberg. Der stand dann außerplanmäßig drei Stunden in Kronach bei Bamberg herum, weil die Strecke total gesperrt war. “Betriebsstörung mit Personenbeteiligung” ist die Bezeichnung im Bahndeutsch für Leute wie Robert Enke.

In Berlin werfen sich pro Monat etwa zwei Menschen vor einen U-Bahn-Zug. So gut wie nie ist ein DFB-Torhüter darunter, weshalb sich das öffentliche Entsetzen bei diesen “Fahrgastunfällen” in Grenzen hält.  Bedauerlicherweise gehört es unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht nur zum Standard, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. Es gelingt zugleich, das Scheiden aus dem Leben, die kleine Abstimmung mit den Füßen immer ganz und ausschließlich privat zu deuten, während der Erfolg sofort Zulauf von offizieller Seite findet und umstandslos als systemisch gedeutet wird.  Ich frage mich, ob einer der vielen Spitzenpolitiker, insbesondere eine bestimmte Spitzenpolitikerin, die sich 2006 und 2008 im Glanz der DFB-Elf gesonnt haben, ein paar mütterliche Worte zur Dialektik vom Zwang zur fehlerfreien Funktionstüchtigkeit und Freitod in der Lage zu finden sind. Vielleicht will man sich ja in Südafrika auch wieder in der Kabine tummeln und dem nächsten Elfmetertöter gerne persönlich gratulieren.

Das war’s dann wohl für Rensing »

Viele überraschende Ergebnisse, abgesehen von dem Sieg der Bayern, die wohl auch ohne Robben gewonnen hätten, nur nicht so deutlich. Wolfsburg fängt wieder bei Null an. Michael Rensing hat seine zweite und letzte Chance nicht genutzt und hat jetzt noch etwas mehr als 36 Stunden, um sich einen der vielen Vereine zu suchen, die ihn als Nummer 1 mit Handkuß sofort nehmen würden, wie er glaubt. Vielleicht ja Mainz, die ohne die Verletzung Müllers vielleicht doch den von mir erwarteten Punkt geholt hätten. Gladbach wesentlich überzeugender in dieser Saison, ein schwerer nächster Gegener für Nürnberg. Man merkt den Clubberern an, dass es ihnen ohne echten Zehner und ohne Knipser schwer fällt, Spiele mit Feldüberlegenheit zu gewinnen. Nachdem in der Zweiten Liga das Frankenstadion (seka = strangely enough known as) EasyCredit Stadion eine Festung war, ist der Druck, die erfolgshungrigen Fans dort zu verwöhnen, immens. Das Gute an dem Punkt in Stuttgart: Nürnberg hat zum dritten Mal bewiesen, dass es die Qualität hat, die Klasse zu halten. Vielleicht holen sie ja noch Simak. Ein Verrückter würde der braven Mannschaft gut tun. Bei Frankfurt, Dortmund und Schalke weiß man immer noch nicht, wohin die Reise geht.  Dass die unverdrossene Freiburger Offensive einmal belohnt worden ist, ist erfreulich. Magath schafft es trotz der Heimniederlage, jeglichen Druck vom Team fern zu halten. Leverkusen und Hoffenheim würgen sich zu richtungsweisenden Siegen. Obwohl Enke zu Hause verlor, halte ich ihn für eine gute Wahl als Nummer 1, wobei der Umgang mit Wiese eine weitere Merkwürdigkeit in der DFB-Personalpolitik darstellt.

Löwe und Raute kriseln vor sich hin »

Gestern machte das Zappen mal so richtig Spaß. Im Bayerischen Rundfunk bei “Blickpunkt Sport” räsonierten drei eigentlich recht sachkundige und schlitzohrige Bayern-Fanclub-Mitglieder darüber, wieviele Kubikmeter verbrannte Erde Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße hinterlassen hat, und ob es jetzt der größere Fehler war, Ze Roberto gehen zu lassen oder Lucio zu verkaufen. Der eine Fan war strikt gegen Neueinkäufe, der andere dachte laut: “Wannda Vandavart na kemma dat…Oda da Wesley Schneijder.”

Jean-Marie Pfaff  war da und machte vor, wie Rensing richtig aus dem Tor rausläuft, wenn eine Flanke aufs kurze Eck kommt. Die Fanclubvertreter waren eher pro Rensing, ob der Hoeneß Uli mit seiner Tirade gegen Neuer, Enke und wie sie alle heißen, dem unsympathischen Jahrhunderttalent nicht eine schwere Bürde auferlegt hat, stand übrigens nicht zur Debatte. Auch nicht, dass Angehörige des Fanclubs Schickeria nach dem Spiel in Mainz wieder randaliert hatten. Vor zwei Jahren hatten sie bei Würzburg einen Bus mit Clubfans überfallen und einer Frau das Auge ausgeschlagen.

Zeitgleich mit Pfaffs Bewegungsübungen verloren die Sechziger im Kalbsrollbraten  von Fröttmaning 1-3 gegen den KSC. Dieses Spiel hat insofern fußballgeschichtliche Bedeutung, als Christian Timm 1 (in Worten: ein) Tor erzielt hat. Die Löwen mußten gerade den Abgang von Bender Nummer 2 nach Leverkusen verkraften und sind mit 13 Punkten auf Platz drei, nein mit drei Punkten auf Platz 13 so weit weg eigenen Anspruch wie die Lokalrivalen eine Etage weiter oben. Dass die Sechzger aufsteigen wäre allerdings fast ein so großes Wunder wie ein Tor von Christian Timm. Bei den Bayern könnte es nach einer Trotzreaktion zu Platz drei reichen.

PS: Union Berlin hat sich von seinem anrüchigen Sponsor getrennt. Das wird die Aufstiegschancen nicht schmälern.

Pokalt erwischt »

Mainz mit seinen zahllosen Verletzten und Hannover mit seiner letalen Auswärtslethargie heißen die ersten beiden prominenten Opfer im DFB-Pokal. Bei dem arrivierten Pokalschreck Trier konnte man fast darauf wetten, dass es auch Lübeck gelingt, ist die größere Überraschung. Beinahe zum Opfer der eigenen Behäbigkeit wurden Fürth, 1860 München, Bochum und wieder einmal Hertha, gegen die Preußen Münster mutig aufspielte. Den höchsten Sieg feierte Bremen gegen Union, die ihr neues Schmuckkästchen erst einspielen müssen. Das Seuchenjahr von Werder mit dem DFB-Pokal als Trostpflaster ist damit wohl vorbei, der verlorene Sohn Borowski hat seine Münchner Eskapade beendet. Mit den Grünen ist zu rechnen. Ähnlich souverän gingen Wolfsburg und Schalke zu Werke.

Überrascht hat mich der Sieg der Lauterer in Braunschweig, gilt das Eintracht Stadion doch quasi als ein tiefer gelegter Betzenberg, niedersächsisch eben. Eine gute Maßnahme gegen das große Nervenflattern in der Pfalz, dieses verdient erkämpfte 1-0. Ebenso überrascht war ich vom klaren 3-0 der Frankfurter im Derby gegen Offenbach. Blogleser Nordkurve muss seine pessimistische Skibbe-Einschätzung zur Eintracht möglicherweise revidieren.

Allererste Sahne war natürlich das 3-0 der Clubberer in Dresden, wobei sowohl die Null als auch die drei (kein Stürmertor) nicht zu erwarten waren . Ich kann mich nicht erinnern, wann der Club zwei Auswärtspflichtspiele in Serie 3-0 gewonnen hat. Erst in Cottbus in der Relegation, jetzt kühl bis ins Mark, technisch und taktisch ausgereift bei Dynamo, die ihr neues Stadion auch noch einspielen müssen. Die erste Halbzeit sah ich auf Sky bei einer nahen Verwandten. In der Pause wurde die Übertragung abgestellt, “Ihre SIM-Karte ist nicht für dieses Angebot legitimiert”. Nach dem Umweg durch die sprachgesteuerte Hotline erklärte die freundliche Sky-Mitarbeiterin, Pokal gebe es nur im Sport-Paket, nicht im Bundesliga-Paket. Warum wir eine Halbzeit mit Kluges und Mintals ersten Saisontoren sehen konnten, wußte sie nicht, ich nehme das als gutes Omen für eine Saison, in der alles möglich ist.

Bei Bayern stabilisieren sich die Leistungsträger allmählich. Gomez hat offensichtlich einen Lauf, trifft gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Neckarelz beinahe nach Belieben. Rensing greift schon wieder nach den Sternen und läßt sich weder durch Lapsus noch Läpschen beirren. Ich verstehe nicht, dass die Bayern ihre Abwehr so vernachlässigen. Lucios Weggang ist mit Sicherheit eine Schwächung, dazu muss man nicht Kaiser sein. Und international ist mit Butt/Rensing kein Blumentopf zu gewinnen. Hildebrand wäre frei gewesen im Winter, aber Hoffenheim war schneller. Ich vermute, die Bayern langen beim Torwart noch einmal hin, Ribery im Tausch für Casillas vielleicht oder Lell, Ottl, Breno, Demichelis, Sosa und Schweinsteiger für Enke.

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