Rob AlefFür die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis [weiterlesen ...]


69 Prozent Einfallslosigkeit »

69 Prozent Ballbesitz standen für die Bayern gestern zu Buche, aber die Zahl sagt nichts aus über das einfallslose Anrennen über 90 Minuten gegen Manchester United. Immer am Strafraum entlang, immer wieder der vorwärts eingesprungene Robben, immer wieder Flanken ins Nichts. In der 30. Minute musste de Gea das erste Mal wirklich eingreifen. Die Schlußviertelstunde der ersten und die ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit war Manchester am Drücker, leider schlugen die Bayern viel zu früh zurück. Ein einziges Mal hebelten sie die vielbeinige Abwehr aus, wieder einmal machte dabei Mandzukic den Unterschied. Vielleicht ist er der beste Transfer der letzten Jahre: ein Knipser mit natürlichem Instinkt und (wie gestern) zugleich ein Wandspieler, der den letzten, kleinen Pass spielt, der die Lücke reist. Ansonsten gab es eine Menge Glück für die Bayern. Gleich zu Beginn wurde ein korrektes Tor von Manchester abgepfiffen, und leider spielten die die Red Devils ihre Konter nicht konsequent zuende. Die gelb-rote Karte gegen Schweinsteiger war pingelig, genau so  pingelig wie das abgepfiffene Tor von Manchester. Beim Zweikampf mit Rooney hat man gesehen, dass Schweinsteiger nach dreimonatiger Pause noch das Timing fehlt. So ein Foul am gegenerischen Strafraum würde er nicht machen, wenn er fit wäre. Im Rückspiel ist alles drin: ohne Thiago, Martinez und Schweinsteiger wird die Bayern-Abwehr noch bröseliger sein als gestern, und mit Kagawa von Anfang an und einem Rooney, der nicht völlig abtaucht, sind drei Tore möglich. Wenn Hoffenheim das schon gelingt.

Nürnberg wird Baazi »

Bester Absteiger aller Zeiten irgendwie. So viel Lob für so viel schönen Fußball. So viele Chancen. So viele blöde Gegentore. Da kann man sich natürlich fragen: War es unter Wiesinger so viel schlechter, abgesehen vom Pokalspiel gegen Sandhausen und dem HSV-Spiel? Und was passiert, wenn Verbeek seine erste Klatsche kriegt? Kommt dann Wiesinger zurück? Macht Mintal es alleine? Tom Brunner? Dieter Nüssing? Alex Ferguson? Lothar Matthäus?

Ich war für Wiesingers Verbleib, finde aber, Verbeek macht sich bisher recht gut. Völlig ruhig, ein wenig schelmisch, und vielleicht ein harter Hund, aber das war Meyer auch auf seine Weise. Nachdem Menotti nicht zu kriegen war, müssen wir den besten poststrukturalistisch verzauselten Übungsleiter nehmen, den wir kriegen können. Eine Handschrift ist ja schon zu erkennen, und das 0-3 gegen Freiburg war ein Quantensprung im Vergleich zum 0-5 gegen den HSV. Baazi Voetbal Total.

Gegen Gladbach haben die Clubberer das zweite und dritte Tor versäumt und sind dann wieder kalt erwischt worden. Auch wenn der Schuß von Drmic an die Latte vermutlich drin, der Einsatz von Xhaka gegen Drmic ein Elfmeter war, hat es der Club selbst versaubeutelt. Erstens sollte man Arango nicht frei zum Schuß kommen lassen, zweitens sind Eigentore in hohem Maße störend auf dem Weg zum Auswärtspunkt und drittens entstanden beide Tore aus unnötigen Freistößen in der Nähe des eigenen Strafraums. Einmal war Stark der Übeltäter, einmal Pogatetz. Dass Schiedsrichter Dingert diese hauchzarten Berührungen als Foul pfeift und Xhakas Blutgrätsche nicht, ist erstaunlich, dass die Gladbacher theatralisch fallen, ist doof, aber trotzdem hilft es nicht, zu jammern. Rein rechnerisch kann der Club in der Hinrunde sogar noch die 20-Punkte-Hürde knacken. Wohl dem, der ein solides Unentschieden-Polster hat. So lange Frankfurt, Freiburg, Augsburg, der HSV und Hoffenheim alle auch verlieren, ist es nicht so schlimm, Platz 15 ist nur drei Punkte weg. Auf ein Neues gegen Wolfsburg, die haben jetzt viermal hintereinander gewonnen, sind also der ideale Aufbaugegner.

—–

Morgen erscheint mein neuer Roman “Immer schön gierig bleiben”.

Am 16.11. lese ich um 20 Uhr im Max & Moritz, Beletage, Oranienstraße 162, 10969 Berlin. Die Lesung findet statt im Rahmen von “Stadt, Land Buch”, dem Lesefestival des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Landesverband Berlin-Brandenburg).

Am 29.11. lese ich um 20 Uhr in der Fantasy/SF-Buchhandlung “Otherland”, Bergmannstraße 25, 10961 Berlin. Mitveranstalter ist die Krimibuchhandlung Hammett, Friesenstraße 27, 10965. Dort kann man mein Buch bestellen.

 

 

 

Könige des Unentschiedens »

Platz 15 für Nürnberg sieht auf den ersten Blick ziemlich mickrig aus, aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Es gibt zwei mißratene Partien in dieser Saison. Die eine ist das 0-1 zu Hause gegen das sperrige Augsburg. Die anderen Partien in der Liga gehen in Ordnung. Gegen Braunschweig wurde ein Vorsprung verspielt, gegen die starke Hertha unterlief das gleiche Mißgeschick, man holte aber auch nervenstark ein Tor Rückstand gegen die Berliner auf. Dieses Kunststück gelang auch gegen Dortmund, das 1-1 war der bisher einzige Punktverlust des BVB und entspricht dem Ergebnis der Vorsaison. Gegen Hoffenheim und Bremen holte die Mannschaft sogar jeweils ein 0-2 auf. Für ein Team, das mit Klose und Simons zwei wichtige Spieler verlor und einen komplett neuen ersten Sturm hat, ein ordentlicher Auftakt.

Trotz der durchwachsenen Ergebnisse sind viele der neuen  Spieler echte Verstärkungen. Gegen Dortmund standen mit Pogatetz, Hasebe, Stark, Hlousek und Ginczek fünf Neue in der Startelf. So viele Personalwechsel gegen die zweitbeste Mannschaft Europas können auch schon einmal dazu führen, dass man völlig untergeht, aber Nürnberg war kämpferisch und spielerisch ebenbürtig. In seiner Pokalsiegsaison 2007/07  hatte der Club auch fünf Unentschieden nach sieben Spieltagen, darunter jeweils ein 1-1 gegen Cottbus, Mainz und Bielefeld. Der wesentliche Unterschied zu heute waren die beiden Auftaktsiege gegen den späteren Meister Stuttgart und Gladbach und der erfolgreiche Beginn im Pokal, der bis zum Titel in Berlin führte.

Die andere völlig mißratene Partie war deshalb auch das Pokal-Aus gegen Sandhausen. Gegen einen der gefährlichsten Pokalschrecks aller Zeiten kann man verlieren, aber nicht nach einer 1-0 Führung. Das Wegschenken eines Vorsprungs hat den Club bisher vier Punkte in der Liga gekostet, zwei gegen Hertha und zwei gegen Braunschweig. Schon mit acht Punkten statt fünf  wäre man in dieser engen Liga und den beiden dicksten Brocken (Bayern, BVB) im Auftaktdrittel vollkommen im Soll. 2006/07 brauchte Nürnberg in der Hinrunde elf Unentschieden, bis sie sich für ihre großartige Rückrunde mit dem 3-0 gegen Bayern und 25 Punkten gefunden hatten.

Hier entsteht gerade eine Mannschaft, die das Potenzial hat, so gut zu werden wie die Pokalhelden. Ich hoffe sehr, dass Wiesingers Team gegen den HSV sein Potenzial endlich einmal über 90 Minuten abruft und dieser Coach in Ruhe weiterarbeiten kann.

PS: Die Schreibpause von mehr als einem Monat hat einen guten Grund. Bis letzten Dienstag habe ich an meinem neuen Roman geschrieben. “Immer schön gierig bleiben” erscheint am 12. November 2013 im Rotbuch Verlag. Am besten gleich vorbestellen bei der Krimibuchhandlung Hammett.

Lieber Platzverweise als altersweise »

Acht Platzverweise an einem Spieltag, was lernst uns das? Vielleicht haben die Schiri-Obleute ja nach Baumjohanns nicht mit Rot geahndetem Wischer bei Nürnberg gegen Hertha schnell ein Brandbrieflein an die Kollegen draußen auf dem Spielfelde geschickt, mit dem Tenor: Erst zücken, dann Fragen stellen.

Der Krösus war bei Hoffenheim gegen Freiburg Tobias Stieler mit zweimal Rot, einmal Gelb-Rot und einem Innenraumverweis für Freiburgs Trainer Streich als Sahnehäubchen. Der Platzverweis gegen Coquelin war glatt falsch, den Platzverweis von Streich hat er damit induziert. Streich schimpfte zwar emotional wie immer, ich habe aber schon Trainer gesehen, die sich schlimmer aufgeführt haben und im Innenraum bleiben durften. Außerdem war Streichs Ansprechpartner der Vierte Mann, der unter anderem dafür da ist, dass Trainer Dampf ablassen. Zusammen mit der nicht gegebenen Roten Karte gegen Sorg bekam Stieler im kicker die Note 4,5.  Auch Schiedsrichter Welz in Augsburg gegen Stuttgart bekam die Note 4,5. Anstelle des überzogenen Rot für Traoré hätte er Verhaegh vom Platz stellen müssen. Note 4 gab es für Dankert in Hannover gegen Schalke. Dessen drei Platzverweise gegen Höwedes, Huszti und Fuchs waren allesamt vertretbar, nur ein rotwürdiges Foul von Hoogland gegen Diouf hatte er übersehen.  Eine 2,5 bekam Kinhöfer bei Mainz gegen Wolfsburg, der nicht nur mit Gelb-Rot gegen Luiz Gustavo richtig lag.

Beim genauen Hinsehen ist nicht so sehr die Kartenflut das Problem, nur zwei der acht Platzverweise (Coquelin, Traoré) waren falsch, sondern die wackelige und widersprüchliche Spielführung. Stieler in Sinsheim hatte zusätzlich das Problem, dass er in der 11. Minute, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt korrekterweise Rot gegen Salihovic zeigen musste. Ab da war jeder Zweikampf aus Sicht der Zuschauer eines Platzverweises würdig.

Eine ähnliche Konstellation bot das denkwürdige WM-Achtelfinale Portugal – Holland 2006, auch als “Schlacht von Nürnberg” bezeichnet. Von Anfang an ging es knüppelhart zur Sache, nach einem brutalen Foul musste Ronaldo ausgewechselt werden. Ende der ersten Halbzeit gab es Gelb-Rot gegen Costinha. In Halbzeit zwei folgten eine weitere Gelb-Rote und zwei Rote Karten, dazu kamen acht Gelbe Karten. Auch hier war es die unklare Linie, die das Spiel aus dem Ruder laufen ließ: Schiedsrichter Ivanov “hatte das Spiel durch falsches Strafmaß nicht im Griff”, schrieb der kicker.

Trainer in der Pressekonferenz sagen über harte Platzverweisen manchmal gerne: Wenn man das pfeift, stehen am Ende fünf Mann auf dem Platz. Nach diesem Spieltag bin ich geneigt zu sagen: Na und? Dem Spielniveau tat die Kartenflut keinen Abbruch: Hoffenheim – Freiburg bekam die Note 1, Hannover – Schalke sowie Mainz – Wolfsburg eine 2,5, Augsburg – Stuttgart immerhin eine 3. Für die beiden letzten Teams war es die beste Saisonleistung.

Bin gespannt, was bei den Roten Karten als Strafmaß rauskommt. Bei Salihovic war es die vierte Rote Karte und es war eine klare Tätlichkeit. Dass er vorher geschubst wurde, lag daran, dass er den Ball nicht herausrückte. Er hat die Rudelbildung provoziert.

In den Spielen ohne Platzverweis schnitten die Schiedsrichter so ab: Zwayer (Dortmund – Bremen) Note 2, keine Karte, kein Elfer. Stark (Braunschweig – Frankfurt) Note 2, drei Gelbe Karten, kein Elfer. Fritz (Hertha – HSV) Note 3, fünf Gelbe Karten, kein Elfer. Brych (Leverkusen – Gladbach) Note 5, falscher Elfmeter gegen Gladbach, eine Gelbe Karte. Nach den beiden in München bereits der dritte Elfer im dritten Spiel, über den sich streiten läßt. Die Note 6 bekam Schiedsrichter Dingert im Spiel Bayern gegen Nürnberg, der Pinolas Rempler gegen Mandzukic nicht als Elfmeter pfiff, dafür vor dem Elfmeter für Bayern ein Handspiel von Nilsson gesehen haben wollte, wo keines war. Auch ein rotwürdiges Foul von Mandzukic an Dabanli hatte er übersehen. Wenigstens die Gelbe Karte für Ribery fürs Trikot ausziehen war korrekt.

Fazit: Viele Platzverweise machen weder die Schiedsrichterleistung noch ein Spiel per se schlechter. Die Referees sollten mit der Mindestzahl von sieben Spielern pro Team noch offensiver umgehen. Fehlentscheidungen wie der Platzverweis gegen Coquelin werden dadurch nicht besser, aber die Schubser, Treter, Schläger und Rudelbildner bekommen dadurch längere Denkpausen.

 

Uben und onten kann man schnell velwechsern »

Die drei CL-Teilnehmer routiniert und effizient vorne, dahinter ist alles unklar. Nürnbergs zwei Punkte zum Beispiel nehmen sich eher mickrig aus. Aber so wie Hoffenheim und die Hertha mit ihren anderen Gegnern umgesprungen sind, sind das in dieser Saison vielleicht verkappte Spitzenteams. Wenn es nach dem Bayern-Spiel drei Punkte wären, gäbe es auch nichts zu meckern für den Club.

Dahinter Mainz und Bremen. Bei Mainz halte ich einen ähnlich bärenstarken Start wie vor einigen Jahren für möglich. Die Minimalisten von der Weser sind sehr gut weggekommen bisher. Sie hatten das Glück, gegen die zwei nominell schwächsten Teams beginnen zu dürfen. Aber wer weiß. Letzte Saison war der Auftaktsieg der Bayern in Fürth der Startschuß für eine tolle Saison. Vielleicht geben diese sechs Punkte so viel Sicherheit, dass Bremen sich oben festsetzt.

Dann die beiden Geheimfavoriten Hertha und Hoffenheim. Selbst wenn sie ihre nächsten Spiele gewinnen: der Club fing letztes Jahr mit sieben Punkten an, und spielte dann eine sehr entspannte Mittelfeldsaison, keine Spur von Überflieger. Dann Wolfsburg und Gladbach, die beiden Teams, die zum Auftakt verloren und ihr zweites Spiel  gewonnen haben. Starke Auftritte, auch schon bei den Niederlagen letzte Woche. Hannover konnte den guten Auftakt nicht veredeln.

Der Club hat jetzt zwei Rückstände aufgeholt, allerdings muss er gewinnen, wenn er zuhause zur Halbzeit 1-0 führt. Gegen Hoffenheim war er zwischen der 20. und der 50. Minute zu passiv, gegen Herthat zwischen der 50. und der 80. Sie müssen das Spiel machen. Sie können das auch. Sie sind spielerisch und kämpferisch bärenstark, wenn sie alles abrufen, und haben unglaublich gute neue Leute verpflichtet. Wer jederzeit in der Lage ist, ein Tor bei Rückstand zu machen, der darf auch das 2-0 oder 3-0 vorlegen. Das haben sie auch gegen Sandhausen versäumt, auch da nach einer Führung. Wenn sie gegen die Bayern ohne Durchhänger spielen, werden sie in München etwas holen, wenn sie ein Päuschen machen, gehen sie leer aus.

Den Elfmeter für Hertha kann man geben. Baumjohann hätte vorher schon vom Platz gemusst, Pinola hätte aber gar nicht erst die körperliche Nähe suchen müssen, er hat trotzdem hat ein richtig gutes Spiel gemacht. Nervig war die Einseitigkeit des Schiedsrichters bei den persönlichen Strafen. Die Clubberer mussten nur blinzeln und sahen Gelb, Hertha foulte sich munter durchs Gelände. Ich habe nichts gegen kleinliche Schiedsrichter, und dieses Spiel brauchte die kurze Leine, aber dann bitte gleichmäßig. Wobei man auch sagen muss: Schiri Winkmann hat Ginczeks robusten Einsatz bei seiner tollen Vorarbeit zum 1-0 nicht abgepfiffen und den Freistoß für Ginczek gepfiffen, der zum 2-2 führte. Nach dem nicht gegebenen Tor für Hoffenheim ist Schiedsrichterschelte nicht das dringendste Problem für den Club.

Nach ihren Auftritten am zweiten Spieltag fragt man sich, ob Schalke gegen den HSV am letzten Wochenende nicht vielleicht ein verkapptes Abstiegsduell war. Die CL-Quali wird kein Selbstläufer, Schalke muss höllisch aufpassen. Der HSV geistert mal wieder durchs Niemandsland der eigenen Ansprüche.

Zum Schluß die Punktlosen. Braunschweig und Augsburg zweimal unter Wert geschlagen, um Freiburg mache ich mir keine Sorgen, die werden sich schnell finden. Bei Stuttgart kriselt’s schon, das finde ich übertrieben, wenn fast die komplette erste Abwehr ausfällt. Frankfurt hatte wie Gladbach fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen gegen sich. Frankfurt verpflichtet den Wunschstürmer Kadlec, dabei ist es die Abwehr, die Sorgen macht. Bei Stuttgart spürt man, dass nicht nur der zweite Anzug, sondern auch das Nervenkostüm auf Kante genäht ist. Dieser Holperstart ist eigentlich kein Problem, aber jetzt muss auch noch die Europa League moderiert werden, das stresst.

Nächste Woche spielen zwei 6-Punkte Manschaften (Dortmund – Bremen) und zwei mal zwei 0-Punkte Mannschaften (Braunschweig – Frankfurt, Augsburg – Stuttgart) gegeneinander. Wenn bei den letzten beiden die Heimmannschaft gewinnt, wird es stressig für die Verlierer.

Sam auf Son statt Son of Sam »

Son of Sam war der Spitzname des Serienkillers David Berkowitz, der in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sechs Menschen ermordete. Dermaßen blutrünstig geht es in der Leverkusener Offensive nicht zu, auch wenn man guten Stürmern gelegentlich Killerinstinkt attestiert. Trotzdem spricht einiges dafür, dass Sidney Sam und Heung-Min Son in dieser Saison in vielen gegnerischen Strafräumen Angst und Schrecken verbreiten werden. Schnell und spielfreudig, mit einer sehr guten Schußtechnik ausgestattet, überrannten sie die Freiburger Abwehr ein ums andere Mal und waren nur im Abschluß nicht konsequent genug Und es gibt ja noch Stefan Kießling, den Mann für die Kopfbälle, die krummen Dinger, die Bälle, die man irgendwie reinwurschteln muss. Bei seinem 1-0 kam ihm zugute, dass Oliver Baumann, der Torwart des Sportclub, am Samstag nicht seinen besten Tag hatte. Leverkusen spielte unaufgeregt und wie aus einem Guss, kein schlechter Auftakt für eine Mannschaft, die auch beim Endspurt um die Champions-League-Plätze in der letzten Saison Nervenstärke bewies.

Völlig neben sich stand Schiedsrichter Kinhöfer in Hoffenheim, der der TSG ein glasklares Tor durch Volland verweigerte. Der Ball beim Tor der Engländer im Achtelfinale gegen Deutschland 2010 war noch ein bißchen deutlicher drin, trotzdem eine bizarre Fehlentscheidung. Nürnberg verdiente sich den Punkt trotzdem redlich, viele Maßnahmen von Trainer Wiesinger – Stark als Sechser, Ginczek im Sturm, Chandler auf der Bank – zahlten sich aus. Man sieht, dass der Kader viel mehr Alternativen bietet als im letzten Jahr. Der Club und Schalke sind die beiden Vereine, die am Wochenende einen Rückstand aufgeholt haben. Das spricht für chaotisches Abwehrverhalten ebenso wie für intakten Teamgeist.

Gegen Frankfurt gegen Aufsteiger Hertha einen Traumstart. Gegen die bissigen Clubberer wird sich am nächsten Sonntag zeigen, ob die Berliner in überragender Frühform sind oder die hessische Eintracht  im Moment neben sich steht. Die niedersächsische Eintracht, der Aufsteiger aus Braunschweig bezahlte gegen Bremen bitteres Lehrgeld in seinem ersten Bundesligaspiel nach fast 30 Jahren.

Saisonvorschau: Leverkusen Meister, Bremen steigt ab – Die Abschlusstabelle »

Hier meine Prognose für die Abschlusstabelle. Vizekusen landet diesmal ganz vorn. Der Club kommt sehr weit nach oben. Bayern hat eine Findungsphase. Der HSV muss in die Relegation. Braunschweig und Bremen steigen ab.

1. Leverkusen (Sami und Rudi wuppen das Ding)

2. Schalke (hat in der Champions League zu tun)

3. Nürnberg (überrascht alle)

4. Dortmund (beißt sich oben fest)

5. Wolfsburg (weiß zu gefallen)

6. Hoffenheim (widerlegt seine Kritiker)

7. Stuttgart (spielt gut, wird aber abgefangen)

8. Bayern (sucht Sinn und Form, behält aber Guardiola)

9. Mainz (bleibt giftig)

10. Hannover (übernimmt sich)

11. Gladbach (fehlt die Balance)

12. Freiburg (hält souverän die Klasse)

13. Frankfurt (das zweite Jahr ist immer das schwerste)

14. Hertha (behält Trainer, Nerven und die Erstklassigkeit)

15. Augsburg (rettet sich vor dem letzten Spieltag)

16. HSV (ist von der Rolle, Relegation gegen St. Pauli?)

17. Braunschweig (raus mit Applaus)

18. Bremen (Ende mit Schrecken statt Schrecken ohne Ende)

Saisonvorschau: Fröhliche Kellergeister – Augsburg, Hoffenheim, Berlin, Braunschweig »

Man mag sich gar nicht vorstellen, wo Augsburg landen könnte, wenn sie einmal eine halbwegs ordentliche Hinrunde absolvieren würden. In der Rückrunde waren sie in der letzten Saison Siebter, einen Punkt hinter den Überfliegern aus Freiburg. In jedem Fall wird Augsburg wieder die Klasse halten, vermutlich unter weniger dramatischen Umständen als in den letzten beiden Jahren. Die Mannschaft ist extrem nervenstark, Reuter und Weinzierl wissen um ihre Möglichkeiten, alle lieben ihr Image als ewige Underdogs. Auch der Abgang von Oehrl und Langkamp sowie die Verletzung von Manninger ändern nichts daran. Urmel bleibt erstklassig.

Hoffenheim traue ich eine ähnliche Saison zu wie Gladbach nach der erfolgreichen Relegation gegen Bochum. Gisdol hat seinen Spielern die nötige Demut eingeimpft, um erfolgreich zu sein, und von Rudy über Firminho bis Volland und Vestergaard haben die Hoffenheimer zahlreiche überdurchschnittliche Einzelkönner in ihren Reihen. Hinzu kommt eine neue mannschaftliche Geschhlossenheit. Wer am letzten Spieltag in Dortmund gewinnen muss und das auch schafft, der hat das erfolgreiche Schlüsselerlebnis gehabt, um als Mannschaft auf ein anderes Level zu kommen. Seit Gisdol Trainer ist, hat das Klischee vom Retortenverein deutlich an Überzeugungskraft verloren. Er ist einer der expressivsten Vertreter der Trainerzunft, wer so jemanden an der Seitenlinie hat, kann nicht die Kopfgeburt eines Großsponsors sein.

Die Hertha ist wieder da. Diesmal als souveräner Zweitliga-Meister. Ob’s reicht für mehr als eine Saison? Babbel galt nach dem Aufstieg auch als Erfolgsgarant, dann kam der Streß mit Preetz, in der Rückrunde der Abstieg. Dass Luhukay nicht ohne weiteres der Aufstiegsmannschaft vertraut, sondern mit Ronny und Niemeyer gleich mal zwei Schlüsselspieler in Frage stellt, muss kein Fehler sein. Es zeigt auch, dass Preetz seine Hausaufgaben gemacht hat, und die vier Neuzugänge Baumjohann, van den Bergh, Hosogai und Langkamp nicht nur eine Menge Erstligaerfahrung mitbringen, sondern auch die Möglichkeiten für Luhukay erhöhen. Wenn Trainer und Manager sich nicht wieder in einen sinnlosen Prestigekampf verbeißen und die leicht erregbare Lokalpresse nicht gleich überdreht, sieht es nicht schlecht aus mit dem Klassenerhalt.

Braunschweig plagt das gleiche Problem wie die Fürther im letzten Jahr: Im Sturm haben sie zu wenig Durchschlagskraft. Auch die Rückkehr von Kumbela wird daran nichts ändern. Braunschweig hat anders als die Kleeblättler allerdings ein Heimpublikum, das für den einen oder anderen Sieg sorgen kann. Mit Fanatismus ist die Stimmung nur unzureichend umschrieben. In der Stadt Heinrich des Löwen hat man mehr nach der Bundesliga gelechzt als in Düsseldorf, Augsburg, Wolfsburg, Berlin und Cottbus zusammen, um mal ein paar Aufsteiger der letzten Jahre zu nennen. Trotz der psychologischen Unterstützung  von den Rängen wird es für Braunschweig nicht reichen. Aber wie für viele andere Traditionsvereine kann es dann nur heißen: Nach dem Abstiegskampf ist vor dem Aufstiegskampf.

Saisonvorschau – Helter oder Skelter: HSV, Gladbach, Hannover, Nürnberg »

Platz 7 und drei Punkte Rückstand auf Platz 6. Dass der HSV sich nach der letzten Saison auf dem Weg in die Europa League wähnt, ist keine Überraschung. Mir kommt das überzogen vor. Zum einen drängen von hinten Mannschaften, die letzte Saison phasenweise neben sich standen (Wolfsburg, Mainz, Stuttgart, Hoffenheim) zum anderen haben die 51 Punkte, die Frankfurt 2013 holte, selten genug für den sechsten Platz gereicht. 2010 hatte Stuttgart 55 Punkte, 2011 Mainz 58 Punkte, 2012 Stuttgart 53 Punkte. Mit Son ist der beste Stürmer weg, Anspruchsdenken und Möglichkeiten klaffen zu weit auseinander, um noch weiter nach oben zu kommen. Im Führungsgremium gibt es wenigstens eine notorische Petze, die die Frage aufwirft, ob sich an der Elbe die Illuminati breit gemacht haben. Mehr als Platz 7 ist auch diesmal nicht drin, trotz van der Vaart und Adler. Es sei denn, Rudnevs explodiert in dieser Saison, wie er angekündigt hat.

Gladbach hat im Pokal gleich mal einen Schuß vor den Bug bekommen. Die Botschaft ist deutlich: Lässig wird nicht reichen. Mit einem Auftakt gegen Bayern, Hannover und Leverkusen könnte sich die eine oder andere Enttäuschung nahtlos anschließen.  Was für Gladbach spricht, ist die eingespielte Defensive, die Verpflichtung von Kruse und das hohe Ansehen von Trainer Favre. Aber auch für die Borussia vom Niederrhein wird es eng beim Angriff auf die internationalen Plätze. Insofern ist es gleich doppelt blöd, dass man den Pokal als Qualifikationsweg für Europa hergeschenkt hat. Gladbach hat seit dem hauchdünnen Erfolg in der Relegation zwei nahezu optimale Jahre erlebt. Platz 8 vom letzten Jahr war nach dem Weggang von Reus und Dante fast schon sensationell. Jetzt beginnen die Mühen der (Hoch-)ebene, die irgendwo zwischen Platz 6 und Platz 10 liegt.

Martin Kind hat für Hannover irgendwo “zwischen Platz 3 und 6″ als Saisonziel ausgegeben. Ähnlich wie beim HSV kommt mir das sehr ambitioniert vor. Mit Abdellaoue ist ein guter Stürmer weg, mit Schmadtke der überdurchschnittlich gute Manager, dessen Handschrift man bei Köln schon sehen kann. Diouf kann sensationell werden, wenn er sich bis zum 31.8. nicht noch anders überlegt. Weiter nach oben zu kommen, läßt sich in jedem Fall nicht im Hurrastil der vergangenen Jahre bewerkstelligen. In der Europa League hat 96 traumhaft schöne und mutige Spiele abgeliefert, aber die kommende Saison wird ähnlich zäh wie das Pokalspiel gegen Viktoria Hamburg. Kann sein, dass Slomka ohne seinen Gegenspieler Schmadtke die Mannschaft wieder mehr beflügelt, aber es wird ein großes Gedränge geben zwischen Platz 5 und 15.

Der Club ist zwar schon wieder im Pokal ausgeschieden, trotzdem traue ich der Mannschaft die beste Saison seit dem Pokalsieg 2007 zu. Zwar sind Klose und Simons weg, und der sichere Elfmeterschütze Simons hat gegen Sandhausen gefehlt. Genauso wie Gebhardt und Pinola als Schützen gefehlt haben. Letzterer musste wegen Entkräftung leider sieben Minuten zu früh vom Platz. Aber der Club hat gegen Sandhausen nicht wegen der löchrigen Defensive verloren, sondern weil er seine spielerischen (und kämpferischen) Möglichkeiten zu halbherzig einsetzte. Der Club ist mittlerweile in der Lage, gegen jede Mannschaft in der Liga das Spiel zu machen. Wenn er das nicht tut, wird er alles verlieren. Bis auf die beiden Abgänge ist die Mannschaft beisammen geblieben, mit Pogatetz und Ginczek hat er zwei Sofortverstärkungen geholt, hinzu kommen die Langzeitverletzten Hlousek und Gebhardt als Quasi-Neuzugänge. Dass Mintal jetzt Co-Trainer ist, hat mehr als nur sentimentale Bedeutung. Er ist der Spieler, der beim Club in den letzten zehn Jahren den Unterschied gemacht hat und kann die Mannschaft nochmal einige Prozent besser machen. Der Club hat alles, was es braucht, um eine Saison am oberen Limit zu spielen: Routine (Feulner, Schäfer, Nilsson) und Jugend (Stark, Plattenhardt, Mendler), Biss (Gebhardt, Pogatetz, Balitsch) und Esprit (Kiyotake, Mak, Frantz). Mit Ginczek und Esswein hat er endlich zwei torgefährliche Stürmer. Wenn das Umfeld die Ruhe bewahrt und sich auch durch einen mäßigen Start nicht irritieren läßt, kann der Club da landen, wo die drei Mannschaften gerne hinwollen, die letzte Saison vor ihm standen.

Schöne Bescherung – Bader kriegt einen Trainergutschein »

Schwupp, da war der Trainer weg. Hübsch eingefädelt vom Strippenzieher Allofs, dieser Wechsel. Pünktlich zum Fest beschenkt sich der Manager des VfL Wolfsburg selbst und  sein Kollege Martin Bader beim 1. FC Nürnberg bleibt muss sich mit einem Gutschein über “1 Cheftrainer, neu oder gebraucht” auf dem Gabentisch begnügen.

Ob Hecking sich damit einen Gefallen tut, ich habe meine Zweifel. Wolfsburg hegt seit der Meisterschaft 2009 äußerst ambitionierte, um nicht zu sagen, überkandidelte Ziele. Und die 40 Punkte plus X, die er in Franken regelmäßig eingefahren hat, werden beim leider stets tragisch verhinderten Champions-League-Teilnehmer für eine erfolgreiche Saison nicht ausreichen. Könnte sein, dass Hecking sich ähnlich verzockt hat wie sein einstiger Zögling Schlaudraff mit seinem Wechsel zu den Bayern. Hoffentlich hat sich der Club nicht nur eine Ablöse, sondern auch die Verpflichtung von Alexander Madlung und Sebastian Polter bei diesem Deal gesichert.

Muss eigentlich nur noch geklärt werden, wer Hecking nachfolgt. Peter Neururer wird zwar immer genannt, wenn der Club einen Trainer sucht, aber der leistet als Fachkommentator bei Sport 1 einen so hervorragenden Job, dass ich ihn mir gar nicht auf der Trainerbank vorstellen möchte. Jedenfalls nicht beim Club. Lothar “Weltbürger” Matthäus, der mittlerweile fast so oft geheiratet hat wie der Club abgestiegen ist,  würde den Verein in kürzester Zeit zwar bekannter machen als Justin Bieber und Lady Gaga zusammen. Jedoch lassen sich die umfassenden familiären Verpflichtungen des Rekordnationalspielers mit einer derartig verantwortlichen Position nicht vereinbaren.

Markus Babbel muss Hoffenheim erst einmal verdauen und einen Trainer, der sich nur für die Bayern in Stellung bringen möchte, mag ich nicht.  Ralf Rangnick wäre toll, aber gegen die Aufgabe, RB Leipzig in die Dritte Liga und RB Salzburg zum Fußballspielen zu bringen, nimmt sich das Ziel, den Club zur Deutschen Meisterschaft zu führen, viel zu simpel aus. Huub Stevens passt mit seinem mürrischen, wortkargen Pessimismus zwar hervorragend zur fränkischen Lebensart, aber ob er sich wirklich noch einmal motivieren kann, nachdem er mit Raul gearbeitet hat, wer weiß.

Mein Favorit ist nach wie vor Klaus Toppmöller, dessen Bundesligakarriere nicht durch Unvermögen, sondern durch Robert Hoyzer zerstört wurde. Toppi hat mit Frankfurt und Leverkusen Fußball spielen lassen, der noch schöner war als das, was Klopp seinen Duracell-Häschen beigebracht hat. Und fürs erste wären in Nürnberg mit dreimal Vize alle auch ganz zufrieden. Toppmöller ist sehr erfahren, hat ein Händchen für junge Spieler, liebt die Offensive und weiß, wie man die Bayern düpiert. Im Moment ist er vertragslos.

Aber vielleicht springt Hans Meyer für ein halbes Jahr ein, oder Andy Köpke hat eine Ausstiegsklausel beim DFB. Oder Dieter Eckstein kommt. Der Publikumsliebling betreut zur Zeit den DJK/SV Mitteleschenbach in der A-Klasse Frankenhöhe und wäre quasi die klassische Eigengewächslösung. Abwarten und Tee trinken. Apropos Tee – wo steckt eigentlich Felix Magath?

nächste Beiträge »
%d Bloggern gefällt das: