Das Ballack-Bashing ist mir schleierhaft »
Als ob man einen Sündenbock bräuchte für die Spielweise von 2002 bis 2010. Und der wichtigste Spieler dieses Zeitraums soll jetzt dafür verantwortlich gemacht werden, dass es 2002 und 2008 immer noch gerumpelt hat. Ballack war nie der Bremsklotz für die verhinderten Offensivgenies, sondern spielte defensiv, damit das Team im Turnier blieb. Glücklicherweise kann der frischgebackene englische Meister seine Kritiker in der nächsten Saison hierzulande Woche für Woche widerlegen. Ballack und Heynckes, das könnte wunderbar passen. Bis Schland so spielt wie Leverkusen 2001/2002, müssen sie noch ein bißchen üben. Besonders eifrig hervorgetan hat sich Peter Ahrens von Spiegel-Online, der mit “Michael Ballast” meinte, als Trendsetter die Meute anführen zu können. Dann doch lieber einen Irish Setter.
Von 0-1 bis 0-1 »
Vor zwei Jahren gegen Spanien im Finale 0-1, jetzt im Halbfinale 0-1, und das soll jetzt ein Fortschritt sein?
Der große Favorit hat die Überraschungsmannschaft verdient besiegt, und ohne Löws Personalentscheidungen bekritteln zu wollen: Es lag auch an der Routine. Ein Neuer mit 50 Länderspielen hält den Kopfball von Puyol vielleicht, ein Özil, der nicht sechsmal mit Khedira zusammengespielt hat, sondern 60 Mal – wenn auch niemals gefühlte 600 Mal wie Xavi, Iniesta und Xabi Alonso – irrt vermutlich nicht wie eine verlorene Seele über den Platz, auf der Suche nach dem freien Mann und dem Pass in die Schnittstelle. Gegen Argentinien ist die deutsche Nationalmannschaft über sich hinaus gewachsen, gestern hat sie die Realität wieder eingeholt. Podolski spielte äußerst dezent, Boateng und auch Lahm fanden beinahe nur defensiv statt, die eingewechselten Jansen, Kroos, Gomez konnten alle keine Impulse setzen. Schweinsteiger war defensiv groß, hätte sich aber entgegen der taktischen Vorgabe irgendwann zum offensiven Spielmacher aufschwingen müssen. Alles blieb irgendwie fahrig, ungenau halbherzig. Wieder so ein Spiel, bei dem man sich insgeheim fragt, ob es mit Ballack anders gelaufen wäre. Die Stelle desjenigen, der das 1-0 macht, auch wenn es mal nicht so läuft, ist im Moment vakant. Klose bekam keinen einzigen vernünftigen Ball.
Aber Spanien, das Team mit den zwei, drei, elf Gehirnen, ist nicht der Maßstab. Der Maßstab ist die EM 2004. Vor zehn Jahren wurde der altteutonische Stil beim 0-3 gegen Portugal endgültig beerdigt und es war schauerlich. 2002 konnte man sich noch einmal gegen kleine(re) Gegner ins Finale pflügen, 2004 herrschte in drei Vorrundenspielen vollkommene Ratlosigkeit. In gewisser Weise war das 0-0 gegen Lettland sogar noch sc hlimmer als die Niederlage gegen Figo und seine Generation vier Jahre zuvor. Danach wurde der DFB entmüllt. Auch wenn er heute mit krächzender Stimme wie ein Untoter aus dem Off bei RTL Banalitäten als Expertisen verkauft, die Rolle des Populisten Klinsmann kann man für die organisatorischen Neuerungen gar nicht hoch genug einschätzen. 2008 gab es erste, zarte Pflänzchen der Hoffnung, bei der EM gegen Polen, Portugal und die Türkei, außerdem das Quali-Spiel gegen Rußland. 2010 hat endgültig einen neuen Standard geschaffen, an dem sich die Mannschaft und ihr Trainerstab in Zukunft messen lassen darf.
Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.
Mach’s mir brasilianisch, Baby. »
Nämlich beidfüßig. So isser, der Brasilianer. Spielt einfach immer nur so gut wie nötig. Das war schon 2002 so, als man jedesmal dachte: Hat nicht viel gefehlt und die hätten verloren. Dann gewannen sie aber doch. Im Halbfinale gegen die Türkei dank ihres überragenden Torhüters Marcos, der sich nicht zu Unrecht beschwerte, dass Kahn zum besten Patzer Torhüter des Turniers gewählt wurde. Und auch gegen den weißen Brasilianer und seine Kumpane wurden sie immer besser, je länger das Finale dauerte. Jetzt fängt das wieder an. Gerade noch ein ereignisarmes 0-0 gegen Portugal und jetzt, dribbel, schnibbel, wibbel, Chile mal eben zur Abendstunde abgefrühstückt und dabei zwar defensiv entnervend gut, aber eben nicht nur dunganös abwartend, sondern auch steil und geil in die Spitze. Kein Zufall, dass Abwehrmann Juan den ersten Akzent nach vorne setzte.
Miroculix wirkt wieder Wunder »
Das war richtig lecker gestern Abend. Und der Große Klose ist zurück. Miroculix wirkt wieder Wunder. Wenn es 4-0 steht, kann auch Gomez keinen Schaden mehr anrichten. Ganz am Anfang hatten die Deutschen ein bißchen Glück, der Platzverweis gegen Australien war extrem hart, aber trotzdem war es das beste deutsche Auftaktspiel seit 1990. Aber Costa Rica… werden jetzt einige wieder sagen, doch vor vier Jahren war der Gegner zu schwach und vieles blieb Stückwerk. Auch die Tore damals waren Ergebnis der allgemeinen Euphorie, nicht der besseren Spielanlage. Und von Rudi, hau die Saudi 2002 wollen wir gar nicht erst reden. Gestern dagegen, vier Tore aus dem Spiel, eins schöner als das Andere. Gut gemacht, Herr Löw.
Hoffentlich führt die gute Frühform nicht zur Überheblichkeit. Im Achtelfinale wartet England, warten gar die USA. Und wie schnell sind die Vorrundendarlings schon zu den K.O.-Runden-Deppen geworden.
Im Internet kursiert tatsächlich eine Antivuvuzelapetition. Mit Petitionen sollten wir uns nicht abgeben, sondern gleich eines dieser liebreizenden Instrumente besorgen und möglichst originell verzieren. Mexiko 86 hat dem Weltfußball La Ola gebracht. Vielleicht ist nach dieser WM die zwangsweise verabreichte Schrottmusikdröhnung aus der Konserve vor fast jedem Bundesligaspiel Geschichte, weil alle fröhlich brummen.
Das ZDF hatte gestern nicht seinen besten Tag. Katrin Müller-Hohenstein beschwört den Reichsparteitag herauf, Béla Réthy merkt an, die Ohrstöpsel, die gegen Vuvuzelas verkauft werden, seien auch geeignet gegen die meckernde Ehefrau. Nur gegen sein Geschwafel ist das geeignete Synthetikwachs noch nicht erfunden worden. Und wo ist eigentlich der vom kicker gekürte Fanexperte? Sollte der nicht der Adlatus von Oliver Kahn werden?
Gruppe H – Hablamos Schwyzerdütsch »
Eine interessante Gruppe. Ein designierter Topfavorit (Spanien), ein Geheimtipp (Chile), ein Team mit einem Spitzentrainer und einer grunsoliden Vorbereitung (Schweiz) und ein hochmotivierter Kleiner, der es den großen espanophonen Brüdern so richtig zeigen will (Honduras.)
Spanien wird die Gruppe gewinnen, aber Platz zwei könnte eng werden, die Schweiz fährt bald wieder nach Hause. Vielleicht auch, weil bei Hitzfeld vor meinem geistigen Auge immer Nou Camp 1999 auftaucht. Andererseit, ein Torschützenkönig Bunjaku stände dem Club nicht schlecht zu Gesicht. Die Honduraner schlagen sich wacker, aber Chile traue ich einen richtigen Überraschungscoup zu, so wie der Türkei 2002.
Honduras – Chile 1-2
Spanien – Schweiz 2-0
Chile – Schweiz 2-1
Spanien – Honduras 4-1
Chile – Spanien 2-2
Schweiz – Honduras 1-1
Ich mag es nicht besonders, ein Turnier komplett durchzutippen, deshalb gibt es die Achtelfinaltipps, wenn es so weit ist. Aber meinen Weltmeistertipp kann ich hier schon mal bekannt geben. Nachdem Barak Obama angekündigt hat, nach Südafrika zu kommen, sofern die USA im Endspiel steht, kann das Endspiel nur Südafrika – USA heißen. Sofern der historische Materialismus nur ein Fünkchen Interesse an Fußball hat werden sich Obama und Nelson Mandela am 11. Juli abends gegenseitig gratulieren. Weltmeister wird natürlich Südafrika. Let’s go Bafana Bafana.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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