Spanien tänzelt den orangenen Stier ins Tal der Tränen »
Devot und freundlich seien die Deutschen ausgeschieden, meinte die Süddeutsche nach dem Halbfinale. Vielleicht hat Philipp Lahm den Zeitungsausschnitt an Mark van Bommel weiter gereicht. Jedenfalls wollten die Holländer offenbar eins nicht: in Schönheit sterben. Das Spiel war nicht ganz so brutal wie die Vorrundenpartie zwischen Brasilien und der Elfenbeinküste und kein Vergleich zur Schlacht von Nürnberg zwischen Holland und Portugal im Achtelfinale vor vier Jahren. Nach acht gelben und einer gelb-roten Karte stand nach 120 Minuten trotzdem fest: Auch die kontrollierte Rüpelei ändert nichts daran, dass Spanien im Moment die beste Mannschaft der Welt ist und dieses Endspiel hochverdient gewonnen hat. Holland attackierte viel früher als Deutschland, erspielte sich wenigstens Standardsituationen und hatte einige ganz große Konterchancen, die je nach Sichtweise kläglich vergeigt oder vom Heiligen Iker grandios entschärft wurden. Robben zog weit rechts sehr einsam seine Kreise, van Persie fand nicht statt. Auch Stekelenburg entschärfte einige spanische Chancen, aber es waren keine einzeln gesetzten Konter, sondern Früchte unermüdlicher präziser Offensivarbeit. Mit jedem Spielabschnitt zog Spanien das Tempo ein bißchen mehr an, dachte sich noch ein paar neue Ideen aus, um das Abwehrbollwerk der Holländer aufzureißen und vier Minuten vor dem Ende fand Iniesta, der einige Abwehrspieler zermürbt hatte, die Lücke und behielt die Nerven. Dass er eine gelbe Karte in Kauf nimmt, um vor 2 Milliarden Menschen seines toten Kollegen Dani Jarque zu gedenken, ist nicht nur eine wildromantische Geste, sondern zeigt auch, dass die fünf spanischen gelben Karten meist ein anderes Kaliber hatten als die holländischen. Van Bommel und de Jong hatten sehr viel Glück, das Ende des Spiels auf dem Platz zu erleben. Ersterer beherrscht die Kunst, einmal glatt rotwürdig zu foulen und dann den Rest des Spiels nicht mehr negativ aufzufallen wie kein anderer. Auch gestern hielt er sich nach seinem großen Auftritt in Minute 22 gezielt zurück. Warum die Holländer mit Webb haderten, verstehe ich deshalb umso weniger. Er pfiff äußerst großzügig, war geduldig und ein engagierter Kommunikator. Die Fehlentscheidung des Spiels, die in meinen Augen keine war, der nicht gegebene Elfmeter für Xavi, schadete wenn überhaupt den Spaniern. Dass das Spiel nach einer ersten Halbzeit jenseits der Schmerzgrenze immer besser wurde, lag auch am Schiedsrichter. Natürlich hätte er die Ecke nach dem Freistoß geben müssen, aber daran jetzt die Niederlage fest zu machen, wäre etwas kleinkariert. Für Holland war die Nacht von Johannesburg die Fortsetzung des schlimmsten Alptraums in der Fußballgeschichte. Die Spieler vom Bayer Leverkusen des Weltfußballs reihten sich ein in die Ahnengalerie der Unvollendeten. Hoffentlich kommt in zehn Jahren niemand auf die Idee zu behaupten, sie hätten unverdient verloren. Spanien dominierte nicht so einseitig wie im Halbfinale, trotzdem waren sie überlegen. Spanien ist nicht nur der erste Weltmeister mit einer Auftaktniederlage, das erste siegreiche europäische Team außerhalb Europas, sie haben auch mit zwei verschiedenen Trainern die beiden größte Turniere hintereinander gewonnen. Gratulation an den immer still vergnügten del Bosque und die Meister des fraktalen Passes um Xavi und Iniesta.
Von 0-1 bis 0-1 »
Vor zwei Jahren gegen Spanien im Finale 0-1, jetzt im Halbfinale 0-1, und das soll jetzt ein Fortschritt sein?
Der große Favorit hat die Überraschungsmannschaft verdient besiegt, und ohne Löws Personalentscheidungen bekritteln zu wollen: Es lag auch an der Routine. Ein Neuer mit 50 Länderspielen hält den Kopfball von Puyol vielleicht, ein Özil, der nicht sechsmal mit Khedira zusammengespielt hat, sondern 60 Mal – wenn auch niemals gefühlte 600 Mal wie Xavi, Iniesta und Xabi Alonso – irrt vermutlich nicht wie eine verlorene Seele über den Platz, auf der Suche nach dem freien Mann und dem Pass in die Schnittstelle. Gegen Argentinien ist die deutsche Nationalmannschaft über sich hinaus gewachsen, gestern hat sie die Realität wieder eingeholt. Podolski spielte äußerst dezent, Boateng und auch Lahm fanden beinahe nur defensiv statt, die eingewechselten Jansen, Kroos, Gomez konnten alle keine Impulse setzen. Schweinsteiger war defensiv groß, hätte sich aber entgegen der taktischen Vorgabe irgendwann zum offensiven Spielmacher aufschwingen müssen. Alles blieb irgendwie fahrig, ungenau halbherzig. Wieder so ein Spiel, bei dem man sich insgeheim fragt, ob es mit Ballack anders gelaufen wäre. Die Stelle desjenigen, der das 1-0 macht, auch wenn es mal nicht so läuft, ist im Moment vakant. Klose bekam keinen einzigen vernünftigen Ball.
Aber Spanien, das Team mit den zwei, drei, elf Gehirnen, ist nicht der Maßstab. Der Maßstab ist die EM 2004. Vor zehn Jahren wurde der altteutonische Stil beim 0-3 gegen Portugal endgültig beerdigt und es war schauerlich. 2002 konnte man sich noch einmal gegen kleine(re) Gegner ins Finale pflügen, 2004 herrschte in drei Vorrundenspielen vollkommene Ratlosigkeit. In gewisser Weise war das 0-0 gegen Lettland sogar noch sc hlimmer als die Niederlage gegen Figo und seine Generation vier Jahre zuvor. Danach wurde der DFB entmüllt. Auch wenn er heute mit krächzender Stimme wie ein Untoter aus dem Off bei RTL Banalitäten als Expertisen verkauft, die Rolle des Populisten Klinsmann kann man für die organisatorischen Neuerungen gar nicht hoch genug einschätzen. 2008 gab es erste, zarte Pflänzchen der Hoffnung, bei der EM gegen Polen, Portugal und die Türkei, außerdem das Quali-Spiel gegen Rußland. 2010 hat endgültig einen neuen Standard geschaffen, an dem sich die Mannschaft und ihr Trainerstab in Zukunft messen lassen darf.
Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.
Wer ewig strebend sich bemüht… »
Das war der perfekte Abend: Nürnberg mit der besten Leistung seit dem Pokalendspiel gegen Stuttgart und der deutlichsten Dominanz seit dem 4-0 im damaligen Halbfinale gegen Frankfurt. Wenn der Club etwas gelernt hat in den letzten Jahren, dann ist es, in den engen Spielen voll da zu sein. Das zeigte sich selbst in der völlig missratenen Abstiegssaison im UEFA-Cup: gegen St. Petersburg (die Bayern 4-0 zerlegten) ein 2-2 in den letzten Minuten ertrotzt, im letzten Gruppenspiel gegen Alkmaar das Weiterkommen gesichert, gegen Benfica ca. 10 Minuten lang eine Runde weiter. Dass es auch in der Liga nicht reichte, lag nicht zuletzt daran, dass Schäfer in dieser Saison gefehlt hat. In gewisser Weise ist Schäfer sogar wichtiger als Köpke. Zu Köpkes Zeiten war die Mannschaft meistens so schlecht, dass ein Abstiegskandidat halt zufällig den besten Torwart (der Liga? Europas?) hatte. Heute macht Schäfer (nicht allein) den Unterschied zwischen einem Abstiegskandidaten und einer Mannschaft, die es auch auf die ersten sechs Plätze in Liga eins schaffen kann.
Gestern war Schäfer wieder einmal einer der Garanten für einen deutlichen Sieg, die beiden Großchancen hätte Andywinggamool nicht besser entschärfen können. Der Club war von der ersten Sekunde an wach, giftig und entschlossen. Er spielte wie die Heimmannschaft, Cottbus konterte im eigenen Stadion, nicht ungefährlich.
Einer der freudigen Aspekte: Isaac Boakye war der Matchwinner. Der alte Eintracht-Fan J.W. Goethe prägte für Spieler wie Boakye die Sentenz: Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Und der immens fleißige und immens torungefährliche (vgl. Frühlingstraining am Valznerweiher) Boakye wurde erlöst. Diesmal war er nicht nur der Zuarbeiter, Ballverteiler, Zweikämpfer, diesmal traf er zweimal, einmal mit etwas Glück, einmal nach einem Xavi-Paß von Mintal zum 3-0. In diesem Spiel war auch zu sehen, wie technisch stark er ist, kaum vom Ball zu trennen dreht er geduldig seine Kreise bis er die Lücke findet.
In meiner Szene des Spiels spielte das Phantom die Hauptrolle. Mitte der ersten Halbzeit hatte Cottbus sechs Ecken in drei Minuten, die ersten zwei von rechts köpfte Mintal am eigenen Fünf-Meter-Raum ins Aus. Wie Gandalf auf der Brücke von Khazad-Dum stand er da, und schrie dem Lausitzer Balrog entgegen: Du.kannst.nicht.vorbei!! Die Art und Weise wie die Nürnberger im Strafraumbereich die Bälle ins Aus beförderten, zeigte das ausgeprägte Selbstbewußtsein in der Defensive. Sie spielten weder auf Eckball- noch Einwurfvermeidung, weil sie wußten, dass sie in ihrer Grundformation abolut zuverlässig stehen. Wenn Andygrädschamool Wolf in der nächsten Saison zurück ist, sollte diese Abwehr die Basis für den Klassenerhalt bilden. Ein Stürmer wäre noch ganz gut. Oder Kluge lernt, wie man Tore schießt.
Wobei, ein Balrog, das ist jetzt eigentlich übetrieben. Ich mag Cottbus. Es ist die tragische Seite dieses Duells, dass Energie der Gegner war. Aber man darf nicht wählerisch sein in der Relegation. Dass den Cottbussern im Spielbericht von Claudio Catuogno in der Süddeutschen jetzt auch noch interhergetreten wird, ist überflüssig. Er beschimpft die Lausitzer im besten Sportteil der Republik tatäschlich als “Söldnertruppe”. Diese Balkanesen nehmen Geld? Die sollten sich was schämen. Wahrscheinlich meinte er den fränkischen Exoten Timo Rost, der nach sieben Jahren im Verein jetzt Käptn ist. Vragel da Silva ist seit 2001 im Verein, Pipilica seit 1998. Kukielka, Tremmel und Ziebig kamen 2006, genauso wie Munteanu und Radu, die sinnloserweise ein Jahr später von Wolfsburg gekauft wurden. Altmittelfeldgenie Miriuta ist seit Jahren Scout, Ede Geyer saß gestern auf der Tribüne. Eben Söldner durch und durch.
Cottbus stand in der zweiten Halbzeit neben sich, hatte aber auch Pech. Es stimmt nicht, wie Catuogno behauptet: “Boakye drischt den Ball dem Cottbuser Verteidiger Ivan Radeljic gegen den Rücken…” Es war ein präziser Schlenzer mit Effet aufs lange Eck, der durch den kreuzenden Radeljic unhaltbar und unglücklich abgefälscht wurde. Eventuell hätte Cottbus Anfang der zweiten Halbzeit einen Elfmeter kriegen können, nach dem 2-0 hatte Skela noch die große Chance zum Anschlußtreffer. Auch wenn Kluge warnt und keiner der Spieler leichtfertig an die Aufgabe herangeht, ich denke nicht, dass Cottbus das noch dreht. Dafür ist der Club zu heimstark und präsent im Moment. Freuen wir uns also auf den Sonntag. Und warten wir mit der Aufstiegsfeier bis 17.20.
Glück auf Energie! Auch wenn es nur Tagebau ist. Wer Rekordaufsteiger werden will, der muss auch ab und zu hinunter ins “Schattenreich” (Gandalf a.a.O.).
Gesucht: Europas beste Vereinsmannschaften »
Blogger probek auf probek.net führt seit März eine monatlich neu zusammengestellte Liste der zehn besten Vereinsmannschaften Europas. Bei der Auswahl mitmachen kann jeder, der sich anmeldet. Ich werde es nicht regelmäßig schaffen, teile aber hier einmalig meine Auswahl für April 2009 mit, schön subjektiv, wie vom Veranstalter gewünscht.
1. Barca: Weil sie den Ball immer flach ins Tor schieben, anstatt ihn drüber zu dreschen. Und wegen Xavi.
2. Chelsea: …for the loser now might be later to win… Es riecht nach einem europäischen Titel für die Blues und für Ballack.
3. 1. FC Nürnberg: 4 Spiele, 4 Siege, 10-0 Tore. Das schafft auf Zweitligarasen nicht einmal Barca.
4. HSV: Wer Rückstände so eiskalt aufholt, sieht auch im Loser-Cup wie ein Sieger aus.
5. Silkeborg IF: Weil Ebbe Sand dort Scout ist.
6. Wolfsburg: Die Sportschau blendet eine englische Reportage von Grafites 5-1 gegen Bayern ein, europäischer geht’s kaum noch.
7. Liverpool: Wie immer extrem sympathisch. Aber leider zu viele Unentschieden. Und neuerdings auch Heimniederlagen. Es wird eng für die Reds.
8. Porto: Von zwei Auswärtstoren in Manchester konnte Inter Mailand nur träumen. Porto schleicht sich ans Halbfinale ran. Wird das Theatre of Dreams zum Theatre of Nightmares?
9. Schalke 04: Die Back Street Boys aus Buer zeigen endlich wieder Eurofighter-Qualitäten. Allen voran Kevin, “das Kampfschwein” Kuranyi, der Strafraum-Musketier. Gebt ihm einen Federhut und der Bart erklärt sich von selbst.
10. Nicht vertreten: Italien. Bitte keine Fans und Polizisten mehr umbringen, Faschistengehampel bleibenlassen, Schmiergelder einsparen und mit drei Stürmern spielen. Und dann: Forza Calcio.
Für die einen ist Fußball das Geschäft ihres Lebens, für die anderen die schönste Nebensache der Welt. Läge ich wie einst Isaac Davis...
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